Der Mann mit dem Rocky-Drehbuch

Ünsal Arik
Ünsal Arik zeigt: Wenn man etwas will und an sich glaubt, kann man alles erreichen - auch wenn der Weg steinig ist

Sein Leben ähnelt einem „Rocky“-Drehbuch. Ünsal Arik war ganz unten, obdachlos, pleite, allein. Doch der Boxer gibt nicht auf und kämpft sich immer wieder zurück

Ünsal Arik ist nicht der beste Boxer - aber er hat ein großes Kämpferherz. „Ich bin nicht talentiert, boxtechnisch Durchschnitt. Aber wenn ich in den Ring steige, kämpfe ich, als ginge es um mein Leben“, sagt der 34-Jährige und hat damit in gewissem Sinne Recht. Auch wenn sich Arik Weltmeister der WBU, der World Boxing Union, nennen darf (22 Siege, 2 Niederlagen), so ist das in Fachkreisen ein unbedeutender Titel. Einer, der kein Geld bringt, nicht den Glamour der Klitschkos. Trotz WM-Titel zählt Arik nicht zu den Großen. Doch abschrecken lässt er sich nicht, obwohl er weiß, dass in seinem Alter jede Niederlage das Karriereende bedeuten kann. Den Traum von einer großen Boxkarriere will Arik nicht begraben, denn wenn er eins kann, dann ist es kämpfen. Weitermachen, an seine Chance glauben. Denn sein Leben war schon ein Kampf, bevor er mit 27 Jahren zum ersten Mal Boxhandschuhe anzog. Für Men’s Health blickt Ünsal Arik zurück — und nach vorn.

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Das Leben hat mich schon 3-mal richtig auf die Bretter geschickt. Das erste Mal mit 14: Jugendarrest, 14 Tage lang, wegen einer Schlägerei. Das war krass, ein echter Denkzettel für mich. Meine Schuld, ich hatte es selbst verbockt. Ich bin in Parsberg, einem kleinen Ort in Bayern, aufgewachsen. Da bin ich leider schnell in eine Kleinkriminellen-Clique gerutscht, wir haben vielAlkohol getrunken, oft Mist gebaut. Die Zeit im Arrest war zwar kurz, aber sehr prägend. Mir war damals klar: Ich will nie wieder in den Knast zurück. Guck dir genau an, mit wem du dich abgibst, das habe ich aus dieser Jugendarrest-Nummer damals gelernt. Hey, ich bin auch heute sicher kein Engel. Auch danach habe ich in meinem Leben einige Fehler gemacht. Aber weggesperrt wurde ich nie mehr. Mit 16 wäre mein Leben dann fast in eine ganz andere, vielversprechende Richtung verlaufen. Ich war ein sehr guter Fußballer und hatte ein Angebot von Fenerbahce Istanbul. Nach einem halben Jahr in der Türkei musste ich aber anerkennen, dass ich nicht gut genug war, und bin nach Deutschland zurückgekommen. Die Niederlage, dass ich kein Fußballer geworden bin, hat mich aber nicht zurückgeworfen. Stattdessen wollte ich mir und allen anderen beweisen, dass ich, der kleine Türke ohne Schulabschluss, auch so beruflich Erfolg haben konnte.

Das Ziel: Stück für Stück nach oben

Was mir zugutekam: Ich konnte schon immer gut reden, die Leute unterhalten. Eine IT-Firma gab mir trotz fehlendem Abschluss eine Chance. Ich war schnell einer der besten Verkäufer im Team, habe den Job 10 Jahre lang gemacht. 2009 habe ich dann noch eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann nachgeschoben — es lief bei mir. Ich verdiente gutes Geld, war im Leben angekommen. Mit 27 Jahren fing dann der Ärger wieder richtig an — und das ausgerechnet mit einem freudigen Ereignis. Meine damalige Freundin, eher eine Affäre als feste Beziehung, wurde schwanger. Wir waren aber gar nicht zusammen, es klappte nicht. Nach der Trennunghatte ich keinerlei Rechte, meine Tochter zu sehen, und habe den Kampf um das Sorgerecht verloren. Ich habe viel Kraft und Geld in diese Auseinandersetzung investiert, war aber letztendlich gegen das Rechtssystem chancenlos. Das hat mich fertig gemacht. Meine Tochter nicht aufwachsen sehen zu dürfen, das habe ich nicht verkraftet. Mein größter Fehler war, dass ich mich nicht im Griff hatte, stattdessen in Selbstmitleid versank, zu Drogengriff und mein Leben wieder auf die schiefe Bahn lenkte — mit den falschen Leuten abhing.

