Auf den höchsten Highlines der Welt: Slackline-Erlebnisbericht aus Malaysia

Slacklinen in Malaysia
Slacklinen in 4000 Metern Höhe: Die Formation heißt "Donkey Ears", weil sie von einer Seite an zwei Eselsohren erinnert. Die Distanz zwischen den beiden "Ohren" beträgt 60 Meter

Auf dem höchsten Berg Südostasiens hat es Reinhard Kleindl und seinen Kletter-Kollegen Daniel Peis verschlagen, um eine 60 Meter lange Highline in 4000 Meter Höhe aufzubauen – und zu bezwingen. Ein Erlebnisbericht

"Als Daniel Peis mich fragte, ob ich bei einem Adidas-Projekt am Mount Kinabalu mit meiner Highline dabei sein will, habe ich keine Ahnung, was auf mich zukommen wird. Ein 4000er auf einem anderen Kontinent, in einem Kulturkreis, den ich nicht kenne, mit Leuten, die ich nicht kenne? Das war viel, was für mich neu ist.

Die Fotos, die er mir zeigte, waren atemberaubend. Highline-Möglichkeiten in einer Qualität, wie man sie weltweit an einer Hand abzählen kann. Doch Highlinen braucht Vorbereitung: Wie kommt man auf die Pfeiler hinauf? Wie stabil ist das Wetter? Und nicht zuletzt: Wie lang soll die Leine werden? Alles Dinge, die man wissen sollte, bevor man sich in einen Flieger an das andere Ende der Welt setzt. Als ich nach einer Nacht in Kota Kinabalu, in einem engen Hotel ohne Fenster mit einem stattlichen Jetlag den Berg hinaufstieg und bei unserer Hütte auf 3700 Metern ankam, wurden mir zwei Dinge klar: Der Highline-Spot mit den beiden Felsnadeln, den wir ausgespäht hatten, war tatsächlich so atemberaubend, wie ich es vermutet habe. Und: Er ist riesig.

Die Formation heißt "Donkey Ears", weil sie von einer Seite an zwei Eselsohren erinnert, und ist ein 4000m hoher Nebengipfel dieses Berges. Die Distanz zwischen den beiden "Ohren" beträgt 60m, wie mir mein Laser-Messgerät zeigte. Ich wurde nervös: Das ist groß, aber diese Distanz habe ich seit einigen Jahren in meinem sportlichen Repertoire. Doch wie wird es mir mit der Höhe und dem Wetter gehen? Wir nahmen uns keine Zeit zum Akklimatisieren und begannen sofort mit den Vorbereitungen. Es zeigte sich, dass es alles andere als trivial ist, auf die Pfeiler zu kommen. Vor allem der Größere der beiden bot brüchiges Gelände mit schlechter Absicherung. Erst als wir, nach zwei Tagen, diesen Gipfel erreichten, begann ich daran zu glauben, dass es tatsächlich passieren wird, dass es uns gelingen wird, die Line aufzubauen.

Es kostet uns einen weiteren Tag, bis wir die Verbindung hergestellt haben - auch der zweite Turm ist nicht ganz einfach zu erreichen - und die Highline bereit ist. Wie jeden Nachmittag schlug das Wetter um und wir sahen zu, dass wir zurück in die Hütte kommen. Am nächsten Tag machte sich die Erschöpfung bemerkbar. Es war der fünfte Tag auf über 3700 Metern und die Zeit wurde knapp. Das Wetter war soweit stabil und ich wusste, ich habe ein paar Stunden, bis der unvermeidliche tropische Wetterumschwung kommen würde, wenn die warme Luft aus dem Tal aufsteigt und alles in Nebel hüllt.

Nun brauchte ich etwas Glück. Ich kletterte hinauf zur Line, ich sicherte mich und rollte hinaus ins Nichts, um die ersten Versuche zu machen. Es lief katastrophal, ich stürzte immer wieder, fand keine Orientierung und war völlig am Ende. Ich hatte große Zweifel, ob ich der Sache gewachsen bin. Die Höhe, die Ausgesetztheit machten mir mehr zu schaffen, als ich vermutet habe. Ist mir das hier zu groß? Muss ich unverrichteter Dinge wieder zurück in die Heimat fliegen?

Ein weiteres Mal kämpfte ich mich hinauf zum Fixpunkt der Line. Ich brauchte all meine Routine, mache taktische Versuche von der Mitte weg. Als ich dann einmal kurz nachspannte und die Begehung machte, war ich überglücklich, feierte ausgelassen mit Daniel Peis, dass er mich überredet hatte hierherzukommen, um mit mir diese unglaubliche Highline aufzubauen.

Am nächsten Tag hatten wir noch Zeit, die Line abzubauen, dann ging es zurück ins Tal. Unser Flugzeug wartete schon."

Autor:Reinhard Kleindl

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