Gefährliche Triebschaften: Wieder wilden Sex

Wenn die sexuelle Anziehung stimmt, die Leidenschaft, sollten wir nicht zögern, ans Limit zu gehen
In der Gefahr liegt auch die große Lust

Sie denken bei den Wörtern Sex und Gefahr an Koitus interruptus? Wir denken eher an einen Koitus intergalaktikus!

Denn mit einer Prise kalkulierter Gefahr bringen Sie Feuer ins Sexleben. Gefahr macht Sex noch intensiver. Man kennt das von riskanten Seitensprüngen oder rauschendem Spontan-Sex auf Partys. Von diesem Phänomen berichteten aber auch viele Menschen aus New York, die nur kurze Zeit nach den Anschlägen am 11. September eine instinktive Gier nach Sex verspürten. Und das hat Forscher veranlasst, sich des Themas anzunehmen.

Jetzt liegen die Ergebnisse vor. Mit aufregenden Konsequenzen für alle, die aus bravem Sex wilden Sex machen wollen. Zuerst müssen die Beweise her, werden Sie sagen. Okay, wir liefern. Dann aber verraten wir Ihnen fünf Kicks, mit denen Sie Ihr Liebesleben wieder so richtig gefährlich scharf gestalten können. Nun jedoch erst einmal ein Beispiel aus den USA: Sharon Goldberg, eine Anlageberaterin bei einem der großen Wall-Street-Broker, war eine anständige Ehefrau. Bis zu jenem 11. September, als der Rauch des Infernos die Sonne über Manhattan verdunkelte. Sharon floh, so wie viele andere auch, auf den aschebedeckten Straßen nordwärts. Nach vier Meilen machte sie Halt in einem Hauseingang. Sie atmete tief durch. Gerettet.

Aber sie blieb nicht allein. „Kurz nach mir hastete ein Mann in den Eingang. Er lehnte sich erschöpft an die Wand“, erzählt sie. „Sein Anzug war bedeckt von Ascheflocken. Eine Weile stand er mit geschlossenen Augen da. Dann erst bemerkte er mich. Wir sahen uns an. Etwas in seinem Blick traf mich. Wir waren der Hölle entronnen. Wir waren vom Schicksal zusammengebracht. Ich lächelte. Er streckte die Hand aus. Ich umarmte ihn. Viele Fremde haben sich an dem Tag umarmt. Aber es war nicht nur Erleichterung. Da war Hunger. Ich hielt ihn fest: Es war Gier. Er fasste mich an. Draußen hasteten Leute vorbei. Er zog mich tiefer ins Dunkel des Hausflurs. Oder zog ich ihn? Was geschah, war unausweichlich. Eine ausgemusterte Kommode stand neben der Kellertür. Er hob mich rauf. Ich schleuderte die Schuhe von mir, mein Rock flog zum Müll in die Ecke. Mit der Kostümjacke warf ich alles von mir, was ich für meine Identität gehalten hatte. In diesem Augenblick war ich namenlos und frei, aber lebendig mit jeder Faser, ein pulsierender Körper, ein vibrierendes Wesen, das nichts als Sex wollte. Es war, als löste ich mich auf, in dem un-wahrscheinlichen orgiastischen Rausch.“

Klingt abenteuerlich, aber Sharons Erlebnis ist keine Ausnahme. Ihre Schilderung gehört zu jenen erstaunlichen Berichten, von denen jetzt immer mehr ans Licht kommen. „Erst haben wir uns nicht getraut, über die sexuelle Gier im Angesicht des Untergangs zu sprechen“, sagt die Psychologin Carol Ellison, die solche Zeugenaussagen für ein Buch gesammelt hat. Und auch Wissenschaftler- bekamen Input für ihr neues Forschungsfeld, für den so genannten Post-Desaster-Sex oder auch End-of-the-World-Sex.

„Eine extreme Ausnahmesituation schafft hohe sexuelle Erregung“, so der New Yorker Psychiater Harold Brown, „denn die normalen Regeln gelten nicht mehr. Mit einem Schlag werden Scham- und Schuldgefühle beiseite gefegt und vitale Instinkte mobilisiert. Das ist der evolutionäre Beitrag in unseren Genen: Im Schatten einer Bedrohung lebt sich der Fortpflanzungstrieb, auch Sex genannt, hemmungslos aus.“ Manch einer berichtet von Stehvermögen und Orgasmen, die alles übertreffen, was man jemals erlebt hatte. Neun Monate nach dem Desaster in New York ist übrigens die Geburtenrate in den USA um dreizehn Prozent nach oben gesprungen. „Ohne die Pille wären es hundert Prozent gewesen“, erklärt Pepper Schwartz, Soziologin an der University of Washington. Denn: „Dramatik macht sexy. Und Krisen törnen an.“

