Modische Fragen: Philipp Plein

Modedesigner Philipp Plein im Interview
Nieten, Glitzer, Lack und Lede sind die Markenzeichen von Designer Philipp Plein

Nieten, Glitzer, Lack und Leder: Philipp Plein macht Mode bis zur Schmerzgrenze. Und das mit großem Erfolg. Hier erzählt der 37-jährige Designer von großen Träumen, Totenköpfen und dem Primaten in ihm

Der Münchner hat das Designen nie erlernt. Während seines Jurastudiums hat der Sohn eines Arztes ­damit begonnen, Stahlmöbel mit krokogeprägtem Leder anzufertigen. Zur Mode kam er durch Zufall. Heute entwirft Plein Kollektionen für Männer, Frauen und Kinder – und designt weiterhin Möbel. Sonnenbrillen und Uhren sind in Planung. Neben Asien und Zentraleuropa gehört Russland zu seinen stärksten Märkten. Die Expansion an die Topstandorte in den USA hat bereits begonnen. In Deutschland betreibt der bis heute unabhängige Mode­unternehmer und Meister des Bling-Bling Boutiquen in Düsseldorf und Berlin.

In Cannes in der Rue de Lille, hinter einem Holztor, befindet sich das Anwesen "La Jungle du Roi" des Designers Philipp Plein. Eine Villa mit Pool, einem Fuhrpark mit einem halben Dutzend Sportwagen, einer roten Gorilla-Skulptur im Vorgarten und natürlich dem Blick auf die Côte d'Azur. Plein wohnt hauptsächlich in Lugano, wenn er nicht gerade in Mailand in ­seinem Showroom ist. Bald wird er auch in Bel Air zu Hause sein, wo er jüngst ein Grundstück gekauft hat und ein Haus bauen lässt. Jetzt gerade sitzt er mit zwei jungen Designern aus seinem Team hier in Cannes am Tisch und arbeitet an den Damenschuhen für den nächsten Sommer: sehr hoch, sehr bunt, sehr viele Nieten. Er spricht italienisch, englisch, deutsch, manchmal alles gleichzeitig und immer sehr schnell.

 

Herr Plein, in Ihrer aktuellen Männer-Kollektion taucht oft der Begriff "Warrior" auf. Außerdem sind Brustpanzer, Knieschützer sowie Masken zu sehen. Bekämpfen Sie etwas mit Ihrer Mode?
Jede Kollektion braucht ein Thema – vor allem, wenn sie für Männer ist. Die verstehen Mode sonst nicht so einfach. Diese Kollektion ist an die Welt des Sports angelehnt, und darin ist man ein Kämpfer. Außerdem ist doch das ganze Leben ein Kampf.

Sie haben sich hochgearbeitet – vom Quereinsteiger, der in Mailand zu Beginn nicht auf dem Schauenplan akzeptiert wurde, bis hin zu einem globalen Modeunternehmer. Ist auch Ihr Leben ein Kampf?
Auf mich hat keiner gewartet. Die Welt hat keine neue Marke gebraucht. Aber in der Mode ist es nicht anders als bei einem Boxkampf: Wenn du gegen viel stärkere Gegner kämpfst, dann kannst du nur verlieren – es sei denn, du hast eine bessere Taktik. 

Runway-Looks aus der aktuellen Kollektion von Philipp Plein
Pleins "Warrior", für die Arena der Eitelkeiten gewappnet mit Python, Krokodil und Nieten – Runway-Looks aus der aktuellen Kollektion von Philipp Plein

Sie setzen auf Mega-Events und buchen Künstler wie Snoop Dogg. Für Ihre letzte Show, die 2,5 Mil­lionen Euro gekostet haben soll, ließen Sie eine Achterbahn aufbauen. Heute können Sie sich den Termin für Ihre Shows aussuchen. Haben Sie es einfach so laut knallen lassen, bis jeder Sie gehört hat?
Quatsch! Chanel oder Vuitton schießen doch auch viele Millionen in die Luft. Vielleicht sind deren Shows altmodischer, aber im Prinzip machen wir doch alle dasselbe. Wir verkaufen Träume – mit denselben Produkten aus denselben Materialien zu ­ähnlichen Preisen, inszeniert von denselben Werbefotografen. Die Firma, die für mich Schuhe anfertigt, produziert auch für Dior, Louboutin oder Hermès.

