Reise-Reportage: Zu Fuß auf Safari in Kenia

Ein Büffel lässt sein Opfer erst in Ruhe, wenn es tot ist
Achtung! Der Schein trügt – denn wenn der Büffel sein Opfer erwischt, lässt er es erst in Ruhe, wenn es tot ist

Der Kreislauf aus fressen und gefressen werden ist in der Steppe allgegenwärtig. Jan Spielhagen war auf Safari in Kenia. Fünf Lektionen hat er gelernt

Lektion 1: Respektiere den Lebensraum aller Wesen

„Er hört besser als der Mensch, er sieht besser als der Mensch, er riecht besser als der Mensch. Dafür ist er verrückt.“ Die Menschen im Busch achten alle Tiere, doch sie fürchten den Büffel. Er ist mit großem Abstand das für den Menschen gefährlichste Tier.

Und ein solcher Büffel steht mir jetzt gegenüber. Ein Bulle. Ich will nicht übertreiben, zwischen uns liegen noch 200 Meter Steppe, aber eben nur die. Natürlich hat mich der Büffel auch schon entdeckt. Schließlich hört, sieht und riecht er besser als ich. Dann fällt mir plötzlich der Rest des Satzes wieder ein, und ich frage den Wildhüter Wilfred Ngonze, der mich durch den Busch im Kilimandscharo-Kimana-Tierreservat führt: „Und warum sagen die Menschen, dass der Büffel verrückt ist?“ Der 54-Jährige schaut mir in die Augen: „Weil er dich töten muss, wenn er dich angreift. Die anderen Tiere lassen von dir ab, wenn du unterlegen bist, der Büffel tut das nicht. Er hört erst auf, wenn er dein Herz nicht mehr schlagen und dein Blut nicht mehr rauschen hört.“ Tatsächlich, dieses Tier ist verrückt. So verrückt, dass ich jetzt erst einmal mein Blut rauschen höre. Und mein Herz schlagen.

Die Gnus traben an uns vorbei
Die Gnus bewegen ihre Augen im Tempo des Vorankommens

Wir gehen weiter, passieren zwei Dutzend Gnus

Der Busch und seine Tiere haben ein schrecklich einfaches Abwehrsystem. Die kleinen, schwachen Tiere laufen weg, wenn man ihre Bannmeile durchbricht. Erst beobachten, dann flüchten sie. Und die großen, starken Tiere verteidigen sich durch Angriff. Die Big Five zum Beispiel: Nashorn, Leopard, Elefant, Löwe und eben der Büffel. Wer also zu Fuß durch die Steppen wandern will, sollte von jedem Tier, das ihm begegnen könnte, die Bannmeile kennen und wahren.

Wir gehen weiter, vorsichtig, Auge in Auge mit dem Büffel, lassen ihn in einer riesigen Rechtskurve hinter uns, passieren eine Herde von 20 Zebras, zwei Dutzend Gnus und zwei Giraffenfamilien. Sie alle beobachten uns, bewegen ihre Augen im Tempo des Vorankommens. Wir halten’s genauso. Getrieben vom Gefühl der Hochachtung und der Lust am Überleben.

Hier wird gefeiert
Der Tanz der Steppe – aber noch lange kein Stepptanz

Safari zu Fuß: Zu Besuch bei den Massai

Lektion 2: Sei stets bescheiden, denn aller Reichtum ist relativ

Mitten in der Steppe steht das Massai-Dorf Olondoroto wie ein verirrtes Fort. Ein breiter Gürtel aus spitzen Hölzern zur Abwehr der Löwen umgibt die 20 Hütten, keines höher als 1,60 Meter. Kurz nach Sonnenaufgang, wenn die Raubkatzen der Steppe ihren Hunger gestillt haben, treiben die Massai-Männer ihre Rinder-, Schaf- und Ziegenherden zu den Weideplätzen. Die Frauen und Kinder bleiben im Dorf. Sie verlassen es nur dann, wenn ein paar Meter weiter ein neues Dorf errichtet wird. Und das passiert immer dann, wenn die Hütten – aus Ästen mit Lehm und getrocknetem Tierkot versiegelt – durch den Wind und den seltenen Regen ihre Stabilität verlieren.