Raus, weg, alles auf Neuanfang

Das dachte ich mir, packte meine Sachen und machte mich auf den Weg. Ich war schon immer Fan von Rap-Musik und dachte mir, ich gehe einfach nach Berlin und versuche mich als Rapper. Ja, das klingt total naiv und dumm. Aber ich war mir damals sicher, ich packe das. Da war ich 29, hatte knapp 300 Euro in der Tasche, ein paar Klamotten, fertig. Heute weiß ich: Das war eine totale Drecks-Idee, aber damals, in meinem Kopf voller Trauer, Wut und Drogen, musste ich das machen. Auch wenn es rückblickend gar nicht funktioniert hat, bin ich nach wie vor überzeugt, dass man seine Ziele mit aller Konsequenz verfolgen sollte, auch wenn viele einem abraten. Die Drogen waren damals mein Fehler, mit einem klaren Kopf hätte ich wohl anders gehandelt. Aber Trauern oder wehmütig Zurückblicken ist nicht mein Ding. Egal, wie dreckig es mir geht, es muss immer irgendwie weitergehen. In Berlin lebte ich dann auf der Straße, 8 Monate war ich insgesamt obdachlos.

Zwischendurch kam ich immer mal bei einem alten Freund aus Parsberg unter. Ich wollte aber keinem länger zur Last fallen. Dass solch ein falscher Stolz einen nicht nach vorne bringt, habe ich in dieser Zeit gelernt. Nimm die Hilfe an, wenn dir jemand die Hand reicht! Es ist keine Schande, sich helfen zu lassen. Im Gegenteil, es ist ein Zeichen von Größe, es zeugt von starkem Charakter. Mein Glück war, dass ich eines Tages in Berlin die Jungs vom Isigym, einem Boxgym in der Potsdamer Straße, kennenlernte. Denen war es egal, dass ich obdachlos war. Die haben mir geholfen und mich in ihrem Gym trainieren lassen. 3 Jahre zuvor hatte ich mit Boxen angefangen, in Regensburg auch ein paar Amateurkämpfe geboxt. In Berlin leckte ich nun wieder Blut. Der Sportler in mir, der Kämpfer, kam wieder zum Vorschein. Endlich. Bald danach bin ich zurück in den Süden gegangen und habe mich dort auf den Boxsport konzentriert.

Das Boxgeschäft: Ein Haifischbecken

Um mit dem Boxen Geld zu verdienen, brauchst du Glück, richtige Connections und vor allem Geld. Das Boxgeschäft ist ein brutales Haifischbecken. Man muss genau aufpassen, mit wem man sich abgibt. Ich habe leider das ein oder andere Mal die falsche Entscheidung getroffen. Den wirklich wichtigen Kampf, mit dem ich mir in der Boxszene einen Namen machen kann, habe ich bisher noch nicht bekommen. Doch ich mache weiter, glaube an mich. Ich habe schon so viel Mist in meinem Leben überstanden, viele Fehler gemacht. Aber ich kann, und das ist für mich das Wichtigste, guten Gewissens in den Spiegel schauen. Meine Freundin, mit der ich seit 2 Jahren zusammen bin, sagt immer zu mir: „Lass dir nicht einreden, dass du ein schlechter Mensch bist. Du hast ein großes Herz, du bist ein guter Mensch.“ Und ja, das glaube ich auch — und daher gebe ich nicht auf, garantiert nicht!

DER MOTIVATOR
ÜNSAL ARIK 
Alter: 34
Beruf: Boxer
Wohnort: Nürnberg
Meine Motivation: „Einen großen Titel bei einem großen Verband zu gewinnen, das ist mein Ziel. Ich will zeigen: Man muss nicht mit Talent gesegnet sein, um Erfolg zu haben. Auch mit beschränkten Mitteln kann man seine Ziele erreichen, wenn man diese mit 100-prozentigem Einsatz, totalem Willen und Leidenschaft verfolgt.“


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