Wie erklären Sie dann Ihren Erfolg?
Ich habe kein Wunder vollbracht, sondern eine Nische gefunden. Ein schwarzes T–Shirt kostet bei Zara 30 Euro. Das gleiche Shirt aus derselben Fabrik kostet bei Armani 150 Euro. Menschen kaufen Marken, den Traum, ein Gefühl. Bei Plein gibt es kein schwarzes T-Shirt, aber etwas, das es bisher so noch nicht gab.

Was denn?
Meine Nische ist Luxus-Streetwear. Eine Jogginghose bleibt eine Jogginghose. Mode ist kein Geheimnis, ich interpretiere sie nur neu. Deshalb biete ich eine Jogginghose aus Pythonleder an – das ist speziell, laut und provokant. Manchen Leuten gefällt das nicht. Die können sich ein Trikot, wie es Hip-Hopper tragen, auch für 20 Dollar in Los Angeles an einem Straßenstand kaufen. Aber ich mache ein solches Shirt eben aus Krokoleder für 30 000 Euro.

Wieso zahlen Leute so viel Geld für ein T-Shirt?
Weil sie glauben, etwas von Wert gekauft zu haben. Philipp Plein hat viele leidenschaftliche Fans. Diese findet man zum Beispiel bei Hugo Boss nicht so einfach. Das liegt daran, dass ich einen Mehrwert biete. Dass ich Träume aufbereite, weil die Leute selbst nicht mehr träumen. Deshalb haben wir letzte Woche in Cannes eine Krokojacke für 45 000 Euro und eine Tasche für 15 000 Euro verkauft. Der Kunde muss das Gefühl haben, dass er sich etwas Gutes tut.

Koste es, was es wolle?
Eine Birkin-Bag von Hermès aus dem gleichen Leder ist viel teurer – und die besitzen deutlich mehr Leute. In unserer Gesellschaft ist niemand in der Not, Klamotten kaufen zu müssen. Wir haben von allem genug, aber wir wollen konsumieren, um uns zu positionieren und auszudrücken. Die Mode gibt uns diese Freiheit. Dann muss man für sich nur noch den right amount of wrong finden, den kleinen Bruch. Dabei gilt: Zu viel des Falschen sieht lächerlich aus.

Die Runway-Show von Philipp Plein
Brachiale Freefighter, martialische Ölfässer und aufreizende Nummerngirls waren für Pleins Fight Club just tough enough

Klingt kompliziert. Wie lässt sich denn das Richtige im Falschen ausfindig machen?
Kommt auf den Typ an. Es ist ja nicht das Kleid, das eine Frau hübsch macht, sondern die Frau, die das Kleid hübsch macht. Das gilt auch bei Männern: Der Kerl ist interessant, und nicht das, was er trägt. Du musst dich wohlfühlen, dann ist Mode eine Waffe.

Wie meinen Sie das?
Wer die Mode richtig nutzt, kann sich besser positionieren. Sie sind mit Turnschuhen eine andere Frau als mit High Heels. Beim Mann ist es genauso mit einem Anzug. Darin fühlt er sich förmlicher, er wird anders reden, sich anders bewegen. Klamotten helfen uns dabei, uns auszudrücken, genauso wie es Farben tun.

