Kreißsaal-Knigge: So stehen Sie Ihren Mann im Kreißsaal

Kreissaal-Knigge
15 Prozent der Männer befürchten, sie könnten während der Geburt stören. 10 Prozent haben Angst, in Ohnmacht zu fallen. Quelle: Uniklinik Charité, Berlin

Die Wehenabstände werden kürzer, die Sorge wächst? Mit diesen 9 Regeln für den Kreißsaal werden Sie das Kind schon schaukeln. Plus: 4 Väter erzählen von der Geburt ihres Kindes

  1. Geduld haben
    „Bereiten Sie sich darauf vor, dass Sie im Kreißsaal erst einmal nur Beobachter sind“, sagt Ralph Burtscher, Assistenzarzt der Frauenklinik am Helios-Amper-­Klinikum Dachau. Sie müssen keine Tricks kennen, sondern einfach nur da sein, wenn Sie gebraucht werden. Ihre Frau wird Ihnen schon sagen, was sie möchte: Wasser, eine Massage oder einfach nur Ruhe.
  2. Gespräch suchen
    Wenn Ihre Frau keine Ruhe braucht, gilt: Reden ist das A und O vor und nach der Wehentätigkeit. Fragen Sie ruhig nach, was Sie tun können. Sie sind nicht nur Unterstützer, sondern auch noch eine Art Vermittler zwischen Hebamme, Arzt und Ihrer Frau.
  3. Zunge hüten
    Rein ging’s schneller? Das mag schon sein, derartige Sprüche sollten Sie sich aber trotzdem während der Geburt sparen. Dasselbe gilt auch für gut gemeinte Ratschläge: lieber einer zu wenig als einer zu viel.
  4. Platz finden
    Stehen Sie immer seitlich zur Frau – und nicht an ihren Füßen. Heißt: nicht direkt in den Geburtskanal schauen. „Das könnte negative Auswirkungen auf Ihr späteres Liebesleben haben. Zudem ist das den Frauen immer unangenehm“, erklärt Experte Burtscher, der an der oben genannten Klinik auch Informationsveranstaltungen mit dem Titel „Was tun, wenn ,Mann‘ nichts tun kann?“ anbietet. 
  5. Grenzen ausloten
    Burtscher: „Wenn Ihnen zu viel Blut im Spiel ist, dürfen Sie selbstverständlich auch rausgehen.“ Das ist besser, als ohnmächtig zu werden (dafür haben die Ärzte und Hebammen jetzt nämlich keine Zeit). 
  6. Tipps meiden
    Es war klar, dass die werdende Mama keine Periduralanästhesie (PDA) möchte. Nun sind die Schmerzen aber so stark, dass sie die PDA doch möchte. Ver­meiden Sie Aussagen wie: „Das wollten wir doch nicht.“ 
  7. Vergleiche lassen
    Ein No-Go ist der Vergleich mit früheren Geburten. „Erwähnen Sie nie, dass das vorherige Kind größer, hübscher, stärker war“, sagt der Assistenzarzt.
  8. Netz ausschalten
    Alle wollen gern nah dran sein. Die Geburt ist aber ein intimer Moment, der nicht auf Facebook & Co. geteilt werden sollte. „Das wäre für alle Beteiligten unangenehm“, so Burtscher. 
  9. Zeit genießen
    Direkt nach der Geburt liegt Ihr Nachwuchs für etwa 30 Minuten auf der Brust Ihrer Frau, diese Zeit sollten Sie gemeinsam genießen“, rät Burtscher. Danach bekommen Sie die Möglichkeit, das Bonding zu übernehmen. Legen Sie das Baby auf Ihre nackte Brust, und machen Sie sich klar: Sie sind Papa!

4 frischgebackene Väter erzählen, wie sie die Geburt erlebten

Es läuft immer gleich ab und doch jedes Mal anders. Es dauert oft nur ein paar Stunden und doch eine gefühlte Ewigkeit. Und es bleibt jedem Mann für immer in Erinnerung. 4 frischgebackene Väter erzählen offen, wie sie die Geburt ihres Kindes erlebt haben:

Kreissaal-Knigge
60 Prozent der werdenden Väter erhoffen sich, dass ihre Anwesenheit im Kreißsaal einen positiven Effekt auf ihre Partnerin hat. Quelle: Uniklinik Charité, Berlin

Geburt 1: „Die Mission hieß: Wir holen nun das Baby auf die Welt“

Sebastian Priggemeier (35), Multimedia-Redakteur aus Köln, hatte eigentlich mit einer ganz normalen Geburt im Kreißsaal gerechnet. Letztendlich wurde Lene Luise aber per Notkaiserschnitt geholt. Nach 14 Stunden in diversen Räumen der Entbindungsstation, inklusive Zwischenstopp in der Badewanne.

