Ende der Weißheit: So ungesund ist Milch wirklich

Milch – ein Naturprodukt? Nicht wirklich
Ist Milch wirklich so ungesund, wie Kritiker behaupten?

Die einen halten Kuhmilch für einen wertvollen Eiweiß-Drink, die anderen für einen Hormon-Cocktail, der in Wirklichkeit krank macht. Hier die Fakten zu einem Lebensmittel, das polarisiert

In diesem Artikel:

Von Kindesbeinen an wird Ihnen eingebläut, dass Milch Sie groß und stark macht und gut für Ihre Knochen ist. Die Werbung zeigt uns glückliche Kühe auf sattgrünen Weiden. Doch daran ist nicht vieles wahr. Viele Tiere sehen während ihres Lebens kaum Sonnenlicht und Wiesen, können sich im Stall nicht bewegen und bekommen kein artgerechtes Futter. Das aber schadet nicht nur den Kühen, es wirkt sich auch auf die Qualität der Milch aus – mit möglicherweise negativen Folgen für Sie. Gilt Milch nun also als ungesund? Wir klären auf: 

Naturprodukt Milch? Von wegen!

Satte 40 Liter Milch am Tag produziert eine hochgezüchtete Kuh heutzutage © WitthayaP / Shutterstock.com

Etliche Sorten Milch buhlen im Supermarkt um Ihre Gunst. Der einzige gemeinsame Nenner ist die Farbe. Die Zusammensetzung schwankt so stark wie bei keinem anderen Lebensmittel. Zwar gibt jede Kuh Milch, aber wie gut die ist, hängt von Futter, Haltung, Haltbarmachung und vielem mehr ab. Vor 100 Jahren, als alle Kühe noch 10 Stunden täglich grasend auf der Weide verbrachten, war Milch ein vollkommen  anderes Lebensmittel: Sie hatte erst wenige Stunden vorm Verzehr das Euter verlassen, besaß einen natürlichen Fettgehalt und wurde dick, wenn sie nicht schnell verbraucht wurde. Daran hat sich sehr viel geändert. 95 Prozent der produzierten Milch stammen aus konventioneller Massentierhaltung. Durchschnittlich 50 bis 100 Tiere pro Hof stehen Box an Box auf jeweils etwa 4,5 Quadratmetern und sehen oft nie das Tageslicht. Bis zu 40 Liter Milch am Tag produziert eine speziell dafür gezüchtete Kuh. Zum Vergleich: Früher waren es etwa 8 Liter – so viel, wie ein Kälbchen braucht. Züchtung sowie die Fütterung mit Gärfutter (Silage) und proteinreichem Soja-, Erbsen- oder Bohnenschrot ermöglichen den Mengenunterschied. Ein Naturprodukt ist Milch schon lange nicht mehr. Und die Milch, für die Sie sich beim Kauf  im Supermarkt entscheiden, ist immer nur so gut oder schlecht wie die Art der Tierhaltung. 

So (un)gesund ist Milch wirklich

Muttermilch ist die erste und beste Nahrung, die ein Säugling bekommen kann. Verglichen damit enthält Kuhmilch sogar 3-mal so viel Protein, mehr kurzkettige Fettsäuren sowie Calcium, Jod, Phosphat und die fettlöslichen Vitamine A, D, E und K. In Milch steckt also jede Menge Gutes. Gerhard Jahreis, Professor für Ernährungsphysiologie an der Universität Jena, erläutert: „Kühe sind Wiederkäuer. Sie wandeln Gras, das für uns ernährungsphysiologisch wertlos ist, in Proteine und wertvolle Fettsäuren um. Eine Milch, die von Tieren ohne Bewegung und Sonne und mit Kraftfutter statt mit Gras erzeugt wurde, ist qualitativ jedoch deutlich schlechter." Grund: Nur die Milch von Weidetieren enthält viele wertvolle Omega-3- Fettsäuren, die vor Herzrhythmusstörungen schützen und die Blutfette senken. Außerdem steckt darin konjugierte Linolsäure (CLA), die zu den gesündesten Fettsäuren überhaupt gehört und ähnlich gesundheitsfördernd wirkt. Industriemilch hingegen enthält vor allem gesättigte Fettsäuren und Transfette; Letztere stehen unter Verdacht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu begünstigen. Klingt weder gesund noch lecker. Übrigens: Der Eiweißgehalt der Milch verändert sich durch die Fütterung zwar nicht, ist aber bei Weitem nicht so hoch, wie die Werbung uns weismachen will: Mit gerade einmal 3 Gramm pro 100 Milliliter liegt er gleichauf mit dem von Blumenkohl und Brokkoli. Erbsen enthalten doppelt so viel Eiweiß wie Industriemilch.

