Cape Epic Bike-Tour: Südafrika mit dem Fahrrad

Der Kampf mit der Wüste
273 Teams kämpfen mit dem Wind und dem aufgewirbelten Staub.

8 Tage, 825 Kilometer und 17500 Höhenmeter – The Cape Epic in Südafrika ist das zweitgrößte Bike-Rennen der Welt. Wir haben Men’s-Health- Redakteur Markus Stenglein aufs Rad gesetzt und mitgeschickt

Niemals hätte ich gedacht, dass ich die härteste Zeit meines Bike-Lebens auf einer topfebenen Asphaltstraße erlebe. Wenn einem der Wind mit 75 Kilometern pro Stunde ins Gesicht bläst und man bei Puls 192 auf das kleine Kettenblatt schalten muss, steckt man in argen Problemen. Doch wer mit dem Mountainbike unterwegs ist, der erlebt Südafrika hautnah. Und am besten funktioniert das eben beim The Cape Epic, dem größten Mountainbike-Etappenrennen von Afrika.

1.TAG

Knysna–George: 127 km, 3150 m Anstieg

Eine kurze Nacht mit drei Stunden Schlaf liegt hinter uns. Bis spätnachts haben Sascha und ich gepackt und an den Bikes geschraubt und jetzt wird’s ernst. 273 Teams sind am Start. Die Stimmung unter den Fahrern ist nervös, keiner weiß so genau, wie hart die kommenden Etappen wirklich werden. The Cape Epic ist schließlich eine Erstveranstaltung.

Sieben Uhr, endlich Start. Heute steht eine der längsten Etappen auf dem Plan: 127 Kilometer mit 3150 Höhenmetern sind es bis zum Tagesziel in Saasveld in der Nähe von George. Wir lassen es ruhiger angehen als die Profis, die auf den ersten Flachkilometern mit Tempo 45 um die beste Ausgangsposition kämpfen. Schon am ersten Anstieg kommt etwas Ruhe ins Feld, und die Herzfrequenz pendelt sich auf ein erträgliches Maß ein. Hinter uns liegt die grüne Lagunenlandschaft von Knysna. Die Route schlängelt sich vorbei an Farmen mit saftig-grünen Wiesen und schattigen Mischwäldern.

Erschöpft erreichen wir nach fast acht Stunden und zahlreichen Anstiegen in den Outeniqua Mountains das Ziel in Saasveld. Die Etappe ist 17 Kilometer länger als angegeben, aber auf diese Unplanmäßigkeiten stoßen wir ab jetzt täglich.

600 Zelte stehen bezugsbereit auf einem Rugby-Feld mit Golfrasen-Qualität. Jetzt geht alles ganz schnell: Kohlenhydrate schaufeln, um die Energiespeicher wieder aufzufüllen, von Babsi (der besten Masseurin der Welt) die Beine massieren lassen, Schlafsack ausrollen, entspannen und in Tiefschlaf verfallen.

Bergab wird überholt was das Zeug hält
Der kurvenreiche Bergabhang wird zum Bolzen und Wiederholen genutzt.

Südafrika mit dem Bike: Endlich Wüste

2. TAG

George–Calitzdorp: 126 km, 1690 m Anstieg

Das Grauen aller Camper (und Biker) setzt ein, als es morgens nieselt und außerdem saukalt ist. Für die Locals, also die Teilnehmer aus der Gegend, ist das jedoch keine Überraschung. „Erst wenn wir die Bergkette an der Küstenlinie überwinden, wird’s richtig heiß“, erklärt Greg Minnaar, der südafrikanische Downhill-Weltmeister. Er nutzt das Rennen als Vorbereitung für die kommende Weltcup-Saison.

Am ersten Pass überholen uns ein paar Südafrikaner wie Bergziegen auf EPO. Ich konzentriere mich lieber auf das mit Nebelschwaden durchzogene Tal mit seinen grünen Bäumen. Das ist mein Dopingmittel. Der Regen hört auf, und mit der ersten Abfahrt ändert sich allmählich die Landschaft. Immer mehr Steine durchsetzen nun die Kuppen, und nach rund einem Drittel der Strecke ist kaum noch irgendwo Grün zu sehen. Es wird ein staubiger Tag mit 126 Kilometern auf fiesen Schotterpisten. Große Anstiege sind zwar nicht zu bewältigen, dafür geht es allerdings ständig wellig dahin. Und diese kurzen Power-Anstiege summieren sich auch auf immerhin 1700 Höhenmeter. Genau so habe ich mir Afrika vorgestellt: sengende Hitze und unendliche Weiten bis zu unserem heutigen Ziel in Calitzdorp Spa – einer grünen Oase.

