Gut beraten und gekauft: Qualitätsguide für Männermode

Jeder von uns hat einen im Schrank, mindestens. So einen Blindgänger. So einen unüberlegten Einkauf, der jetzt vor sich hin baumelt. Lassen Sie sich das eine Lehre sein und lesen Sie, worauf Sie beim Einkauf wirklich achten müssen

Der Preis
Beim Anzugkauf gilt leider die Preis-Qualitäts-Gleichung: Wenig Geld bedeutet wenig Qualität und viel Geld bedeutet viel Qualität. Die seltene Ausnahme sind Designerteile, die unangemessen teuer sind, und günstige Sonderangebote, vor allem wenn Edelboutiquen ihre Läger räumen.

Und was dürfen Sie in den verschiedenen Preisklassen erwarten? Für 150 Euro kriegen Sie Discounter-Anzüge, weniger sollten Sie nur bei H&M ausgeben, weil die für kleines Geld wenigstens gutes Design bieten. Dafür sind Stoff und Verarbeitung nicht so doll. Für 500 Euro können Sie mit Glück schon ein hochwertiges Teil ergattern, aufwändige Verarbeitung und Spitzenstöffchen gibt es aber erst für 1000 bis 1500 Euro. Minimum.

Tipp: Entweder superbillig kaufen oder richtig Geld ausgeben. Die mittlere Preislage bietet in den meisten Fällen das ungünstigste Preis-Leistungs-Verhältnis.

Das Label
Lesen lohnt sich, denn auf dem Etikett stehen wertvolle Informationen über die Herkunft der Kleidung. Wenn Sie den Namen des Geschäfts entdecken, dann ist es ein Stück der Hausmarke. Die ist zwar nicht so prestigeträchtig wie ein Nobel-Label, bietet aber oft ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.

Steht auf dem Etikett der Name eines renommierten Designers, müssen Sie eher zu viel berappen. Vor allem, wenn der Designer eigentlich nichts mit Anzügen oder Herrenmode zu tun hat, wie zum Beispiel Prada. Drittens könnten Sie es mit dem Label eines Konfektionärs zu tun haben, der Anzug kommt also direkt vom Hersteller. Hinter der Marke Hilton verbirgt sich beispielsweise der italienische Anzugmacher Vestimenta und nicht ein Modemacher, der wie eine Hotelkette heißt.

Tipp: Der Kauf von Herstellermarken (zum Beispiel Belvest, Attolini oder Regent) ist meist die beste Lösung, weil kein Namensgeber Lizenzgebühren verlangt. Außerdem wissen Sie damit gleich, wo Sie notfalls reklamieren können.

Der Stoff
Die beste Verarbeitung ist nur halb so viel wert, wenn der Zwirn den Aufwand nicht lohnt. Was das Stöffchen taugt, können Sie mit den Fingerspitzen ertasten. Gute Ware fasst sich einfach besser an: weicher, feiner, glatter, schöner. Billiger Stoff wirkt dagegen kratzig, steif, rau.

Vergleichen Sie einfach, indem Sie den billigsten Anzug aus dem Angebot neben den teuersten legen und beide anfühlen. Sie werden den Unterschied sofort merken. Der Blick aufs Kleingedruckte hilft zusätzlich. In der Innentasche finden Sie auf einem Etikett alle relevanten Daten des Anzugs, das sind Größe, Modellnummer, Schnitt und die Codenummer des Stoffs (mit der können Sie aber nur bei Reklamationen was anfangen). In Sachen Qualität zählen die anderen Angaben wie „100 Prozent Schurwolle“ oder „80 Prozent Schurwolle, 10 Prozent Seide, 10 Prozent Kaschmir“.

Kaufen Sie grundsätzlich nie Anzüge aus Synthetikfasern, das gilt auch fürs Futter. Ausnahme sind minimale Beimischungen von Kunstfasern (maximal 5 Prozent) bei ganz leichten Stoffen, um das Knittern zu verhindern.

Tipp: Das Mindeste ist „reine Schurwolle“, die Fasern werden also nach der Schur zum ersten Mal zu Garn gesponnen und verwebt. „Reine Wolle“ bedeutet, dass es sich dabei um ein Recycling-Produkt aus Altkleidern und Faserresten handelt.

