Wo sind unsere Idole?: Wir brauchen neue Vorbilder

Steckt ein Vorbild in ihm?
Steckt ein Vorbild in ihm? Gut 40 % sehen sich selbst schon als "modernen neuen" Mann

Ja, auch Männer brauchen Vorbilder – und zwar neue! Denn die bisherigen stehen für ein eher traditionelles Rollenbild — und das ist von gestern

Der neue Mann. Schon morgens in der U-Bahn begegnet er uns. Er lächelt von Plakaten an Scheiben und auf den Bahnsteigen: Ein Mittzwanziger mit großflächigen Tätowierungen, Vollbart und Undercut, der Vierjährige tröstet, wenn sie von der Schaukel gefallen sind, oder ihnen etwas vorliest, um so den Streit um die Bauklötze zu schlichten. „Werde Erzieher!“, schreit der Text dazu. „Mehr Männer in Frauenberufe!“, ist die Botschaft des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Hamburg dahinter.

Macher, Ernährer und Hauptverdiener – Auslaufmodelle

Vor den Plakaten aber sitzt das klassische Rollenbild: Männer auf dem Weg zum Job, die unterwegs ihre E-Mails im Smartphone vorsortieren oder auf dem Laptop der 9-Uhr-Präsentation den letzten Schliff verleihen. Typische Macher, Ernährer und Hauptverdiener. Auch wenn es ihnen nicht bewusst ist: Sie sind Auslaufmodelle. „Mit dem traditionellen Männerbild kommen wir nicht weiter“, konstatiert Björn Süfke aus Leopoldshöhe. Der Psychologe und Buchautor („Männer. Erfindet. Euch. Neu.“, Mosaik, um 20 Euro) beschäftigt sich seit Langem mit der Rolle des Mannes und wie sie sich ändert. Auch der Soziologe Carsten Wippermann aus Benediktbeuern stellt in einer aktuellen Studie mit dem Titel „Männer: Rolle vorwärts, Rolle rückwärts?“ fest: „Gleichstellung ist heute in allen gesellschaftlichen Gruppen eine prinzipiell akzeptierte Norm, hinter die niemand mehr zurück will.“ Was heißt: Wer mehr Frauen in klassischen Männerdomänen will, muss auch Männer in Frauenberufen und –rollen wollen.

15 neue Vorbilder in verschiedenen Kategorien

Men’s Health hat in Deutschland nach Männern gesucht, die (zumindest auf ihrem Gebiet) als neue Vorbilder dienen; Die gewohnte Pfade verlassen, um sich sozial zu engagieren, die neue Ideen umsetzen, in Stilfragen neue Antworten geben oder im Sport Herausragendes leisten, das sich nicht nur in Pokalen und Bestzeiten misst. Zusammen mit einer Jury haben wir die unserer Einschätzung nach interessantesten Persönlichkeiten in den Kategorien Engagement, Stil und Sport ausgewählt und stellen Ihnen diese Männer in einer Bildergalerie 15 Männer-Vorbilder vor.

Unsere User haben dort ein eindeutiges Urteil gefällt: Marco Steffan und seine Initiative  athletesforcharity.de haben mit großem Vorsprung das User-Voting für sich entschieden.

Männer-Vorbilder
Männer-Vorbilder 15 Bilder

Traditionelle Geschlechterrolle als Sinnstifter

„Eine enorme Anstrengung“, sagt Süfke. „Die traditionellen Geschlechterrollen haben eine extrem lebenserleichternde Funktion.“ Sie weisen Frauen und Männern ihre Plätze zu und beantworten so ganz automatisch auch Fragen, mit denen sich heute jeder rumschlägt: Was ist der Sinn meines Lebens? Wie will ich mich selbst verwirklichen? Süfke: „Wenn wir uns von diesen Geschlechter-Stereotypen befreien, bringt uns das die Tyrannei der Freiheit. Das fordert viel von uns, aber ich bin völlig davon überzeugt, dass sich diese Anstrengung lohnt.“

Und warum? Weil das traditionelle Männerbild eine Liste von Vorschriften ist: nie Angst oder Trauer zeigen, Schmerz stoisch ertragen, die Dinge alleine regeln, erfolgreich sein — um nur ein paar zu nennen. Und immer dort, wo der Einzelne diese Vorschriften nicht erfüllen kann, kommt es zur Unterdrückung von Gefühlen und Bedürfnissen. „Das ist aus psychologischer Sicht problematisch, weil viele dieser Vorschriften so subtil vermittelt werden, dass ich mich als Mann gar nicht wehren kann“, erklärt Experte Süfke. Hinzu kommt der gesellschaftliche Schaden, weil die Vorschriften mögliche Potenziale gar nicht zur Entfaltung kommen lassen. Ex-Bundes- finanzminister Peer Steinbrück (SPD) hat an das traditionelle Männerbild mal ein Preisschild gehängt: Solange in Deutschland zwischen Männer- und Frauenberufen unterschieden werde, würde das die Volkswirtschaft ungefähr 20 Milliarden Euro im Jahr kosten.

