Gipfel-Action am Drahtseil: Outdoor-Workout Klettersteig

Klettersteigen ist eine perfekte Mischung aus Kraft, Ausdauer, Geschicklichkeit und Action
Sportliche Höhentour: Klettersteige sind die sportlichen Überholspuren des Bergsteigens

Ran ans Eisen! Klettersteige sind die sportlichen Überholspuren des Bergsteigens. Wir haben den kraftraubenden Kletterspaß getestet und sagen, was es bringt und was Sie dafür brauchen

In diesem Artikel

 

 

Vor mir steht sie. Die Horrorwand. Ein Blick nach oben offenbart mein heutiges Ziel: den Gipfel des Monte Casale – 1400 Meter über mir. Da will ich hoch, über den berüchtigten Klettersteig „Che Guevara“. Das Problem: die besagte nahezu senkrechte Wand. Wie passend: Pietramurata (auf Deutsch etwa Steinmauer) heißt auch der kleine beschauliche Ort im Sarcatal nördlich des Gardasees in Norditalien, aus dem es losgeht. Weniger beschaulich sind die riesigen Bagger, die rechts neben mir in einem Steinbruch Geröllberge geräuschvoll durch die Gegend fahren. Den Lärm will ich schnell hinter mir lassen. Es ist 10 Uhr. Mit Auf-, Abstieg und Pausen soll die sportliche Höhentour etwa 8 bis 9 Stunden dauern. 19:30 wird’s dunkel. Eine knappe Nummer. Auf dem Weg zum Einstieg geht’s gleich aufwärts, erst durch ein Waldstück, dann über ein großes Geröllfeld. Nach 15 Minuten werde ich ungeduldig. Mein GPS-Gerät, das ich zur Sicherheit eingesteckt habe, beruhigt mich. Der Einstieg zur Via Ferrata (italienische Bezeichnung für Klettersteig) ist ganz nah. Das Problem: viele Meter über mir. Also zurück. Ich hätte besser auf die kleinen weiß-roten Wegzeichen an Bäumen und Steinen achten sollen. Schon jetzt war der Aufstieg bei knapp 20 Grad eine ziemliche Tortur und ich habe noch nicht einmal die Einstiegsstelle der Route gefunden. Hinter mir lärmen die Monsterbagger im Steinbruch. Warum tue ich mir das eigentlich an? Was ist so toll an diesem, oder überhaupt einem Klettersteig?

Klettersteiggehen ist eine Mischung aus Wandern und Klettern
Klettersteiggehen ist eine Mischung aus Wandern und Klettern

Der Klettersteig als Bergsport

„Klettersteiggehen ist ein Sport, der zwischen Bergwandern und dem alpinem Klettersport angesiedelt ist“, erklärt Stefan Winter, Ressortleiter Breitenbergsport beim Deutschen Alpenverein (DAV) in München. Die italienische Bezeichnung für Klettersteig umschreibt den Sport ganz gut: Bei einer Via Ferrata (auf Deutsch: Eisenweg) geht’s an Eisen-Stiften, -Klammern, -Leitern und -Tritten die Felsen hoch. Dabei sind Sie – bis auf kleine Wanderpassagen – fast immer an einem Drahtseil gesichert. Die ersten Klettersteige entstanden Mitte des 19. Jahrhunderts, um beliebte Bergwege – wie etwa am Dachstein, Großglockner oder der Zugspitze – abzusichern. Im Ersten Weltkrieg wurden in den Dolomiten weitere angelegt, um dort Bergpatrouillen und Soldaten zu stationieren und zu versorgen. Heutzutage ist daraus ein richtiger Bergsport geworden mit Schwierigkeitsgraden und speziellen Attraktionen, wie spektakulären Seilbrücken und Seilrutschen. Und der boomt. „Mehr als 1000 Klettersteige gibt es in den Alpen“, weiß Winter. Selbst in Nordamerika werden die ersten Routen angelegt. Das Beste: Die meisten Klettersteige der Alpen sind kostenlos. Den „Ernesto Che Guevara“-Steig hat angeblich nur 1 Mann, der Italiener Giorgio Bombardelli, in monatelanger Arbeit Anfang der 90er angelegt. Offenbar ein Fan des gleichnamigen argentinischen Arztes bzw. kubanischen Revolutionsführers und Guerillakämpfers, nach dem er die Ferrata kurzerhand benannte. Und revolutionär ist der Steig in jedem Fall. Denn er ist zwar nicht besonders schwierig, dafür gehört er zu den längsten und kraftraubendsten in den Alpen. Immerhin sind 1400 Höhenmeter in etwa 4 Stunden zu überwinden. Ideal für einen Tagestrip. Denn die Route startet praktischerweise in Talnähe. Plus: Die Blicke von oben sollen atemberaubend sein. 

