Mit dem Bike nach Frankreich: Motorradurlaub im Elsass

Kleine Pause, um mal eben die Füße ins Wasser zu strecken
1 / 13 | Kleine Pause, um mal eben die Füße ins Wasser zu strecken

Wer es nicht in die Alpen schafft, dem verspricht der Elsass reinstes Kurvenglück. Außerdem: Flammkuchen vom Feinsten und eine Wildheit, die sich nur mit dem Bike erkunden lässt

Also besser Gas auf und weiter. Die Route des Crêtes führt in nordwestliche Richtung und erreicht nach sieben Kilometern reifenflankenfressenden Asphaltschlangen den Markstein, einen mattenbedeckten Sattel mit schöner Aussicht. Dann hastet die Mana in wilden Schleifen bergab. Radrennfahrer kommen entgegen und erinnern an das Tour de France-Drama 1997, als sich der erkältete Jan Ullrich auf den Ballon kämpfte und seinen Widersacher Richard Virenque ziehen lassen musste. Mannschaftskamerad Udo Bölts soll Ullrich damals angebrüllt haben: "Quäl dich, du Sau." Was dieser dann auch eisern bis zu seinem Triumph auf der Champs-Elysées beherzigte. Unser Erfolgserlebnis ist erneut der Col de la Schlucht und sein Bruder, der Hohneck. Ergreifendes Panorama, vor allem die Sicht auf den Lac de Longemer. Das Restaurant auf dem Hohneck-Gipfel dient ganzen BMW-Geschwadern als Fixpunkt.

Wie Gott in Frankreich: intakte Natur und kulinarische Freuden genießen
2 / 13 | Wie Gott in Frankreich: intakte Natur und kulinarische Freuden genießen

Endlich: Auftauchen aus dem Urwald ähnlichen Grün und in den letzten Kurven nochmal Furchen in den Asphalt ziehen, dann der Gipfel. Hier lag in ferner Vergangenheit die Kultstätte eines keltischen Sonnengottes namens Bel, der dem Berg seinen Namen gab. Sein Geist ist noch da: Die Sonne schickt apokalyptische Strahlen durch schwarze Wolkenbänke, es donnert.

Basis für prickelnde Kurvengenüsse: Hôtel de la Cigogne in Munster
3 / 13 | Basis für prickelnde Kurvengenüsse: Hôtel de la Cigogne in Munster

Die Vogesen-Höhen wirken rau, wie schottische Hochmoore. Skelettartig stehen angerostete Liftanlagen herum. Die touristisch aufgemotzten Ski-Orte La Bresse und Géradmer strahlen im Sommer Melancholie aus, immerhin kann man von hier aus noch wandern oder Gleitschirm fliegen. Oder auf dem Motorrad Pässe wie den Col du Haut de la Côte hinaufwedeln und weißen Sträßchen ins Nirgendwo folgen.

4 / 13 | Col-Panorama zwischen Schlucht und Hohneck

Neugier treibt uns über den Col des Croix in Richtung des Plateau des Mille Étangs, das Gebiet der 1000 Seen. Waldgebiete lichten sich, Berge werden flacher, Häuser ärmlicher. Wir durchstreifen das Seengebiet auf kleinsten Sträßchen, nachdem wir uns von Mélisey nach La Lanterne et-les-Armonts vorgetastet haben. Ein Moselgletscher hat den Südwestrand der Vogesen vor 12000 Jahren umgestaltet. Nach seinem Abschmelzen hinterließ er unzählige Bäche, Torfmoore und wilde Vegetation. Die Mana gleitet, wir werfen den Kopf nach links und rechts. Große, kleine, dunkle, helle Seen, versteckt oder offen werfen die Frage nach ihrer Entstehung auf. Der Besitzer des Campingplatzes in Fresse berichtet, dass im Mittelalter Mönche in den feuchten Senken zahlreiche Fischteiche ausgehoben haben. Seither sorgt das Gebiet durch den Dunst, der von den Weihern aufsteigt, und dem Selbstgebrannten, der das Hirn vernebelt, für Schauergeschichten.

5 / 13 | Die Tour durchs Elsass: 5 Tage, 1100 Kilometer

Ungern verlassen wir diesen vom Tourismus noch nicht entdeckten Schatz der Südvogesen und driften weiter gen Süden, bis wir eine weitere Preziose erreichen: die auf dem Hügel Bourlemont bei Ronchamp gelegene, 1955 vom Star-Architekten Le Corbusier gebaute Kirche Notre Dame du Haut de Ronchamp. Es könnte noch ewig so weitergehen mit dem Kurvenräubern und Entdecken, doch leider müssen wir zurück ins Hamsterrad des Schreibtisch-Alltags. Noch aber sind wir hier und freuen uns auf die schönen Cols und Ballons, die unsere Rückroute würzen. Apropos würzen: An der Tarte flambée Munster kann man auch in nördlicher Richtung keinesfalls einfach so vorbeirasen.

6 / 13 | Obermorschwihr ist ein typisch elsässischer Ort mit guten Restaurants

Mahnmale dieses Krieges begleiten bereits die Auffahrt auf den Ballon. Rechts neben der Straße erhebt sich der Hartmannswillerkopf, auch "Menschenfresser" genannt, weil er als östlicher Vorgipfel der Vogesen vor allem im Winter 1915 blutig umkämpft wurde. Linker Hand der Col du Silberloch mit dem Monument National, einem Ehrenmal, das die Gebeine von 12000 Soldaten birgt.

