Buschmann-Können: Survival in Australien

Australien
Im wilden Outback von Australien

Können, was ein Buschmann kann, das war die Aufgabe für Arne Böcker: Einer, der auszog von Obernkirchen ins ferne Down Under.

Wenn man Australien definiert als den Ort mit den größten Entfernungen zwischen A und B, mit der wildesten Wildnis in Gottes großem Erdenrund, alles eingetaucht in eine Hitze, die jedes Hirn schmelzen lässt, dann kann man unmöglich unaustralischer wohnen als ich in Obernkirchen/ Niedersachsen. Die größte Entfernung, die es zu überwinden gilt, ist die zwischen dem Supermärktchen im Norden und der Tanke im Süden. Das Wildeste, was in Obernkirchen lebt, hört auf den Namen Eric und spielt für die lokale Handballriege am Kreis. Es gibt zwar tatsächlich einen höllenheißen Ort in Obernkirchen, aber da kommen nur wenige Menschen regelmäßig hin: Mitten auf der Bergkuppe hockt eine Glasfabrik mit ihren lodernden Schmelzöfen.

Genau hier jedoch, in diesem abenteuerfernen Kaff, beginnt meine lange Reise ans andere Ende der Welt. Eine Reise mit einem glasklar definierten Ziel: Das Greenhorn aus Obernkirchen zieht los, um von den australischen Outbackspezialisten im Niemandsland zu lernen, wie man in der Wildnis überlebt und wie man eins wird mit den Kräften der Natur. So weit die Theorie.

Ich habe gleich zwei Lehrer engagiert, die mir zeigen, wie down under alles so funktioniert. Der eine ist schwarz und trägt zwei Namen; das ist völlig normal in Australien. Aaron heißt er in der Welt der Weißen, Ujjadar rufen ihn die Aborigines. Das lässt sich frei mit Sieg übersetzen. Der andere ist eine Weißhaut, Geoff mit Namen. Ihn zeichnen vor allem zwei Dinge aus: halsbrecherische Fahrkünste mit allen Fahrzeugen, die dem Prinzip des Vierradantriebs gehorchen, und eine Engelsgeduld mit bleichen Gesichtern, die aus Europa angereist sind. Sie also sollen mich zum Buschmann machen.

Ich muss mich tarnen

Aaron nimmt ein paar Brocken gelben und ebenso viel braunen sowie grauen Lehm und zerbröselt alles in einer kleinen Tonschale. Dann mischt er ein wenig Wasser unter – fertig ist ein Matsch, fein unterteilt in drei Farben. Ich muss mich still vor ihn setzen, er trägt den Glibber auf; bei Temperaturen weit jenseits dessen, was Norddeutsche so kennen, kühlt das Zeugs auf das Angenehmste. Kreise, Punkte, Flächen. Die Farbe trocknet schnell und zieht die Gesichtshaut ein wenig zusammen.

„Die Erdfarben dienen nicht nur zur Tarnung“, erklärt Aaron. „Wer sich mit den Ornamenten auskennt, kann daran die Stammeszugehörigkeit erkennen.“ Eine Art Personalausweis also, getragen auf blanker Haut. Der 31-jährige Aaron gehört zu den Cookaylangi. Dieser Stamm ist in der Gegend um Cape York in Queensland zu Hause, dem nordöstlichsten Bundesstaat in Australien. Selbst Obernkirchener kennen Sydney und Melbourne und sie wissen vielleicht, dass Ayers Rock irgendwo nahe am heißen Herzen Australiens liegt, aber Queensland? Kennt kaum ein Mensch. Und das ist ein Fehler.

Den Riesenflecken Erde im Nordosten des Kontinents zeichnet vor allem aus, dass hier viele Klima- und Vegetationsformen dicht nebeneinander zu beobachten sind. Traumhafter Strand, heißstaubiges Out-back und feucht dampfender Tropenregenwald, mittendrin die Stadt Cairns. Seit die Boomtowns Sydney und Melbourne für viele a) zu teuer oder b) zu voll geworden sind – wobei b) für einen Australier fast schlimmer ist als a) – ziehen sie zu Tausenden die Ostküste hoch und stranden meist in oder rund um Cairns in Nord-Queensland. Übrigens: Das Outback sehen Aussies eher als fernen Mythos denn als konkretes Ausflugsziel. Kaum einer der bis ins Mark verstädterten Australier traut sich hier einmal hin – egal ob nun mit oder ohne Tarnung.

Fazit: Falls Madonna den Gesichtsmatsch irgendwann mal in einem Musikclip aufträgt, wird er in Nullkommanix top-hip.

Ich jage Kängurus

„Der ist aus dem Hirn eines Baumes herausgeschnitzt“, erklärt Aaron vorsichtig das Desaster. Aborigines treffen mit den Bananendingern sogar flüchtende Kängurus, so dass sie sie nur noch aufsammeln müssen. Selbst wenn ich einen Möbelwagen hätte treffen wollen, wäre ich leer ausgegangen; dafür litten alle Büsche ringsum. Entweder schraubt sich mein Bumerang steil in die Luft oder er verrotiert sich irgendwo im Nirgendwo. Auf keinen Fall tut er das, wofür er einst erfunden wurde: zurückkommen.

Fazit: Abends liegt weder ein Känguru auf meinem Teller – noch ein Möbelwagen.

Ich spiele Didgeridoo

Das Didgeridoo ist ein Blasinstrument aus Holz und von der Konstruktion her supersimpel: etwa ein Meter lang, innen hohl. Um Töne aus dem Ding herauszukriegen, die über das asthmatische Pfeifen einer Lokomotive hinausgehen, muss man lange üben. Denn wenn man das Didgeridoo beherrscht, kann man ihm die zauberhaftesten Töne entlocken, von gruselig bis schmeichlerisch.

Erst einmal blase ich kräftig oben rein – was meine Lunge bis an den Rand der Erschöpfung fordert. Dann puste ich, dann flöte ich, dann singe ich, dann spucke ich – am unteren Ende kommt jedoch nichts an, das die Bezeichnung Ton verdient hätte. Unangenehm ist das Didgeridoo-Gefühl übrigens nicht: Die Lippen ruhen auf einer Schicht Bienenwachs, nicht etwa an rissigem Holz. Aaron macht es immer wieder vor: Er prustet in das Didgeridoo, lässt dabei die Lippen wabbeln und wackeln wie ein wiehernder Ackergaul. Und es klingt toll – mystisch, hölzern und – eben sehr aboriginesk.

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