Anabolika & Co. : Wieso dopen sich Hobbysportler?

Doping im Hobbysport ist leider sehr verbreitet
Im Freizeitsport-Bereich haben sich rund 20 Prozent der Männer schon mal gedopt

Schneller, stärker, schlanker: Immer mehr Männer helfen mit illegalen Mitteln nach. Unser Experte verrät, dass viele unbewusst dopen – einige sogar mit Hilfe ihres Arztes

Einer Studie des Ministeriums für Gesundheit zufolge dopt sich ein Prozent der Deutschen. Ist Doping damit überhaupt ein Problem? Diese Studie muss man kritisch hinterfragen, weil sie auf einer Telefonumfrage basiert. Wer sagt da schon die Wahrheit? Ich gehe davon aus, dass die Quote nicht  stimmt und dass die Bevölkerung nicht repräsentativ abgebildet ist.

Wie viele dopen denn wirklich?
Den Bereich des Hobby-Fitness-Sports haben wir repräsentativ untersucht. Traurige Erkenntnis: 20 Prozent der Männer haben schon mal Anabolika konsumiert. Wir sprechen hier wohlgemerkt nicht von Bodybuildern, sondern von normalen Studio-Besuchern. Bei den Frauen liegt die Quote deutlich niedriger. Wir kommen insgesamt auf einen Anteil von 13,5 Prozent an Personen, die Steroide konsumieren. Wenn man bedenkt, dass es ungefähr 7 Millionen Mitglieder in Fitness- Studios gibt, sprechen wir von über einer Million Dopern allein in deutschen Studios. Andere Sportler kommen noch hinzu.

Und was sind das für Leute?
Den einen Doper-Typus gibt es nicht. Vielmehr assoziiert man ganz bestimmte Faktoren mit der Bereitschaft zum Doping.

Welche sind das genau?
Unsere Untersuchungen zeigen, dass jemand, der seit mehreren Jahren 3-mal pro Woche oder häufiger trainiert, ein Risikofall ist. Außerdem spielen Herkunft und Bildungsniveau eine Rolle: Je niedriger die Bildung, desto höher die Wahrscheinlichkeit von Doping. Kommt dann auch noch der Konsum von Drogen dazu, gibt es die stärkste Assoziation.

Wie läuft die klassische Karriere eines Hobbydopers ab?
Viele Studien zeigen so eine Art Spirale. Wenn jemand mit Sport anfängt, zeigt das Training große Wirkung. Die lässt jedoch nach, je trainierter er ist. Das Gefühl, gar nicht mehr weiterzukommen, frustriert – und so greifen viele zu unerlaubten Mitteln. Natürlich spielt es dabei auch eine Rolle, dass man über die Zeit hinweg eine gewisse Street-Credibility im Studio erworben hat und dort mit bestimmten Personen in Kontakt kommt, die Steroide konsumieren. Eine andere Spirale beginnt bei den legalen Mitteln, die angeblich leistungssteigernd wirken. Wohin man auch schaut, es werden ständig neue Mittel und Substanzen beworben, die eine leistungssteigernde Wirkung versprechen. Wenn diese legalen Mittel dann jedoch nicht wirken, kann auch das Frustration beim Konsumenten auslösen. Und in der Folge greifen viele Frustrierte dann zu den illegalen Mitteln.

Welche legalen Mittel meinen Sie?
Nahrungsergänzungsmittel wie Eiweißpräparate und Vitamine, aber auch Kreatinphosphat oder Kolostrum. Es gibt da die tollsten Dinge, die beworben werden, von denen wir unseren Athleten aber klar abraten – einerseits, weil sie zumindest bei Gesunden nicht positiv wirken, andererseits, weil viele der Mittel mit illegalen Substanzen verunreinigt sind.

Inwiefern verunreinigt?

Das ist eine klar profitorientierte Entscheidung der Hersteller. Die wissen genau, dass die legalen Anteile ihrer Mittel nicht wirken, die Kunden aber auf den Effekt Wert legen. Um Wirkungen zu erzielen, hilft man also ein wenig nach und setzt den nach außen hin legalen Präparaten Doping- substanzen zu. Man könnte also sagen: Die Hersteller dopen ihre Nahrungsergänzungsmittel.

Es ist also möglich, dass jemand unbewusst illegale Mittel nimmt?
Das passiert sogar sehr vielen Hobbysportlern, weil sie es gar nicht besser wissen. Kollegen vom Kölner Anti-Doping-Labor bestimmen jedes Jahr die Quote verunreinigter Produkte. Diese schwankt, aber wir gehen davon aus, dass 15 bis 20 Prozent aller Nahrungsergänzungsmittel mit illegalen Stoffen versetzt sind.

Kann man sich davor schützen?