Was fällt Ihnen als Allererstes ein, wenn Sie an die Geburt Ihres Kindes zurückdenken?
Der Moment nach der Entbindung, als der Arzt meiner Frau Lene auf die Brust gelegt hat. Die Kleine hat uns angeschaut und war so ruhig und entspannt, als wäre es das Normalste von der Welt. Für mich war das überhaupt nicht normal, ich kam mir vor wie in einem Science-Fiction-Film. Ich wusste: Diesen Moment werde ich nie vergessen. Jetzt rufe ich mir die Bilder manchmal im Alltag ins Gedächtnis, wenn ich etwa Stress bei der Arbeit habe. Diese Erinnerung erdet.

Was hat Ihre Frau genau gesagt, als es losging?
Ich war der, der gesagt hat: „Es reicht — wir gehen jetzt ins Krankenhaus.“ Da war es 22 Uhr, 2 Stunden, nachdem die ersten Wehen eingesetzt hatten. Tinis Krämpfe wurden immer heftiger, und ich habe mir Sorgen gemacht. Losgefahren sind wir aber erst um 2 Uhr. 

Wie sind die Hebammen mit Ihnen umgegangen?
Teilweise kam ich mir vor wie das fünfte Rad am Wagen, irgendwie fehl am Platz. Ich war zwar dabei, aber die Hebammen haben sich — verständlicherweise — nur um meine Frau gekümmert. Trotzdem wusste ich: Es kommt der Moment, da wirst du gebraucht, und dann bist du da! Wie ein Edeljoker beim Fußball. 

Wie sah Ihr Einsatz aus, als Sie ins Spiel kamen?
Wir haben zusammen die Wehentätigkeit beobachtet, und ich habe ihr den Rücken massiert, als es heftiger wurde. Zwischendurch habe ich die Kotztüte gehalten, weil sie sich vor Schmerzen übergeben musste.

Haben Sie sich im Kreißsaal wohlgefühlt?
In den ersten Stunden schon. Zu Hause waren wir ganz allein, im Krankenhaus waren Hebammen und Ärzte, da habe ich mich sicherer gefühlt. Eigentlich kann in dieser Umgebung nichts schiefgehen, dachte ich.

Aber dann ging doch etwas schief, oder?
Ja. Nachmittags, so gegen 16 Uhr, war klar: Hier stimmt etwas nicht. Die Schmerzen wurden trotz PDA immer schlimmer, aber das Baby kam nicht. Meine Frau bat um einen Kaiserschnitt, aber man sagte uns, dafür sei es jetzt zu spät. Das Kind sei schon zu tief im Geburtskanal. Da bekam ich zum ersten Mal Angst, weil der Kaiserschnitt so etwas wie ein Notausgang für uns war.

Wie ging es nach dieser kritischen Situation weiter?
Es liefen drei Geburten parallel, obwohl das Krankenhaus nur zwei Kreißsäle hat. Ein absoluter Albtraum. Um 20.30 Uhr bestellte die Ärztin den Oberarzt. Er untersuchte Tini und rief nach zehn Sekunden: „Sectio, sofort!“ Plötzlich war ein Kaiserschnitt doch möglich. Ich muss dazusagen, dass das Krankenhaus, für das wir uns entschieden hatten, sich dafür rühmt, die niedrigste Kaiserschnittrate von ganz Köln zu haben.

Ihre erste Reaktion, als das Baby da war?
Mein erster Gedanke: „Es sieht genauso aus wie ich.“ Ich habe ihm in die Augen geguckt und wusste, das sind meine Augen. Ein unbeschreiblicher Moment.

Möchten Sie Ihrer Frau noch etwas sagen?
Danke! Danke dafür, dass du diese ekelhaften Schwangerschaftsqualen auf dich genommen hast, um das größte Abenteuer unseres Lebens möglich zu machen.

Kreissaal-Knigge
Knatuschzone: Bloß nicht erschrecken! Wenn das Baby da ist, kann der Kopf etwas verformt sein.

