Wut: Wut hält die Gesellschaft zusammen

Weder Liebe noch Selbstsucht hält menschliche Gemeinschaften zusammen, sondern Wut. Das fand ein Forscher heraus, der die Zusammenarbeit zwischen Menschen studierte.

Menschen arbeiten manchmal in Teams mit Fremden zusammen, die sie nie wieder sehen werden. Warum funktioniert das? Warum sind sich die Leute nicht einfach egal? Das fragen sich Wissenschaftler schon seit Jahrzehnten.

Der Schweizer Ernst Fehr hat scheinbar die Antwort gefunden: Seiner Meinung nach ist es Wut, die als soziales Schmiermittel dient. Denn mit Erklärungen wie zum Beispiel Eigeninteresse oder genetischen Verbindungen ist kommt man vielleicht im Tierreich weiter, da stehen aber auch immer soziale Bindungen im Hintergrund.

Fehr, Wirtschaftswissenschaftler und Direktor des Instituts für Volkswirtschaftslehre an der Uni in Zürich, meint, dass man für die Erklärung des Phänomens solcher Gemeinschaften bei Menschen die Bestrafung von Schnorrern betrachten muss. Also von den Menschen, die nichts für die Gruppe tun, aber trotzdem ihren Nutzen von ihr haben.

Profitgier schürt Rechtsempfinden
Für seine Theorie startete er folgendes Experiment: 16 Studenten sollten in mehreren Spielen Geld in ein Gruppenprojekt investieren. Wer als einzelner einzahlte, bekam daraus keinen Gewinn, nur wenn mehrere ihr Geld zusammen anlegten, profitierte auch jeder. Im ersten Spiel erwirtschafteten die Teilnehmer noch einen ordentlichen Gewinn. Aber nach ein paar weiteren Runden, in denen die Mitspieler anonym blieben, nahm der Profit rapide ab. Die Einnahmen stiegen erst dann wieder, als Fehr den Teilnehmern erlaubte, die Schnorrer zu bestrafen, die nicht einzahlten. Und sie stiegen, trotzdem bei einer Bestrafung auch die Bestrafer selbst Geld zahlen mussten. Die Drohung einer Bestrafung hat also das Zusammenspiel wieder verstärkt.

Das Entscheidende bei dem Spiel: Eine Bestrafung war ein selbstloser Akt, weil Bestrafer und Schnorrer nie wieder zusammentreffen würden, der Ankläger also keinen langfristigen persönlichen Nutzen davon hat.

Fehr befragte die Spieler nachher, um zu verstehen, was hinter diesen "selbstlosen Bestrafungen" steckt. Dabei erfuhr er, dass die Spieler wütend auf die Schmarotzer waren, und sie es ihnen deshalb heimzahlen wollten. "Meine Hypothese ist, dass negative Emotionen die Triebkraft hinter solchen Bestrafungen ist," sagt Fehr. Und deshalb haben auch alle Teilnehmer Angst vor einer Strafe, das Zusammenspiel funktioniert also.

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