Die Verarbeitung
Als Erstes drehen Sie die Hose auf links. Je besser der Anzug, desto ordentlicher und aufwändiger die Verarbeitung. Checken Sie auch das Kniefutter, bei günstigen Anzügen wird dafür oft Nylon verwendet. Wenn das der Fall ist, kommt das Teil zurück auf die Stange, sonst droht ewiges Schwitzen.

Beim Sakko sollten Sie darauf achten, ob Streifen ohne Unterbrechung über die Brusttasche laufen. Karos müssen sich in der Waagerechten von der Brust auf die Ärmel fortsetzen. Merke: Je genauer die Dessins zusammenpassen, desto besser der Anzug.

Ab 1500 Euro dürfen Sie handgenähte Knopflöcher, Knöpfe aus Naturmaterial (Horn oder Steinnuss) und pikierte Einlagen erwarten, das heißt die Leineneinlage ist mit dem Oberstoff vernäht, nicht einfach nur eingeklebt.

Tipp: Achten Sie auf die pikierten Einlagen. 1. Die Einlage muss in Taillenhöhe zwischen Innenfutter und Oberstoff als dritte, lose Stoffschicht ertastbar sein.
2. Bei feinen Stoffen können Sie hinter den Revers sogar die winzigen Pikierstiche sehen, mit denen die Einlage innen angenäht wurde.

Hemd

Der Stoff
Kaufen Sie nie ein Hemd, ohne es aus der Hülle genommen zu haben. Fühlt sich der Stoff gut an? Wenn Sie sich nicht sicher sind, versuchen Sie verschiedene Preislagen. Wetten, das Hemd für 100 Euro hat mehr Handschmeichlerqualität als das für 30 Euro? Wenn es Ihr Budget zulässt, sollten Sie nur Vollzwirnqualität kaufen. Die bügelt sich besser, knittert nicht so schnell, und die gewebten Dessins kommen brillanter heraus.

Kaufen Sie keine bügelfreien Hemden. Erstens atmen die dauerglatten Stoffe nicht so gut, Sie schwitzen also schneller, zweitens riechen sie oft nach Chemie und drittens ist das bügelfreie Hemd ein stilloses Convenience-Produkt. Deshalb werden Sie auch nie einen Italiener in so einem Hemd sehen.

Tipp: Vorsicht, wenn das Hemd bei der Anprobe perfekt passt. Der Stoff läuft beim Waschen noch ein, die Ärmel sollten deshalb ein bis eineinhalb Zentimeter zu lang sein, der Kragen einen Tick zu weit.

Die Verarbeitung
Lassen Sie sich beim Ausstatter mal ein handgemachtes Hemd zeigen (etwa von Borrelli oder Barba). Das ist schon was Schönes, nur leider auch schön teuer. Unter 180 Euro sind Sie in dieser Liga nicht dabei. Doch Handarbeit ist keine Bedingung für Qualität. Gute Fabrikhemden erkennen Sie an der schmalen Seitennaht, an feinen Nähten (acht Stiche pro Zentimeter sind gut, zwölf sind spitze), fest sitzenden Knöpfen (aus echtem Perlmutt) und am Umgang mit den Dessins. Je sorgfältiger sie verarbeitet sind, desto besser.

Als Mindeststandard gilt: Die Knopflöcher liegen genau auf einem senkrechten Streifen, waagerechte Linien von Karos laufen ungebrochen über den Ärmelschlitz weiter. Der Kragen darf nicht drücken oder kneifen. Wenn Sie sich beengt fühlen, liegt das übrigens oft an einer zu harten Einlage. Probieren Sie also auch die weichere Variante. Zu softe Einlagen machen aber Probleme, denn die Spitzen knicken ab oder rollen sich nach innen. Gefragt ist der goldene Mittelweg.

Tipp: Waschen Sie das Hemd, bevor Sie es anziehen, sonst kann sich der Kragen nicht richtig an den Hals schmiegen.

Krawatte

Der Stoff
Auf dem kleinen Etikett (meistens am dünnen Ende des Binders) muss „reine Schurwolle“, „reine Seide“ oder „100 Prozent Kaschmir“ stehen. Auch Baumwolle, Leinen oder Mischungen aus diesen Fasern sind okay, Hauptsache es ist ein Naturmaterial und kein Nylon. Das Material ist übrigens keine Frage des Preises, denn Seidenbinder gibt es schon ab rund 15 Euro.