Das lässt sich nutzen – ohne Terror. Bereits ein Hauch von Gefahr gibt dem Körper das Signal zur sexuellen Startbereitschaft, der Output erotisierender Hormone wird angedreht. Wo Wagnis im Spiel ist, wird erotische Urkraft geweckt. „Wenn Sex zu safe wird, schwindet der Thrill“, so Michael Bader, Psychologie-Professor in San Francisco. Im Nachbeben des 11. September hat er ein wegweisendes Buch über Sex geschrieben: „Arousal“. Grundsätzlich lautet das Motto für verschärften Sex: raus aus der Sicherheit. Es lohnt sich, ungewöhnliche Situationen und Konstellationen zu suchen. Hier die fünf wichtigsten Erregungsauslöser, mit denen man sich Gefahr ins heimische Bett holt.

Kick Nummer 1: Die Aufhebung der alten Regeln
Erdbeben, Hurrikane, Überschwemmungen, Staatsstreiche: Ausnahmezustände wecken exzessive Lust. Sind die gewohnten Gesetze aufgehoben, lösen sich seelische Fesseln. Sorgen, Scham, Furcht vor Zurückweisung – wie weggeblasen. Was immer unserer sexuellen Power Zügel angelegt hat, ist bedeutungslos. Daher machen wir zügellos Sex. Manchmal reicht schon eine Funken sprühende Gewitternacht.

Konsequenz für die Lust: Raus aus der gewohnten Umgebung
Wir kennen die erotisierende Wirkung von Hotelzimmern. Wir sind in der Fremde, die Konventionen von daheim gelten nicht mehr – sofort sind wir hemmungsloser. Im Museum kitzelt uns die Aura aus bewachter Ordnung und inszenierter Kostbarkeit. Deshalb kommt es auch so oft zu regelwidrigen Handgreiflichkeiten hinter antiken Statuen oder vor barocken Prachtschinken. Die Augen hinter den Videokameras sind dankbar. Übrigens sind nie alle Kabinette bewacht, und die Schritte des Wärters sind hörbar. Noch knapp vor seinem Herannahen fertig zu sein, gehört zur Herausforderung.

Schön frech auch, was Will Smith erzählt: Er habe mit den Partnerinnen gern fremde Treppenhäuser aufgesucht. Erst mal lauschen. Stimmengewirr dringt aus den Wohnungen, Geschirrklappern, Schritte. Nun muss es schnell gehen: fliegender Atem, reißende Nähte. Kann ja sein, dass sich plötzlich eine Tür öffnet. „Zum Sex“, so auch Mick Jagger, „gehört Anarchie.“ Und für die sorgt man am besten selbst.

Sofort-Nachmach-Tipp
Die Mini-Version: Versprechen Sie uns, Ihre Freundin bald mal zumindest auf das Sofa, den Küchentisch oder den Stuhl im Esszimmer zu verfrachten. Die Maxi-Version: Bieten Sie Ihren besten Freunden an, während des Urlaubs das Grünzeug zu hüten. Die Pflanzen pflegen Sie mit Wasser, ihr Pflänzchen mit dem Gärtnerstab.

Kick Nummer 2: Die überstandene Gefahr
Der Körper liebt es, wenn eine Gefahr vorüber ist. Wenn das durchgeschüttelte Flugzeug sicher landet, wenn das Bungeejumping-Seil ausschwingt oder beim Roulette die Kugel liegen bleibt. Dann vibriert der Körper vor Erregung, weil so viel Dopamin und Testosteron im Blut zirkulieren. Gleichzeitig ist da eine befreiende Erleichterung, da die Power-Hormone nicht zum Kampf benötigt werden und den Spaßkanälen zur Verfügung stehen. Aktivieren Sie diese natürlichen Drogen!

Konsequenz für die Lust: Gefährlich leben
Das berühmte Motto des Rekordverführers Giacomo Casanova leuchtet auch Sexforschern von heute ein. „Wer risikoreich lebt, der bekommt eine erotische Ausstrahlung“, stellt die Anthropologin Helen Fisher aus New Jersey fest. Gönnen Sie sich die kitzelige Bergwanderung, den nervenaufreibenden Törn oder die anstrengende Radtour. Michael Bader: „Der Körper bekommt stets dasselbe Signal: Gefahr bewältigt, Ekstase erlaubt, intensiver Sex folgt.“ Das ist unsere Natur. „Raus aus der Komfortzone!“, befiehlt der Erregungsforscher daher. „Jedes überstandene Wagnis bringt Lohn in barer Lust.“ Man kennt dies auch von harten Streits. Wenn die Fetzen fliegen, ist die Durchblutung wunderbar und der Sex danach ekstatisch.

