Diagnose Sportsucht: Wie Sport süchtig macht

Sport kann zur Sucht werden
Einer von 100 Sportlern ist von Sportsucht betroffen

Wenn Sport zum Zwang wird — ein Betroffener spricht über seine Sportsucht. Dazu: Großes Experten-Interview und Selbsttest

Es ist der kurze Weg in den Keller und zurück, der Paul Oswald* zeigt, dass es so nicht weitergehen kann. Der ehemalige Zehnkämpfer wollte zu seiner aktiven Zeit stets mehr leisten, schneller sein, größere Erfolge erzielen. Aber jetzt zwingen ihn schon 128 Stufen in die Knie.

Zu diesem Zeitpunkt, Paul ist 26 Jahre alt, wiegt er knapp 55 Kilo — und das bei einer Größe von 1,90 Meter. Nach dem kurzen Weg schmerzen seine Füße wie noch nie. Er hat starken Druck auf den Ohren, fühlt sich, als wäre er taub, muss sich sofort hinlegen — stehen ist nicht mehr möglich. Er ist am Ende. "Ich fühlte mich wie tot", sagt er heute. Kaum zu glauben, dass er mal Bayerischer Meister in seiner Sportart war. Paul ist süchtig — nach Sport, nach Leistung und nach Ansehen. Eine Krankheit, die seinen Körper ruinieren sollte.

Jeder Hunderste ist betroffen
Ungefähr ein Prozent aller Sportler leidet an einem ähnlichen Schicksal, schätzen die Experten. Professor Thomas Schack, Sportwissenschaftler an der Universität Bielefeld, beschäftigt sich seit Jahren mit dem Phänomen Sportsucht (siehe Interview). "Wie schwer diese Erkrankung sein kann, ist vielen nicht bewusst", sagt er. "Wenn körperliche Grenzen missachtet werden, kann die Sucht zum Tod führen." Paul missachtete die Grenzen, tat alles, um besser zu werden. Essstörungen kamen hinzu — Diagnose: Sportbulimie. Eigentlich ein Spezialfall der Erkrankung.

"Die meisten Patienten treiben Sport, um nicht zuzunehmen", erklärt Dr. Gabriele Hiller, Oberärztin an der Klinik am Roseneck in Prien am Chiemsee. Bei Paul jedoch sollte das Abnehmen dem Sport dienen. Sein Gedanke: Je weniger ich wiege, desto schneller kann ich laufen. Hiller: "Ein Phänomen, das in Sportarten auftritt, bei denen das Gewicht über Sieg oder Niederlage entscheiden kann, etwa beim Eiskunstlaufen oder Skispringen."

Spitzensportler schlechtes Vorbild
So wurden während der Olympischen Winterspiele 2002 in Salt Lake City im Rahmen einer Feldstudie 150 Spitzensportler untersucht. Das Ergebnis, gerade bei den Skispringern, war verheerend: Ungefähr 20 Prozent waren untergewichtig. Ein weiteres Problem: Schon Nachwuchssportler fangen an zu hungern — wie sonst sollen sie die Zeiten und Weiten der angehimmelten Idole erreichen?

Eine dramatische Entwicklung, die in einem Teufelskreis enden kann — nämlich dann, wenn der abgemagerte Nachwuchs den Worldcup dominiert. Paul war von Rekordläufer Haile Gebrselassie fasziniert. "Im Fernsehen sah er so dünn aus", sagt er. Eine Erklärung für sein Abmagern war das allerdings nicht. Der Grundstock für seine Sucht wurde schon viel früher gelegt.

* Name von der Redaktion geändert

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