Motivation zum Training: Sport wollen oder müssen?

Rennrad fahren
Es kommt auf die Motivation zum Sport an: Will ich Sport treiben oder ist es Zwang?

Der Sport bestimmt bei Leistungssportler Marcel Heinig nicht sein Leben. Er will Sport treiben, er muss nicht

Viele Sucht-Merkmale treffen bei Marcel Heinig nicht zu, auch wenn er für mehrfache Ironmans hart trainiert. Im Gegensatz zu Paul Oswald kontrolliert der Sport bei ihm nicht sein Leben. "Mein Uni-Abschluss ist mir wichtiger, ich denke an die Zukunft." Auch ist das unverkrampfte Verhältnis zum Sport spürbar. "Bei einem Wettkampf geht es nicht nur um die sportliche Herausforderung. Das ist ein Paket aus allem: Leute, fremde Länder und Kulturen, man erlebt etwas." Und eine weitere wichtige Eigenschaft bringt Marcel mit: Vernunft. Training trotz Verletzungen kommt nicht in Frage, und er lässt sich von Sportärzten durchchecken.

Dennoch: Ein 10-facher Ironman (38 Kilometer schwimmen, 1800 Rad fahren und 420 laufen), den er in Etappen bereits absolviert hat und nun in einem Stück meistern will — das klingt verrückt. Marcel sieht das anders: "Als ich 120 Kilo gewogen habe, kam es mir verrückt vor, 42 Kilometer am Stück zu laufen. Es ist alles eine Frage des Standpunktes."

Motiv des Sportlers
Geht es um Sucht, lautet die Frage jedoch, was das Motiv des Sportlers ist: Will er Sport machen oder muss er es? Paul musste trainieren, Marcel muss es nicht — sein Motiv: "Ich bin dankbar, dass ich Sport treiben kann und mein Leben nicht mehr vor der Glotze verschwende." Außerdem plant ein Leistungssportler sein Training, ein Süchtiger läuft, bis die Entzugserscheinungen nicht mehr zu spüren sind.

Experte Schack: "Dem Süchtigen ist es gleich, ob sein Körper leidet — Hauptsache, die Sucht ist befriedigt. Ein Leistungssportler dagegen braucht seinen Körper." Paul war derart von Sport und von Leistung besessen, dass er nicht mehr auf seinen Körper hörte.

Die Kellertreppe wird Paul nach seiner Therapie wieder problemlos meistern. Er hat das Glück, wieder ein gesundes Verhältnis zum Sport, aber auch zum Essen gefunden zu haben. Auch mit seinem Vater hat er sich ausgesprochen. "Ich bin nicht nachtragend und weiß, dass er sich Vorwürfe macht." Paul kann wieder aufs Rad steigen oder ein paar Kilometer laufen. "Aber nur, wenn ich es will. Ich muss es nicht mehr."

Auch seine sportlichen Ziele hat er ganz an den Nagel gehängt, einen Marathon oder einen Zehnkampf schließt er völlig aus. "Vielleicht nehme ich noch mal an einem Laufwettbewerb teil. Ob ich da Erster oder Letzter werde, ist mir egal." Es geht Paul nicht mehr um Leistung, es geht ihm endlich um das, was der Sport sein sollte: Spaß.

Seite 15 von 37

Sponsored SectionAnzeige