Jungs-Erziehung: Rettet die Kerle von morgen

Jungs sind ins Hintertreffen geraten
Rettet die echten Kerle von morgen

Jungs sind ins Hintertreffen geraten. Um die Männer von morgen noch zu retten, ist viel Arbeit nötig – ein Report über Jungs

Die Jungs haben Spaß an der Plackerei. Dabei ist der älteste von ihnen gerade erst 12. Die Arbeit ist gerecht verteilt: Noah schmiedet und Lennart stanzt, Niklas hämmert und Simon bohrt. Lukas setzt seine Feile nur kurz ab und ruft: "Mann, bringt das einen Bock!" Dann feilt er weiter. Alle Jungen sind voll konzentriert und mit heiligem Eifer dabei. Kinderarbeit? Nein. Jedenfalls nicht so, wie Sie denken. Eher: Arbeit mit Kindern. Lebenswichtige Arbeit.

Verein für Jungs: 'Paten-t für Jungen'

Es ist ein etwas seltsames Familientreffen: 19 Jungs im Alter von neun bis zwölf Jahren wuseln um ein paar Werkbänke, dazu gesellen sich sieben Väter. Keiner der Jungen gehört zu einem der Männer. Das ist die Idee hinter dem Verein "Paten-t für Jungen", den der Hamburger Pädagoge Frank Beuster ins Leben gerufen hat. Männer übernehmen eine Patenschaft für Jungen, die ohne Väter aufwachsen oder ihre Väter nur selten sehen. Einmal pro Monat machen die Paten mit den Jungs Männerdinge – Bogenschießen, Fußball oder eben Schmieden.

Im Werkraum der Gesamtschule Bergstedt in Hamburg stehen Handwerksarbeiten der Schüler auf den Schränken, Brücken aus Papier und Figuren aus Blechdosen. In den ordentlich sortierten Schränken hängen Hämmer, Zangen, Feilen und Sägen, in einer Ecke liegt ein Vorschlaghammer auf dem Tisch. Genau das richtige Spielzeug für Jungs aus der 6. Klasse!

Nachdem der 48-jährige Beuster ein Buch über die Benachteiligung von Jungen verfasst hatte ("Die Jungenkatastrophe", Rowohlt, um 9 Euro), wollte er selbst was gegen die Misere tun und andere Männer motivieren, dabei mitzuhelfen. "Alles ist freiwillig", sagt er. "Jeder gibt, was er kann. Die ganze Sache lebt davon, dass die Männer gern kommen – die Jungs natürlich auch." Die sind begeistert, schon schreit einer: "Machen wir auch Messer?" Jungs eben.

Jungs sind unausgeglichen
Viele Jungs sind unausgeglichen und unberechenbar

Überforderte Lehrer: Jungs sind oft kleine Machos

Jungen sind in der Schule Wiederholungstäter und treten als kleine Machos auf – Lehrer sind damit häufig überfordert

Solche Projekte für Jungs sind bitter nötig. Das hat Frank Beuster am eigenen Leib erfahren. Sieben Jahre lang war er Lehrer an einer Grundschule in Hamburg-Altona – einziger Mann unter 19 Frauen. "Das war der totale soziale Brennpunkt", sagt er. "Ich hatte da kleine Machos von acht Jahren, die Lehrerinnen als 'Schlabberfotzen' beschimpften." Die meisten waren mit der Situation überfordert, und auch Beuster kam an seine Grenzen. Viele der Jungs erlebte er als unausgeglichen, unberechenbar, geradezu asozial. Der Pädagoge erkennt schnell, was auch andere Lehrer erleben: Mit diesen Jungen stimmt etwas nicht.

Jungen sind die Sorgenkinder der Nation
Jeder Zehnte bleibt ohne jeglichen Schulabschluss, ungefähr zwei Drittel der Jugendlichen ohne Abschluss sind männlich. Je geringer qualifizierend die Schulform, desto höher der Anteil an Jungen. Sie sind später schulreif, können schlechter lesen und brauchen mehr Nachhilfeunterricht. Jungs wiederholen häufiger die Klasse als Mädchen, insbesondere am Gymnasium. Laut PISA-Studie erbringen Mädchen sprachlich mit Abstand bessere Leistungen als Jungs. Nur ungefähr ein Viertel der 18- bis 21-jährigen Jungen erreicht überhaupt die Hochschulreife, bei den Mädchen ist es immerhin ein Drittel. Und auch die Jugendkriminalität ist ein Jungs-Problem: 72 Prozent der Tatverdächtigen unter 21 Jahren sind männlich. Jungen sind etwa 5-mal häufiger Gewaltdelikten verdächtig als Mädchen. It’s not a little man's world.

