Y-Chromosom: Wird Sex überflüssig?

Was ist das?
Geht die sexuelle Anziehungskraft bald flöten?

Künstliche Spermazellen zeugen Babys im Reagenzglas – Zukunftsvisionen oder Horrorvorstellungen? Was wird aus den Geschlechterrollen?

Sechs Millionen der 50 Millionen Basenpaare des Y-Chromosoms sitzen in solchen Palindromen. Ein Basenpaar des Erbguts ist vergleichbar mit einem Buchstaben eines Buches. Schätzungsweise 600 der Basenpaare sind zwischen Vater und Sohn verschieden – das sind 1000-mal mehr als die normale Mutationsrate – und es ist mehr, als den mendelschen Vererbungsgesetzen zufolge erlaubt ist. Entwickeln sich Männer also schneller als andere Lebewesen? Mark Jobling sieht in dem Mechanismus einen Unfall der Evolution, der das instabile Y-Chromosom zum Verschwinden bringen wird. Er und seine schreibenden Forscherkollegen Brian Sykes („Keine Zukunft für Adam“, Lübbe-Verlag) und Steve Jones („Der Mann“, Rowohlt-Verlag) gehen so weit zu spekulieren, dass die Menschheit eines Tages ohne degenerierte männliche Wesen auskommen könnte. Fortpflanzung würde dann, ohne Geschlechtsverkehr und ohne Mann, im Reagenzglas stattfinden. Schauerliche Zukunftsvision!

Atmen Sie auf! Denn im Moment kündigt sich eher das Gegenteil an. Jüngste Experimente mit Stammzellen deuten darauf hin, dass möglicherweise nicht der Mann überflüssig ist, sondern die Frau. Professor Hans Schöler von der Universität in Pennsylvania ist es gelungen, Eizellen aus embryonalem Gewebe herzustellen, das entweder von männlichen oder weiblichen Mäusen stammt. Japanische Forscher produzierten künstliche Spermazellen. Dies klappte aber nur mit männlichen Stammzellen, nicht mit weiblichen. Theoretisch genügen also männliche Ausgangszellen, um beides – funktionierende Eizellen und befruchtungsfähige Spermien – herzustellen. Zusammen ergeben sie einen neuen Menschen. Befruchtung im Reagenzglas – schön und gut –, aber wer trägt die Embryonen aus, wenn nicht eine Frau? Auch diesbezüglich ist Abhilfe in Sicht. Forscher experimentieren schon mit künstlichen Gebärmüttern, in denen Ziegenembryos wochenlang überleben können.

Sind Frauen also demnächst wirklich überflüssig? Zu reinen Fortpflanzungszwecken sind Frauen und Männer sicherlich eines Tages nicht mehr auf Sex angewiesen. Wird das andere Geschlecht aus dem Grund aber seinen Reiz verlieren? Wohl kaum – Sex könnte so bestenfalls zum reinen Genuss werden.

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