7 / 13 | Col de la Schlucht, die Zweite: wilde Straßen und tiefe Einschnitte

Die Aprilia erschnüffelt kleinste Sträßchen, bald rollt sie abermals auf der D 40, diesmal über Soultzmatt nach Lautenbach. Ein Stück D 430, dann D5 und schon be-ginnt der Aufstieg auf den mit 1424 Meter höchsten Vogesengipfel, den großen Belchen (Grand Ballon), eine Herausforderung für Radrennfahrer. Wie eine gigantische Glatze ragt der Ballon aus dem ringsum wuchernden Wald. Auf der Glatze ein Hotel, ein Restaurant und eine Radarstation, die Flugzeugen beim Anflug auf Basel und Straßbourg hilft. Auch ein Denkmal steht da. Es erinnert an die "Diables bleus", die "Blauen Teufel", ein französisches Elite-Gebirgsjäger-Bataillon, das hier im Ersten Weltkrieg kämpfte.

8 / 13 | Gleichzeitig findet man sich wieder im Idyll der Tausend Seen

So sind sie auf das alteingesessene Hotel la Cigogne (Zum Storchen) gekommen. Es führt einen prickelnden Rosé d‘Alsace Turckheim, eine exzellente Tarte flambée mit Munsterkäse und die beste Creme brulée Ostfrankreichs auf der Speisekarte. Angeregt durch solche Genüsse rekapitulieren Claudia und ich unsere bisherige Route: Nach einem Streifzug durch die pittoreske Altstadt von Colmar hatten wir die D 11 entdeckt, die sich steil nach Les Trois Epis schlängelt und weiter nach Orbey. Dort lockten die D 48 und die Ufer von Lac Noir und Lac Blanc, beide Seen eingebettet in wilde Berge. Klar, dass wir dem Col du Bonhomme einen Besuch abstatteten, schon um zu checken, was sich dort an Motorrädern tummelt.

9 / 13 | Kurvenfressen am Grand Ballon, einem der vielen Berge im Elsass

Ein Klappern dringt an unsere Ohren. Ventile? Nein, seit über 30 Jahren residiert in Munster eine Storchen-Kolonie. Die Adebare lassen sich vom Grollen der abfahrenden Italo-Boliden nicht stören. Steve schließt den Helm und sagt, dass der Aprilia-Club England 1000 Mitglieder zählt. Regelmäßig knallen die Jungs durch Europa und wollen wenigstens für die Nächte etwas Komfort.

10 / 13 | Wunderbare Stadtkultur erfahren in Colmar

Über eine von mehreren Routes des Crêtes (D 148, D 61) zog uns die Aprilia dann über raue Höhenlagen und moosbewachsene Wälder direkt auf den Col de la Schlucht, wo ein Schwarm Kräder beim Kurvenkonsum zu beobachten war. Auf dem Weg ins Tal glitten wir an üppigen Kühen vorbei. In ihren Eutern lagert der Rohstoff des "Munsterkas", der aus Rohmilch hergestellt wird und jetzt leicht angeschmolzen mit dem Flammkuchen eine innige Verbindung eingeht.

11 / 13 | Die wilden Elsass-Höhen vor Munster laden dazu ein, eine Pause einzulegen und sich alles mal in Ruhe anzusehen

Wer im Hotel la Cigogne nächtigt, sollte Storchengeklapper mögen. Der Turm an der Südseite der Place du Marché dient ebenso als Nistplatz wie das Dach des benachbarten ehemaligen Bischofspalais. Die Tiere leben hier oben in ihrer eigenen Welt, Verkehrslärm interessiert sie genauso wenig wie Minustemperaturen oder Hitze.

12 / 13 | Col de la Schlucht, die Erste: Joe Bar ist schon hier

Die herrscht anderntags auf unserem Kurs, der in Schlangenlinien in Richtung Grand Ballon führt. Die kleine D 40 windet sich über den Col du Firstplan, dann in die Weinhänge und kleine Weindörfer wie Voegtlinshoffen oder Gueberschwihr. Das Leben der Menschen dreht sich um die Produktion von Wein, man kümmert sich um das Wohlergehen der noch jungen Reben. Der Boden ist gut drainiert, baut sich auf kalkreiche Konglomerate und Mergel des Rheingrabens auf und ergibt aromatische Gewürztraminer, Riesling oder Muskatweine. An manchen Hofeinfahrten üben sich Wachhunde im Waden-Schnapping.

13 / 13 | Warum unbedingt immer in die Alpen? Auch das näher gelegene Elsass in Frankreich bietet einem wunderschöne Landschaften und kurvige Strecken, die sich nicht verstecken müssen

Wettergegerbtes Gesicht, blaue Augen, blonde Locken am Schädel klebend. Aus den Poren tropft nicht Schweiß, sondern Benzin. So steht Steve vor uns. Dahinter seine sieben Kumpels in ölverschmiertem Leder, alle mal eben mit Zahnbürste und Kreditkarte von England nach Munster im Elsass gedonnert. Die Mitglieder des britischen Aprilia-Clubs deuten auf unsere Aprilia Mana, die sich schüchtern zwischen veredelte RSV und Tuono duckt. "How is the automatic transmission?" Wir versuchen 700 Kilometer Mana-Erfahrung in zwei Redeminuten zu packen. Als die Briten ihre Zweizylinder starten, dreht sich die Konversation um Kurven. Man kommt überein, dass das oberelsässische Munster, berühmt für seinen Weichkäse, beste Basis für dynamisches Wedeln über die Höhenzüge der Vogesen ist.

 

>>> Weitere Reiseberichte für Biker gibt's auf motorradonline.de

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