Die Gründe für den Absturz der Jungen sind vielschichtig. Ein Punkt ist die Mädchenförderung: Seit den 1970er-Jahren werden Mädchen in Deutschland gezielt unterstützt, besonders in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern, um beim seinerzeit erkannten Geschlechterunterschied in puncto Bildungsstand gegenzusteuern. Auf die spezifischen Probleme von Jungs – zum Beispiel Lese- oder Schreibschwierigkeiten – wurde und wird bis heute nicht eingegangen. Das gleiche sich schon wieder aus, heißt es oft.

Beschäftigte in Kindergärten und Schulen
Frauenpower in Kindergärten und Schulen

Tüdel-Friedens-Schlaffi-Pädagogik: Männermangel an Schulen

Zweites Hauptübel ist ein erheblicher Mangel an Männern. Besonders in den frühen Lebensjahren fehlt es an männlichen Pädagogen

Bei den Beschäftigten in Kindergärten beträgt der Frauenanteil sagenhafte 98 Prozent, in der Grundschule immer noch 88 Prozent (siehe Grafik). Männliche Lehrer wären für die Entwicklung der Jungen aber sehr wichtig. Das sagen Pädagogen wie Beuster, aber auch andere Experten, so etwa der renommierte Hannoveraner Kinderpsychologe und Buchautor Wolfgang Bergmann ("Kleine Jungs – große Not", Beltz-Verlag, um 13 Euro).

Zu viele Jungs, die bereits zu Hause von ihren Vätern vernachlässigt werden (oder gleich ganz ohne Vater aufwachsen), stehen in den Schulen überwiegend, in der Primarstufe gar fast ausschließlich weiblichen Lehrkräften gegenüber. Keiner der Kritiker will die Arbeit der Pädagoginnen diskreditieren oder ihre Leistungen in Abrede stellen. Aber können sie alles anbieten, was Jungs brauchen – vor allem eine männliche Ansprache? Eher nicht. Diktate werden über Bienchen im Frühlingsgarten statt über Piraten in der Todesbucht geschrieben, Nacherzählungen handeln nie vom letzten Spiel der Bayern, in der Textaufgabe geht es um Obst, nicht um Kanonenkugeln.

Statt sich für den Unterricht zu interessieren, driften viele Jungs einfach ab. Psychologe Bergmann beklagt die Zustände an deutschen Schulen seit Jahren in drastischen Worten. Er bezeichnet den Unterricht dort als "Tüdel-Friedens-Schlaffi-Pädagogik", warnt vor den Auswirkungen auf die Entwicklung der Jungen (siehe unser Interview).

Es gibt viele sehr schlechte, aber eben auch viele sehr gute Jungs.

Extrovertiertes Imponiergehabe : Jungs fehlt die starke Bezugsperson

Männliche Bezugspersonen sind dringend nötig. Schließlich brauchen Jungs männliche Ansprachen

Darf man es sich wirklich so leicht machen? Der Berliner Erziehungswissenschaftler Professor Detlef Pech, selbst einige Jahre in der Jungenarbeit aktiv, warnt vor Pauschalisierungen. Dass der Einfluss mehrheitlich weiblicher Lehrkräfte Jungen in ihrer Entwicklung beeinflusse, könne man so einfach nicht sagen. Es gäbe keine wissenschaftliche Studie, die das so eindeutig belegt. Und: "Auch die Behauptung, dass Jungen in der Schule untergehen, ist in dieser Pauschalität falsch."

In den Daten der Schulvergleichsstudien zeige sich zwar tatsächlich, dass Jungen auf den unteren Leistungsstufen häufiger vertreten sind als Mädchen. Allerdings finden sich auch auf den oberen Stufen viele Jungen, sprich: Es gibt viele sehr schlechte, aber eben auch viele sehr gute Jungs. Unterschiede zum Ende der Grundschulzeit – Jungen sind besser in Naturwissenschaften und Technik, die Mädchen im sprachlichen Bereich – führt Pech auf die "gesellschaftlich-geschlechtlichen Bilder und Vorstellungen" zurück, denen Jungen und Mädchen auch schon vor der Schulzeit ausgesetzt sind.

