Bergtour durch die USA: Zu Fuß durch die Rocky Mountains

Transrockies Run: Hilfe von offizieller Stelle
1 / 35 | Transrockies Run: Hilfe von offizieller Stelle

Ein Traum von einem Berglauf: der Transrockies Run quer durch den US-Bundesstaat Colorado. Unser Redakteur Oliver Bertram war beim 5-Tages-Rennen über 177 Kilometer dabei

Es folgt der Tennessee Pass und später die große Ebene von Leadville, die wir durchqueren und dann auf die gleichnamige Stadt zusteuern. Während Mount Elbert in der Ferne gemächlich unsere Schritte zählt, hören wir von einem Polizisten auf Nachfrage nun zum dritten Mal, dass es keine zwei Meilen mehr bis zum Ziel seien.

Kommen wir denn niemals an? Eine kleine Abkühlung während des TransRockies Run
2 / 35 | Kommen wir denn niemals an? Eine kleine Abkühlung während des TransRockies Run

Den ersten Streckenposten haben wir mit eben dieser Antwort schon gut vier Meilen hinter uns gelassen. Voraus drückt sich die Straße schlängelnd bis weit in den Horizont hinein, so wie ein lang gezogenes Fragezeichen. Kommen wir denn niemals an?

Der TransRockies Run geht quer durch den US-Bundesstaat Colorado
3 / 35 | Der TransRockies Run geht quer durch den US-Bundesstaat Colorado

Doch auch andere der 131 Jahre alten Maximen könnten dem Begleitheft zum Transrockies Run entnommen worden sein. Sie betonen die Bedeutung von Moral ("Sie sind nicht bei einem Picknick, rechnen Sie mit Unbequemlichkeiten und ärgsten Nöten"), fordern Genügsamkeit ("Meckern Sie nicht an der Verpflegungsstation") oder empfehlen eine angemessene Ausrüstung ("Binden Sie sich ein seidenes Tuch um den Hals, um Staub abzuhalten und Sonnenbrand zu vermeiden").

4 / 35 | Der Transrockies Run – Laufen bei allen Witterungsverhältnissen

Die Reste der Grundmauern sind in dem mit Raureif überzogenen Gras kaum auszumachen, und wie planiert macht sich das Tal zwischen den bewaldeten
Höhenzügen breit. Bis in die Ferne sind die auseinandergerissenen Laufgruppen an den tanzenden Atemwölkchen zu erkennen, die wie Rauchzeichen über ihnen aufsteigen.

5 / 35 | Offizielle Unterstützung beim TransRockies Run

Dann kommt er doch, der nächste Start. Wir passieren Camp Hale, ein ehemaliges Militär-Ausbildungslager, wo sich rund 30.000 Soldaten auf ihren Einsatz im Zweiten Weltkrieg vorbereiteten.

6 / 35 | Der TransRockies Run geht quer durch den Bundesstaat Colorado

Auf Wildwest-Romantik am Lagerfeuer hatte ich mich eingestellt, auf atemberaubende Bergpassagen, Streifzüge durch Geisterstädte. Stattdessen liege ich in 3000 Meter Höhe am Rande eines Highways im Dauerregen.

7 / 35 | Der TransRockies Run ist mehr ist als ein gewöhnlicher Berglauf

Einen Moment nur, als reifte in jedem die Erkenntnis, dass der Transrockies Run mehr ist als ein gewöhnlicher Berglauf. Mehr als ein Lauf an die eigenen Grenzen. Es ist ein Lauf mitten ins Herz Amerikas.
Dann ist der Moment vorbei. Großes Gejohle, als Marshmallows ausgepackt und über dem Feuer gedreht werden.

8 / 35 | Das offizielle TransRockies Camp

Gerade grüble ich über die Anwendbarkeit der Regel "Spucken Sie nur auf der windabgewandten Seite aus der Kutsche" beim Transrockies Run, da liegt das Etappenziel tatsächlich vor uns: Leadville, höchstgelegene Stadt Nordamerikas auf 3200 Metern. Das einzige Mal schlagen wir unser Lager in urbaner Umgebung auf.

