Die besten Ziele für Slackliner: Slackline-Erlebnisbericht aus Vela Draga in Kroatien

Slacklinen in Kroatien
Malerisches Ambiente nicht nur für Slackliner: die Felsnadeln und Pfeilern des Vela Draga-Tals

Reinhard Kleindl, Lukas Irmler, Juli Mittermaier und Friedi Kühne erzählen uns von ihrer Reise ins kroatische Vela Draga. Dort spannten sie mehrere Highlines im malerischen Tal des kroatischen Naturschutzgebietes bei Opatija

"Jeder, der sich schon einmal mit Klettern in Kroatien beschäftigt hat, kennt die Bilder: Vela Draga, ein Tal, dessen Hänge nur aus Felsnadeln und Pfeilern zu bestehen scheinen. Schon in den 1930er Jahren wurde dort geklettert, und eine Bahnlinie aus Monarchie-Zeiten muss Reisenden auch im frühen 20. Jahrhundert einen spektakulären Ausblick geboten haben. Was für Kletterer und Bahnreisende ein angenehmer Nebeneffekt ist, weil es für ein malerisches Ambiente sorgt, hat für Slackliner eine völlig andere Bedeutung - zwischen Pfeilern kann man Highlines spannen!

Ich hatte das Vela Draga schon seit einiger Zeit auf meinem Radar, doch bei Recherchen kamen Zweifel auf. Das Tal steht unter Naturschutz und obwohl dort jede Menge Bohrhaken im Fels stecken, konnte ich nicht genau sagen, wie man dort auf Highlines reagieren würde. Wo klettern erlaubt ist, müsste theoretisch auch das Spannen von Highlines möglich sein, aber die Erfahrung zeigte, dass die Dinge nicht immer so einfach liegen. Dass dieses Gebiet ein Traum zum Highlinen wäre, stand für mich außer Frage. Irgendwann wurde mir klar, dass man erst vor Ort mehr erfahren würde, und als ich mit Lukas Irmler nach einem lohnenden Projekt fürs Frühjahr suchte, war es soweit. Julian Mittermaier und Friedi Kühne waren mit von der Partie und ein Auto voller motivierter Slackliner startete Richtung Süden.

Der erste Anblick übertraf unsere Erwartungen: Das Ambiente dort ist gewaltig. Pfeiler, so weit das Auge reicht, in allen Formen und Größen. Wir erträumten uns sofort unterschiedlichste Highlines und wagten uns mit dem Laser-Entfernungsmesser an die exponiertesten Punkte um die Distanzen zu vermessen, die wir ohne Seil erreichen konnten. Unserer Phantasie waren dabei wenig Grenzen gesetzt, hatten wir doch Bänder bis 130 Meter Länge dabei. Was uns allerdings Sorgen machte, war die Felsqualität. Die Gipfel der Pfeiler waren meist brüchig. Ob man dort Highlines befestigen konnte? Und wie sah es mit dem Setzen von Haken aus?

Diese Fragen beschäftigten uns, als wir abends in der Unterkunft unseren Schlachtplan diskutierten. Wir entschlossen uns, die Sache vorsichtig anzugehen, und am nächsten Tag begannen wir mit dem Aufbau einer 20m langen Highline. Clean, also ohne Verwendung von Bolts, nur an Felsköpfeln. 

Es zeigte sich, dass die Kletterer, die mit uns im Gebiet waren, schnell verstanden, was wir vorhatten, und davon nicht weiter beeindruckt waren. Slacklinen ist inzwischen bekannt genug. Die Leine war bald gespannt und bereit für unsere Begehungen. Nebenbei blieb noch Zeit zum Klettern an den schönen Routen darunter, auf denen wir einen guten Eindruck vom Spirit der Erschließer bekamen: Wir kletterten etliche "schwere Sechser", die selbst für einen passionierten Plattenschleicher wie mich zum Teil recht knifflig waren. 

Die Slackline dagegen war purer Genuss, aber es war klar, dass wir bald etwas Längeres als 20m probieren mussten. Lukas und Juli haben beide mehrere Highlines über 100m Länge begangen, und auch ich zähle 80m+ seit einigen Jahren zu meinem Repertoire. Gespräche mit den Kletterern ergaben, dass wir besser keine eigenen Bohrhaken setzen sollten. Daran hielten wir uns. Wir machten uns also auf die Suche nach weiteren Felsköpfeln und wurden tatsächlich fündig: Ein 60m Spot wurde ausgekundschaftet und vermessen. Der Aufbau erschien schwierig, aber möglich. 