Es ist Vormittag. William soll bald heiraten, er ist jetzt 19 Jahre alt. Seine Haare sind geflochten, er trägt Ketten und Armbänder, ein hellrotes Gewand umhüllt seinen schwarzen Körper. „Das Geheimnis des Lebens steckt im Blut. Das Blut ist der Fluss, der uns alle verbindet. Ob ein Löwe einen Massai tötet oder ein Massai einen Löwen – wir leben mit, in und von der Natur.“ Aus seiner Hütte springt ein Kalb. Die Tierkinder leben in unmittelbarer Nähe der Massai. „Gott hat uns die Tiere geschenkt, damit sie uns ernähren. Wir trinken morgens und abends ihr Blut, vermischt mit ihrer Milch.“ Alle Frauen, die gerade geboren haben, und Männer nach der Beschneidung trinken es auch pur. Es gibt ihnen die Kraft der Steppe. So wie ein Löwe satt wird, wenn er ein Zebra reißt.

Der Fortschritt bringt nur Autos und schwarze Zähne

Vier junge Männer gesellen sich zu William, sie beginnen zu singen, zu trommeln und zu tanzen. Aus dem Stand springen sie etwa 30, 40 Zentimeter hoch, fast ansatzlos, und ihre Ketten klingeln dabei im Takt. Ein archaischer, wilder, lauter Tanz. Kaum 300 Kilometer entfernt von Mombasa, einer Metropole Afrikas.

„Was ihr Fortschritt nennt, bringt Gutes und Böses“, sagt William, „ich habe die Stadt gesehen. Die Menschen dort haben Autos und schwarze Zähne. Schau mich an! Ich habe kein Auto, aber dafür die Kraft der Natur.“ Er nimmt ein Holzstückchen des Salvadora-Busches aus seinem Lederbeutel und beginnt darauf zu kauen. Die Jungen an seiner Seite lachen. In ihren strahlend weißen Zähnen spiegelt sich die Sonne.

Der kann bis zu 10 Minuten tauchen
Die Flusspferde zeigen ihre mächtigen Zähne um zu imponieren

Safari zu Fuß: Fressen und gefressen werden

Lektion 3: Akzeptiere, dass auch der Tod Teil des Lebens ist

Im Wasser wird es unruhig. Die Flusspferdfamilie ist von ihrem nächtlichen Ausflug zurück. 24 Weibchen hat der Bulle, dazu zahlreiche Kinder. Immer abends kommt der Hunger. 50 bis 60 Kilo Gras braucht ein Flusspferd pro Tag, und das Ganze will in den wenigen Stunden zwischen Sonnenunter- und -aufgang gefunden und gefressen sein. Nur in dieser Zeit verlassen die Tiere das Wasser. Wie U-Boote tauchen sie aus dem Wasser auf, tragen auf den kurzen Beinen ihre 2000-Kilo-Leiber an Land. Gefressen wird, wo Gras wächst: in der Regenzeit, wenn überall das hohe Steppengras zu finden ist, direkt am Wasser, in Zeiten der Dürre erst nach kilometerlangen Wanderungen durch die Savanne an Plätzen, die das ganze Jahr fruchtbaren Boden bieten. Hauptsache, die Tiere sind um sechs zurück, bevor die Sonne aufgeht und ihnen Licht und Wärme zur physischen Qual werden. Heute Nacht ist die Familie satt geworden, trotzdem will nicht die gewohnte Ruhe im Wasser einkehren.

Zu lange schon hält eines der Weibchen ihr Neugeborenes vor seinem Vater versteckt. Spüren die trächtigen Weibchen nach acht Monaten Schwangerschaft, dass sich die Geburt ankündigt, verlassen sie die Herde. Geboren wird allein. Wenn sie zurückkehren, kommt der Vater ins Spiel. Er versucht hinter dem Kind zu schwimmen, um sein Geschlecht zu riechen. Wittert er ein Weibchen, darf es bleiben, männlicher Nachwuchs nicht. Da fällt er das Todesurteil.

Von wegen Bananen! Paviane sind Allesfresser
Paviane reißen in seltenen Fällen auch Artgenossen

Neue Gene sollen für die Erhaltung der Art sorgen

Er öffnet sein riesiges Maul, die vier faustgroßen Zähne teilen den kleinen Flusspferdleib in zwei Stücke. Jedes Mal, bei jedem Sohn, immer wieder. Und jedes Mal versucht die Mutter ihr Junges vor dem Vater zu schützen. Nur in den seltenen Fällen, wenn sich eine Flusspferdmutter nach der Geburt entscheidet, mit ihrem Sohn die Familie zu verlassen, hat ein männliches Jungtier eine Überlebenschance. Nur dann kann es erwachsen werden und stark – und eines Tages den Anführer einer anderen Familie im Kampf besiegen. Nur so ist garantiert, dass sich Familien nicht durch Inzucht zerstören, dass die Söhne nicht ihre eigenen Schwestern und Mütter schwängern, dass neue Gene für die Erhaltung ihrer Art sorgen. Einige Stunden später treibt ein grauer Leichnam im spärlichen Gras des Flussufers. Sein Unterleib ist zerfetzt. Kurz nach Sonnenaufgang hat der Vater seinen Sohn ermordet.