Bei großen Firmen ist es sehr unwahrscheinlich, unsaubere Mittel zu erwischen. Würde das auffliegen, hätten die ein echtes Problem auf dem Absatzmarkt. Wer sichergehen möchte, sollte erst mal kritisch hinterfragen, ob er Nahrungsergänzungsmittel überhaupt braucht, und wenn ja, sollte er nur solche Präparate nehmen, die nachweislich keine illegalen Substanzen enthalten. Eine Übersicht über getestete Präparate bietet die Kölner Liste (www.koelnerliste.com)

Würden Sie legale Mittel denn ebenfalls als Doping bezeichnen?
Nein, das ginge zu weit. Es gibt 3 Aspekte, die eine Rolle spielen, wenn man eine Substanz als Dopingmittel deklarieren will: Sie
muss leistungssteigernd wirken, ihre Einnahme muss die Gesundheit gefährden und zudem gegen die Ethik des Sports verstoßen. Es genügt, wenn zwei Kriterien erfüllt werden. Bei den meisten Nahrungsergänzungsmitteln ist das allerdings nicht der Fall. Wir sprechen daher auch von legalem Enhancement. Wir wissen aber aus Studien, dass solche Mittel dazu führen können, dass einer mal echte Dopingmittel nimmt.

Demnach sind also Eiweißshake-Trinker anfälliger für Doping?
Ja, genau. Aber wie gesagt, das ist immer auch eine Typfrage.

Ist die berühmte Schmerztablette vor einem Marathon Doping?
Nein, das ist so ähnlich wie bei Nahrungsergänzungsmitteln: ein verzweifelter Versuch, noch etwas Leistung zu mobilisieren, ohne illegal zu agieren. Aber Koffeintabletten zählen wegen der sehr hohen Konzentration und der Wirkung schon dazu.

Wieso dopen sich Hobbysportler?

Die Beweggründe sind da ganz unterschiedlich. Meistens geht’s aber nicht ums Gewinnen. Beim Marathon und Triathlon tun es – anders als beim Kraftsport – gar nicht so sehr die Athleten, die bereits lange Jahre trainieren, sondern eher Neueinsteiger, die das überhaupt einmal schaffen möchten. Verletzungen, die der Sportler durch Dopingmittel zu kompensieren versucht, können auch ein Grund sein. Bei Kraft- sportlern geht die Forschung davon aus, dass sie in kurzer Zeit einiges erreichen wollen, um sich und dem Trainingspartner etwas zu beweisen – vor allem dann, wenn der selbst Steroide nimmt.

Wo wird mehr gedopt: im Kraft- oder eher im Ausdauerbereich?
Von der Quote her sieht es in den Bereichen ziemlich ähnlich aus. Wir vermuten, dass nicht die Sportart die Quote triggert, sondern dass es innerhalb der Bevölkerung ganz einfach eine gewisse Quote von Menschen gibt, die stärker dazu neigen, zu Arzneimitteln zu greifen.

Apropos: Wie kommen Sportler eigentlich an die Dopingmittel?
Der klassische Weg ist, dass die Sportler, die regelmäßig und gut trainieren, die schnell laufen oder hohe Gewichte bewältigen, von anderen Sportlern angesprochen werden – Stichwort hier: Street- Credibility. Angesprochen wird auch, wer ständig trainiert, aber zu erkennen gibt, dass er von seinen Fortschritten oder seinem Erscheinungsbild frustriert ist.  

Also suchen Sportler überhaupt nicht aktiv nach Dopingmitteln?
Doch, aber diese aktive Suche gestaltet sich schwieriger, da sie voraussetzt, dass der Angesprochene dem Suchenden vertraut. Es ist wie beim Kauf von Drogen: Wenn der andere glaubt, dass Sie ein verdeckter Ermittler sind oder die ganze Sache nicht ernst nehmen, kriegen Sie auch nichts. Anders ist es im Szenebereich, also in gewissen Bodybuilding- Studios, wo man schon anhand des Erscheinungsbildes seiner Besucher davon ausgehen kann, dass Drogen- oder Substanzenkonsum dort eine massive Rolle spielen. Männer, die unbedingt an Dopingmittel herankommen wollen, suchen Etablissements wie diese auf. Das Internet wird als Bezugsquelle vermutlich überschätzt. In einem Drittel der Dopingfälle kommt die Substanz aus dem Gesundheitssystem – von Ärzten oder von Apothekern.

Sie meinen, Ärzte helfen Dopern?
Ja, das war auch für uns eine erschütternde Erkenntnis, dass einige Ärzte Bereitschaft zeigen, die Sportler entweder direkt mit den Steroiden zu versorgen oder zumindest Rezepte auszustellen, die den Erwerb der Substanzen über die Apotheke ermöglichen.

Weshalb unterstützen Ärzte das?
Die Ärzte werden unter Druck gesetzt – nach dem Motto: Ich nehme das eh, und es ist deine Entscheidung, ob du mir das saubere Mittel aus der Apotheke ermöglichst oder ob ich mir das Internetzeug aus China kommen lasse. Manche Ärzte fühlen sich dann erpresst, weil es immerhin besser ist, wenn Doping unter ärztlicher Kontrolle stattfindet. Dann wissen sie wenigstens, was der da macht und was er nimmt.

