Der Rollstuhl als Sidekick beim Crossfit

Nawid Reinermann
Trotz Querschnittslähmung zählt Nawid Reinermann zu Deutschlands besten Crossfittern

Querschnittslähmung, dann der Tod der Freundin – Nawid Reinermanns Leben weiß, was Nackenschläge sind. Aber aufgeben? Nein! Stattdessen mischt er die Crossfit- Szene auf. Das Porträt eines Kämpfers

Ich bin nicht behindert, zumindest fühle ich mich nicht so!“ Wie Nawid Reinermann das sagt, fast brüllt, mit klarer Stimme — jeder nimmt es ihm ab, und vergisst, dass dieser Mann querschnittsgelähmt ist. „Ja, ich sitze im Rollstuhl und meine Beine spüre ich nicht, aber behindert fühlen muss ich mich deswegen noch lange nicht.“ Er sagt’s, dreht sich weg und zieht sich mühelos an einem Seil 4 Meter in die Höhe. Reinermann ist der erste im Rollstuhl sitzende Crossfitter Deutschlands, und damit ist er nicht nur für Rollstuhlfahrer ein Vorbild. „Viele Nicht-Behinderte sagen mir, dass sie meine Stärke und meinen Willen bewundern. Das macht mich stolz.“ Dass er motiviert, dass er Vorbild ist, das war nicht immer so. „Ich habe derbe aufs Maul gekriegt in meinem Leben, war total am Arsch.“ Warum er dennoch nicht aufgegeben hat, sich stattdessen immer wieder aus den vielen Tiefs kämpfte und sich jetzt endlich im Leben angekommen fühlt — lesen Sie selbst.

Goofy, überall Goofy — ein, zwei, drei Goofys!

Wenn Nawid Reinermann an den Unfall zurückdenkt, seit dem er querschnittsgelähmt ist, dann fällt ihm die Disney-Figur mit den Schlappohren ein. „Ich war damals so voll mit Drogen, dass ich Halluzinationen hatte und die Ärzte, die mir helfen wollten, für Goofy hielt. Ich wollte, dass die abhauen, wollte von echten Ärzten behandelt werden.“ Reinermann muss lachen, als er das erzählt. Obwohl er traurig ist. Traurig, dass es vor 17 Jahren so weit kommen konnte. Dass er von einem 7 Meter hohen Gerüst sprang, überzeugt davon, er könne fliegen. Dass er auf den Apshalt knallte und seitdem vom Bauchnabel bis zu den Füßen gelähmt ist. Dass seither plötzlich jede Bordsteinkante ein Problem darstellt. Obwohl, Probleme, die hatte Nawid auch zuvor im Leben. Einige! „Ich hatte nie eine Familie, musste früh alleine klarkommen, bin 8-mal von der Schule geflogen.“ Er rutschte ins Drogenmilieu, kiffte, nahm LSD, Kokain und machte sich in Hannover einen Namen in der Technoszene.

„Ich war immer der coole Kerl, 10 Mädchen an der Hand, 1000 Euro in der Tasche, immer vorneweg — immer Vollgas!“ Der Unfall bremste Nawid Reinermann brutal aus. Schluss mit Partymachen und großer Klappe. „Auf einmal war ich so klein, die Leute schauten hinter mir her, ich spürte ihre Blicke.“ So erniedrigend das für Reinermann war, so sehr motivierte ihn das Mitleid der anderen. „Ich wollte so schnell wie möglich aus dem Krankenhaus raus und das Beste aus meiner Situation machen. Es klingt zwar komisch, aber der Unfall hat mich wachgerüttelt. Plötzlich war ich klar im Kopf. Dass ich überhaupt weiterleben durfte, das war eine Riesenchance. Die durfte ich nicht verstreichen lassen.“

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Nawid Reinermann
Trotz Rollstuhl zieht sich Nawid Reinermann mühelos an einem Seil 4 Meter in die Höhe

Der Unfall rüttelt wach: Endlich klar im Kopf - eine Chance

Nach 5 Monaten verließ Nawid Reinermann das Krankenhaus. Üblich sind bei einer solchen Verletzung mindestens 12 Monate Reha. „Ich habe schnell gemerkt: Wenn man als Rollstuhlfahrer akzeptiert werden will, muss man mehr Gas geben als die anderen. Und das tat ich.“ Reinermann machte sich als Werbefotograf einen Namen, auch privat veränderte sich Entscheidendes. Nach der Scheidung von seiner Frau, die er noch aus Hannoveraner Partyzeiten kannte, lernte er seine neue Freundin kennen. „Ich hatte das Gefühl, endlich im Leben angekommen zu sein. Sie war meine Traumfrau.“

War, weil 2011 das Schicksal wieder grausam zuschlug. Auf dem Weg zu ihm platzte ein Reifen ihres Autos, es überschlug sich. Nach 2 Stunden im Koma starb sie. Ihr Tod traf Reinermann mit voller Wucht. „Ich dachte, ich sitze doch schon im Rollstuhl, ich habe genug geblutet.“ Er fiel in ein tiefes Loch, hörte auf, als Fotograf zu arbeiten. „Ich war immer ein Kämpfer, aber nach dem Tod der Frau meines Lebens war ich kurzzeitig am Ende.“ Ein Clip auf Youtube holte Reinermann aus der Lethargie. „Ein Trainingsvideo von Frank Medrano, einer Ikone des Street- Workout, hat mich total geflasht. Geile Musik, krasser Typ, derbes Bodyweight-Training. Da wollte ich auch hin.“

Ein weiteres Mal kam Nawid Reinermann zurück. Zurück ins Leben. Er meldete sich in einer Crossfit-Box an und trainierte hart. Während alle noch über den Typ im Rollstuhl staunten, wurde er bei vielen Übungen schnell stärker als seine Trainingspartner — allesamt Nicht-Rollstuhlsportler. Wie er beim Training schwitzt, wie er beißt, bis über die Erschöpfungsgrenze hinausgeht, das macht deutlich: Dieser Mann ist wieder da. Voll da! Endlich wieder oben angekommen. „Crossfit ist mittlerweile wie eine Sucht für mich“, sagt Reinermann. Eine Sucht, bei der Goofy nichts zu suchen hat.

DER MOTIVATOR 
NAWID REINERMANN
Alter: 43
Beruf: Fotograf
Wohnort: Hannover
Meine Motivation: „Ich will beweisen, dass man
auch als Rollstuhlfahrer ein starker, anerkannter
Sportler im Crossfit und im Fitness-Bereich
insgesamt sein kann. Ich will Türen öffnen,
will Mut machen. Zeigen, dass man auch mit einem
vermeintlich großen Handicap zu großen Leistungen
im Stande sein kann. Nicht zuletzt ist der Sport für
mich aber auch eine Art Selbstzweck. Ich will nie
mehr ins Drogenmilieu abrutschen.
Crossfit hilft mir dabei.“

 

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