9 / 35 | Das Camp Leadville – grandioser Ausblick auf die schneebedeckten Gipfel

Einzig reine Neugier kann meine müden Beine dazu bewegen, das auf einem Baseball-Feld gelegene Camp für einen Stadtbummel noch mal zu verlassen. Leadville – 40 000 Einwohner Ende des 19. Jahrhunderts, heute keine 3000 mehr. Dafür gibt's hier jede Menge gut erhaltener Bars und Hotels sowie ein Opernhaus, das von der reichen Vergangenheit der Silbergräber-Stadt zeugt.

10 / 35 | Nach fünf Tagen, 177 Kilometern und 3398 Höhenmetern ist der TransRockies Run geschafft

Wir haben es also tatsächlich geschafft! In 21 Stunden, 24 Minuten, 24 Sekunden. Gutes Mittelfeld. Good Job! Auch die Schotten traben irgendwann noch ins Ziel. Sie tragen zur Gewissheit bei, dass der alte Trapper-Miesepeter Kit Carson widerlegt ist: Zu seiner Zeit mögen die Menschen das Queren der Rockies mit ihrem Leben bezahlt haben, heutzutage genügen 1350 Dollar für eine Teilnahme am Transrockies Run.

11 / 35 | Der nächste TransRockies Run findet vom 25. bis 30. August 2008 statt

Übrigens: Der nächste findet vom 25. bis 30. August statt – für alle, die im Abenteurer-Eldorado Colorado auf eigene Faust das Herz Amerikas erlaufen wollen.

12 / 35 | Der Zieleinlauf des TransRockies Run 2007

Wir knabbern weiter an unseren Energieriegeln, fressen Kilometer, am letzten Tag noch mal 30 an der Zahl. Und statt "Good Job!" hören wir irgendwann "You’re looking great!", gewagter Euphemismus dafür, dass man seine körperlichen Überreste nach fünf Tagen, 177 Kilometern und 3398 Höhenmetern über die endgültige Ziellinie zu retten vermochte.

13 / 35 | Der 3700 Meter hohe Hagerman's Pass beim Transrockies Run

Sich Mut machen, müde Muskeln mobilisieren, und los! Die whiskybetankten Schotten sprinten mit einem Affenzahn davon, hinauf zum 3700 Meter hohen Hagerman's Pass. Keine zwei Kilometer später sitzen sie am Wegesrand, mit erhobenen Daumen. Grinsend rufe ich: "Good Job!", allgemeingültiger Anfeuerungsruf und gegenseitige Respektsbekundung beim Transrockies Run.
Good Job! Good Job! Good Job! Je näher wir dem finalen Ziel kommen, desto häufiger fliegt den Läufern dieser Zuruf um die Ohren.

14 / 35 | Nach der Anstrengung einer Etappe des TransRockies Runs tut eine Dusche gut

Auch der Ausblick auf die schneebedeckten Gipfel der 3000er und 4000er ist grandios – besonders im Rosarot des Sonnenuntergangs, das mich ein bisschen an die Farbe der Flüssigkeit erinnert, die nach dem Duschen aus einer Blase an meinem rechten kleinen Zeh leckte. Und an die Farbe der Rose auf dem Schild über Rosie's Brewpub, wo wir uns wiederfinden.

15 / 35 | Der nächste Startpunkt des Transrockies Runs – der Turquoise Lake

Wir bleiben nicht lange die einzigen Läufer in der Bar. Mehrere Teams gönnen sich den Luxus einer warmen Stube, von gepolsterten Stühlen und Bier, selbstgebraut in der höchstgelegenen Brauerei Nordamerikas. Wir treffen hier das schottische Team, dass sich später für die Nacht absetzt: Die beiden Läufer nehmen sich ein Hotelzimmer, ratzen wie einst Leadville-Besucher Oscar Wilde in weichen Federbetten und kommen am nächsten Morgen, angeblich nach einer Pulle Whisky zum Frühstück, gut gelaunt zum Truck-Shuttle, der uns zum Startpunkt am Turquoise Lake bringt.