Ihr erster Verkaufsschlager war eine Bundeswehrjacke, die Sie mit einem Schädel aus Kristallsteinchen dekoriert haben. Für die Kunden ist der ­Totenkopf zu einem Markenzeichen Ihrer Mode geworden. Ist das für Sie ein Problem?
Der Totenkopf ist nicht mein Markenzeichen, er ist ein interessantes, religiös neutrales Symbol. Stellen Sie sich eine 50-jährige Dame vor, die im Chanel-Kostüm mit Tod’s-Slippern den Neuen Wall in Hamburg entlangläuft. Sie sähe bieder aus, wenn sie nicht ein paar Totenkopf-Ohrringe tragen würde, die ihr eine Spur Rock ’n’ Roll verleihen. Oder nehmen Sie Totenkopf-Manschettenknöpfe, die einem langweiligen Anzugträger einen coolen Auftritt ermöglichen. Darum kommt das Symbol nie aus der Mode, viele Marken nutzen es. Es ist wichtig, um erkennbar zu sein. Wir haben dieses Jahr das Hexagonal eingeführt.

Philipp Plein steht für Jugendlichkeit. Ihre Kam­pagnen sind sexuell aufgeheizt – wie Sie selbst sind die Models oft tätowiert, tragen die Hemden bis zum Bauchnabel geöffnet. Kommt diese Form der Körperlichkeit nicht irgendwann in die Jahre?
Das müssen Sie mich in 10 oder 20 Jahren noch mal fragen. Ich gehöre zur young generation, obwohl ich keine 30 mehr bin. Mein Vorteil ist aber, dass ich nicht so tun muss, als sei ich jung. Meine Sachen tragen Sportler wie Messi oder Özil. Mein Kunde ist jung, hat Geld und will nicht aussehen wie sein Ma­nager oder Anwalt. In erster Linie verkaufe ich ein Lebensgefühl, das Produkt ist dabei zweitrangig.

Sie knöpfen das Hemd also vorerst nicht zu?
Alt zu werden ist tödlich für eine Marke. Deshalb muss man junge Künstler und Designer an sich binden. Sehen Sie sich Valentino an, noch vor ein paar Jahren hätte meine Mutter diese Kleidung nicht ­angezogen, aber dann hat die Marke alles getan, um wieder jung zu wirken. Heute macht sie Nieten und Camouflage-Muster – und zwar mit Erfolg.

Nur mit jungen Kunden können Sie aber schlecht 200 Millionen Euro Umsatz machen.
Stimmt, Mode ist auch nur ein Business. Ich habe derzeit 600 Verkaufsstellen und muss verkaufen, um meine Mieten zu zahlen – allein die am Rodeo Drive kostet 200 000 Euro pro Monat. Um in der Modewelt zu überleben, muss man verkaufen, verkaufen, verkaufen! Mein Kunde ist zwischen 16 und 65 Jahre alt und zu 60 Prozent männlich. Ich muss viel kommerzieller werden, um weiter zu wachsen – was ich will.

Hier im Garten steht ein roter Gorilla, auf Ihrer Website gibt es ein Video, in dem ein Gorilla im Smoking mit einer Frau im Hotel landet. Was heißt das? Sind Sie ein Primat im Luxus-Dschungel?
Nein, nein. Wir wollten eine lustige Story erzählen, die eine Evolution zeigt.

Aber der Affe rasiert sich und sieht am Ende aus wie alle anderen schicken Typen auch.
Ja, am Anfang ist er quasi der Neandertaler, dann versteht er, wie das Leben läuft, und wird zum Menschen.

Bleiben wir bei diesem Bild. Auf dem Weg zum Menschen, wo befindet sich Plein da gerade?
Am Anfang entwickelt man sich ganz schnell, so wie ein Baby. Ab dem 25. Geburtstag geht es dann bergab, die Haare werden grau, der Körper schwach. Wenn wir sagen, Dolce & Gabbana ist heute 25 Jahre alt, dann ist Plein zwölf Jahre. Wir haben noch viel Zeit und viel zu tun. Wir wachsen schnell. Aber vor Kurzem war Philipp Plein noch ein Kleinkind.

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