Auch er moniert aber "eine Ausrichtung von Unterricht, in dem Geschlechterstereotype nach wie vor präsent sind." Das heißt: In den Materialien zum Erlernen von Lesen und Schreiben wird oft mit Worten und Beispielen gearbeitet, die eher aus typischen Mädchenbereichen stammen. "Die sind für Jungen, die sich an tradierten Männlichkeitsbildern orientieren, uninteressant." Der Erziehungswissenschaftler gesteht zu, dass Jungen in mancher Bilanz schlecht abschneiden. Er weist allerdings auch darauf hin, dass es bestimmte Gruppen von Jungen sind, die eher Gefahr laufen, bei der Bildung unterzugehen, nämlich die aus sozial schwachen Milieus und die mit einem Migrationshintergrund. "Wie verschiedene Studien zeigen, ist das Milieu, in dem Kinder aufwachsen, für den Schulerfolg in Deutschland ebenso ausschlaggebend wie das Geschlecht."

Jungs fallen oft durch Imponiergehabe auf
Jungs fallen oft durch Imponiergehabe auf

Imponiergehabe der Halbstarken

Unabhängig von ihrer Herkunft sind die meisten Jungen Rabauken. Von Natur aus toben, raufen, wetteifern und riskieren die meisten mehr als Mädchen, oft fallen sie durch Imponiergehabe auf. Jungen zeigen von Natur aus eine größere Tendenz, auffällig und aggressiv zu werden. Untersuchungen zeigen, dass der Hang zu emotionalen Ausbrüchen bei Jungs bis zu 9-mal höher ist als bei Mädchen. Letztere sind für die Lehrkräfte umgänglicher, weil sie mehr Fürsorge, Sensibilität und Fähigkeit zur Kommunikation an den Tag legen. Jungen, die mit dem Schulsystem schlechter zurechtkommen, fallen öfter durch Unruhe und vielleicht auch durch einen stärkeren Hang zur Körperlichkeit auf.

Die ständige Unterdrückung des typischen Verhaltens kleiner Jungs verschärft das Problem. Wenn jede kleine Schulhofrauferei von der friedensbewegten Pausenaufseherin sofort zur Eskalation von Schulhofgewalt aufgebauscht und im Keim erstickt wird, entladen sich überschüssige Energien eben nicht auf dem Schulhof, sondern im Unterricht. Die Jungen langweilen sich, irgendwann stören sie, am Ende kassieren sie miese Noten. Professor Wassilios Fthenakis, Entwicklungspsychologe an der Uni Bozen, geht gar so weit zu behaupten, dass System dahintersteckt: Pädagoginnen benachteiligten Jungen gezielt und verpassten ihnen bei gleicher Leistung schlechtere Zensuren. Die Schule, ein Ort der Jungendiskriminierung? Hoffentlich nicht.

Wie wird überhaupt ein Junge zum Jungen erzogen?
"Jungen zu erziehen heißt, ihnen alle Möglichkeitsräume der Entwicklung zugänglich zu machen"

Blau vs. Rosa: Puppe weg – Auto in die Hand?

Spielsachen raus: Männer, die mit den Jungen spielen, können kleine Wunder bewirken

Wie wird überhaupt ein Junge zum Jungen erzogen? Auch hier warnt Erziehungswissenschaftler Pech vor Pauschalisierung. "Wer legt denn fest, welche Verhaltensweisen Jungen angemessen sind und welche nicht? Nimmt man ihm die Puppe weg und zwingt ihn, mit Autos zu spielen?" Anders gefragt: Wie beschreibt man überhaupt "die Jungen" oder "die Mädchen"? Das müsste man ja können, wenn man sie als solche erziehen will. "Vielleicht abgesehen von biologischen Merkmalen ist das aber kaum möglich."

Pech verweist darauf, dass durch die Gesellschaft vieles bereits vorweg für Kinder entschieden wird. "Ein Spaziergang durch die Spielzeugabteilung eines Kaufhauses reicht da schon: blaue Verpackungen für Jungen, rosa Verpackungen für Mädchen. Welcher Junge ist denn so dumm, sich in der rosa Ecke erwischen zu lassen?" Pech wünscht sich eine unvoreingenommene Herangehensweise: "Jungen zu erziehen heißt, ihnen alle Möglichkeitsräume der Entwicklung zugänglich zu machen, ohne ihre Geschlechtlichkeit zu negieren." Bleibt die Frage unbeantwortet: Kommt es bei den Jungen vielleicht doch besser an, wenn ihnen das alles von einem Mann verklickert wird?

