Neuer Versicherungstarif: Telematik – Privatshäre gegen Versicherungsrabatt

Versicherungstarif Telematik – Tausche Privatshäre gegen Versicherungsrabatt
Neuer Versicherungstarif Telematik: Nicht nur Sie wissen, wohin Sie fahren

Ein neuer Versicherungstarif ab 2016 verspricht Preisnachlässe, wenn man sein Fahrverhalten überwachen lässt. Men’s Health sagt, für wen es interessant ist und welche Risiken drohen

Nein, Sie sind kein Raser, aber dann und wann das Gaspedal einfach mal durchdrücken, das befreit und darf doch keine Sünde sein. Doch, das soll es, wenn es nach der Vorstellung der Autoversicherungsbranche geht.

“Pay how you drive“ – zahle so, wie du fährst – was in anderen Ländern wie den USA und Großbritannien bereits Sitte ist, soll zum kommenden Jahr auch in Deutschland eingeführt werden: Telematik-Tarife (Telekommunikation + Informatik). Voraussetzung dafür ist, dass der Fahrer einen kleinen Technik-Kasten in den Zigarettenanzünder seines Autos steckt. Auf diesem Weg erhält die Versicherung Aufschluss über das Fahrverhalten des Kunden.

Black Box fürs Auto

Die so genannte Telematik-Box zeichnet vier Sicherheitsfaktoren auf, die als Risiko für eine erhöhte Unfallgefahr während des Fahrens gelten:

  • Tempo: Wer sich an die Geschwindigkeitsbegrenzungen hält, kann sparen. Gewichtung: Bis zu 10% Nachlass.
  • Fahrweise: Wer sich dem Verkehr anpasst und nicht ständig stark bremst oder beschleunigt, kann sparen. Gewichtung: Bis zu 10% Nachlass.
  • Zeit: Wer Diskofahrten meidet und nicht immer in der Rush-Hour fährt, kann sparen. Gewichtung: Bis zu 5% Nachlass.
  • Straßentyp: Wer viel auf Autobahnen oder Nebenstraßen unterwegs ist, kann sparen. Gewichtung: Bis zu 5% Nachlass. (Info: VHV-Magazin)
Datenerhebung über GPS und Sensoren durch VHV Telematik-Box
Good boy or bad boy: Anhand der Datenerhebung über GPS und Sensoren durch die VHV Telematik-Box weiß der Versicherer stets, wie Sie unterwegs sind – und auf Anfrage eines Gerichts: auch wo(hin)

Aus diesen Daten wird ein Score von 0 bis 100 errechnet, ähnlich eines Kreditscoring, bei dem Banken aus Anhaltspunkten wie Beruf und Wohnort für ihre Kunden eine Bonanitäts-Note vergeben. Wen Sie passiv fahren, sich an die Geschwindigkeitsbegrenzungen halten und tagsüber auf sicheren Straßen unterwegs sind (siehe: Nachteil für Nacht- und Stadtfahrer), dann können Sie 100 Punkte erreichen und damit die höchste Ersparnis. Über eine App lässt sich Ihr Rabatt immer aktuell kontrollieren.

Sparpotenzial bis zu 30 Prozent

Einer der Ersten bei der Einführung in Deutschland ist die VHV-Versicherung aus Hannover. Seit 1. Oktober 2015 bietet sie den “Telematik-Garant” an. Ab 1. Januar 2016 soll der Tarif “scharf geschaltet” werden. S-Direkt, die Autoversicherung der Sparkassen, Sijox, eine Signal-Iduna-Tochter, und Axa haben schon jetzt entsprechenden Angebote auf dem Markt. Die Allianz und HUK-Coburg, zwei der der größten Autoversicherer Deutschlands, wollen im Laufe des kommenden Monate nachziehen.

Der “Telematik-Garant” wird einen Preisnachlass von bis zu 30 Prozent bieten, verspricht Stefan Lutter, Pressesprecher der VHV. Vor allem junge Fahrer könnten davon profitieren: Als Fahranfänger müssen sie wegen einer höheren Unfall-Risikoeinstufung generell hohe Beiträge zahlen. Die VHV ermittelt den Jahres-Rabatt im 1. Jahr aus einem “Initialnachlass”, der nach 25 Stunden Fahrzeit berechnet wird. Ab dem 2. Jahr gilt ein monatlicher Berechnungszeitraum. Die Telematik-Box vermietet die VHV an seine Kunden für 6,99 Euro im Monat.

Problem Sicherheitsfaktoren

Was nach einer Erziehungsmaßnahme für einen umsichtigen Fahrstil klinkt, von dem eigentlich alle Verkehrsteilnehmer nur profitieren könnten, hat seine Schwächen. Zunächst der Sicherheitsfaktor Bremsen: Was, wenn ein Kind auf die Straße läuft und jemand stark in die Eisen geht? Das Risikoverhalten würde aufgezeichnet werden. Landet man für den kommenden Monat also automatisch in einer anderer Preisklasse und verliert dabei den angepeilten Rabatt? Nicht zwingend. Natürlich solle unbedingt weiterhin notgebremst werden, wenn es die Situation erfordere, meint Lutter. Einmal scharf Bremsen oder zum Überholen beschleunigen hinterlasse keinen bleibenden Einfluss, weil der Punktestand als Durchschnitt ausgewertet wird. Abzüge bekommt, “wer permanent beschleunigt, abbremst und in den Kurven schnell fährt,” so die VHV.

