Nicolai läuft seinen Depressionen davon – bis nach Neuseeland

Nicolai läuft seinen Depressionen davon – bis nach Neuseeland
In Neuseeland lief, tauchte, paddelte und kletterte Nicolai endgültig aus seinem Tief heraus

Als er keinen Ausweg aus seinen Stimmungstiefs mehr sieht, fängt Nicolai an zu laufen. Und kann sich nach vielen Rückschlägen sogar einen Lebenstraum erfüllen

Irgendwann war die Welt nur noch grau und trist. Selbst an Sonnentagen. Die Sonne scheint nur für die anderen, nicht für Nicolai. Als er zum Start seines Studiums der Biologie am offenen Fenster seines Zimmers im vielstöckigen Wohnheims steht, ist der damals 22jährige kurz davor aufzugeben. „Allein in einer fremden Stadt, ohne Freunde, ohne Sinn … Alles hatte keinen Wert mehr“, sagt er. Es wäre so einfach gewesen, glaubt er damals. Zum Glück denkt Nicolai noch einmal an die Menschen, die ihm etwas bedeuten, und trifft eine andere Entscheidung, die ihm hilft weiterzumachen.

Depression kann jeden treffen, warnen Ärzte, unabhängig vom Bildungsstand, der sozialen Schicht, Kulturen, oder wirtschaftlichen Verhältnissen. Eine Depression treibt einen Menschen in eine Art unfreiwillige Isolation. Ein grauer Vorhang im Kopf zieht sich langsam zu. Hinzu kommen Ängste, zu versagen, und vor allem auch, mit anderen darüber zu sprechen. So auch bei Nicolai. „Mein Glück war, dass ich es einmal sehr gut gehabt habe. Daran erinnerte ich mich in jenem kritischen Augenblick – und daran, dass es Menschen geben würde, denen ich mit meinem Handeln großes Leid antun würde. Ich beschloss, dass ich kämpfen wollte.“

Laufen, um sich besser zu fühlen

Da er immer irgendeine Form von Ausdauersport gemacht hatte, ging Nicolai laufen. Jeden Tag, wann immer es ging. Bis er vor Erschöpfung zusammenbrach. Um sich abzulenken, die quälenden Gedanken los zu werden und vor allem um sich besser zu fühlen. Nach 2 Monaten schafft er schon 20 Kilometer am Stück, später sogar 30. Durch die mit der Depression verbundene Antriebslosigkeit, muss Nicolai jeden Tag aufs Neue seinen inneren Schweinehund überwinden. Das schafft er über automatisierte Abläufe - eine Art Ritual. Immer eine halbe Stunde nach dem Heimkommen läuft er los, egal bei welchem Wetter. Nicolai nimmt am Uni-Sport teil, geht zu Lauftreffs, zieht in eine WG. Ärztlichen Rat sucht er zunächst nicht. Denn er glaubt, wie viele ihm weismachen wollen, dass er sich "nur nicht hängen lassen" darf. Dann wird das schon. Wird es häufig nicht. Depressionen sind immer noch – insbesondere bei Männern ein Tabuthema. Sie wollen nicht zum typischen Männlichkeitsbild passen.

Nicolai beim München Marathon 2013
Nicolai beim München Marathon 2013

Rückschläge als Ansporn weiterzulaufen

So gab es auch für Nicolai viele Rückschläge: „Meine Sprache offenbarte meine Unsicherheit. Mein Blick hielt denen anderer nicht stand. Ich war oft verzweifelt und wirkte wohl auch so.“ Die Folge: Ablehnung. Doch er geht weiter laufen. Und beginnt dabei immer mehr Dinge wahrzunehmen – Tautropfen, die Schönheit der Natur. Auch begibt er sich in ärztliche Behandlung, in Beratungsgespächen wird eine unfassende Strategie gegen die Krankheit entwickelt. Um seine Unsicherheit zu überwinden, belegt er Vortragseminare. „Die ersten Male waren grausam“, gesteht er. Doch langsam werden die Hemmungen weniger, die „inneren Dämonen“ leiser und erstmals stellt sich ein Glücksgefühl ein. Nicolai erkennt: "Ich habe es in der Hand, dafür zu sorgen glücklich zu sein."

Neustart in Neuseeland

Nicolai bestand seine Diplomprüfung mit Auszeichnung, reist für seine Diplomarbeit nach Kolumbien, trifft ausgelassene Menschen, besucht Traumstrände, Urwälder und geht viel tauchen. Sein lang gehegter Traum war es immer, für eine längere Zeit nach Neuseeland zu gehen, vielleicht sogar dahin auszuwandern. Für seine Doktorarbeit in Meeresbiologie macht er dann genau das: in Neuseeland einen Neustart wagen, all die Hindernisse (Geld aufbringen, Freunde zurücklassen) überwinden, die früher unüberwindbar erschienen. „Aus dem Traum wurden 8 erlebnisreiche Jahre am anderen Ende der Welt“, erzählt er. Nicolai hat es geschafft: Er wurde Meeresbiologe, bereiste mit seiner späteren Frau weite Teile Neuseelands, lief, tauchte, paddelte und kletterte dort endgültig aus seinem Tief heraus. Sein dringender Rat: Nicht versuchen, sich (ausschließlich) selbst zu therapieren. Denn Depression ist eine Krankheit und – das ist die gute Nachricht – auch behandelbar. "Man braucht ärztliche Unterstützung, soziale Kontakte und leider auch einen sehr langen Atem", weiß Nicolai. Heute ist der 41jährige kein Getriebener mehr. Die Sonne scheint nicht mehr nur für die anderen. „Ich bin angekommen“, sagt der Fachlehrer. Und er läuft immer noch, beispielsweise den München Marathon 2013.

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