Sofort-Nachmach-Tipp
Nicht streiten, es geht auch einfacher: Ab ins Kino mit Ihnen beiden, und zwar in einen packenden Thriller, der das Blut vor Aufregung zum Rasen bringt. So gerüstet, überfallen Sie Ihre Gespielin hinterher mit Küssen. Unternehmen Sie einen Nachtspaziergang zum Meer, und flüstern Sie ihr schaurige Haigeschichten ins Ohr, während Sie Hand in Hand in das Wasser schreiten. Danach pocht das Blut doppelt in den Schwellkörpern.

Kick Nummer 3: Der Abschied vom Ich
Ein Desaster ist schockierend – und zugleich befreiend. Im Ausnahmezustand bedeutet es nämlich nichts mehr, was wir besitzen, womit wir Geld verdienen, wie alt wir sind oder wie wir heißen. „Das Loslassen der Identität ist ein übermächtiger Sexfaktor“, so Pepper Schwartz. „Wenn alles, was wir über uns selbst glaubten, weggeblasen wird, wenn alle Konditionierung keine Macht mehr hat, kommt eine elementare, erotische Kraft zum Vorschein.“

Konsequenz für die Lust: Die Grenzen der Identität verlassen
Die frivolen Maskenspiele aristokratischer Zeiten dienten genau diesem Zweck – und tun es heute noch. Wir können ja nicht auf Katastrophen warten, um erotisch über uns selbst hinauszuwachsen. Der private Karneval bringt’s auch: Verkleidung wirkt Wunder. Die Masken von geschnäbelten Pestdoktoren oder venezianischen Kokotten kitzeln erotische Abweichungen heraus, die wir sonst nicht zulassen würden.
Das funktioniert auch bei Leuten, die Michael Bader an kalifornischen Stränden entdeckt hat: Menschen, die dem Cursing huldigen. Sie fluchen und sind danach abenteuerlich erotisiert. In den Wind und ins Wellenrauschen zu fluchen, wurde früher zur Befreiung der Psyche empfohlen, „doch im selben Maß befreit es den Körper“, meint Bader. „Danach ist man total entspannt – und zum Sex befreit.“ Wenn kein sturmgepeitschter Strand da ist, schreien Sie halt im Wald. Im Auto. Oder wenn die Nachbarn verreist sind. „Danach fühlen Sie sich, als sei Ihr Ich nicht mehr da. Als seien Sie nur noch Körper. Sie werden herrlichen Sex haben.“

Sofort-Nachmach-Tipp
Das Gegenteil funktioniert auch: schweigen. Hollywoods Rekord-Eroberer Warren Beatty erzielte Erfolge, indem er der Frau seiner Begierde unendlich lange in die Augen sah. Ohne zu reden. Natürlich muss sie sich darauf einlassen, und es funktioniert besser Händchen haltend im feinen Restaurant oder auf einer Parkbank als vor der Glotze. Doch: „Siehst du jemandem lange schweigend in die Augen, löst du dich auf in ihm, und er sich in dir“, sagt Annette Bening, die am längsten zurückstarrte und heute mit Beatty verheiratet ist. „In diesem Verschmelzen löst sich zugleich alles auf, was dem körperlichen Verschmelzen im Wege steht.“ Und Action.

Kick Nummer 4: Im Angesicht des Endes der Zeit
Weltuntergänge und Orgien gehören zusammen. Im Crash konzentriert sich alle Kraft auf den Moment, während unsere Gedanken normalerweise unablässig in die Zukunft wandern oder um Erlebnisse kreisen, die in der Vergangenheit liegen. Das kostet Energie. Die volle Kraft ist nur dann da, wenn die gesamte Aufmerksamkeit in der Gegenwart ist, hier und jetzt. In dem Fall ist die Lebensenergie, und das heißt sexuelle Energie, ungewöhnlich hoch.

