Die große Freiheit: Sechs Paragrafen für Paare

Lassen Sie sich gegenseitig genügend Raum zur Entfaltung
Lassen Sie sich gegenseitig genügend Raum zur Entfaltung

Ihr Lebensstil ist Ihnen so wichtig wie die Frau an Ihrer Seite? Wie die eigene Freiheit nicht zum Gefängnis des Partners wird und wie viel Freiheit die Liebe verträgt, steht in unseren sechs Paragrafen für Paare

Stellen Sie sich vor, Ihre Beziehung sähe so aus: Sie könnten mit jeder Frau schlafen, die Sie ranlässt, Ihre Socken auf dem Esstisch liegen lassen und jederzeit mit den Jungs einen heben. Und Ihre Liebste würde nie klagen. Wäre das nicht prima? Ja! Aber es wäre keine Beziehung. Bei aller Freiheitsliebe: Es ist nicht Sinn einer Partnerschaft, frei zu sein. Darum heißt es ja "Ich bin gebunden", und deshalb lebte George Clooney jahrelang mit einem Hängebauchschwein zusammen. "Für das Einfordern von Freiheiten in der Beziehung gibt es keine allgemein gültigen Regeln", sagt Paarberater Michael Mary aus Schadeland. Es ist eine Frage der individuellen Verfassung. Über Freiheiten lässt sich daher nur bedingt verhandeln. "Freiheit und Beziehung stehen nicht unbedingt im Widerspruch", erklärt der Buchautor ("Und sie verstehen sich doch", Lübbe-Verlag, um 18 Euro).

"Freiheit ist ja nichts Absolutes. Sie kommt innerhalb bestimmter Grenzen vor. Und die variieren von Paar zu Paar." Diese Grenzen wollen wir für Sie ausloten. Einen Tipp vorweg: Wenn es bei Ihnen beiden gewisse Animositäten gegenüber bestimmten Verhaltensformen gibt, sollten Sie füreinander erst mal festlegen, was in der Beziehung erlaubt ist und was nicht. Erstellen Sie eine Grundrechte-Charta, die die Freiheiten des Individuums festlegt. "Wenn die Charta Ergebnis von Verhandlungen ist, kann das helfen", sagt Psychologe Mary.

§ 1 Reisefreiheit
Situation: Sie will mit einer Freundin in den Urlaub fahren – ohne Sie.
Frage: Wie reagieren Sie, vor allem da Sie befürchten, dass Frauen im Solo-Urlaub zum Fremdgehen neigen?

Wenn Sie erst einmal ausrasten wollen, steht Ihnen das frei. Mary: "Sie haben ja wohl keine Wahl in Ihrer Reaktion – die ist nämlich emotional und steht dem Willen kaum zur Verfügung." Vielleicht erledigen Sie den Wutausbruch aber zunächst im Keller – allein. Für das folgende Gespräch raten wir zur Besonnenheit und zu angemessenen Forderungen: Sprechen Sie über Ängste und treffen Sie Abmachungen, mit denen sich beide gut fühlen. Nein, abschließbare Bikini-Höschen und eine Webcam über ihrem Hotelbett gehören nicht zur Verhandlungsmasse.

§ 2 Redefreiheit
Situation: Sie trägt ein neues Kleid, Sie finden, es sieht unmöglich aus.
Frage: Dürfen Sie das laut sagen?

Natürlich kann in einer Beziehung jeder zu jeder Zeit sagen, was er will. Er muss aber auch im gleichen Rahmen damit rechnen, dass ihm scharfer Wind entgegen bläst. Soll heißen: Wenn Sie keinen Krieg riskieren wollen, wählen Sie Ihre Worte mit Bedacht. Kommentare wie "Presswurst" und "Kleidersack" verbieten sich. Oft genügt es, wenn Sie das Kleid nicht allzu überschwänglich loben, um ihre Zweifel zu wecken. Kritik bewirkt womöglich eher Trotz. Tipp vom Paarberater: "Anstatt sie zu kritisieren und zu sagen 'Du siehst unmöglich aus', wäre es besser, den eigenen Eindruck wiederzugeben: 'Mir sagt das gar nicht zu' oder 'Ich traue mich gar nicht, mich neben dir blicken zu lassen'."

§ 3 Feierfreiheit
Situation: Sie wollen mit den Kumpels feiern gehen – ohne Frauen.
Frage: Muss sie das erlauben? Wenn ja, unter welchen Bedingungen?

Wie kommt es bloß, dass Ihre Liebste von dieser Idee nicht begeistert ist? Sie gehen mit den Jungs einen trinken und zum Wackelpudding-Catchen, und Ihre bessere Hälfte sieht zu Hause fern. Ist doch super! Aber sie schmollt. "Sie muss Ihnen gar nichts erlauben, sie kann Ihnen auch nichts verbieten", sagt der Paar-Profi. "Das hat Mutti getan. Bedenken Sie aber: Die Partnerin kann ihre Konsequenzen ziehen, mit denen Sie dann leben müssen." Besser wäre es also, Sie gingen die Sache etwas weniger forsch an – warum vereinbaren Sie nicht ein, zwei bewegliche monatliche Termine, an denen Sie und sie machen können, was jeder will? So können gar nicht erst falsche Erwartungen in Bezug auf die gemeinsame Abendgestaltung aufkommen.

§ 4 Flirtfreiheit
Situation: Sie verstehen sich ausgesprochen gut mit einer neuen Kollegin. Ihre Liebste ist der Meinung, Sie haben einen Flirt.
Frage: Wie kommen Sie aus der Eifersuchtsnummer wieder raus?