Wie gefährlich sind Dopingmittel?
Die sehr verbreiteten anabolen Steroide erhöhen zum Beispiel das Risiko eines Schlaganfalls, weil das Herz-Kreislauf-System unter erhöhten Hormonwerten leidet. Auch Brustwachstum und Impotenz sind möglich. Bei den Aufputschmitteln liegt das Risiko im Akutzustand: Der Körper entwässert, das Herz wird an seine Grenzen getrieben. Substanzen wie Methylphenidat, ein Mittel gegen ADHS, können sogar das Wesen des Dopers verändern: Er ist nach Einnahme fokussierter, allerdings nicht mehr so kreativ.

Schrecken die Risiken nicht ab?
In Sachen Risikobereitschaft sind wir alle unterschiedlich. Mancher fährt mit 220 Sachen über die Autobahn, ein anderer ist da viel vorsichtiger. Auch bei legalen Genussmitteln schrecken ja die gesundheitlichen Folgen nicht ab. Außerdem dienen im Doping die Lieferanten, die selbst seit Jahren dopen, als Beweis, dass die Mittel doch nicht so schlimm sind. Schließlich sehen sie super aus, sind extrem leistungsfähig. Es ist wie bei Kettenrauchern: Die einen bleiben gesund und werden alt, andere erkranken und sterben früh. Wenn Laienwissen nicht genug Expertenwissen gegenübersteht, dann wissen die Leute zwar, dass es ein Risiko gibt, spielen es aber herunter. Die wollen den Body für das Freibad oder eine neue Bestzeit – und sind bereit, alles einzunehmen. Doping hat aber auch psychische Auswirkungen.

Welche Auswirkungen sind das?
Für die Psyche ist es verheerend. Wer die Doping-Wirkung einmal gespürt hat, kann schwer loslassen. Wer schon mal mit 45 km/h über eine lange Strecke auf dem Rennrad unterwegs war und sich dann ohne Doping für 35 km/h abmühen muss, der ist frustriert. Da ist wieder die Spirale – man gewöhnt sich an seine Leistungsstärke oder den Körper, kommt vom Doping nicht mehr weg.

Welche Mittel werden zurzeit besonders stark nachgefragt?
Was gerade angesagt ist, lässt sich daran erkennen, wie die Nahrungsergänzungsmittel verunreinigt sind. In den 1990ern waren es anabole Steroide, heute kommen Aufputschmittel oder ähnliche Substanzen ins Spiel, die gleichzeitig für die schlanke Linie missbraucht werden.

Wer dopt eigentlich mehr: Sport-Profis oder doch die Amateure?
Die Verteilungskurve sieht aus wie ein U: Es gibt den Hobbybereich, wo der Anteil der Doper etwa 15 Prozent beträgt, also recht hoch ist. Dann gibt es den Bereich der Leistungselite, wie etwa Schulen zur Nachwuchsförderung, wo so gut wie nicht gedopt wird. Auszuufern scheint es dann wieder im absoluten Spitzensport. Da reden wir jetzt von Olympia-Teilnehmern oder Sportlern anderer Kontinental- Wettkämpfe. Da ist von Quoten von über 30 Prozent die Rede.  

30 Prozent! Von so vielen Sperren bekommt man gar nichts mit.
Das stimmt. Wir haben eine ganz klare Evidenz, dass die Doping- analytik massiv hinterherhinkt und wir viele Dopingprozeduren, die hocheffektiv sind, leider nicht nachweisen können. Was man mitbekommt, das sind häufig solche Fälle, in denen eine Probe retrospektiv getestet wurde.

Im Breitensport kann aber doch unbehelligt gedopt werden?
Kosten für umfassende Analysen würden ausufern. Vereinzelt, wie im Triathlon, gibt’s Verbände, die Kontrollen auch im Hobbybereich durchführen, aber das sind Ausnahmen. In der Tat ist das Risiko, positiv aufzufallen, sehr gering. Tests alleine sind aber auch nicht die Lösung. Aufklärung, etwa schon in den Schulen, könnte sinnvoll sein. Es ist wichtig, die Vorteile und positiven Effekte von sauberem Sport zu betonen.

Dann mal los: Welche Vorteile hat es, wenn ich sauber zu trainiere?

Es ist nachhaltiger. Gesund zu bleiben und gesund seinen Sport zu treiben, bedeutet auch, den Sport, so wie er vorgesehen ist, zu lieben und zu schätzen. Den ehemaligen Steroidkonsumenten sieht man zudem ihr Doping an – solche unästhetischen Körpermassen mag ich nicht sehen.

Unser Experte Professor Perikles Simon im Interview © Michael Schick

Unser Experte Prof. Dr. Dr. Perikles Simon:
Der 41-jährige Sportmediziner leitet am Institut für Sportwissenschaft der Uni Mainz die Abteilung für Sportmedizin, Prävention und Rehabilitation. Dort beschäftigt er sich nicht nur mit Doping, sondern vor allem mit Belastungsphysiologie – also der Frage, wie das Training auf unseren Körper wirkt.

In unserem Doping-Special checken wir legale Leistunghilfen aus dem Chemielabor für Sie.

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