Geburt 2: „Im Kreißsaal war ich nicht mehr Herr der Lage“

Für Lars Fieck (45), Unternehmensberater aus Hamburg, ging es mit fliegenden Fahnen in den Kreißsaal und im Galopp durch die Geburt. Nach zwei Stunden hielt er seine Milla Sophie im Arm.

Was hat Ihre Frau genau gesagt, als es losging?
Gesagt? Nach 3 Tagen Vorwehen würde es eher eine stadionartige Ansage nennen: „Die Fruchtblase ist geplaaaaatz!“ Dann ging es richtig schnell.

Beschreiben Sie bitte diesen Moment.
Die Ansage war so etwas wie ein Startschuss. Plötzlich waren alle Sinne wach. Bis dahin war ich Begleiter, der tendenziell nur reagieren konnte, nun wurde ich von einem Augenblick zum nächsten zum Handelnden. Ich habe das Krankenhaus informiert, den Transport dorthin organisiert und war gleichzeitig für Katrin da.

Wie haben Sie Ihre Frau sonst noch unterstützt?
Ich war da. Hört sich blöd an, ist aber für Männer wohl das Schwierigste überhaupt. Keine Ratschläge ­geben, nicht kommentieren, nicht mit den falschen Worten motivieren, sondern für seine Frau da sein. Indem man zur richtigen Zeit die Hand drückt, Wasser holt oder wiederholt, was die Hebamme gesagt hat.

Kamen Sie gut mit der Hebamme zurecht?
Wir hatten mit Elisa die für uns perfekte Hebamme. Wir waren sofort auf einer Wellenlänge und haben uns fast blind verstanden. Wer etwas über klare Kommunikation in Extremsituationen lernen möchte: Hebammen sind die richtigen Ansprechpartner.

Verraten Sie uns eine kleine Gemeinheit, die Ihnen die werdende Mama an den Kopf geworfen hat?
Die hat nur der Fahrer unseres Krankentransports abgekriegt. Als der nämlich mit circa 10 km/h über eine Straße mit Kopfsteinpflaster gefahren ist, hat Katrin gesagt: „Was rast die Sau denn so?“ Katrin handelt ­ansonsten immer sehr überlegt und bewusst, bei der Geburt war sie eher intuitiv und sehr bei sich.

Gab es Momente, in denen Sie Angst hatten?
Die Sanitäter hatten schnell erkannt, dass es nach dem Blasensprung plötzlich sehr rasant ging. Als sie mich dann vorsorglich nach einer freien Fläche in der Wohnung gefragt haben, wurde mir schon etwas mulmig, und das Wort „Hausgeburt“ schoss mir durch den Kopf.

Ihre erste Reaktion, als das Baby da war?
Vermutlich ein grenzdebiler Gesichtsausdruck. Und eine Mischung aus höchstem Glück und totaler Verwirrung — dass dies jetzt unsere Tochter ist und alle gesund und munter sind. Ich habe sie angeschaut und mich gefragt: „Die Kleine war bis eben noch im Bauch?“ Diese Frage hat sich aber auch meine Frau gestellt.

Haben Sie die Nabelschnur durchgeschnitten?
Ja, das war aber weniger prägend als gedacht.

Was würden Sie beim nächsten Kind anders machen?
Nichts, da ich gesehen habe, dass alles anderes kommt als angenommen. Egal, wie gut man vorbereitet sein mag, man ist einfach nicht Herr der Lage. Ich würde es also einfach auf mich zukommen lassen.

Kreissaal-Knigge
86 Prozent der Männer sagen kurz nach der Geburt ihres Kindes: „Dabei zu sein war die richtige Entscheidung“ Quelle: Uniklinik Charité, Berlin

Geburt 3: „Nach dem dritten Kind weißt du, wie es am besten geht“

Clemens Hirschfeld (30), Volontär aus Stuttgart, wurde bereits mit 17 Jahren zum ersten Mal Vater und gehört schon jetzt in den Klub der Dreifach-Papas. Bei den Geburten seiner Jungs Daniel und Hannes war er mit im ­Kreißsaal. Bei der Geburt des Ältesten, Jan, konnte er leider nicht dabei sein.

Was fällt Ihnen als Erstes ein, wenn Sie an die Geburt Ihres jüngsten Kindes zurückdenken?
Dass ich auch beim dritten Kind total überwältigt war. Wie dieser kleine Kerl zum ersten Mal in meinen Händen lag und danach auf dem Bauch meiner Frau eingeschlafen ist. Unglaublich ergreifend, sodass ich beim Erzählen fast schon wieder zu Tränen gerührt bin.