Die richtige Ausrüstung für einen Klettersteig

Nach etwa 30 Minuten Umwegen bin auch ich endlich am Start der Klettersteigroute angekommen. Zeit meine Ausrüstung anzulegen und zu checken:

Rechts: Klettersteigset Tec Step Bionic Turn 2 von Mammut, etwa 120 Euro / 
Links: Klettergurt Rock Pure von Salewa, etwa 75 Euro

Klettergurt: Er verbindet Sie mit dem Sicherungsgerät und besteht aus einem Hüftgurt mit Beinschlaufen. Auch wenn es spezielle Klettersteiggurte gibt, ist es praktischer, wenn Sie sich einen normalen Sportklettergurt zulegen. Dieser ist meist besonders leicht und Sie können ihn auch zum Klettern in der Halle oder am Fels einsetzen. Wichtig: Sie sollten sich daran gut bewegen können. Viel Polsterung brauchen Sie nicht, da Sie beim Klettersteig nicht lange im Gurt hängen oder sitzen.

Klettersteigset: Ein Notfallsystem, das anders als beim Klettern nicht für regelmäßige Stürze gedacht ist. Das Set wird per Bandschlaufe mit Ihrem Klettergurt verbunden und soll Sie bei einem Sturz schützen. Heutzutage sind Sets mit Bandfalldämpfer gängig. Dieser reißt beim Sturz ziehharmonikamäßig auf und dämpft Ihren Fall. Daran befinden sich 2 Seile mit je einem Karabiner, mit denen Sie sich ins Drahtseil der Route einklinken. Benutzen Sie nur Klettersteigsets mit CE-Zeichen (zertifiziert). „Die Lebensdauer ist unterschiedlich, steht aber immer in der Gebrauchsanleitung. Nach einem Sturz müssen Sie das Set sofort auswechseln“, empfiehlt Experte Winter.

Hinweis: Für ältere Sets gibt es teilweise Rückrufaktionen. Eine aktuelle Liste finden Sie hier.

Links: Kletterhelm Rock Rider von Mammut, etwa 90 Euro /
Rechts: Kletterhandschuhe Crag Half-Finger Gloves von Black Diamond, etwa 20 Euro

Helm: Ein Helm ist Pflicht, schützt Sie vor Stürzen, aber vor allem vor Steinschlag. In-Mold-Modelle sind leicht und haben meist große Öffnungen für eine gute Belüftung. „Ein Fahrradhelm hat am Berg übrigens nichts verloren“, warnt Winter. Der Grund: Er ist für die Belastungen eines Steinschlags nicht ausgelegt, sondern nur für einen Sturz vom Bike auf Straße oder Bordstein.

Handschuhe: Sind auf jeden Fall empfehlenswert, am besten fingerfrei, auf der Innenseite griffig und gepolstert. Sie schützen vor Blasen und Verletzungen, beispielsweise vor abstehenden Litzen an Drahtseilen. Nicht zu eng kaufen, sonst werden die Finger schnell müde. Tipp: Sie können auch Fahrradhandschuhe nehmen.

Links: Tagestouren-Rucksack Apex 22 von Salewa, zirka 100 Euro
Rechts: Klettersteigschuh Ridge Low GTX Men von Mammut, zirka 165 Euro

Schuhe: „Empfehlenswert sind leichte Outdoor-Halbschuhe oder halbhohe Schuhe mit stark profilierter, stabiler und rutschfester Sohle. Schwere, klobige Bergstiefel schränken Sie nur ein“, rät der Klettersteig-Experte. Meist reichen so genannte Lighthiker oder Zustiegschuhe mit einem nicht profilierten Zehen-Bereich für schwerere Kletterpartien.