So machten wir uns am nächsten Tag daran, die beiden Köpfel zu umschlingen und eine Verbindung über den Baumwipfeln herzustellen. Dabei brauchten wir all unsere Erfahrung und mussten sämtliche Tricks und Kniffe auspacken, inklusive Auswerfen mit einer Angel, um eine Schnur über die Äste zu bekommen. Nach etlichen Stunden wurden unsere Bemühungen belohnt und die Leine stand. Die Spiele konnten beginnen.

Spiele daher, weil es in den letzten Jahren ein paar neue Entwicklungen beim Highlinen gab, mit denen niemand so wirklich gerechnet hat. Einerseits ist die "Begehung", das reine Überqueren, inzwischen kaum mehr als eine lästige Pflichtübung. Ist sie erledigt, beginnt man, Tricks zu probieren: "Surfen", "Bouncen", "Chestbounce", "Exposure Turn", bei dem man sich quer zur Line dreht, um in die Landschaft hinauszuschauen, um die Höhe noch intensiver zu erleben. Andererseits hat man die Spannung, mit der Highlines vorgespannt werden, massiv zurückgefahren. Waren ursprünglich bei 60m Länge nicht selten Vorspannungen von bis zu einer Tonne im Spiel gewesen, genügen nun 200-300 Kilogramm. Das entspricht bei meinem Körpergewicht einem Durchhang von über dreieinhalb Metern. 

Schwierige Tricks in der Mitte von 60m Highlines (immerhin vor fünf Jahren noch Weltrekordistanz) bei so viel Durchhang – das hat zu einem Sprung im internationalen Niveau beim Highlinen geführt, bei dem Juli Mittermaier derzeit einer der Vorreiter ist. Auch für "alte Hasen" wie Lukas und mich ist es reizvoll, noch einmal umzulernen und diese Entwicklung mitzumachen, denn weniger Spannung bedeutet mehr Sicherheit und einen einfacheren Aufbau. Ich persönlich kann mich mit Tricks auf der Highline nicht so recht anfreunden, aber die geringe Spannung fasziniert mich. Eine in vielerlei Hinsicht großartige Entwicklung! 

Alle hatten wir die Begehung schnell abgehakt und dann begannen die Experimente. Dabei gelang Juli etwas Außergewöhnliches: Er konnte die lockere 60er mit verbundenen bis zum Ende durchgehen, bevor er auf den letzten Metern abstieg. Weltrekord! Die bisherige Bestmarke lag bei 50 Metern! Oder doch nicht? Üblicherweise darf eine Begehung kurz vor dem Fixpunkt kontrolliert beendet werden, bevor man dem Fels zu nah kommt und ein Sturz gefährlich werden könnte. Julis Abstieg war definitiv am Ende, aber nicht völlig kontrolliert, was auch damit zu tun hatte, dass er nicht wusste, wie weit er schon war. Gilt das? Schwer zu sagen! Juli meinte, er wolle ohnehin bald 70m machen.

Zu viel Ernst ist ohnehin kontraproduktiv. Konsequenterweise nannten wir die Leine "naturgesund und sonnengereift", nach einem Slogan, den wir auf einer Packung Haferflocken fanden. Eine cleane Highline ist selbstverständlich "naturgesund", und nach dem Aufbau waren wir alle "sonnengereift", mit leuchtend roten Nasen und Rücken. 

Auf der Heimfahrt besuchten wir dann noch Pazin, um bei dem dortigen wunderschönen Wasserfall eine 50m-Leine zu spannen, etwa 8m über dem Wasser. Das überhängende Gelände lud dazu ein, die Leash (Sicherung) wegzulassen und das Wasser als Sicherung zu nutzen. Nicht von mir, muss ich gestehen. Ich saß nach einigen Leash-Begehungen zufrieden in meiner Hängematte, genoss die Atmosphäre und schrieb diesen Artikel."

Autor: Reinhard Kleindl

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