3. TAG

Calitzdorp–Riversdale: 117 km, 2310 m Anstieg

„Heute führt die Strecke durch die Badlands in die Klein-Karoo-Wüste“, erklärt Streckenchef Rolf Lamprecht beim Race-Briefing, „packt also genügend zu trinken ein.“ Neben dem Trinkrucksack, der zirka 2,5 Liter Flüssigkeit halten kann, sind zwei Flaschenhalter obligatorisch. Schon beim ersten Checkpoint nach 50 Kilometern tanken wir sicherheitshalber komplett nach. »Es wird gebolzt wie bei einem Straßenrennen – belgischer Kreisel, Windkante und taktische Kommandos. Auf der letzten Abfahrt erreichen wir eine Geschwindigkeit von 96 Kilometern pro Stunde. Noch high vom Speed sind wir froh, dass es in Riversdale bei 38 Grad einen Schattenplatz zum Ausruhen gibt.

Bike-Waschanlage in Südafrika
An regnerischen Tagen wird jede Pfütze dankbar genutzt, um verdreckte Schaltungen zu reinigen.

Südafrika mit dem Bike: Vier Jahreszeiten in einer Woche

Der vierte Tag auf dem Bike und noch kein Ende in Sicht: Bei den Teilnehmern hinterlässt das erste Spuren

4. TAG

Riversdale–Swellendam: 132 km, 2690 m Anstieg

Das einzig Beständige ist die Unbeständigkeit des Wetters. „Four seasons in one week“, lacht Zeltnachbar Nick, als wir uns bei 9 Grad Außentemperatur und Regen aus dem Zelt schälen. Die massiven Niederschläge haben die Strecke aufgeweicht. Staubtrockene Dirtroads verwandeln sich in Küstennähe in Schlammfelder. Jede größere Pfütze wird genutzt, um den Dreck aus den Ritzeln zu spülen, weil sonst nix mehr funktioniert. Heute merkt man im Feld die ersten Ermüdungserscheinungen: Matsch bis zum Schienbein, durchfeuchtete Wiesen. Bei den Tragepassagen bleibt genügend Zeit, um die herrliche Landschaft mit den vielen Wasserfällen zu genießen und bayerische Flüche in die Natur zu brüllen. Nach 132 Kilometern und knapp sechseinhalb Stunden Fahrt sind auch wir über unseren guten 25. Platz in der Tageswertung überrascht.

5. TAG

Swellendam–Greyton: 107 km, 1150 m Anstieg

David Njau und sein Partner Davidson Kamau aus Kenia werden Dritte – nach einem Höllenritt auf einem klapprigen Trek 6500, das im Laden 600 Euro kostet. Mit unseren Leih-Bikes von Rotwild mit gefedertem Karbon-Hinterbau und Shi-mano XTR (besser geht’s nicht) wären die Burschen locker auf dem obersten Stockerl gelandet. Ich wünschte, meine Beine würden so wartungsarm funktionieren wie mein Bike.

bejubelnder Empfang in Greyton
Jeder wird gefeiert: Schulkinder empfangen auch langsamere Biker wie die Sieger

Nur 107 Kilometer und ein im Verhältnis zu den letzten Tagen flaches Streckenprofil verhelfen uns nach knapp 4:30 Stunden zu einem langen und erholsamen Nachmittag in Greyton. Hunderte Schulkinder empfangen die The-Cape-Epic-Teilnehmer. Die Stimmung ist erstklassig, und in den Straßencafés erzählt man sich gegenseitig die Heldengeschichten der letzten Tage. Von mir aus könnten wir noch einen Tag länger gastieren, zumal auch die Nacht ausnahmsweise trocken bleibt.

6. TAG

Greyton–Franschhoek: 90 km, 2477 m Anstieg

Schlechtes Wetter und Wind. Viel Wind. Karl Platt, erfolgreicher Profi-Mountainbiker und mit seinem Partner Mannie Heymans Gesamtführender: „Ich habe noch nie so viel im Gegenwind schuften müssen wie heute. Das war echt krass.“ Auch Janice Tower aus dem eisigen Alaska hatte andere Erwartungen an das Wetter – sie hatte extra mit ihrem Ergometer in der Sauna trainiert, um sich an die (nun fehlende) Hitze zu gewöhnen.