16 / 35 | Nach einer TransRockies Etappe am Lagerfeuer den Tag Revue passieren lassen

Darunter ein Lagerfeuer, das müde Läufergesichter zum Glühen bringt. Irgendjemand spielt Gitarre, "Running Down A Dream" von Tom Petty.

17 / 35 | Das Men's Health-Laufteam: Olli und Olli

Für einen kurzen Moment sind die Strapazen des Laufes vergessen. Für einen kurzen Moment herrscht Andacht unter den rund 100 Läufern. Alle lauschen den absteigenden Akkorden, die im Dunkel der Nacht aufsteigen, um an Eiskristallen in der Luft zu zerschellen.

18 / 35 | Die Zelt-Unterkünfte beim TransRockies Run

Ich schnappe nach Luft, da ich mir nur einen Tag Zeit genommen habe, mich vernünftig an die Höhe zu gewöhnen. Neben mir schnarcht mein Laufpartner. Im Nachbarzelt furzt jemand, vor Erschöpfung nach der ersten Etappe beim Transrockies Run, dem Berglauf-Event in den USA.

19 / 35 | TransRockies Run – Bergsteigen gehört dazu

Zu keiner Zeit war die Überquerung der Rocky Mountains ein Zuckerschlecken. Vor mehr als 150 Jahren schon beklagte Trapper-Legende Kit Carson den spärlichen Siedlerstrom nach Westen mit den Worten: "Die Feiglinge starten gar nicht, die Schwachen sterben auf dem Weg."

20 / 35 | Der TransRockies Run geht quer durch den Bundesstaat Colorado

Ein anderer, um einiges stattlicherer Bär kommt mir am nächsten Morgen auf einer Hängebrücke entgegengejoggt. Ich habe null Chance auszuweichen, er hat mich im Visier. Der schwarze Riese richtet sich vor mir auf, und als ich die Arme abwehrend vor mein Gesicht reiße, schlägt er mit seiner Pranke zu.

21 / 35 | Redakteur Oliver Bertram geht auch abends nicht die Luft aus

Ich träume von dem Schwarzbären, der am Abend vor dem Lauf aus einer Hotellobby in Beaver Creek in die Fußgängerzone geschossen kommt: Er ist klein, wirkt wie ein schlecht frisierter Hund. 2 Polizisten mit Gewehr im Anschlag jagen ihn über die fußbodenbeheizten Gehwegplatten davon.

22 / 35 | Der Transrockies Run ist mehr als ein gewöhnlicher Berglauf

Ich träume vom nahenden Gewitter über dem verwunschenen Singletrail bergauf zum Gipfel des 3145 Meter hohen Eagles Nest; von den Finishern nach uns, die von Böen erwischt und von einer Wasser-Wind-Walze ins Ziel gespült werden.

23 / 35 | Beim TransRockies Run gibt es viel zu sehen – mehr als 500 Berggipfel sind höher als 3000 Meter

Mehr als 500 Berggipfel sind höher als 3000 Meter, darunter der höchste Rockies-Gipfel überhaupt: der Mount Elbert mit 4401 Meter. Deshalb führte kein Planwagen-Treck hier durch, und deshalb sind wir heute hier.

24 / 35 | 177 Kilometer in fünf Tagen: Olli hat's geschafft

Während ich versuche, noch ein wenig Schlaf zu bekommen, stelle ich mir die Frage, ob der amerikanische Westen schneller erschlossen worden wäre, hätten die Siedler einen guten Ernährungsberater zur Hand gehabt – und unsere kohlenhydratreichen Energieriegel.

25 / 35 | Kurze Erfrischung – weiter geht's im TransRockies Run

Dann: ein Zieleinlauf. Durchatmen, abklatschen, Energieriegel reinwürgen. Dann erneut ein Start, dieselben Rituale: Energieriegel reinwürgen, abklatschen, durchatmen – und los geht's!

26 / 35 | Der TransRockies Run geht quer durch den Bundesstaat Colorado

Einige Siedler, Goldsucher und sonstige Abenteuerlustige ließen sich aber nicht beirren, und seit im Jahre 1842 der erste Planwagen-Treck über die Rockies nach Oregon zog, führte der Weg westwärts durch Wyoming. Dass die Trecks nicht weiter südlich durch Colorado rollten, hat seinen guten Grund: Der Bundesstaat ist das wilde, unwegsame, zerklüftete Herz der amerikanischen Rockies.