Haben Sie sich im Kreißsaal wohlgefühlt?
Absolut. Das klingt vielleicht blöd, aber beim dritten Kind hat man schon so etwas wie Routine. Es ist nicht mehr alles so ganz neu. Wir waren sogar in demselben Kreißsaal wie beim zweiten Kind. Wir waren gut ­vorbereitet, und ich wusste, was meine Rolle war — als Unterstützer für meine Frau.

Wie sind die Hebammen mit Ihnen umgegangen?
Die haben von Anfang an beide Elternteile angesprochen, nicht nur die Mutter. Ich fühlte mich jederzeit voll mit einbezogen. Die Hebammen haben oft danach gefragt, wie es denn dem Papa geht.

Wie genau haben Sie Ihre Frau unterstützt?
Ich habe ihre Wehenatmung überwacht, ihre Hand ­gehalten, Getränke geholt, sie aufgemuntert und ­versucht, sie etwas abzulenken — zum Beispiel indem ich sie in einer Position gehalten habe, in der die Schmerzen für sie erträglicher wurden.

War das auch für Sie irgendwie anstrengend?
Ich war fix und fertig. Meine Hände waren taub, weil meine Frau sie in den Schmerzphasen abgedrückt hat. Nach der Geburt konnte ich nicht schlafen, weil ich mir die halbe Nacht das Baby angeguckt habe. 

Was würden Sie beim nächsten Kind anders machen?
Nicht viel. Ich bin überzeugt, dass wir echt viel richtig gemacht haben. Trotzdem hätten wir gern ein Geburtshaus ausprobiert. Beim zweiten Kind war das geplant, ging aber nicht. Und ich würde beim nächsten Mal natürlich drauf achten, dass wir ein Mädchen bekommen.

Kreissaal-Knigge
Kerle im Kreissaal: Sie müssen keine Tricks kennen, sondern einfach nur da sein, wenn Sie gebraucht werden.

Geburt 4: „Ich habe ziemlich schnell meine Rolle finden können“

Peter Fischer (45), Manager bei Microsoft in München, wurde gleich doppelt gefordert. Mit der Kaiserschnittgeburt seiner Zwillinge Ella und Ben wurde er ins kalte Wasser geworfen – und fand sich schnell zurecht.

Welches Bild haben Sie als Erstes im Kopf, wenn Sie an die Geburt Ihrer Zwillinge zurückdenken?
Der OP-Saal, in dem die Kinder per Kaiserschnitt geholt wurden. Eine Umgebung der Extreme. Auf der einen Seite waren da sehr viele Menschen, so 12 Personen, auf der anderen Seite war es fast schon fami­liär. Ein großes Spannungsfeld, sehr beeindruckend.

Sie haben sich also in dieser Umgebung wohlgefühlt?
Absolut. Ich war selbst überrascht. Ich war nie der Babymensch, dazu bin ich erst durch die Geburt meiner eigenen Kinder geworden. Erst dann habe ich gemerkt, welche Türen da für mich aufgehen. Dieses Fürsorgeempfinden war im Kreißsaal sofort da.

Waren Sie mit den Hebammen zufrieden?
Ja, sehr. Hebammen haben eher den Hang dazu, etwas esoterisch zu sein. Aber in dem Moment ist es genau das, was man als Mann braucht. Ich wurde nicht von links nach rechts geschoben, sondern wurde in der Rolle als Vater wahrgenommen. Ich habe mich vollkommen integriert und wertgeschätzt gefühlt.

Wie haben Sie Ihrer Frau geholfen?
Vor allem durch mentale Unterstützung: Im Vorfeld beim Gang zum Arzt, als der Geburtstermin festgelegt wurde, wie es beim Kaiserschnitt üblich ist — das war ein seltsames Gefühl, weil alles sehr geplant war. Nach der Geburt habe ich mich um die Zwillinge gekümmert, weil meine Frau noch versorgt wurde.

Was würden Sie beim nächsten Kind anders machen?
Was die Geburt angeht, lief alles super. Das Einzige, was ich bei einer Kaiserschnittgeburt nicht mehr machen würde, ist der Geburtsvorbereitungskurs. Das Wissen habe ich einfach nicht gebraucht.

Seite 6 von 45

Sponsored SectionAnzeige