Trotzdem: Der neue Tarif stellt den Fahrer vor die Frage der (gefühlten) Häufigkeit. Wie oft möchten Sie beim Überholen wie stark das Gaspedal durchdrücken? Oder: Mein Kredit an Brems-Notsituationen ist für diesen Monat unglücklicherweise womöglich bereits am Limit. Was tun? Werde ich bei der nächsten Katze, die über die Strasse läuft, bremsen oder eher sachte drüber hinweg rollen? Für den einen oder anderen Fahrer dürfte der Telematik-Tarif also auch zu einer Frage der Moral werden.

Nachteil für Nacht- und Stadtfahrer

Für bestimmte Arbeitnehmer könnten sich außerdem die beiden Sicherheitsfaktoren Tageszeit und Straßentyp als ein Nachteil offenbaren. Laut VHV wird die Landstrasse und der Stadtverkehr in eine höhere Risikogruppe eingestuft als eine Autobahn; das gilt auch für Nachtfahrten im Vergleich zu Tagesfahrten. “Die Diskofahrt in der Samstagnacht ist gefährlicher als ein Ausflug am Sonntagnachmittag”, sagt Lutter.

Doch was, wenn man als Schichtarbeiter oder Pendler bei Dunkelheit zur Arbeit muss oder als Taxifahrer in der Stadt unterwegs ist? Wenn man sich den Straßentyp und die Tageszeit nicht aussuchen kann? Dann sei das sicherlich ein Nachteil, gibt auch Lutter zu. Es ist nicht die einzige Herausforderung, vor dem der neue Tarif steht. Denn die Telematik-Box zeichnet nicht nur das Fahrverhalten auf, sondern erstellt auch eine permanente Ortung: Wann fahren Sie wohin?

Tausche Rabatt gegen Privatsphäre

Diese Fahrdaten, beschwichtig Lutter, werden per SIM-Karte aus der Telematik-Box an einen “TÜV-zertifizierten Dienstleister” mit der höchstmöglichen Sicherheitsstufe Level 4 übertragen. Sie erhalten lediglich den Score, so Lutter weiter. Die VHV wisse daher niemals wo sich der Fahrer gerade aufhalte und wie schnell er fahre.

Durch diesen Umweg, erklärt Marit Hansen, Landesbeauftragte für Datenschutz Schleswig-Holstein, werde das Missbrauchsrisiko tatsächlich gesenkt. Aber das hieße eben nicht, dass überhaupt kein Risiko mehr bestünde. Nach wie vor werden im Rechenzentrum des jeweiligen Dienstleisters Massen von Daten gespeichert, die ein persönliches Bewegungsprofil offenbaren. Bei einem Ermittlungsverfahren bestünde die rechtliche Grundlage, diese Daten zu beschlagnahmen, gibt Hansen zu bedenken.

Geschäftsmodell Datensammlung

Viel dramatischer aber sieht Hansen die Tatsache der Verhaltensteuerung durch die neuen Lockangebote: Wer sich konform verhält, der kann sparen. Doch wenn es für die einen billiger wird, dann wird es für diejenigen, die keinen Telematik-Tarif abschließen wollen, bei der nächsten Tarifreform wahrscheinlich teurer, glaubt Hansen. Ähnlich sieht es auch der Bundesverband Verbraucherzentrale (vzbv) in Berlin. Man dürfe jetzt nicht in einen “naiven Technikoptimismus” verfallen, warnt Klaus Müller, Vorstandsmitglied der vzbv. “Daten sind das Öl von heute und morgen”.

Prämien sinken

Tatsächlich machen Unternehmen wie Facebook oder Amazon vor, wie man seinen Börsen-Wert oder Teile des Geschäftsmodells nur darauf aufbauen kann, Millionen von Nutzer zu haben, die Daten über sich der preisgeben. Wer sie auch immer aus welchen Gründen erhebt: Daten sind nicht nur der Werbeindustrie viel Geld wert. Die Zeiten haben sich geändert. Die Deutschen Kfz-Versicherer stehen vor großen Herausforderungen, heißt es in der Analyse "Geschäftsmodell der Kfz-Versicherung im Umbruch" der Unternehmensberatung Roland Berger. Tarif-Vergleichsportale, neue Geschäftsmodelle wie Carsharing, und die Zukunft des teilautonomen Fahrens setzt die Branche unter Druck. Die Prämieneinnahmen sinken. Es müssen neue Geschäftsmodelle her.

Kaum Vertrauen zur Kfz-Versicherung

Laut einer repräsentativen Umfrage unter 1.065 deutschen Kfz-Haltern (2013), die im Auftrag des Beratungshauses hnw consulting durchgeführt wurde, wären drei Viertel von ihnen bereit, Fahrzeugdaten zur Auswertung an andere weiterzugeben. Allerdings würden nur 4 Prozent ihre Daten der Kfz-Versicherung anvertrauen wollen. Fast 30 Prozent glauben, die Autohersteller seien dafür eher geeignet.

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