Geparden brauchen die Wildnis
Geparden brauchen Wildnis, keine Paläste

Safari zu Fuß: Die Tiere brauchen die Wildnis

Lektion 4: Berücksichtige den Charakter eines Lebewesens

1977 lässt Präsident Jomo Keniyatta den jungen Wildhüter Wilfred Ngonze zu sich rufen. Die Republik Kenia ist gerade 14 Jahre jung, und die Tiere der Steppe sind ihre prestigeträchtigste Ressource. Präsident Keniyatta hat dem Schah von Persien zwei Geparden geschenkt, und Ngonze bekommt den Auftrag, sie nach Teheran zu bringen und dort an ihre neue Umgebung zu gewöhnen. Erst geht es mit dem Pick-up nach Kapstadt, von dort per Flugzeug nach Teheran. Nach mehr als 40 Stunden erreicht Ngonze mit seinen beiden Katzen den Palast des Schahs.

Böden aus Marmor, Vorhänge aus Gold, Tapeten aus Seide: Hier sollen die Geparden wie Haustiere leben, neben all den Antiquitäten, Gemälden, Statuen zu einer weiteren Zierde werden. Drei Wochen lebt Ngonze im Palast des Schahs. Erklärt ihm und seiner Familie, wie Raubtiere behandelt werden müssen. Doch Gewöhnung stellt sich nicht ein. Die Geparden richten Schäden an, einer wird aggressiv und krank. Nach drei Wochen bittet Ngonze den Schah, die Tiere wieder frei zu geben.

Noch fühlt es sich unbeobachtet
Das Warzenschwein: Bei Gefahr stellt es seinen dünnen Schwanz wie eine Antenne auf

Man kann wilde Tieren nicht zu Kuscheltieren machen

„Er hörte mich an und versprach darüber nachzudenken. Ich hatte große Angst, dass er mich bei Präsident Keniyatta für das Scheitern der Mission verantwortlich machen würde“, sagt Ngonze. Am nächsten Tag lässt der Schah bitten. „Sie haben Recht“, sagt er, „die Geparden gehören nicht hierher. Bringen Sie die Tiere nach Madrid. Ich habe sie König Juan Carlos von Spanien geschenkt.“

Wieder steigt Ngonze ins Flugzeug. Aber auch Spaniens König will aus den Raubkatzen Kuscheltiere machen, auch dort sollen sie durch den Palast streifen, zum Spielzeug der Kinder werden. Auch dort bleibt Wilfred Ngonze drei Wochen. Manchmal wird er nachts geweckt, wenn Juan Carlos Freunden die Tiere zeigen möchte. „Die Geparden haben sich auch in Madrid nicht an ihre neue Rolle gewöhnen können. Ihnen fehlte die Steppe, das Jagen, die Natur, ihnen fehlte Afrika. Raubkatzen lassen sich nicht verbiegen – entweder folgen sie dir und deinen Ideen freiwillig oder gar nicht.“ Der König besteht darauf, dass die Geparden im Palast bleiben. Und Ngonze reist zurück nach Kenia. „Ich bin sicher, dass die Tiere nicht mehr lange gelebt haben.“

Er zeigt die Weite der Steppe
Auch der Wildhüter kommt nicht näher an die Giraffe heran

Safari zu Fuß: Der Busch gehört den Tieren

Lektion 5: Beachte den Verhaltenskodex in der Natur

Sieben Uhr morgens, vor der riesenhaften Kulisse des Kilimandscharo geht die Sonne auf. Wir sind zu acht und bereit zum Abmarsch. Am Tag zuvor hat Wildhüter Ngonze noch mal auf die Etikette des Busches hingewiesen: festes Schuhwerk, keine zu hellen oder farbigen Kleidungsstücke, nicht singen, nicht lachen. Rasch sind wir im dichten Busch unterwegs, wo Ngonze Elefanten beim Frühstück vermutet. Elefanten sind Herdentiere. In der Gruppe fühlen sie sich sicher, können ihren Nachwuchs perfekt beschützen, machen einen Heidenlärm. Äste brechen, Bäume knacken, und in ihren Bäuchen rumort immer hörbar die Verdauung.