Rucksack: Sollte leicht und bequem sein. Rein passen sollte eine Jacke bzw. etwas Warmes zum Überziehen (das Wetter kann sich in den Bergen schnell ändern) und Ihre Klettersteigausrüstung (für den Abstieg), ein Erste-Hilfe-Set plus Wasser und Snacks (etwa Energieriegel). Schließlich sind Sie einige Stunden unterwegs. Wasserstellen und Berghütten gibt es nicht immer. Sonnenschutz nicht vergessen. „Nehmen Sie nicht mehr als 5 bis 8 Kilo mit“, empfiehlt Winter. Ein schwerer Rucksack kostet Sie zu viel Kraft.

Klettersteiger brauchen eine gut entwickelte Kraftausdauer
Klettersteiger brauchen eine gut entwickelte Kraftausdauer

Klettersteiger brauchen Kraftausdauer und trainieren den gesamten Oberkörper

Auch wenn richtige Bergsteiger über Ferratisten die Nase rümpfen, weil sie an Eisenleitern quasi auf einer Überholspur den Fels erklimmen, ist Klettersteiggehen nichts für Sportmuffel. Als Klettersteiger brauchen Sie eine gewisse Bergerfahrung, sollten körperlich gesund, schwindelfrei und trittsicher im unwegsamen Gelände sein. Weitere Voraussetzung: körperliche Fitness. Vor allem eine gut entwickelte Kraftausdauer ist hier wichtig. „Schließlich müssen Sie sich über einen längeren Zeitraum an einem Seil festhalten und teilweise hochziehen können“, sagt der Bergsport-Experte. Klettererfahrung ist zwar hilfreich aber nicht Pflicht. Denn beim Klettersteig erklimmen Sie auch ohne Klettertechnik schroffe Gipfel auf nahezu direktem Weg. Das ist auch das Tolle am Sport. Winter: „Sie dringen in steile Felsregionen vor und haben damit das Gefühl von richtigem Felsklettern.“ Plus: Neben diesem Outdoorerlebnis ist Klettersteiggehen auch ein gutes Workout: Sie trainieren Ausdauer, Koordination, Balance und den gesamten Oberkörper – von der Rumpf- bis zur Armmuskulatur. Passende Kraftübungen für Ferratisten: Liegestütze und Klimmzüge (mit oder ohne Unterstützung).

Beim Klettersteiggehen immer am langen Arm bleiben! Das spart Kraft
Beim Klettersteiggehen immer am langen Arm bleiben! Das spart Kraft

So klettern Sie eine Via Ferrata

Nachdem ich meine Ausrüstung angelegt habe, geht’s los. Jetzt werden die beiden Karabiner des Klettsteigsets an das nach oben führende, etwa 12 Millimeter dicke Drahtseil eingehängt. Das Seil ist alle paar Schritte mit Befestigungsankern im Fels fixiert. Bis zum nächsten Anker bewege ich mich beispielsweise über Trittstifte, Trittklammern, Griffe oder natürliche Tritte am Seil entlang und schiebe die Ketterkarabiner am Drahtseil mit und zwar immer mit der hinteren bzw. tieferen Hand. Die höhere Hand nutze ich zum Umklinken. Denn an einem Verankerungsstift komme ich nicht weiter: Hier muss ich die 2 Karabiner umhängen. Es sind 2, damit ich nie komplett ungesichert bin. Zunächst klinke ich Karabiner 1 in den nächsten Drahtseilabschnitt, erst dann hänge ich den zweiten vor den nächsten Wandanker. Jetzt bin ich wieder doppelt gesichert. Weiter geht’s, ein Griff nach dem anderen, den richtigen Tritt finden, durchatmen, an den Fels greifen nach oben drücken. Wieder einen Tritt suchen, eine Eisenklammer greifen und weiter hoch. Dazu läuft der typische Soundtrack der Via Ferrata: das Klappern des Karabiners und ein sirrendes Geräusch, das beim Schleifen über das Seil entsteht. Dieser Flow wirkt auf mich tief entspannend. Entspannt und vor allem kraftschonend klettern Sie, wenn Sie folgende Tipps beachten:

  • Halten Sie immer auch nach natürlichen Griffen und Tritten Ausschau
  • Beherzigen Sie die 3-Punkt-Regel aus dem Klettersport: An drei Punkten sollten Sie sicheren Halt bzw. Stand haben. Immer nur einen Fuß oder eine Hand zum nächsten Punkt bewegen – wie bei einer Leiter.
  • „So viel wie möglich am langen Arm klettern“, rät der Experte. Beispielsweise wenn Sie die Karabiner umhängen. Oder bei Trink- und Fotopausen: Immer am langen Arm bleiben! Das spart Kraft.
  • Wenn Sie nicht Arme wie Arnie haben: Versuchen Sie sich aus den Beinen nach oben zu drücken, wenn möglich nicht an den Armen hochziehen. Die Power im Bizeps brauchen Sie später bestimmt noch.