Geduldig zum Erfolg – Mit Lego in die Herzen der Kinder

Mini-Machos reagieren auf Strafen nicht. Das hat Pädagoge Beuster an seiner Brennpunktschule in Altona gelernt. Also ging er einen anderen Weg – er spielte mit den Jungen. Mit Handpuppen, Legoklötzen und ferngesteuerten Autos schlich er sich in ihre Herzen, schaukelte sie in einer Hängematte, erreichte zum ersten Mal ihre Kinderseelen. "Mir wurde bald klar, dass die das gar nicht kennen: dass ein erwachsener Mann sich mal zu ihnen auf den Boden hockt und mit ihnen spielt." Der Erfolg seiner Geduld ist rasch deutlich spürbar.

Unter den Kolleginnen heißt es bei problematischen Jungen bald nur noch: Lass das mal den Beuster machen. Er eröffnet seine erste Jungengruppe, mit der er regelmäßig Spieltreffen veranstaltet. "Wir haben Stadtindianer im Park gespielt und im Klassenzimmer danach ein Tipi aufgebaut." Nach dem Wechsel an eine andere Schule ließ ihn das Erlebte nicht mehr los. Beuster fing an, sein Buch zu schreiben, und bald zog er das Paten-Projekt auf – mit großem Erfolg.

Mütter müssen loslassen können
Jungs müssen sich von ihren dominanten Müttern loseisen.

Zuviel Fürsorge: Übermuttertier kein Wesen aus der Urzeit

Zu viel mütterliche Fürsorge bringt die Jungs in ihr Dilemma. Eine männliche Patenschaft kommt da gerade recht

Die Mütter der Jungs sagen: Danke, Männer! Die Hamburger Diplom-Pädagogin Martina Pankow ist begeistert von Beusters Paten-Idee – so sehr, dass sie sogar das erste zahlende Mitglied in seinem Verein wurde. Ihr 12-jähriger Sohn Lukas, den sie seit der Trennung von ihrem Mann vor gut 8 Jahren allein erzieht, besucht die Treffen regelmäßig."Es ist einfach gut und wohltuend für die Jungs, diesen Kontakt zu Männern zu haben, mit ihnen Männersachen zu unternehmen. Das ist eine Nähe und Auseinandersetzung, die einfach nötig ist. Sogar als sehr schwierig geltende Jungs zeigen ein ganz anderes Verhalten in diesen Gruppen, die reißen sich spürbar zusammen." Deshalb bringt sie ihren Sohn immer wieder gerne zu den Treffen.

Doch nicht jede Mutter kann so gut loslassen
Kinderpsychologe Bergmann bezeichnet die Dominanz vieler alleinerziehender Mütter als eine der Hauptursachen für das Dilemma vieler Jungen. "Ich erlebe hier in der Therapie Mütter, die ihre Söhne bis vor meinen Schreibtisch begleiten. Die wollen sozusagen mit auf die Couch – bis ich sie vor die Tür setze." Das Übermuttertier ist kein Wesen aus der Urzeit. Bergmanns Beobachtungen zufolge hat das Phänomen der dominanten Mütter in den letzten Jahren eher zu- als abgenommen, bedingt durch eine "Beziehungsverdichtung in den Großstädten". Das heißt: Die Familien werden immer kleiner, Lebensräume immer enger – und am Ende bleibt den Jungen, wenn der Vater bei der Arbeit oder ganz weg ist, nur noch ihre Mutter.

Überall glückliche Jungengesichter
Überall glückliche Jungengesichter

Große Dominanz: Überdosis Mutti

Verschwitzt und glücklich – in der Patenschaft können sich Jungs von der mütterlichen Dominanz lösen und austoben

Ist das Motto also: mit Mama allein zu Hause? Bergmann sagt, dass die vereinnahmende Dominanz vieler alleinerziehender Mütter den Jungen zu wenig Raum für die eigenständige Entwicklung lässt. Die Überdosis Mutti verformt ihr Selbstwertgefühl. Natürlich ist die Mutterliebe eine unersetzliche Kraftquelle – aber zu viel des Guten ist zu viel. Durch die überversorgende Dauerpräsenz werden Söhne am Heranwachsen eher gehindert. "Die Kinder möchten erwachsen werden, aber die Mama hockt den 12- oder 13-Jährigen wie eine Glucke auf der Schulter.

