Tempo-Training: Schnell wie Usain Bolt

Super-Sprinter Usain Bolt im Interview
Usain Bolt im exklusiven Men's-Health-Interview

Der Jamaikaner Usain Bolt ist der schnellste Mann der Welt. Bei uns verrät er, wie er Geschwindigkeit neu definieren will. Plus: Video-Interview und -Workout

Am Anfang war der Knall. Dann Stille. Nach dem Startschuss im Berliner Olympiastadion verstreichen gerade einmal 0,146 Sekunden, bis Usain Bolt regelrecht explodiert: Wie ein Gepard springt er aus seinem Startblock und beschleunigt mit mehr als 700 Watt von 0 auf 25 km/h – die Stoppuhr zeigt 2,89 Sekunden. Bald erreicht er seine Höchstgeschwindigkeit von 44,72 km/h und ist einen Wimpernschlag später im Ziel: 9,58 Sekunden über 100 Meter, Weltrekord!

So geschehen im Jahr 2009 bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin. Und jetzt will Bolt wieder Gold. Bei der Leichtathletik-WM in Daegu (Südkorea), die am 27. August beginnt. Wer soll ihn stoppen? Keiner erreicht dieses Spitzentempo, keiner läuft seinen Schnitt von 37,58 km/h, keiner macht so schnelle und dabei große Schritte wie er: Ganze 41 davon benötigte er in Berlin für die 100 Meter. Umgerechnet drückte Bolt mehr als 4-mal pro Sekunde seine Spikes in die Tartanbahn des Olympiastadions – wohlgemerkt: jeweils im Abstand von 2,44 Metern.

Schnell wie Usain Bolt
Usain Bolt ist die Entdeckung der Schnelligkeit

Auf den ersten Blick ist Usain Bolt alles andere als schnell

Als Mr. Bolt zum Men’s-Health-Shooting ins Münchener Fotostudio schlurft, ist von der Schnelligkeit nichts zu sehen. Alles an dem Mann aus Jamaika wirkt entspannt, ja, fast schon ein wenig träge, würde er am Set nicht gleich zu einem Tänzchen ansetzen, passend zu den Dub-Rhythmen aus der Musikanlage. "Stress mögen wir Jamaikaner gar nicht", stellt er mit seiner sehr ruhigen, sehr tiefen Stimme klar. Und kommt gleich mit seinem ersten Tipp: "Über die Jahre habe ich gelernt, meine relaxte Art aufs Sprinten zu übertragen. Das ist wichtig, denn zu viel Spannung tut nicht gut." Als kleiner Junge war Bolt hibbelig, seine Mutter schleifte ihn deswegen zum Kinderarzt. Der Doc beruhigte sie: "Alles pure Energie." Mama Bolt schob’s auf die Süßigkeiten, die sie während der Schwangerschaft gegessen hatte. Die Schokoriegel waren gut investiert, der Arzt hatte Recht: Jahrzehnte später entlädt Sohnemann Bolt seine Energie in der Leichtathletik-Welt wie ein Blitz. Bis in die Welt der Wissenschaft ist das Donnergrollen zu hören – dort gilt der 3-fache Olympiasieger als der neue Prototyp eines Sprinters.

Der größte Vorteil des Sprint-Sportlers: seine Körpergrösse

Für Biomechaniker wie Professor Gert-Peter Brüggemann von der Deutschen Sporthochschule Köln ist der Körperbau des Jamaikaners perfekt: "Er läuft unglaublich effizient. Die enorme Beinlänge, die Proportionen von Ober- und Unterschenkel, die Hebelverhältnisse: Mit dem 1,95 Meter großen, schlanken Körper holt Usain Bolt bei jedem Schritt auf der Strecke wertvolle Zentimeter im Vergleich zur oft kleineren Konkurrenz." Die optimale Kombination aus extremer Schrittlänge und hoher Schrittfrequenz macht ihn derart stark. Gezählt scheinen dagegen die Tage kleiner, muskelbepackter Sprinter wie etwa Maurice Greene (1,75 Meter), Ben Johnson (1,78 Meter) oder Walter Dix: Letztgenannter wiegt bei gerade mal 1,75 Meter stolze 86 Kilo. Er holte bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking zwar immerhin Bronze über die 100 Meter, benötigte dafür aber 6 Schritte mehr als Bolt. In den letzten 100 Jahren stieg die Körpergröße der 100-Meter-Weltrekordler um 16 Zentimeter. In derselben Zeit wuchs die Bevölkerung im Durchschnitt nur um 4,8 Zentimeter. Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich auch in anderen Sportarten: Beim Schwimmen etwa beherrschen immer mehr groß gewachsene Athleten die Szene, hier nahm die Größe der Weltrekord-Halter in 100 Jahren um 11 Zentimeter zu. Wenn 2 Sprintathleten gleich groß sind, kommt die von Forschern beschriebene "wahre Größe" zum Tragen: der Abstand vom Boden zum Masseschwerpunkt des Körpers. Beim Menschen befindet er sich ungefähr auf Beckenhöhe. Ein weiterer Pluspunkt für Bolt mit seinen rund 1,10 Meter langen Beinen.

Auf Basis dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt es inzwischen Stimmen, die für die Einführung von Größenklassen beim Sprint plädieren, ähnlich den Gewichtsklassen im Boxsport. Dagegen spricht: Für ein wirklich faires System müsste es viele kleine Klassen mit wenigen Zentimetern Streuung geben. Statt einer einzigen gäbe es dann ein Dutzend Sprintausscheidungen über eine Distanz. Das wäre bei großen Events kaum praktikabel und ginge auf Kosten der Attraktivität des Sports.

Lesen hier das Erfolgsrezept des Super-Sprinters.

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