Nach einigen hundert Metern in leichtem Gelände stehe ich nun vor einer Rinne, in der es steil, nahezu vertikal nach oben geht. Hier ist ein kräftiger Armzug oder die eben erwähnte gute Klettertechnik gefragt. Dies ist die Schlüsselstelle der Route. Sie befindet sich absichtlich im unteren Teil, damit der Klettersteiger die Schwierigkeit abschätzen und im Notfall umkehren kann. Denn eine große Gefahr im Alpinsport ist, dass sich Kletterer überschätzen. Und nicht alle Klettersteige haben so genannte Notausstiege, an denen man kurzentschlossen den Rückzug antreten kann. Die besagte Rinne hat es in sich (Schwierigkeit C), schwerer wird’s auf den nächsten 1000 Höhenmetern nicht mehr. Ich ziehe mich mit ein paar kräftigen Armzügen nach oben, schließlich sehe ich den Ausflug als Workout an. 

Die Schwierigkeitsgrade beim Klettersteig

Eine einheitliche Skala der Schwierigkeit gibt es bei den Vie Ferrate leider nicht. Allerdings hat sich auch in vielen Kletterführern folgende alphabetische Einteilung durchgesetzt.

A: Einfacher, gesicherter Steig in leicht steilem Gelände. Ideal für Einsteiger, keine Erfahrung notwendig. Ist auch ohne Sicherung leicht zu bewältigen.
B: Einsteiger-Ferrata, gut gesichert mit Leitern, Klammern und Stiften in steilerem, manchmal auch senkrechtem Gelände. Voraussetzung: gewisse Kraft und Ausdauer in Armen und Beinen.
C: Schwieriger Klettersteig in steilem und sehr steilem Felsgelände. Klammern und Tritte liegen teilweise weit auseinander. Gute Kondition vorausgesetzt.
D: Anstrengender und kraftraubender Klettersteig in senkrechten, teils überhängendem Gelände. Armkraft und Klettertechnik sind hier von Vorteil. Definitiv nichts für Einsteiger.
E: Sehr schwierigere und extrem anstrengende Route. Senkrecht und überhängend mit wenigen Tritten. Nur für Profis!
Immer wieder geht es senkrecht hinauf, entweder in Rinnen mit Trittklammern oder an vertikalen Wänden per Leiter oder über große Bügel
Immer wieder geht es senkrecht hinauf, entweder in Rinnen mit Trittklammern oder an vertikalen Wänden per Leiter

Diese Hindernisse erwarten Sie auf einem Klettersteig

Der „Che Guevara“-Steig ist größtenteils B mit einigen C-Stellen. Die Herausforderung ist hier nicht der Schwierigkeitsgrad, sondern die Länge. Und die zieht sich. Auch wenn die Route geschickt die steilen Felswände umgeht, geht es immer wieder senkrecht hinauf, entweder in Rinnen mit Trittklammern oder an vertikalen Wänden per Leiter oder über große Bügel. Einige Action-Klettersteige überqueren auch Schluchten mittels einer Seilbrücke: Sie balancieren auf einem Tragseil und halten sich an einem oder zwei Seilen fest. Bei manchen gibt es auch Seilrutschen, an denen man zum anderen Ende schießt. Auf meiner Ferrata balanciere ich an einigen schwierigen Querungen vor vertikalen Wänden, an denen es aber genügend Tritte gibt. Hier sind vor allem die Blicke nach unten atemraubend. Doch dass ich vorher nicht meine Kräfte gespart habe, rächt sich. Mein Bizeps brennt. Die schönen Blicke ins Sarcatal nach Norden bis hin zum Lago Toblino kann ich kaum genießen. Tipp: Beim Greifen den Arm aufs Seil ablegen. Das entspannt kurzfristig. Bei dem süß-klingenden Namen „Tiramisu“, der mit roter Farbe an den Fels gemalt ist, (etwa bei 880 m) mache ich Pause, nach etwa 2 Stunden. Knapp 600 Höhenmeter noch. Puh.