ESL, H-Milch & Co. im Check

Auch das Verfahren, mit der Milch haltbar gemacht wird, beeinflusst die Qualität maßgeblich: „Besonders unnatürlich ist H-Milch“, sagt Dr. Christian Kessler, der am Immanuel-Krankenhaus in Berlin im Rahmen der klinischen Naturheilkunde zu dem Thema forscht. Sie wird für nur wenige Sekunden auf 150 Grad (ultrahoch)erhitzt. Das verändert die Eiweißstruktur und den Geschmack – und es vernichtet bis zu 20 Prozent der eigentlich enthaltenen Vitamine. „Das Endprodukt ist eine vitalstoffarme Flüssigkeit, die wenig mit dem Naturprodukt zu tun hat“, kritisiert Kessler. Auch Frischmilch wird immer öfter so behandelt, dass sie länger im Kühlregal stehen kann. So genannte ESL-Milch (für: Extended Shelf Life) wird 10 bis 15 Sekunden lang auf 127 Grad Celsius erhitzt. Auch durch dieses Verfahren und die längere Lagerung im Kühlregal – die Haltbarkeit beträgt bis zu 3 Wochen – gehen Vitamine verloren. Forscher bezeichnen diesen Verlust jedoch als geringfügig. Laut Gesetz ist übrigens keine gesonderte Kennzeichnung für derartige Milch erforderlich. Allerdings haben sich die Produzenten im Jahr 2009 selbst dazu verpflichtet, klassisch pasteurisierte Milch mit „traditionell hergestellt“ und ESL-Milch mit „maxifrisch“, „länger haltbar“ oder „extra- langer Frischegenuss“ zu kennzeichnen.

Ist Milch gut für die Knochen? 

"Trink deine Milch, die ist gut für die Knochen!" Das ist leider nur bedingt richtig! © bbevren / Shutterstock.com

Milch enthält viel Calcium, den Baustoff für Knochen und Zähne. Das macht die Knochen stark, oder? Zurzeit gerät diese Wahrheit ganz kräftig ins Wanken. Nicht nur, dass Osteoporose (wie auch Übergewicht, Diabetes, Krebs) in westlichen Ländern, wo lebenslang viel Milch getrunken wird, häufiger vorkommt als etwa in Ostasien, wo regelmäßiger Milchkonsum unter Erwachsenen sehr selten ist. Neue Zweifel weckt auch eine aktuelle Studie der schwedischen Universität Uppsala. Der Milchkonsum hat danach keinen positiven Einfluss auf die Knochen, im Gegenteil. Die Forscher  gehen davon aus, dass Milch speziell bei Frauen Osteoporose und Sterberisiko begünstigt. In Verdacht, für die unerwünschten Wirkungen verantwortlich zu sein, steht der Zuckerbaustein Galactose. Zusammen mit der Glucose bildet er den Milchzucker Lactose. Der Studie zufolge löst das Galactose-Molekül im Körper Entzündungsreaktionen und oxidativen Stress aus. Diese Kombination steht am Anfang vieler Krankheiten: Knochenschwund, Bluthochdruck, Arteriosklerose, Diabetes – die Liste ist lang. In Tierexperimenten wirkte schon eine Dosis von 100 Milligramm pro Kilogramm ne­gativ – das entspricht gerade einmal 2 Gläsern Milch pro Tag. „Die Ergebnisse sind wichtige Anhaltspunkte dafür, dass Milch nicht mehr vorbehaltlos empfehlenswert ist“, konstatiert Experte Kessler. „Nun muss intensiv weitergeforscht werden, um die Thesen zu beweisen.“ So sehen das auch die schwedischen Forscher,  deren Ergebnisse bislang nicht ausreichen, um Empfehlungen zu geben. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) etwa sieht in der aktuellen Datenlage keinen Anlass, ihre Vorgaben für Milch zu ändern. Sie rät gesunden Erwachsenen weiterhin zu (ungesunder?) Milch, allerdings in Maßen: Pro Tag sollten etwa 200 bis 250 Gramm fettarme Milchprodukte und 50 bis 60 Gramm fettarmer Käse auf Ihrem Speiseplan stehen.