"Was Jungen, ob allein erzogen oder nicht,fehle, so Kinderpsychologe Bergmann, sei die souveräne, wachsame, aber zurückgenommene Haltung eines Vaters, der sich nach intensivem Spiel auch mal zurückzieht. Aber dazu kommt es nicht, weil sogar die meisten anwesenden Väter durch die Rollenverteilung ohnehin zu Nebenfiguren degradiert sind, die sich bereits gewohnheitsmäßig an Randgebiete des Familienzirkels verzogen haben. Grundsätzlich stören sie da nicht, aber wenn es mal echte Schwierigkeiten gibt, fehlen sie. "Das Gegenprinzip des Väterlichen, das in den meisten solcher Fälle ausgleichend, gelassener wirken könnte, ist dann zu schwach, um einzugreifen", sagt Bergmann. Erschwerend kommt der Mangel an Vätern hinzu – etwa drei Millionen Alleinerziehende gibt’s derzeit in Deutschland, 80 Prozent davon sind Frauen.

Großer Andrang auf erfolgreiche Jungenschmiede

Was also ist gut für die Jungen von heute? Die beste Antwort geben sie selbst. Der heutige Paten-Termin neigt sich dem Ende. Überall verschwitzte, glückliche Jungengesichter. Das Hämmern und Feilen, Bohren und Polieren hat nicht nur auf das Metall gewirkt. In Zahlen lässt sich der Erfolg des Projekts nicht fassen – außer, dass der Andrang riesengroß ist. Aber: "Jeder einzelne Junge ist nun besser integriert, und das spürt man.

"Beuster sieht sich nicht ohne Stolz in seiner Jungenschmiede um, als sein Blick aufs Fenster fällt: Aus dem Gebäudetrakt gegenüber seilen sich gerade ein paar 12-Jährige aus dem 2. Stock ab. "Das ist die zweite Arbeitsgruppe für heute, wegen des großen Andrangs", erklärt der Lehrer. Einige kletterkundige Väter machen es den Jungen vor, wie man sich aus großer Höhe abseilt. "Flucht aus dem Knast", hat Beuster das Nebenprojekt genannt. Zum Glück sind keine wirklich schweren Jungs dabei. Metall feilen, aus dem Knast abseilen –klingt nicht nach rosiger Zukunft. Aber wenn Beuster und die Paten so weitermachen, besteht Hoffnung, dass die Jungen das in der Knast-AG Gelernte nie brauchen werden.

Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann
Wolfgang Bergmann ist Leiter des Instituts für Kinderpsychologie und Lerntherapie in Hannover. Der Psychologe fordert die Erhöhung der Männerdosis an den Schulen.

Interview: "Seid Männer! Tut euren Kindern den Gefallen"

Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann aus Hannover im Interview mit Men's Health

Zurzeit wird viel über eine Benachteiligung der Jungen im deutschen Bildungssystem diskutiert. Auch Sie haben ein Buch über die Probleme kleiner Jungs verfasst. Ist Ihnen das Problem aus Ihrer Arbeit bekannt, haben Sie es sozusagen kommen sehen?

Das Problem ist nicht neu. Ich habe bereits vor mehr als 10 Jahren Essays darüber geschrieben. Aber natürlich kocht es immer wieder hoch

Von manchen wird eine Übermacht der Frauen im deutschen Bildungssystem – vor allem in den Kindergärten und Grundschulen – verantwortlich gemacht für ein Desinteresse der Jungen am Bildungsangebot. Teilen Sie diese Ansicht – bzw. wie würden Sie sie differenzieren?

Das allein ist nicht die Ursache. Aber es ist natürlich ein Problem. Schauen Sie sich nur an, wie ein Zivi im Kindergarten von den Jungs umlagert wird – da erkennen Sie schon, dass es ganz offensichtlich einen Mangel gibt. In Deutschland hat sich über die Jahre eine Tüddel-Friedens-Schlaffi-Pädagogik etabliert, die Jungen nicht gerecht werden kann. Wenn einem 10-jährigen Jungen eine frustrierte mittelalte Frau vorgesetzt wird, die immer nur redet und redet, ist es klar, dass der irgendwann eine Störung davon trägt.

