Zuckerkrankheit: Mit Sport gegen Diabetes

Wer Sport treibt, kann seine Diabetes bekämpfen
Radeln Sie sich gesund! Mit Sport können Betroffene Diabetes in den Griff bekommen

Diabetes betrifft vor allem Männer, soweit die schlechte Nachricht. Die gute: Durch Sport bekommen Sie die Krankheit in Griff

Laut Robert-Koch-Institut lebten 2005 bereits mehr als 4,5 Millionen Deutsche mit Diabetes. In der Vergangenheit stieg die Zahl der Betroffenen um 3 Prozent pro Jahr. „Inzwischen ist jeder 5. Mann zwischen 60 und 64 Jahren Diabetiker“, erzählt Professor Bernhard Böhm vom Zentrum für Innere Medizin des Universitätsklinikums Ulm. Jeden Tag erkranken mehr als 700 Menschen an Typ-2-Diabetes. Das sind 270 000 Neuerkrankungen pro Jahr. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass 2030 weltweit mehr als 500 Millionen Menschen an Diabetes leiden werden. Die Zuckerkrankheit ist zur Pandemie geworden. 

Ein Erfahrungsbericht
Wer sich traut, die riskanteste Formel-1-Strecke der Welt mit dem Rad zu fahren, hat die letzten Wochen nicht viel Zeit auf dem Sofa verbracht. Das 24-Stunden-Radrennen auf dem Nürburgring zählt zu den härtesten in Deutschland. Eine Runde ist 24 Kilometer lang, 72 Kurven und 500 Höhenmeter verlangen den Sportlern alles ab.

Thomas sitzt auf seinem Bike und jagt über den Asphalt, auf dem die Bremsspuren langsam in der Dunkelheit verschwinden. Er wird auch noch fahren, wenn es längst wieder hell ist. In einem 4er-Team, in dem ein Fahrer kurzfristig abgesprungen ist. Das allein dürfte für viele schon bemerkenswert sein. Das Besondere für Thomas ist aber, dass er an diesem Wochenende 7-mal die Ziellinie überqueren wird, ohne sich eine einzige Insulin-Spritze gesetzt zu haben. Denn Thomas ist Diabetiker.

Jeder 5. Mann zwischen 60 und 64 ist Diabetiker
Diabetes, auch Zucker genannt, ist eine Stoffwechselkrankheit. „Dabei handelt es sich um eine Störung des Zuckerstoffwechsels, bei der die Zellen des Körpers den im Blut transportierten Traubenzucker, die Glucose, nicht ausreichend aufnehmen können“, erklärt Professor Bernhard Böhm vom Zentrum für Innere Medizin des Universitätsklinikums Ulm. Der Traubenzucker steht also den Zellen als Energiequelle nicht so zur Verfügung, wie er benötigt wird. „Das liegt daran, dass nicht genug Insulin vorhanden ist. Das Hormon sorgt dafür, dass die Glucose aus der Nahrung vom Blut in die Zellen transportiert wird und dem Körper genügend Energie, also Brennstoff, zur Verfügung steht“, sagt der Leiter der Endokrinologie, der seinen wissenschaftlichen Schwerpunkt unter anderem auf Diabetes gelegt hat.

Als Thomas mit 29 Jahren die Diagnose bekam, da haute es ihn aus den Schuhen. „Der Schock war so groß, dass ich auf dem Weg vom Arzt nach Hause rechts ranfahren musste, weil mein Kreislauf in den Keller ging“, erzählt der 40-Jährige. „Damals dachte ich, dass nur Alte und Dicke Diabetes kriegen würden. Wie passte das zu mir?“ Thomas ist weder alt noch dick. Sein Hemd spannt nicht am Bauch, sondern an den Oberarmen. Keiner kann ihm sagen, wieso er Diabetes Typ 1 bekommen hat. Und wieso erst mit 29 Jahren.

Diese Form von Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung und tritt normalerweise früher auf. Es werden erbliche Ursachen vermutet. Genau weiß das aber keiner.

Täglich Blutzucker messen ist Pflichtprogramm
Mehrmals täglich Blutzucker messen gehört zum Pflichtprogramm

Diabetes im Alltag: Jedes Kohlenhydrat zählt

Thomas ernährt sich gesund und treibt Sport. Dass er die Ursache der Krankheit nicht kennt, ist ihm egal. „Das ist nicht relevant. Wichtig ist, dass ich damit zurechtkommen muss.“ Nach der Diagnose verbrachte er 10 Tage im Krankenhaus, wo er lernte, mit der Krankheit in Zukunft umzugehen. Seitdem misst Thomas 5- bis 6-mal jeden Tag seinen Blutzuckerspiegel. Sein Leben spielt sich nun in Einheiten ab. „Am Anfang habe ich jedes Lebensmittel genau gewogen, habe auf jeder Saftpackung geschaut, wie viele Kohlenhydrate da drin sind“, erzählt er.