Hinsichtlich landschaftlicher Reize und Fahrtechnik ist die sechste Etappe ein echtes Highlight. Feine Singletrails wechseln sich mit anspruchsvollen Anstiegen und rasanten Abfahrten ab. Ein kleiner Trost erwartet alle Teilnehmer im Etappenziel in Franschhoek: Mit den Drakenstein Mountains im Hintergrund, den mit Weinreben durchzogenen Hügeln, zeigt sich das Western Cape hier von seiner allerschönsten Seite.

Seltsame Paarung: Profi-Radler und Genuss-Biker
Der Zufall brachte sie zusammen: Marathon-Racer Karl  und Genuss-Biker Rasti auf einem Bike

Südafrika mit dem Bike: Jeden Tag der Letzte sein

Nur noch wenige Kilometer bis zum Ziel und dann das: Unser Men's-Health-Redakteur Markus Stenglein muss aufgeben. Warum lesen Sie hier

7. TAG

Franschhoek–Die Braak: 62 km, 2470 m Anstieg

In Südafrika prallen überall unterschiedliche Kulturen aufeinander. Eine besondere Kollision ergab die Tandem-Paarung aus einem Profi-Radfahrer und dem Genuss-Biker Radl-Rasti aus Lenggries. Rasti, Zwei-Meter-Mann mit ebenso langen Dreadlocks, ist bei The Cape Epic, „um den Spirit of Africa zu erleben“. Sein Motto: „Ich will jeden Tag Letzter werden.“ Karl Schandl bikt, um ein möglichst gutes Ergebnis zu erzielen. Weil bei beiden die Partner durch Defekt ausgefallen sind, teilen sie sich nun das Rasta-Radl von Radl-Rasti. Das Ergebnis: Karl weiß inzwischen, wie man Aloe Vera richtig pflückt, und Rasti, wie man richtig in die Pedale tritt.

Die gut 60 Tageskilometer sind im Vergleich zu den vergangenen Tagen Pipifax. Zudem sich das Feld nun in der Nähe von Stellenbosch befindet, der heimlichen Bike-Metropole Südafrikas. Das merkt man auch auf der Strecke, die größtenteils aus kleinen Trails besteht. Vor allem der letzte Teil hat es in sich, denn der führt über die original UCI-Weltcup-Downhill-Strecke. Das bedeutet Adrenalin bis zum Anschlag und höchste » Anforderung an die Fahrtechnik. Mit Wurzeln verblockte Wege fordern nochmals volle Konzentration. Man pusht sich gegenseitig über den anspruchsvollen Kurs, schließlich ist das Schlimmste nach einer Woche bereits überstanden. Im Etappenziel gibt’s Hot Dogs und ein Sixpack Bier. Die Party fängt schon an.

8. TAG

Die Braak–Spier: 62 km, 2640 m Anstieg

Zur Feier des Tages scheint die Sonne. Am Finaltag wollen es nochmals alle Teilnehmer wissen – es wird hart gefahren. Auch wir drücken nach mehreren Platten zu sehr aufs Tempo, da wir unsere Top-40-Platzierung halten wollen. Doch dann stürzt Sascha auf einem schnellen Downhill. Mit sechzig Kilometern pro Stunde schlägt er auf und sieht echt übel aus – ich werde bei seinem Anblick fast ohnmächtig, beruhige ihn aber so gut es geht. Bereits nach wenigen Minuten ist das Medical Rescue-Team vor Ort und macht die Erstversorgung.

Stürze sind Tagesordnung
Stürze sind an der Tagesordnung.

Wir brechen das Rennen sofort ab und fahren ins Krankenhaus, obwohl es nur noch zehn Kilometer bis ins Ziel sind. Während mein Kumpel genäht und vergipst wird, füllt sich das Behandlungszimmer. Dennis Teeuwen, niederländischer Extrem-Biker und Crocodile-Trophy-Etappensieger, wird gerade wegen seines gebrochenen Schlüsselbeins verarztet. In der Zwischenzeit beglückwünscht und umarmt man sich im Spier Wine Estate. 463 Teilnehmer erreichen das Ziel. Zu den 15 Prozent, die das Rennen nicht zu Ende fahren, gehören auch wir – Pech, denn die restlichen zehn Kilometer hätten wir ganz bestimmt noch gepackt. Oder wir packen sie im nächsten Jahr.

Seite 3 von 8

Sponsored SectionAnzeige