Wenn Johannes in der Kindergartengruppe einfach mal laut drauf losbrüllt, kommt sofort eine Erzieherin, die ihn ermahnt: „Aber Johannes, wollten wir nicht alle ganz leise sein?“ Wenn zwei Jungs in einer Rauferei klären wollen, wer der King auf dem Hof ist, wird gleich der Morgenkreis einberufen. Und wenn ein Junge aus Frust über den Schulalltag die Türen knallt oder einen Stuhl umtritt denkt die Mutter gleich, er endet im Knast. Diese verängstigte Harmonieseligkeit sorgt dafür, dass die Jungen ihre männliche Seite nie kennen lernen. Und dass sie ihre Körperlichkeit nicht ausleben können. Darum fehlt ihnen jegliches Gefühl für Grenzen. Da wundert es mich nicht, wenn Jugendliche auch auf einen am Boden liegenden eintreten. Woher sollen die denn wissen, dass man so etwas nicht tut?

Das heißt, das Problem beginnt bereits in den Familien.

Aber hallo. Dort haben wir dominante, überbehütende Mütter und zumeist abwesende Väter. Mama ist immer da. Eine Rückkehr in den Schoß der Mutter ist immer möglich. Zwar wünschen sich die Jungen mit 10 oder 12 eine Abnabelung, kehren aber letztlich doch immer wieder in die mütterliche Obhut zurück. Die Kinder wollen erwachsen werden, aber die Mama hockt den 12- oder 13-Jährigen wie eine Glucke auf der Schulter. Ich erlebe hier in der Therapie Mütter, die ihre Söhne bis vor meinen Schreibtisch begleiten, mit großen Augen über das Wohl ihrer Sprösslinge wachen, die wollen quasi mit auf die Couch. Die muss ich dann ganz schnell vor die Tür setzen.

Gehört zu einer Übermacht des Weiblichen in der Erziehung nicht auch die Abwesenheit des Männlichen, sprich: des Vaters?

Ganz klar. Das ist der nächste Schritt in der Tragödie. Die Väter sind nicht Teil des Ganzen. Sie kommen vielleicht sogar mal gemeinsam mit Mutter und Sohn zu mir in die Therapiestunde, aber da hören sie dann, wie die Mutter mit festem Blick zu mir sagt: „Mein Sohn kommt für mich an erster Stelle.“ Sprich: Der Vater ist abgemeldet. Da denke ich dann auch oft: Die Jungen haben es nicht leicht.

Was ist Ihr Rat an die Väter?

Denen rufe ich zu: Seid Männer! Tut euren Kindern den Gefallen. Jungen brauchen dieses Gegengewicht zum Mütterlichen. Sie brauchen jemanden, der mit Ihnen mit Bauklötzen spielt und sich nicht darum schert, dass dann das Zimmer so unordentlich ist. Sie brauchen jemanden, der mit ihnen Fußball spielt und dem es egal ist, wenn sie dabei dreckig werden. Jemand, der ihnen nicht ständig das Hemd zurechtzupft. Und ich verlange von den Vätern, dass sie ihre männliche Kraft in der Familie einbringen. Dass sie ihre Söhne mal kräftig in den Arm nehmen, sie aber auch zurechtweisen und sagen: Pass auf Kleiner, bis hierhin und nicht weiter, ich bin dein Vater, ich sage wo es langgeht. Den Jungen geht das Herz auf, wenn sie diese liebevollen, autoritären Töne hören.

Was sagen Sie den Frauen?

Liebt eure Männer, sie haben ein Recht darauf. Stellt nicht immer nur das Kind an die erste Stelle.

Was wäre auf bildungspolitischer Ebene zu tun?

Das sind gesellschaftliche Strömungen, da können Sie nur proklamieren aber nicht beeinflussend eingreifen. Was ich konkret tun würde: Ich würde nicht immer nur nach mehr Lehrern schreien. Aber nach mehr Männern. Ich fordere: Holt Männer an die Schulen, die in klassischen Handwerksberufen arbeiten. Gerne solche, die bereits pensioniert sind. Die haben Zeit und sind immer noch gut drauf. Sie glauben gar nicht, wie so genannte schwierige Jungs auf die abfahren. Denen geht das Herz auf, wenn sie auf diese Weise mit männlicher Autorität konfrontiert werden. Wenn ihnen einer sagt: So und so wird der Nagel da reingeschlagen, los, jetzt du. So lernen Jungen die Welt mit ihren Händen begreifen und werden mit ihrer Männlichkeit vertraut gemacht. Insofern setzt das von Ihnen beschriebene Hamburger Projekt von Herrn Beuster genau an der richtigen Stelle an.

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