Als Berechnungseinheit dient die Broteinheit (BE), die nicht nur etwas mit Brot zu tun hat, sondern allgemein mit Kohlenhydraten in Speisen. Eine Broteinheit hat 10 bis 12 Gramm Kohlenhydrate. Für eine Broteinheit spritzt er sich eine Insulineinheit. Als Banker kann Thomas mit Zahlen umgehen. Etwa 3-mal am Tag holt er das schwarze Etui heraus, in dem er die Spritze aufbewahrt. Die Nadel sticht er sich in den Bauch.

„Es gibt Stellen, da tut es weh, als würde der Zahnarzt auf einen Nerv bohren. Meist ist es aber harmlos.“ Das Insulin, das Thomas nimmt, wirkt schnell – es erreicht seine Maximalwirkung ungefähr nach 1 Stunde und hält zirka 4 Stunden an. Für die Nacht spritzt er ein Insulin, das länger anhält. Er hat sich längst mit der Situation arrangiert. Denn es ist wie oft im Leben: Es hätte schlimmer kommen können.

Zucker. Das hört sich süß an, ist aber bitterer Ernst. Bleibt die Glucose im Blut, erhöht sich der Blutzuckerwert, und das kann böse enden. Mögliche Folgen: Adern verstopfen, Nerven veröden, Nieren versagen, Augen erblinden. Außerdem erhöht sich grundsätzlich die Sterblichkeit bei Vorliegen beider Diabetes-Typen erheblich. „Der Verlust an Lebensqualität und -jahren ist im Schnitt sogar höher als durch Krebs“, sagt Böhm. Diabetes ist wie ein Sack voller Steine für einen Ertrinkenden. Es geht noch schneller runter. „Die Wahrscheinlichkeit, etwa durch eine Lungenentzündung zu sterben, erhöht sich um bis das 2-Fache, wenn der Betroffene Diabetiker ist. Die tödliche Spirale gibt es auch bei anderen Krankheiten.“

Mit Radsport gegen Diabetes
Mit Radsport gegen Diabetes

Mit Sport gegen die Zuckerkrankheit: Diabetes im Griff mit Sport und Bewegung

Die Vereinten Nationen stufen Diabetes inzwischen sogar als so gravierend ein wie HIV oder Kriege. Das ist gar nicht süß. Aber wie wird die Krankheit bekämpft? Am besten, bevor sie da ist, durch ausgewogene Ernährung und Bewegung. Ist Diabetes aber erst mal diagnostiziert, muss der Patient sich damit abfinden, dass es derzeit keine Heilung gibt. Dafür lässt sich Diabetes gut in den Griff bekommen. Durch Sport und Bewegung.

„Sport verlängert das Leben“, sagt Diabetes-Experte Böhm. „Bewegung hat einen positiven Einfluss auf die Blutfette und den Blutdruck, was die Gefäße und das Herz freut. Die Zellen reagieren sensibler auf Insulin, Glucose wird verbraucht und fließt in den Muskel. “Dadurch sinkt der Blutzucker – wie bei Thomas.

Sein erstes Rennrad kaufte er sich mit 14. Seitdem sitzt er mal mehr, mal weniger auf dem Sattel. „In meiner Höchstphase bin ich alle 2 Wochen einen Tag zirka 200 Kilometer unterwegs gewesen. Im Moment fahre ich oft mit dem Rad zur Arbeit, das sind rund 25 Kilometer pro Tag“, erzählt er. „Sonntags sind es noch mal 60 bis 120 Kilometer. “Vor ein paar Jahren ist Thomas bei den Hamburger Vattenfall Cyclassics die 100 Kilometer in 2,5 Stunden gefahren. Mit einem Schnitt von etwa 40 Kilometern pro Stunde war er unter den besten 10 Prozent im Teilnehmerfeld.

Seit 6 Jahren ist Thomas Mitglied in dem Hamburger Verein Entscheidendes Bewegen. Eine Initiative, die für radsportbegeisterte Diabetiker gegründet wurde. Die Mitglieder können von diversen Workshops profitieren, etwa über herzfrequenzgesteuerte Belastung mit unterschiedlichen Intensitäten und deren Einfluss auf den Glucose-Stoffwechsel. Gemeinsam mit Nicht-Diabetikern nimmt der Verein jährlich an den Cyclassics und dem 24-Stunden-Radrennen auf dem Nürburgring teil, wo das Team sogar eine eigene Box hat.