Elefantenherden kann man gar nicht übersehen. Einzelne Tiere schon. Wie diesen alten Bullen. Warum er allein in der Steppe lebt, ist sein Geheimnis. Sein Körper verschwimmt im blassen Grün der dichten Bäume und vor dem staubigen Boden zu Fels. Und so unterschreitet die ganze Gruppe die Bannmeile des Elefanten, weil sie ihn schlichtweg nicht bemerkt. Das ist fatal. Denn wer seinen Feind nicht sieht, der kann auch seine Warnungen nicht erkennen.

Wo ist er denn?
Safari-Jeeps müssen so getarnt sein, dass ihr Design den Tieren in der Steppe bekannt vorkommt

Safari zu Fuß: Bei Enttarnung droht Gefahr

Wenn Elefanten aufmerksam werden, klappen sie die Ohren vom Kopf ab und unterbrechen ihre laute Verdauung. Wittern sie Gefahr, stellen sie zusätzlich die Ohren schräg. Wenn sie sich auf einen Angriff vorbereiten, nehmen sie den Rüssel hoch, und bevor sie auf ihren Gegner zulaufen, warnen sie ihn mit einem Trompetenstoß. So wie jetzt. Die Gruppe schreckt auf. Ngonze sieht den Bullen als Erster: „Los, lauft, verteilt euch, versteckt euch.“ Er selbst bleibt stehen, zückt sein Gewehr und lädt durch. Er hofft, dass der Elefant den Angriff abbricht, wenn sich die Feinde, klein und unscheinbar wie sie sind, in alle Richtungen verteilen.

Ganz schön mutig, der Wildhüter
Die Schwarze Mamba ist so giftig, dass sie lieber tot gesehen wird

Der Busch gehört den Tieren – wir sind nur zu Besuch

Doch was ist das? Eine junge Frau hat auf der Fußpirsch-Safari ihre dunkle Jacke ausgezogen, darunter strahlt ein blütenweißes T-Shirt. Schlimmer Fehler! Jetzt kann der Elefant sie trotz seiner schlechten Augen sehen. Zudem hat sie sich am Morgen parfümiert – der Bulle kann sie also gleich mit zwei Sinnen orten. Mit seinen knapp 6000 Kilo rennt er auf die Frau zu. Dass sie gerade jetzt stolpert und der Länge nach hinfällt, rettet ihr vielleicht das Leben. Ngonze stellt sich breitbeinig über sie, damit das weiße Shirt im Schatten liegt, und schießt in die Luft. Das Echo des Knalls erschreckt den Elefanten, so dass er seinen Angriff unterbricht. Er dreht ab, ein paar Meter vor den beiden Menschen.

„Was hätten Sie gemacht, wenn der Elefant nicht weggelaufen wäre?“, fragt die junge Frau, die Todesangst noch im Gesicht. „Dann hätte ich ihn erschießen müssen“, sagt Ngonze. „Und das wäre eine Tragödie gewesen. Denn der Busch gehört den Tieren, wir sind hier nur zu Besuch.“ Nicht umgekehrt.

Hier waren wir unterwegs
An Kenias Stränden ist es tropisch heiß

Safari zu Fuß: Reise-Infos Kenia

Hier entlang geht’s in den Busch

Klima, Reisezeit
An den Stränden Kenias nahe Mombasa ist es tropisch heiß, auf den Hochebenen, wo die Tiere leben, nicht. Besuchen Sie Kenia am besten außerhalb der Regenzeiten. Die sind im April/Mai sowie im November und Dezember.

Anreise
African Safari Airways fliegt 13-mal im Monat von Frankfurt, München, Berlin und Basel aus nach Mombasa (ab etwa 560 Euro).

Kenia
Am Rande Afrikas

Unterkunft in Kenia

An den Stränden nahe Mombasa gibt es viele Touristenhotels. Preisbeispiel: 1 Woche im 3-Sterne-Haus Coral Beach mit Flug/Vollpension ab 670 Euro, 2 Wochen ab 890 Euro. Safari Die meisten Safaris werden zusammen mit dem Hotelaufenthalt gebucht. Beispiele: 2 Wochen Kenia im 5-Sterne-Hotel Dolphin, inklusive Vollpension, Flug und Kurz-Safari „Cheetah“ ab 1400 Euro. Oder 2 Wochen Aufenthalt im 5-Sterne-Hotel Flamingo, mit Vollpension Flug und Wochen-Safari „Big Five Special“ ab 1760 Euro.

Fußpirsch-Safari
Zu Fuß in den Busch geht’s im Rahmen des Gameranger-Kurses. Der Preis für 5 Tage mit 4 Übernachtungen beträgt 630 Euro. Informationen und Buchungen Tel. 07 11 / 16 27 40, www.ascag.net

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