Leseprobe: Oliver Uschmann: Wandelgermanen Teil 3

Hartmut sieht ratlos aus. Ich bequeme mich zu erklären.

»Die Busse gehen nicht immer«, sage ich. »Manche gehen zweimal am Tag, wie unserer, nach Schwäbisch Hall. Zu uns ins Dorf kommst du einmal am Tag, höchstens. Und wenn es noch kleiner wird«, ich deute auf Herrn Birkel, und der linst hinter der Zeitung hervor als sei alles ein neckisches Spiel, »ist es Glückssache. Manche haben hier schon 14 Tage übernachtet. Wir bringen ihnen dann Kaffee aus dem Getränkeladen.« Hartmut überlegt, ob wir ihn hereinlegen wollen, beschließt schnell, dass dem nicht so ist, prüft alle seine Erfahrungen mit der Wirklichkeit gegen das ab, was in dieser Gegend als denkbar erscheint, fährt sich durchs Haar und sagt: »Es ist unbegreiflich.«

Dann kommt unser Bus.
Im Baumarkt in Schwäbisch Hall treffen wir die anderen, mit denen wir uns verabredet haben, und fallen auf. Das liegt weniger an Torsten, der seine Militärkluft trägt, oder an Tito, dessen kleines Bäuchlein ein T-Shirt von Dark Centuries spannt, darauf der Titel »Den Ahnen zum Gruße«. Auch nicht an Ernst, der ab und zu anhält, um seinen Stiefel auszuziehen und sich den Fuß mit Fichtennadelsalbe einzureiben, die Johanna selbst hergestellt hat. Es liegt vor allem an Siegmund, der auch hier im Baumarkt abgehangene Klamotten trägt, zwei große Käfer im Bart hat und mit nackten Füßen durch die Gänge läuft. Seine Hornhaut ist so hart, dass er bei jedem Schritt klackert. Wie eine Frau mit Absätzen. Am Anfang durchzieht es einen, wenn man das hört, aber man gewöhnt sich dran. Von der Decke träufelt wieder das Pop-Radio auf unsere Köpfe.

Jeder von uns schiebt einen Wagen, und Hartmut hat die lange Liste von Susanne dabei. Dennoch wissen wir nicht so recht, wo wir anfangen sollen. Es ist schwer, wenn man im Grunde alles braucht.

»Fangen wir doch mit dem Boden an«, sagt Hartmut und lenkt die Karawane auf die entsprechende Abteilung zu.

»Ich empfehle, gar keinen Boden zu legen«, sagt Siegmund, der in einem selbstgebauten Blockhaus wohnt und Lehmboden hat. Ernst schüttelt den Kopf, als wolle er seinem Wandelgermanen sagen, dass diese jungen Männer sich erst langsam umgewöhnen. »Lasst die Originaldielen«, sagt er, »Echtholz ist am besten.«

Wir stehen zwischen der Auslage für Parkett und riesigen Bergen von Laminat. Schräg gegenüber beginnen die Gänge, in denen PVC und Teppich auf Rollen aufgezogen ist, die Bedienstete mit lautem Surren auf- und abfahren können.

»Tun Sie's nicht«, sagt ein Mann, der vor der Parkettauslage steht. Er ist um die dreißig und hat Sorgenfalten auf der Stirn, Reihe für Reihe, wie mit dem Lineal gezogen. »Naturholzböden müssen Sie schleifen, vor allem, wenn Sie eines Tages ausziehen. Aber auch so, wenn es schön bleiben soll. Sie werden es selbst versuchen, sich Geräte leihen und scheitern. Ihre Muskeln werden schmerzen und Ihre Lungen vor Spänen und Staub verbrennen. Dann werden Sie einen Profi beauftragen, aber da Firmen richtig viel kosten, nehmen Sie jemanden aus dem Internet. Derjenige wird mit tiefer Stimme große Reden schwingen, wie er vorgehen will. Er wird Dinge sagen wie dann gehe ich mit einem 25er-Korn drüber, dann nochmal mit dem 70er und dann zum Feinschliff, seine Stimme wird klingen wie ein Teerfass. Sie werden ihn für einen erfahrenen Mann halten, und dann wird er Ihnen den Boden so versauen, dass er hinterher wie ein Zebra mit Masern aussieht. Sie werden die Leistung im Dunkeln abnehmen, da Sie ihm vertrauen, und danach führen Sie einen Prozess gegen den Mann. Einen langen Prozess.«

Seite 6 von 7

Sponsored SectionAnzeige