Ölringen im Test: Wahre Kraft braucht kein Sixpack

Türkisches Ölringen
Ölringen-Showdown: Profi Evren Oz hat Neuling Maxwell aus dem Tritt gebracht

Ölringer haben weder Sixpack, noch XL-Arme, aber trotzdem mächtig Power. Beim Kerle-Sport ist Geschick, Explosivität und Kraftausdauer gefragt. Und die gibt's nicht mit Bizeps-Curls, Bankdrücken und Gewichtheben

Auf einer wenig grünen Grasfläche in der Nähe des Stadions, wo in 2 Tagen der große Ölring-Wettkampf beginnt, japst Kampfsport-Coach Steve Maxwell gequält - während Ölringer Evren Oz ihn von hinten mit beiden Armen kraftvoll umfasst, hochhebt und 3 Schritte vorwärts trägt. "Ich kriege keine Luft, verdammt!" brüllt Maxwell. "Mein Brustkorb wird zu einer Erbse zusammengepresst." Das beschriebene Hebemanöver ist eine von 2 Möglichkeiten, so einen Ölringkampf für sich zu entscheiden. Die andere: beide Schultern des Kontrahenten auf den Boden zu drücken.

Es ist sehr heiß, fast 35 Grad. Die mit Olivenöl eingeschmierten Männer durften wir ein Salatbüfett. Maxwell wischt sich den klebrigen Mix aus Öl und Schweiß aus den Augen und blickt zu Boden, um sein Gesicht für einen kurzen Moment vor der gnadenlosen Sonne zu schützen. "Es gab keine Möglichkeit, sich aus Evrens Griff zu befreien, es ist einfach unglaublich, wie stark er ist", sagt er.Wenn man sich Evren Oz so anschaut, überrascht dieses Lob. Denn Evren hat keine dicken Arme, kein sonderlich breites Kreuz, und freundlich formuliert, auch nicht gerade ein Sixpack. Mit 80 Kilogramm bei 1,75 Meter wirkt er auf den ersten Blick nicht wirklich furchteinflößend, fast unscheinbar. 
Doch er ist stark, schnell und äußerst robust. Erst bewegt er sich abwartend, dann kommen seine Attacken: blitzschnell, überraschend - und er packt trotz des Öls, das alles so glitschig und schwierig macht, einfach unsagbar kräftig zu. "Es ist eine andere Art von Stärke als die, die ich sonst kenne", meint Maxwell. "Als ich jung war, haben wir die Art von Kraft Bauernjungenstärke genannt." Evren Oz, 31 Jahre alt und Restaurantbesitzer aus Zonguldak an der Schwarzmeerküste, spricht leise und zurückhaltend, als er erzählt, wie er so stark geworden ist.

Wie hat er sich diese sehr funktionale Kraft antrainiert? Im Fitness-Studio? Oder mit Kardio-Einheiten? Nichts dergleichen. "Mein Gegner ist ja nicht aus Eisen, also würden mir Bizeps-Curls, Bankdrücken und Gewichtheben nicht helfen, ihn zu besiegen", sagt er. "Davonlaufen will ich ihm auch nicht - warum sollte ich also joggen?" Wie er das so sagt, dem Blick seines Gegenüber ausweichend, wirkt er eher wie ein verschüchterter Schuljunge - und nicht wie ein Mann, der gerade eben einen der weltbesten Kampfsport-Coaches furchtbar alt hat aussehen lassen. 

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