Hormoncocktail: Krank durch Milch? 

Damit der Milchfluss nicht abreißt, wird die Kuh kurz nach dem Kalben wieder geschwängert, was dazu führt, dass der Östrogengehalt der Milch 33-mal und der Progesterongehalt 10-mal höher ist als bei einer nichtträchtigen Kuh. All dies landet in unserem Körper – und kann Schaden anrichten. Bei Frauen steigt laut einer Studie der Harvard University das Brustkrebsrisiko, bei Männern ist die Prostata in Gefahr. Eine US-Metastudie hat die Daten von mehr als 300 000 amerikanischen und europäischen Männern ausgewertet und kam zu dem Schluss, dass das Krebsrisiko bei einem hohen Milchprodukte-Konsum um 30 Prozent erhöht ist. Wachstumshormone spielen hierbei eine Rolle, besonders der insulinähnliche Wachstumsfaktor IGF1. Der verursacht zwar keinen Krebs, entfacht jedoch das Zellwachstum vorhandener Tumoren. Hohe Dosen von Calcium hemmen zudem die Bildung von Vitamin D, das dem Prostatakrebs vorbeugt. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sieht noch keinen Handlungsbedarf: „Wer Milch oder Milchprodukte in normalen Mengen zu sich nimmt, muss keine gesundheitlichen Risiken fürchten“, sagt Jürgen Thier-Kundke vom BfR. Es gibt sogar Studien, die besagen, dass etwa das Darmkrebsrisiko bei moderatem Milchkonsum leicht abnimmt. Darum sagt Experte Kessler: „Insbesondere bei der Entstehung von Krebs spielen viele Faktoren eine Rolle, so dass niemals Milch oder Milchprodukte allein dafür verantwortlich gemacht werden können.“

Unverträglichkeit gegen Milch: Lactoseintoleranz

Wer nach einem Glas Milch von Bauchschmerzen geplagt wird, leidet eventuell an einer Laktoseintoleranz © Ambrophoto / Shutterstock.com

Milch schlägt vielen auf den Magen. Das liegt am enthaltenen Milchzucker (Lactose). Rund 15 Prozent der Deutschen können ihn nicht verdauen, er verursacht bei ihnen Durchfall und Bauchschmerzen. Weltweit leiden mehr als 75 Prozent an der Unverträglichkeit. Grund ist ein Mangel an dem Enzym Lactase, das den Milchzucker spaltet und von dem der Körper im Lauf des Lebens immer weniger produziert. Rein evolutionär betrachtet ist das durchaus sinnvoll, denn nach dem Säuglings­alter greift der Mensch auf andere Energiequellen zurück und benötigt den Milchzucker nicht mehr. Je älter man wird, desto schlechter verträgt man ihn. Auch eine Kuh gibt ja nur so lange Milch, bis das Kalb anfängt, Gras zu fressen. „Milch ist naturgemäß für Heranwachsende gedacht. Aus diesem Grund sollten Sie den Konsum mit zunehmendem Alter überdenken“, rät Kessler.