So meiden Sie Gefahren am Klettersteig

Kurz vor meiner „Tiramisu“-Pause, die ich mit Energieriegeln und Wasser bestreite, überhole ich einige Mitkletterer, darunter 2 völlig erschöpfte Einsteiger, die offenbar das erste Mal auf einer Ferrata unterwegs sind. Keine gute Idee. Denn Notausstiege gibt es hier oben nicht mehr. Die Hobbysportler haben sich eindeutig überschätzt, hangeln sich von Pause zu Pause. „Blockierung ist die größte Gefahr beim Klettersteiggehen“, sagt Winter. Aufgrund von Erschöpfung (zu schwerer Rucksack, zu wenig gegessen/getrunken, Kräfte überschätzt) kommen sie weder vor noch zurück. Das sollte Ihnen nicht passieren. So klettern Sie sicher:

  • Können einschätzen und richtig planen: Informieren Sie sich vorher über Schwierigkeit und Länge der Tour. Machen Sie eine Tourenplanung nach dem 3x3 Prinzip. Winter: „Überprüfen Sie Verhältnisse, das Gelände und Ihre Tourenpartner – und zwar zu Hause, am Einstieg und an jeder Schlüsselstelle der Tour.“ Plus: Checken Sie, wo und ob es Notausteige gibt.
  • Wetter checken: Bei Nässe und Regen werden die Eisenbügel und Tritte zur gefährlichen Rutschpartie. Wenn es zu regnen beginnt, lieber abbrechen. Gewitter sind besonders gefährlich: Das Drahtseil ist ein Blitzableiter!
  • Abstand halten: Zwischen 2 Ankerpunkten am Seil darf sich immer nur ein Klettersteiger befinden. Stürzt der Vorgänger, reißt er sonst seinen Nachkletterer automatisch mit.
  • Auf Steinschlag achten: Sie tragen zwar einen Helm, schauen Sie trotzdem immer nach oben. Und achten Sie auch darauf, selber keine Steine loszutreten. Im Notfall: Rucksack auf den Kopf und eng an die Wand drücken!
  • Mit Partner klettern: Falls einem etwas zustößt, kann der andere helfen. Plus: Sie können sich gegenseitig kontrollieren.
  • Nicht leichtsinnig sein: Klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Eine Leichtsinnigkeit kann auch mal zum Absturz führen. „Das Klettersteigset ist nur eine Notsicherung“, warnt der Experte. Beim Klettersteig stürzen Sie locker 5 Meter bis zum nächsten Haltepunkt, knallen teilweise ungebremst in die Wand oder scharfe Felsen. Das ist in jedem Fall mit Verletzungen – möglicherweise sogar mit schweren – verbunden. 
An fast jedem Klettersteig gibt es ein Routenbuch
An fast jedem Klettersteig gibt es ein Routenbuch

Der letzte Aufschwung hat es in sich

Am Routenbuch (unbedingt eintragen!) vorbei, nach diversen langen Querungen, einigen Steilaufschwüngen, ein paar Erholungstrecken durch den Wald, geht’s für mich eine breite Rinne und einen steilen Hang hoch auf einen Grasabsatz. Von hier aus sehe ich das erste Mal den weit entfernten Gardasee in der Sonne schimmern. Jetzt bloß nicht schlappmachen. Noch 200 Höhenmeter. Und obwohl es jetzt wesentlich einfacher wird, die Aufschwünge kürzer sind, bin ich fertig. Meine Muskeln schmerzen, die Lungen stechen, mein Körper schreit nach Pause. Doch es folgen noch 2 kurze Steilpassagen mit Klammerreihen, die es in sich haben. Finale furioso. Mit kleinen, festen Tritten drücke ich mich den steilen Felshang hoch, es geht jetzt senkrecht nach oben, die linke Hand immer am Seil. Wie beim Felsklettern ziehe ich mich die letzten 4 Meter bis zur Felskante. Handgelenke und Arme schmerzen. Dann bin ich oben. Nur noch einen Seitengrat entlangbalancieren und das Gelände wird flacher. Oben erwartet einen wirklich ein traumhafter Rundblick: vom Gardasee bis zum Brenta-Massiv. Geschafft. Horrorwand bezwungen.

