Preppy-Style-Meister: Tommy Hilfiger

Modedesigner Tommy Hilfiger im Interview

Der Modedesigner Tommy Hilfiger ist der unangefochtene Meister des Preppy-Styles und gehört zu den USA wie die Fritten zum Burger. Hier spricht der All-American-Boy über die Höhen und Tiefen seiner Karriere

Der Sohn eines Schmuckherstellers und einer Krankenschwester wurde am 24. März 1951 als zweites von neun Kindern in Elmira, New York, geboren. Hilfiger wuchs in einem irischen Arbeitermilieu auf und zog 1979 nach New York, um eine Karriere als Modedesigner zu starten. Ohne eine entsprechende Ausbildung brachte sich der Autodidakt das Zeichnen, Entwerfen und Anfertigen von Kleidungsstücken selbst bei und lancierte 1985 seine erste Kollektion. Der Vater von fünf Kindern lebt mit seiner zweiten Frau in New York sowie ­Miami und verkauft seine Mode in mehr als 1400 Shops weltweit.

Es ist ein Sonntag in London, an dem es nicht regnet. Die Fashion Week ist in vollem Gange, und im Showroom von Tommy Hilfiger gibt es knackige Croissants. Bevor sich jedoch die Gelegenheit zum Zugreifen ergibt, zieht eine Horde durchtrainierter Männer-Models in Unterhosen vorbei und posiert vor blau-weiß-rot lackierten Spinten. Nach diesem Anblick ist das Thema Croissant gegessen, und so wandert der Blick zu den Schneiderbüsten, die vor tropischer Fauna die neue Kollektion des Designers für den nächsten Sommer präsentieren – die elegante Tailored-Linie des 64-jährigen Selfmademans gibt sich cool, maritim und zuweilen recht farbenfroh. Kurz vor Öffnung des Showrooms legen noch zwei Stylistinnen Hand an (die Büsten!), um den neuen Entwürfen mit Steamern und Bügeleisen den letzten Schliff zu geben. ­Eine ebenso eifrig arbeitende Klimaanlage kühlt den Raum auf Hilfigers Betriebstemperatur herunter. Dann betritt der Designer, dicht gefolgt von seinem Assistenten, das helle Fischgrätparkett. Pünktlich auf die Minute steht er da in einem navyblauen Anzug, mit Punktekrawatte, perfekt gefaltetem Einstecktuch und einem festen Händedruck.

Runway-Looks aus der Jubiläums-Kollektion von Tommy Hilfiger
Runway-Looks aus der Jubiläums-Kollektion von Tommy Hilfiger

 

Herr Hilfiger, Sie sind der König des amerikanischen Preppy-Looks. Wie würden Sie diesen Style einem Europäer erklären?
Den hat sicher jeder schon mal gesehen. Ob auf der Straße oder in Filmen wie „Der Club der toten Dichter“ – amerikanische Campus-Outfits, bestehend aus US-Klassikern wie Chinos, Button-down-Hemden, dun­kelblauen Blazern mit natürlich fallenden Schultern und Pennyloafern. Die Wurzeln dieses Looks liegen in der Ivy League – einem Zusammenschluss aus acht Elite-Universitäten wie Harvard und Yale, die in den 40er-Jahren eine gemeinsame Football-Liga gegründet haben. Der sportlich-elegante Kleidungsstil dieser Upperclass-Studenten ist die Basis meiner Mode. Er ist traditionell, einfach zu stylen und ziemlich smart.

Ihr amerikanischer Kollege Ralph Lauren scheint mit seiner Mode auf das gleiche Pferd zu setzen. Oder gibt es einen Unterschied?
Mr. Laurens Style ist eher britisch-aristokratisch, während meiner lässiger und jugendlicher ist. Ich bezeichne ihn als Cool American Classic.

Sie beide sind Konkurrenten. Gehen Sie sich aus dem Weg?
Wir sind nicht die besten Freunde, aber wir grüßen uns.

Was macht Ihre Marke so besonders?
Wenn man nur auf Klassiker setzt, kann das schnell langweilig aussehen. Deshalb hat meine Mode auch einen speziellen und unverwechsel­baren Twist. Eine kleine Überraschung, wie beispielsweise ein kontrastierender Futterstoff, ein ungewöhnlich geformtes Knopfloch oder bestimmte Farbkombinationen. Dazu kommt, dass ich bezahlbaren Luxus anbiete. Wir entwickeln das Label stetig weiter und modernisieren es – ohne dabei jemals die Wurzeln aus den Augen zu verlieren.

Das wurde Ihnen Mitte der 90er fast zum Verhängnis. Damals fingen Hip-Hopper an, sich für Ihre Mode zu interessieren. Sie reagierten mit Oversized-Sweatern statt smarten Hemden, Baggys anstelle von Chinos und mit XXL-Logos. War das ein Fehler?
Es war mir schon immer wichtig, Spaß zu haben. Alle meine Meilensteine hatten mit Spaß zu tun. Ich bin ein großer Musik-Fan und fand es cool, dass diese Szene mein Label getragen hat. Ich dachte, dass die Street-Kids nach einer eigenen Marke suchten. Heute weiß ich, dass dieser Hype nur ein vorübergehender Trend gewesen ist.