Die wichtigsten Lebensphasen für Väter: Spiele, spielen, spielen!
Väter können nur als Vorbild dienen, wenn sie eigene Gefühle zulassen

„Gefühle zeigen“ wichtiger als „Härte“

Schnell weg also mit den traditionellen Vorschriften und her mit den neuen Männern? Nun, in Umfragen sehen Männer das längst so. Soziologe Wippermann macht gemeinsam mit Kollegen in einer aktuellen Untersuchung vier Männer-Typen aus: den „traditionellen Ernährer“ und den „Lifestyle- Macho“ als Vertreter der alten Schule, den „modernen neuen“ und den „post-modern-flexiblen“ Mann als Modell der Zukunft. Bereits zwei Drittel aller Befragten zählen sich selbst zu den beiden letztgenannten Typen. Da ist etwa „Gefühle zeigen“ (42 Prozent) wichtiger als „Härte“ (32 Prozent) und „Zärtlichkeit“ (44 Prozent) männlicher als „Überlegenheit“ (24 Prozent). Alles also auf einem guten Weg? Fast, denn wie so oft hinkt das wahre Leben dem geäußerten Willen hinterher.

Das mit den Gefühlen ist ja auch nicht einfach. „Wird mir von jungen Jahren an vorgelebt und anerzogen, keine Gefühle zu haben, spalte ich die Gefühle in mir ab, und sie sind dem Bewusstsein nicht mehr zugänglich“, so Psychologe Süfke. Das geht dann so weit, dass Männer irgendwann diese Gefühle gar nicht mehr empfinden und zum Ausdruck bringen können.

Zum Glück lässt sich das Verschüttete wieder hervorholen, wenn sich Männer ganz bewusst mit Angst, Trauer, Schmerz etc. auseinandersetzen. Ein Prozess, der gesünder macht. Süfke: „Die Forschung ist da eindeutig: Das macht weniger anfällig für psychische wie auch für körperliche Krankheiten.“

Nur 4 Prozent. Männer in "Sissy-Jobs"

Weniger positiv ist die Entwicklung im Beruflichen. Den U-Bahn-Plakaten zum Trotz liegt zum Beispiel der Anteil männlicher Kindergärtner bei nur 4 Prozent. Männer in so genannten Sissy-Jobs, wie man Frauenberufe in den USA wenig schmeichelhaft nennt, sind für Süfke „ein zartes Pflänzchen, die Zahlen stagnieren seit Anfang des Jahrtausends“. Wer’s wagt, hat an allen Fronten zu kämpfen, gegen fehlende Akzeptanz durch Kolleginnen ebenso wie um Bestätigung durch das private Umfeld. Ehrlich: Ein Mann muss schon Eier haben, um das durchzuhalten. Psychologe Süfke rät Männern, bei der Berufswahl die Akzente anders zu setzen: „Bei uns steht immer Leistung an erster Stelle, also: was man kann. Die Motivation — das, was man will — sollte eine größere Rolle spielen.“

Wer für etwas glüht, kann Leistungsdefizite binnen kurzer Zeit aufholen. Mangelt es hingegen an Interesse, begibt man sich in die innere Emigration oder macht Dienst nach Vorschrift.

Kinder brauchen den neuen Mann als Vorbild

Neue Akzente sollte ein Mann setzen, wenn er Vater wird, besonders als Vater eines Jungen. „Eine männliche Bezugsperson, die ganz nach dem traditionellen Rollenbild keine Gefühle zulässt, eignet sich nicht als Vorbild für Jungs“, warnt Süfke. „Wie soll ein Sohn sonst lernen, dass Gefühle zum Mannsein dazugehören?“ Alleinerziehenden Müttern rät er, eine moderne männliche Bezugsperson zu suchen. Das könne auch ein Freund, ein Opa, ein Pate sein. Vätern empfiehlt Süfke, so oft wie möglich anwesend zu sein: „Verbringt mehr Zeit mit den Jungs. Ich halte nichts vom Gerede über Quality-Time. Es reicht nicht, lediglich die tollen Momente zu teilen und den Alltag dem Partner zu überlassen. Das wäre  bloß wieder das Klischee vom Mann als Held, der alles geregelt kriegt.“

Wie wichtig für all das Vorbilder sind, betont auch Soziologe Wippermann. In seiner Studie beklagt er, dass Männer kaum konkrete positive Leitbilder vom „neuen Mann“ kennen würden. Auch deshalb falle es vielen schwer, die Attribute klassischer Männlichkeit im Alltag abzulegen.

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