Größte Gefahr für Diabetiker: Der Blutzuckerwert schlägt aus

Thomas tritt seit Jahren in einem 4er-Team an. Das heißt 1 Stunde fahren und 3 Stunden Pause, 6-mal nacheinander. „In einer Runde verbrenne ich um die 1000 Kalorien“, sagt Thomas. „Da muss ich genau schauen, dass ich genug esse, damit ich nicht vom Rad kippe.“ Bei Diabetikern besteht die Gefahr, dass ihr Blutzuckerwert stark nach oben oder unten ausschlägt – beides ist gefährlich. Bei einer Unterzuckerung können Betroffene schnell bewusstlos werden, bei einer Überzuckerung sogar ins Koma fallen.

„Radfahren hat den Vorteil, dass es sich meist um eine zyklische Belastung handelt“, so Internist Böhm. Ähnlich wie beim Laufen. Das heißt, es gibt wenig Belastungsspitzen, und die Geschwindigkeit ist dosierbar – wenn» der Sportler nicht gerade um den 1. Platz kämpft. Sportarten wie Fußball oder Tennis sind dagegen nicht einfach einzuschätzen, da der persönliche Einsatz stark an den Fähigkeiten des Gegners hängt. Extremsportarten  wie Tauchen oder Fallschirmspringen sind für Diabetiker nicht zu empfehlen, da es währenddessen schwer möglich ist, den Blutzuckerwert zu kontrollieren.

Sonnenhormon gut für Muskeln
Krafttraining ist am effektivsten gegen Diabetes

Muskelaufbau gegen Zucker: Krafttraining am effektivsten gegen Diabetes

Diabetikern fehlt Eisen – nicht in der Nahrung, sondern in den Händen. Dass eine aerobe Belastung durch Ausdauertraining bei der Prävention und Therapie bedeutsam sind, ist schon seit vielen Jahren unbestritten. Relativ neu sind die Erkenntnisse dagegen bei Hantelübungen. „Krafttraining ist ein wichtiges Element im Kampf gegen Diabetes“, sagt Dr. Stephan Geisler von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Erst vor kurzem wurde die Bedeutung von Krafttraining belegt.

„Es konnte bei Typ-2-Diabetikern eine durchschnittliche Senkung des Langzeitzuckerwerts von zirka 0,6 Prozent verzeichnet werden“, erklärt der Sportwissenschaftler, der vor allem an Studien über die Wirkung von Krafttraining auf Typ-2-Diabetes arbeitet. „Dieser Wert hört sich klein an. Ist er aber nicht, da der Langzeitzuckerwert insgesamt nicht höher als 6 Prozent sein sollte. Hanteltraining ist vermutlich sogar noch effektiver als Ausdauertraining, weil die Muskeln durch das Training vergrößert werden.“ Die Rechnung ist leicht: „Je mehr Muskelmasse jemand hat, desto mehr Zucker kann er verstoffwechseln.“ Gerade im hohen Alter oder bei Patienten mit Begleiterkrankungen ist Krafttraining womöglich die einzige Möglichkeit zu regelmäßiger körperlicher Aktivität.

Krafttraining ist am effektivsten, wenn es mindestens 3-mal in der Woche stattfindet und alle großen Muskelgruppen berücksichtigt werden – bei moderater bis hoher Intensität (70 bis 80 Prozent des einmaligen Wiederholungsmaximums). „Höhere Intensitäten sind effektiver, aber nicht für alle Betroffenen umsetzbar. Bevor ein Diabetiker überhaupt eine Hantel in die Hand nimmt, sollte er sich von Experten beraten lassen“, empfiehlt Sport-wissenschaftler Geisler. Denn Diabetiker sind Risikopatienten und sollten sich behutsam herantasten.

Auch Diabetiker können aktiven Leistungssport betreiben

Erste Erfolge sind einfach zu erzielen. Eine Bushaltestelle vorher aussteigen und den Rest laufen. Oder die Treppe anstelle des Lifts nehmen. Wenig Aufwand, um auf Dauer einen wichtigen Faktor für den Stoffwechsel positiv zu beeinflussen. Eine weitere Erkenntnis: Für Diabetiker gelten dieselben Leistungsgrenzen wie für gesunde Sportler.

Als Diabetiker kann man sogar im Leistungssport aktiv sein, wie Gewicht-heber und Olympiasieger Matthias Steiner eindrucksvoll beweist. Den Ehrgeiz, etwa bei den Cyclassics ganz vorn mitzufahren, hat Thomas nie entwickelt. „Für mich ist der Spaß in der Gruppe am wichtigsten“, meint er. Vielleicht würde Thomas nicht jedes Jahr an 3 Rennen teilnehmen, wenn er besessen auf jede Sekunde achten würde. Vielleicht würde ihm sogar der Spaß am Training vergehen. An den Wochenenden fährt er oftmals allein.