Tipp: Wenn Sie dem Aufdruck „100 Prozent Seide“ nicht trauen, lassen Sie den Binder mit einem schnellen Rutsch durch die Finger gleiten. Reine Seide bleibt an kleinsten Rauheiten der Haut hängen, Synthetik ist so glatt, dass es selbst über eine scharfe Ecke am Fingernagel rutscht.

Die Verarbeitung
Der Schlips muss nicht nur schön aussehen und sich gut anfühlen, er soll auch eine Weile halten. Deshalb müssen Sie die Verarbeitungsqualität checken. Dazu fassen Sie den Binder am dünnen Ende und lassen ihn lang runterbaumeln. Wenn er nicht kerzengerade hinabhängt, taugt er auch nichts. Die Seide muss nämlich exakt im 45-Grad-Winkel zugeschnitten werden, wenn nicht, liegt die Krawatte auch nie flach auf Ihrer Hemdbrust.

Nach dem Baumeltest prüfen Sie, ob die Einlage korrekt verarbeitet wurde. Dazu tasten Sie den Schlips sorgfältig am Rand ab. Wenn Sie spüren, dass die Einlage die äußere Hülle (aus Seide, Kaschmir oder Wolle) bis an den Rand ausfüllt, ist der Binder okay. Wenn nicht, Finger weg, denn dann kriegt das Material am Rand schnell Dellen. Die Einlage darf aber auch nicht zu breit zugeschnitten sein, sonst wölbt sich die Krawatte nach außen oder innen.

Tipp: Binden Sie die Krawatte vor dem Kauf um. Dabei stellt sich immer raus, ob Sie wirklich mit dem neuen Binder können.

Pullover

Das Material
Auch bei Strick gilt grundsätzlich die goldene Regel: immer nur Naturfasern kaufen, also Wolle, Kaschmir oder Baumwolle. Ausnahmen sind nur dann erlaubt, wenn sich der Synthetikanteil in Grenzen hält. Bis zu 20 Prozent Lycra können bei einem Rollkragenpullover zum Beispiel ein Ausleiern fast komplett verhindern. Auch wenn es bei Strickwaren immer große Ressentiments gegen die Kunstfasern gibt, selbst ausgewiesene Textilprofis können sie in kleinen Beimischungen nicht mehr herausspüren.

Tipp: Pilling entsteht, wenn kurzes, also billiges Fasermaterial aus dem Garn heraussteht und knötchenförmig verfilzt. Garn aus langen Fasern, das zudem verzwirnt wurde (durch das Ineinanderdrehen mehrerer Fäden), neigt nicht zum Pilling. Lange Fasern kosten leider mehr, wenig Pilling gibt es deshalb nur für mehr Geld.

Der Preis
Strickwarenkauf ist eine heikle Sache. Denn sogar der noble Kaschmirpullover kann nach ein paar Wochen durch extremes Pilling nerven, auf der anderen Seite bewähren sich manchmal auch billige Pullis über lange Zeit sehr gut. Genauso kommt es vor, dass der Ecomony-Strick nach kurzer Zeit schlapp macht, ausleiert und die Form verliert.

Was also tun? Grundsätzlich gilt, dass Markenware auch beim Strick tendenziell länger durchhält. Aber leider nur tendenziell. Deshalb ist bei Pullis das Preis-Leistungs-Verhältnis extrem wichtig. Wenn ein 20-Euro-Pulli ein Jahr lang hält, dann müsste das 200-Euro-Teil zehn Jahre seinen Dienst tun, wenn es über die Zeit die gleiche Performance bringen soll (bei gleicher Tragefrequenz). Das ist natürlich zu viel verlangt vom Nobelpulli, denn selbst Edelstrick baut nach drei bis fünf Jahren stark ab.

Rein rechnerisch spricht alles für die mittlere bis untere Preislage, zumal Pullis oft durch Flecken, Brandlöcher oder Motten ein frühes Ende finden. Teure Teile lohnen sich nur, wenn sie auch geschont werden. Aber das Schonen schützt leider nicht vor umkippenden Rotweingläsern oder Zigarrenasche.

Tipp: Wie beim Anzug gilt auch bei Strick: Kaufen Sie entweder möglichst günstig, dafür etwas häufiger, oder absolute Spitzenqualität. Wenn das teure Teil dann doch zu früh den Geist aufgibt, wird ein seriöser Händler es gern für Sie beim Lieferanten reklamieren.

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