Verzicht auf Milch sinnvoll?  

Bedeutet das alles nun, dass Sie auf Milch komplett verzichten sollten, weil sie so ungesund ist? Nein. Aber wie bei Zucker und  auch Fleisch gilt: Die Dosis macht das Gift. In moderaten Mengen ist Milch ein wichtiger Nährstofflieferant – wenn es die richtige ist: Labor­tests durch Ernährungsexperte Jahreis, bei denen er die Milch auf ihr Qualitätsmerkmal Fettsäuren untersuchte, zeigen: Biomilch schneidet deutlich besser ab als konventionelle, da Fütterung und Haltung artgerechter sind. Aber auch da gibt’s große Unterschiede. Zwar ist die schlechteste Biomilch immer noch empfehlens­werter als das beste Industrieprodukt; wer dem Körper aber wirklich Gutes tun will, sollte Milch von Kühen aus Weidehaltung trinken, etwa Alpenmilch oder irische Weidemilch. Denn die überzeugt ganz natürlich – anders als das, was vom US-Unternehmen Coca-Cola letztes Jahr auf den amerikanischen Markt gebracht wurde: eine nicht ganz preisgünstige, lactosefreie, zuckerreduzierte Milch mit 50 Prozent mehr Protein und Calcium. Immerhin: Geblieben ist die weiße Farbe. 

Pflanzliche Milchalternativen

Mittlerweile gibt es viele pflanzliche Alternativen zur Kuhmilch © Pikoso.kz  / Shutterstock.com

Sie können sich ein Leben ganz ohne Milch im Müsli nicht vorstellen? Glücklicherweise gibt’s zahlreiche pflanzliche Milch-Alternativen:

  1. Mandelmilch
    Das Produkt der Firma Alpro enthält lediglich halb so viele Kalorien wie fettarme Kuhmilch, die ungesüßte Variante gar nur 13 Kalorien pro 100 Milliliter. Andere Sorten können allerdings genauso viele Kalorien enthalten. Mandelmilch ist reich an Vitamin E, das die Zellen vor freien Radikalen schützt. Sie schmeckt leicht nussig, hat je nach Sorte auch eine süße Note und ist dank ihrer Milde bestens geeignet, alle Skeptiker zu überzeugen.
  2. Reismilch
    Schmeckt deutlich süßer als herkömmliche Milch und hat auf Grund ihres natürlichen Zuckergehaltes ebenso viele Kalorien wie Kuhmilch. Im ersten Vergleich liegt sie geschmacklich recht nah an Milchreis. Wer’s süß mag, liegt damit genau richtig. Wer seinen Kaffee allerdings mit Milch, aber ohne Zucker trinkt, könnte geschmacklich Probleme bekommen. Probieren Sie einfach mal verschiedene Hersteller aus – teilweise variieren die Geschmacksnoten stark.
  3. Hafermilch
    Als Kuhmilch-Alternative auf Grund ihres kräftigen, sogar ein bisschen herben Geschmacks eher fortgeschrittenen Trinkern zu empfehlen. Der Kaloriengehalt von Hafermilch entspricht dem von Kuhmilch. Darüber hinaus gibt es die gehaltvollere Hafer Cuisine, die Sie als Sahne-Ersatz verwenden können.
  4. Sojamilch
    Aus Sojabohnen wird die vermutlich bekannteste, auf Grund der enthaltenen Phythoöstrogene aber auch umstrittenste Milch-Alternative hergestellt. Sojamilch kann etwa Allergien auslösen. Sie ist eiweißreicher als herkömmliche Milch, ihr Kaloriengehalt entspricht in etwa dem von fettarmer Kuhmilch. Häufig wird Sojamilch mit Vitaminen und mit Mineralstoffen angereichert.

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