Die Ines aus der Buchhaltung ist ein echter Kumpel. Mit der kann man Pferde stehlen. Und einen heben. Und bis in die Puppen tanzen. Klar hat die Ines unheimlich tolle Brüste und einen Wahnsinnshintern. Aber das tut doch hier gar nichts zur Sache. So, glauben Sie. Das sieht das andere Mitglied Ihrer Lebensgemeinschaft etwas differenzierter. Sie würde sogar so weit gehen, Kratz- und Beißtechniken anzuwenden, um ihren Standpunkt anschaulich zu vertreten. Vielleicht sollten Sie eher deeskalieren? Verlassen Sie sich besser nicht darauf, dass Ihre kleine Furie sich schon wieder beruhigt. "Ob Ihre Partnerin einfach über die Sache hinwegsehen kann, kommt auf ihr Selbstbewusstsein an", erklärt der Fachmann. Darüber reden ist in jedem Falle besser. "Auch hier könnte ein Gespräch über Ängste und Befürchtungen Ihrer Partnerin eine größere Klarheit schaffen." Machen Sie ihr verständlich, dass Sie wirklich nur kumpelhafte Absichten haben und dass Ihre Liebste immer noch unangefochten Ihre Königin ist. Und überhaupt: Wenn die Kollegin wirklich nur ein Kumpel ist – warum darf dann Ihre Partnerin nicht einfach dabei sein beim Pferde stehlen?

§ 5 Wahlfreiheit
Situation: Sie schlägt Ihnen vor, künftig eine offene Beziehung zu führen, in der beide das Recht zu Seitensprüngen haben.
Frage: Kann so was funktionieren?

Denken Sie jetzt nicht gleich: Wow, dann kann ich ja jetzt endlich mit der Doreen und der Mandy in die Kiste springen! Denken Sie, dass Ihre Liebste den Heiner und den Carlo in letzter Zeit so nett angelächelt hat – und was das bedeuten könnte. Zunächst müssen Sie sich darüber klar werden, dass hier Freiheit nur ist, was beide als solche akzeptieren und definieren. "Fremdgehen ist keine Einschränkung der Freiheit des Partners", sagt der Psychologe. "Das ist eher eine Verletzung der Sicherheitsgefühle. Auch Ihr Wunsch, dass sie nicht fremdgeht, ist keine Einschränkung ihrer Freiheit. Aber wenn Sie diese Bedingung stellen, könnte das eine Einschränkung sein – unter der Voraussetzung, dass Fremdgehen unter Ihren Begriff von Freiheit fällt."

Fakt ist: Die wenigsten Beziehungen verkraften es, wenn die Partner einander in aller Offenheit gestehen, was sie wo und wann mit wem wie oft getrieben haben. Mary: "Ich würde raten, das eher für sich zu behalten. So etwas kann gut gehen, solange sich die Partner an bestimmte, von ihnen selbst verfasste Regeln halten und keine Verliebtheiten entstehen. Aber eine Garantie dafür kann keiner geben. Die Sache wird womöglich lebendig und zugleich gefährlich, was ja zusammengehört." Es kommt drauf an, welches Maß und welche Form von Lebendigkeit Sie sich in Ihrer Beziehung wünschen. Schlachtfelder sind im ersten Moment auch sehr lebendig und gefährlich, aber am Ende bleibt ein Bild der Zerstörung.

Eine offene Zweierbeziehung ist also nicht wirklich empfehlenswert – welche aber dann? "Es gibt heutzutage keine für alle Menschen passenden Beziehungsformen", sagt der Experte. "Schon gar nicht solche, die allen gemeinsames Glück und individuelle Freiheit garantieren. Das Bedürfnis nach Freiheit ist unterschiedlich ausgeprägt. Dennoch würde ich sagen, dass Beziehungen, die bestimmte Distanzformen aufweisen, wie beispielsweise getrennte Zimmer, Betten, Konten oder Wohnungen, immer mehr an Bedeutung gewinnen."

§ 6 Bewegungsfreiheit
Situation: Sie wollen mindestens dreimal die Woche zum Sport. Das bewegt Ihre Liebste zu sagen, Ihnen sei Ihre Figur wichtiger als ihre.
Frage: Wer setzt sich hierbei durch?

Nichts gegen ein bisschen Kuscheln vor dem Fernseher – aber ganz so kuschelig wollen Sie sich dann doch nicht anfühlen. Sixpack ist schließlich Sixpack. Kaum holen Sie die Trainingsschuhe aus dem Schrank, beginnt aber die immer gleiche Diskussion: Fitness oder Foulness – wo liegt der Kompromiss? Der Paarberater: "Der ergibt sich aus der gegenseitigen Einsicht in die Wichtigkeit der unterschiedlichen Bedürfnisse." Das heißt nicht, dass Sie nun einfach sagen, dass Pumpen und Joggen Ihnen mehr bedeuten als Gammeln und Knuddeln. Keiner von Ihnen sollte die Absicht des anderen verdammen, sondern vornehmlich klarmachen, warum das eigene Ziel so wichtig ist. Sie sollen ihr verdeutlichen, was Ihnen der Sport bringt – und warum Sie sich ohne schlecht fühlen.

"Beide Seiten müssen einander erklären, was das eine und das andere für jeden bedeutet", sagt Mary. Erst wenn die Wichtigkeit der einzelnen Alternativen für beide klar ist, können Sie sich aufeinander zu bewegen. Vielleicht gehen Sie einfach zweimal morgens zum Sport, dafür wird dann einmal zusammen gekuschelt und einmal gibt es prima Sex? Das senkt auch die Gefahr, dass einer andere Partner ausprobieren will.

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