Lassen Sie uns die Zeit etwas weiter zurückdrehen. 1969 haben Sie zusammen mit zwei Freunden und je 150 Dollar Startkapital die ­Boutique "People'Place" in New York eröffnet. Wie sah es dort aus?
Der Laden befand sich im Kellergeschoss. Er war dunkel, sehr klein – und total cool. Wir hatten ihn schwarz gestrichen und mit Schwarzlicht ausgestattet. Im Hintergrund lief Rockmusik, und es duftete nach Räucherstäbchen. Es gab Poster, Platten, Schlaghosen, Fransenwesten und anderen Hippie-Kram zu kaufen. Das war fantastisch!

Waren Sie ein echter Hippie?
(grinst) Ich habe zumindest so getan, als wäre ich einer.

Hilfiger vor seiner ersten eigenen Boutique
Hilfiger vor seiner ersten eigenen Boutique "People's Place"

Ihr Laden war nicht weit von Woodstock entfernt. Waren Sie bei dem legendären Musikfestival im August 1969 dabei?
Zu dieser Zeit habe ich noch in einer kleinen Boutique in Cape Cod ­gearbeitet, wo ich mir das Know-how für meinen eigenen Laden angeeignet habe. Ich musste mein Geld hart verdienen und war angewiesen auf den Job. Deshalb bin ich nicht gefahren, obwohl alle meine Freunde dort waren. Dafür habe ich aber meinen Job behalten.

In den 70ern sind Sie mit „People’s Place“ in die Insolvenz gegangen. Wie gehen Sie mit Niederlagen um?
Damals war ich 25 und hatte wohl etwas zu viel Spaß … Das Wichtigste ist, immer nach vorn zu schauen und sich nicht vom Weg abbringen zu lassen. Im Leben warten ständig Hindernisse. Die Herausforderung besteht darin, möglichst heil hindurchzukommen.

Ist es wahr, dass Sie in dieser Zeit gute Angebote als Design-Assistent von Calvin Klein und Perry Ellis abgelehnt haben?
Das konnten viele nicht verstehen. Aber ich wusste ganz genau, was ich tun wollte – nämlich mein eigenes Lifestyle-Label gründen.

Das haben Sie 1985 auch getan. War es nicht wahnsinnig schwierig, als Newcomer gegen die Großen anzukämpfen?
Ich hatte Glück, mit George Lois ein Werbegenie an meiner Seite zu haben. Er startete eine Kampagne, in der er die vier wichtigsten amerikanischen Modedesigner auflistete: Calvin Klein, Ralph Lauren, Perry Ellis – und mich. Das war natürlich mit einem Augenzwinkern, aber die Leute glaubten es und kannten plötzlich meinen Namen.

Für eine Fotostrecke im Magazin "Vibe" trug Michael Jackson einen Sweater mit einem riesigen "H". Hatten Sie Ihre Hände im Spiel?
Lassen Sie es mich so sagen: Wir haben als eines der ersten Designer-­Labels Celebritys ausgestattet, weil wir deren Wert erkannt haben. Bis auf Armani und Versace haben sich damals alle dagegen gewehrt. Im Fall von Michael Jackson war es so, dass mein Bruder Andy über aus­gezeichnete Kontakte in der Musikbranche verfügte. Ich selbst bin sehr gut mit Quincy Jones befreundet, dem damaligen Produzenten von ­Michael. Das hat die Marke extrem nach vorn gebracht.

Ihr Label wird dieses Jahr bereits 30 Jahre alt. Wie feiern Sie?
Das ganze Jahr mit weltweit stattfindenden Events. Zum Auftakt haben wir im Februar die Runway-Show zur New York Fashion Week als Mega-Sport-Event inszeniert. Dafür wurde die große Halle der Park Avenue Armory in ein Football-Stadion umgebaut – inklusive Rasenmarkierungen, Anzeigetafeln und Eintrittskarten, die wie NFL-Tickets aussahen. Im Herbst wird es zudem eine Jubiläums-Kollektion geben.

Gehören die Unterhosen, die in der präparierten Gym-Umkleide nebenan präsentiert werden, auch zum Geburtstagsprogramm?
(lacht) Das sind die Underwear-Basics aus der neuen 360°-Flex-Linie – mein Geschenk an die Frauen. Das Beste ist, dass sich der Stoff in jede Richtung dehnen lässt. Dadurch trägt er sich wie eine zweite Haut.

Legen wir eine Schicht drauf: Wie sieht die perfekte Chino aus?
Schmal geschnitten und mit einem kleinen Stretch-Anteil, damit sie jede Bewegung mitmacht. Mit hochgekrempelten Beinen und in knalligen Farben wie Rot, Gelb oder Grün gehören die zu meinem Favoriten.

 

Die Zeit drängt. Während der Assistent schon nervös mit seinen Beinen wippt, krempelt Tommy sein Shirt hoch. Dann steht er auf, verabschiedet sich und verlässt den Raum so relaxed, wie er ihn betreten hat. Was bleibt, sind die Croissants und der Wunsch, sich im Hilfiger-Store eine dieser Unterhosen zu besorgen. Für die Frau zu Hause, versteht sich.

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