Konsequenz für die Lust: Konzentriert aus der Zeit aussteigen
Dahin kommt man, indem man körperlich oder geistig an seine Grenze geht. Körperlich durch etwas, das alle Kraft erfordert. Geistig durch etwas, das alle Konzentration beansprucht. Holzhacken erotisiert, Skifahren erotisiert. Wer körperlich die Grenze erreicht, bringt den inneren Monolog zum Schweigen. Der überflüssige Gedankenstrom wird gestoppt. In dem Augenblick ist die volle Kraft im Moment. Und dieser Moment ist sexy. Der Münchner Tantra-Meister Christian Salvesen empfiehlt eine Annäherung an die Zeitlosigkeit durch Slow Motion. Raus aus der gewöhnlichen Eile. Ein Beispiel: ein Sektglas langsam heben, am besten mit der anderen als der gewohnten Hand, den Schluck bedächtig im Mund hin und her bewegen. Das Hinunterrinnen der Flüssigkeit durch die Kehle spüren. Oder: langsam tanzen, langsam küssen. „Schon wenn Sie fünf Minuten lang bei allem das Tempo um die Hälfte reduzieren, merken Sie, wie der Zeitdruck schwindet. Machen Sie es mit Ihrer Partnerin. Die Wirkung ist erstaunlich“, so der Meister.

Sofort-Nachmach-Tipp
Kombinieren Sie Konzentration, Langsamkeit und Sex: Halten Sie sich an diesem Wochenende einmal einen halben Tag (Morgen, Nachmittag oder Abend) nur für Sex frei. Alle Telefone schalten Sie aus, ebenso die Stereoanlage, auch die Schlafzimmeruhr muss auswandern. Sie und Ihre Partnerin sind nackt. In den folgenden Stunden machen Sie nichts außer Liebe, und das ganz langsam, denn Sie haben nichts anderes vor. Verschwenden Sie die Orgasmen bitte nicht zu eilig, sie könnten womöglich noch intensiver werden.

Kick Nummer 5: Die Faszination Fremdheit
Es gab nicht nur reichlich Sex zwischen Fremden in den Tagen des New Yorker Crashs. Es gab auch wilden Sex zwischen Vertrauten, denn wenn sich auf einen Schlag alles ändert, sieht auch das Bekannte auf einmal neu aus. Sogar wer seinen Partner auswendig kannte, fand ihn auf einmal faszinierend fremd. Nicht weil er sich selbst verändert hatte, sondern weil der Schock die Vorhänge aufreißt. Wir sehen die sensationellen Möglichkeiten.

Konsequenz für die Lust: Tabus brechen
Am kitzeligsten wird das, wenn man es auf spielerische Weise tut. Schon die Augen zu verbinden, verführt Sie zu neuen Erkundungen und bringt Ihnen eine fremd-artige Erregung. Es darf dabei auch mal albern zu gehen. Topfschlagen, Blindekuh oder Versteckspielen, empfiehlt Psychologie-Experte Bader: „Mit Kinderspielen ist erregende Zartheit verbunden, dazu Neugier und unschuldige Sinnlichkeit. Sie sind wie eine Runderneuerung der Erotik.“

Erwachsenenspiele auch. Rollenspiele zum Beispiel. Er ist der Einbrecher und sie die überraschte Besitzerin des Apartments. Oder sie ist die Krankenschwester und er der rasch genesende Patient. Er spielt den Boutiquen-Besucher, dem die Verkäuferin interessiert in die Kabine folgt. Sie die Tai-Chi-Lehrerin, die ihrem Schüler übergenau die richtige Haltung erklärt. Und Rotkäppchen soll den Wolf tatsächlich auch ziemlich scharf gefunden haben. Wer die Szene nachspielt, der kann das hundertprozentig mitempfinden. Es gibt auch manche Königin im Märchen, die sich zum Pferdeknecht in den Stall begibt. Man muss das im Rollenspiel ausprobieren. Oder sie ist das Hotelmädchen, er der Gast. Er ist Professor, sie die Studentin, die unbedingt Examen machen will. Sie seufzt einsam im Haus am Meer, er ist ein junger Fischer, der vorbeistreift.

Sofort-Nachmach-Tipp:
Ihre Freundin setzt sich ins Fenster, mit einer Lampe daneben, so wie im Rotlichtviertel. Ganz bestimmt gefällt es Ihnen, wenn Ihre Süße fremd, unanständig und dominant wird. Sie sind ja schließlich der Freier. Das ist ein bisschen pervers? Genau. Denn, klärt Volkmar Sigusch, Chef der Deutschen Gesellschaft für Sexualwissenschaft, auf: „Nur eine Beziehung, die ein klein bisschen pervers ist, hat Chance auf Dauer.“ Na denn!

Sponsored SectionAnzeige