Leseprobe : Tommy Jauds Resturlaub 1

Es mag ja Menschen geben, die es beruhigt, wenn sie schon vor dem Urlaub ganz genau wissen, was im Hotel, am Strand und in den Kneipen passieren wird. Ich gehörte nicht dazu

Und zum ersten Mal hatte ich mich dann sogar dabei erwischt, wie ich mich heimlich nach anderen Reisegruppen umschaute. Reisegruppen, zu denen ich vielleicht besser passen würde.

Ich passte zu ALLEN Reisegruppen besser! Mit jedem Wort meiner Freunde und mit jedem Lacher und mit jeder Berührung Bienes kam ich mir seltsamer vor. Fast schien es, als schlüpfte ich aus meiner Haut, um einige Schritte neben unseren Tisch zu treten, um mich selbst zu beobachten. Seit fünf Jahren wollte ich nicht mehr nach Mallorca. Was also machte ich hier? Seit sieben Jahren hatte ich das Gefühl, dass Biene nicht die Frau fürs Leben ist. Warum hielt ich noch immer ihre Hand? Und seit einem Jahr dämmerte mir, dass mein Leben eventuell ebenso unspektakulär verlaufen würde wie das meiner Freunde. Warum machte ich dann immer noch das Gleiche wie sie?

»Bidschi, weißte noch, wie du letztes Jahr drei Daache über der Schüssel g’hangen warst, wegen dem Softeis?«, beömmelte sich Checko.
»Wie du die Straßenlampe ausgetreten hast?«, lachte Erich.

»Wie der Bassist von die Mickey Krause dem Erich auf die Bauch unterschrieben hat?«, prustete Jason, gefolgt von einem »Mallemallemum!«
Biene nahm meine Hand, lachte und drückte sie fester als sonst. Ich war mir sicher: sie spürte, dass mit mir irgendetwas nicht in Ordnung war. Vielleicht hatte ich von meiner Hochzeitsrede so einiges vergessen, doch an meine Baby-Zusage konnte ich mich erinnern. Warum hatte ich vorher nicht einfach mal nachgedacht? Dafür musste ich jetzt an all die Kinder denken, die Biene auf Mallorca mit mir machen wollte, und an all die Anekdoten, die wir uns dann zehn Jahre später am Nürnberger Flughafen erzählen würden:

»... wie Klein-Pitschi aufs Büfett gepinkelt hat!«
»... wie Klein-Pitschi im Supermarkt randaliert hat!«
»... wie Klein-Pitschi den Hoteldirektor mit Entenscheiße beworfen hat!«

Mir wurde heiß.
Ich stand auf. Ein wenig schwindelig war mir auch.

»Alles klar, Mausbär?«, fragte Biene besorgt.
Auch die anderen schauten auf. Ich muss ziemlich verwirrt ausgesehen haben.
»Bin gleich wieder da«, sagte ich und ging. Erst langsam, dann immer schneller, und schließlich rannte ich in Richtung Toilette. Mein Herz raste, ich atmete schnell und flach und für eine Sekunde hatte ich sogar Angst, ich würde sterben. Einfach so, zwischen Meeting Point und Herrenklo.
Ich riss die Tür zu den Toiletten auf und stützte mich keuchend am Waschbecken ab. Dann drehte ich den Hahn auf und schaufelte mir eiskaltes Wasser ins Gesicht. Ich verbrachte mehrere Minuten damit. Das Wasser tat mir gut. Ich beruhigte mich. Ich betrachtete mich im Spiegel. Ich sah unglücklich aus, energielos und angespannt zugleich. Eine seltsame Kombination kurz vor dem Abflug in den Jahresurlaub.

Und dann geschah es.
Plötzlich sah ich alles glasklar.
Mit einen Mal wusste ich, was ich zu tun hatte.
So groß war die Gewissheit, dass ich mich unmöglich wieder an den knallbunten Bistrotisch und mein altes Leben setzen konnte.sollte ich dort?

Ich gehörte ohnehin nicht mehr dazu.
Ich konnte nicht mehr, man sah es mir an.
Und ich war schon viel zu lange geblieben.
Der Wasserhahn lief noch.
Ich drehte ihn ab.
Ich wollte nicht nach Mallorca.
Ich wollte keine Babys mit Biene machen.
Und ich wollte nicht zurück nach Bamberg.
Ich wollte weg.
Weit weg.
Alleine.
Jetzt!

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