Andere Fahrer für den Windschatten sind nicht das Einzige, was fehlt. Das kleine Etui, in dem Thomas seine Spritze und sein Messgerät aufbewahrt, ist auch nicht dabei. Weil beim Radfahrern jedes Gramm zählt? Hat er es vergessen? Aus medizinischer Sicht sollte Thomas jede Stunde eine Messung vornehmen, wenn er Sport macht. Seit 11 Jahren ignoriert er das. Aber warum? „Ich brauche beim Sport kein Insulin, weil die Kohlenhydrate dabei abgebaut werden. Zu hoch wird mein Blutzucker also nicht. Sollte er zu niedrig werden, merke ich das, weil meine Beine nicht mehr können“, erzählt er. Dann schiebt er nach: „In dem Fall esse ich eben etwas.“ Aber auch das ist noch nicht die ganze Wahrheit.

Nur wenn Thomas auf dem Rad sitzt und die Landschaft an ihm vorbeizieht, ist sein Kopf frei. Denkt er keine Zehntelsekunde über seine Krankheit nach. Bereits auf den ersten Metern seiner Trainingsstrecke hängt er die Gedanken an sein Insulinproblem ab. Angetrieben wird er dabei auch von einem anderen Wirkstoff. Einem Hormon, von dem sein Körper mehr als genug produziert: Adrenalin.

Was ist Diabetes Typ 1?
Die Ursache für Diabetes Typ 1 liegt oft in den Genen

Diabetes Mellitus: Diabetes Typ 1

Grob gesehen gibt zwei Arten von Diabetes, Typ 1 und 2. Der kleinere Teil Diabtes-Erkrankter leidet unter Typ 1. Der so genannte Diabetes Mellitus  ist in der Regel genetisch bedingt

Etwa 10 Prozent der Diabetiker gehören zum Typ 1. Symptome beginnen häufig schon in der Kindheit, die Ursache ist vermutlich genetisch. Das Immunsystem zerstört die Zellen in der Bauchspeicheldrüse, die dafür verantwortlich sind, Insulin zu produzieren. Dies macht sich zunächst mal in Situationen bemerkbar, in denen ein hoher Bedarf an Insulin besteht, zum Beispiel bei Mahlzeiten. Betroffene fühlen sich etwa angeschlagen, sie haben Konzentrationsstörungen, leiden unter Seh-störungen.

Mit der Zeit reicht dann die körpereigene Insulinproduktion nicht mehr für die Grundversorgung des Körpers aus. Der stark erhöhte Blutzuckergehalt führt zu einem Wasser- und Nährstoffverlust, die Folgen sind anhaltender Durst und häufiges Erbrechen. Typ-1-Diabetiker sind in der Regel nicht übergewichtig, sondern meistens normal-, manchmal auch untergewichtig. In der Anfangsphase fällt den Betroffenen mitunter eine Gewichtsabnahme auf, die auf Einschmelzung von Körperfett zurückzuführen ist.

Weg mit der Wampe!
Diabetes Typ 2 ist die Krankheit der stark Übergewichtigen

Diabetes Mellitus: Ursache für Diabetes Typ 2

Diabetes Typ 2 wird gewöhnlich durch die Kombi Übergewicht und mangelende Bewegung ausgelöst. Daher trifft es in der Regel Erwachsene, aber mittlerweile zunehmend auch Jüngere

Als Hauptursache für Diabetes 2 gilt vor allem falsche Ernährung in Verbindung mit zu wenig Bewegung. Das trifft auf ungefähr 90 Prozent aller Diabetes-Patienten zu. Betroffene sind in der Regel bereits erwachsen und mehr oder weniger stark über-gewichtig. Jedoch erkranken auch immer öfter junge Menschen und sogar Kinder an diesem Diabetes-Typ.

Problematisch ist hier nicht die Störung der Insulinbildung, sondern die Störung der Insulinwirkung. Das bedeutet, obwohl der Körper Insulin ausschüttet, reagieren die Körperzellen nicht mehr mit der Aufnahme und Verwertung von Glucose. Folge: Der Körper produziert noch größere Mengen Insulin, um diese Resistenz zu kompensieren und den Körperzellen die Glucose zukommen zu lassen. Das geht aber nur eine begrenzte Zeit gut.

Irgendwann erschöpft sich die Bauchspeicheldrüse, sie produziert immer weniger, zudem werden die Zellen immer unempfindlicher für das Insulin. Nach Jahren führt das so weit, dass zu wenig Insulin produziert wird, die Glucose immer schlechter abgebaut wird und der Blutzucker steigt. Patienten sind auf von außen zugeführtes Insulin angewiesen.

Interesse an einem Schnell-Check? Hier geht's zum Men's-Health-Diabetes-Test.

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