Horrorwand: Der „Ernesto Che Guevara“-Steig zum Monte Casale im Sarcatal
Horrorwand: Der „Ernesto Che Guevara“-Steig zum Monte Casale im Sarcatal

Reserve für den Abstieg

Nach etwa 4,5 Stunden stehe ich auf einer riesigen grünen und flachen Almwiese. Es ist völlig still. Von den Baggern des Steinbruchs im Tal ist hier nichts zu hören. Am Ende der Wiese ist das Rifugio Don Zio. Eine Berghütte, die eigentlich nur an Sommerwochenenden bewirtschaftet wird. Eigentlich. Aber wie durch ein Wunder sind die steinalten Wirtschafter an diesem Dienstag im Oktober zur Hütte gewandert, um nach dem Rechten zu sehen. Noch nie hat ein kühles Bier so gut geschmeckt. Viel Zeit bleibt mir allerdings nicht. Denn mit dem Ende vom Kletterstieg ist es nicht getan. „Sie müssen auch wieder runterkommen. Seien Sie daher immer mit Reserve unterwegs“, so Bergführer Winter. Mein Abstieg zurück ins Sarcatal zu meinem Ausgangspunkt dauert etwa 3,5 Stunden. Und der ist nicht zu unterschätzen, sehr steil, ungesichert und rutschig (Helm besser aufbehalten). 

Klettersteigen ist eine perfekte Mischung aus Kraft, Ausdauer, Geschicklichkeit und Action
Klettersteigen ist eine perfekte Mischung aus Kraft, Ausdauer, Geschicklichkeit und Action

Mein Fazit

Klettersteigen ist eine perfekte Mischung aus Kraft, Ausdauer, Geschicklichkeit und Action. Für einige vielleicht sogar die ideale Vorstufe zum alpinen Sportklettern. Es ist definitiv nichts für untrainierte Bergtouristen, die nach Nervenkitzel suchen. Wie bei jedem Bergsport ist körperliche Fitness und Erfahrung wichtig. Einsteiger sollten also mit Level A oder B beginnen. Ich bin nach etwa 8,5 Stunden zur Dämmerung zurück am Startpunkt meiner Route. Und wieder blicke ich auf die steile Wand. Statt dem erwarteten Horror gab’s für mich ein grandioses Alpenpanaroma, ein forderndes Outdoor-Workout und ab morgen vermutlich einen fiesen Muskelkater.

Wie finde ich einen geeigneten Klettersteig?

Neben diversen Reiseführern gibt es auch viele Internetseiten, auf denen Sie für Sie geeignete Klettersteige suchen können:

Zu viel Auswahl? 6 Klettersteige für jeden Level:

Tour 1: Mittenwalder Höhenstieg in Mittenwald, Bayern. Höhenmeter: 400, Dauer: etwa 6 Stunden, Schwierigkeit: B, Startpunkt ist die Bergstation Karwendelbahn (2244 m)
Tour 2: Ernesto Che Guevara bei Pietramurata, Trentino (IT), Höhenmeter: 1400, Dauer: etwa 8 Stunden. Schwierigkeit B-C. Startpunkt ist der Steinbruch bei Pietramurata.
Tour 3: Grünstein-Klettersteig bei Schönau am Königsee in Bayern, Höhenmeter: 700, Dauer: etwa 4,5 Stunden. Schwierigkeit: C. Los geht’s vom Großparkplatz Königssee.
Tour 4: Klettersteig Monte Albano bei Mori im Trentino (IT), Höhenmeter: 350, Dauer 3,5 Stunden. Schwierigkeit: D. Startpunkt ist bei der Wallfahrtskirche über dem Ort.
Tour 5: Seewand-Klettersteig am Dachstein in Österreich, Höhenmeter: 1220, Dauer: 6,5 Stunden. Schwierigkeit: E. Los geht’s in einer Kurve zwischen Hallstadt und Winkl.
Tour-Tipp vom Experten: Mindelheimer Klettersteig in Mittelberg im Kleinwalsertal, von der Fiderepasshütte zur Mindelheimer Hütte. Ein klassischer Klettersteig, der einer logischen Linie über einen Grat folgt. Start und Endpunkt ist eine Hütte. Höhenmeter: 400, Dauer: etwa 4 Stunden. Schwierigkeit C.

Literaturtipp: Klettersteiggehen: Ausrüstung · Tourenplanung · Sicherung von Stefan Winter, erschienen im BLV Buchverlag. Preis: etwa 15 Euro

Formulare zur Planung und weitere Tipps gibt’s beim Deutschen Alpenverein.

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