27 / 35 | Quer durch Colorado – TransRockies Run 2007

Dann geht es abwärts. Die Sonne setzt sich durch, der Schnee taut. Durch matschige Rinnen patschen wir bergab, irgendwann überholt uns das Schmelzwasser unter den Sohlen. Kilometer um Kilometer zieht vorbei, die Eindrücke verschwimmen.

28 / 35 | Mit einem Energieriegel geht's auf in die nächste Etappe des Transrockies Runs

Als ich am Morgen endgültig wach werde, sind die Riegel steif gefroren. Schneetreiben vereist den Start. Während ich einen der braunen Energieblöcke weich lutsche, laufen wir durch eine feuchtkalte Wattewand in knapp 3600 Meter Höhe, tapsen durch Schnee am Two Elk Pass. Einige Läufer tragen selbst gebastelte Gamaschen aus Mülltüten und Klebeband, damit kein Schneematsch von oben in die Schuhe sickert.

29 / 35 | Durchatmen, abklatschen, Energieriegel reinwürgen und weiter geht's durch Colorado

Da plötzlich reißen die Wolken auf. Anfangs verschleiert, dann immer klarer, fällt der Blick auf von Wolkenfetzen durchsetzte Täler, die aus der Ferne von verschneiten Bergketten in den Vordergrund geschoben werden. Dieses wildromantische Bild brennt sich ein, und mit einem Lächeln im Gesicht schiebe ich mir die letzten Riegelreste rein.

30 / 35 | Quer durch Colorado – 177 Kilometer in fünf Tagen

Alle Wetter, einige Bären

Während der Rhythmus des Regens mich langsam wieder in den Schlaf trommelt, lasse ich die ersten Lauf-Erlebnisse Revue passieren: Ich träume vom Highway, auf dem wir bei Sonnenschein und gut 25 Grad schwitzend Richtung Avon laufen – Truckfahrer hupen, Familien winken, alle halten uns für verrückt.

31 / 35 | Olli stärkt sich an einer Verpflegungsstation

Campen knapp unterm Himmel

Ähnlich mutlos waren schon andere vor mir: Im Jahre 1877 veröffentlichte der "Omaha Herald" Verhaltensregeln für verzagte Reisende, die westwärts in Postkutschen unterwegs waren. Eine besagt: "Fragen Sie nicht, wie weit es noch bis zur nächsten Station ist." Jetzt weiß ich, warum: Ob 2 oder 20 Meilen – das sind in diesem weiten Land keine Distanzen.

32 / 35 | Knapp 46 Kilometer, die auf unserer heutigen, längsten Etappe vor uns liegen

Happy End mit Einlauf

Leadville liegt hinter, ein nierenförmig in die Gipfelwelt drappierter See vor uns. Am Rande seiner dampfenden Oberfläche stehen wir bei etwa null Grad in den ersten Sonnenstrahlen des Tages und versuchen, uns für den Start zu erwärmen. Und für die knapp 46 Kilometer, die auf unserer heutigen, längsten Etappe vor uns liegen.

33 / 35 | Der TransRockies Run – Lauf in die Unendlichkeit

Lauf in die Unendlichkeit

Der nächste Morgen. Die gefrorene Zeltplane gibt knirschend nach, Eiskristalle rieseln mir in den Nacken. Gänsehaut! Die Laufkleidung ist kalt und steif. Wir geben unsere Tasche ab, füllen die Trinkrucksäcke mit aufgetautem Wasser auf und machen uns über das Frühstück her.

34 / 35 | Steaks, breit geklopft auf die Größe von Texas – Barbecue nach einer TransRockies Run-Etappe

Performance-Bremse Barbecue

Schweißgebadet schieße ich aus dem Schlafsack hoch, die Hände vorm Kopf verkrampft. Mein Trinkrucksack ist mir aufs Gesicht gekippt. Puh, dieser zweite Petz war zum Glück nur ein schlechter Traum! Dafür gebe ich dem Gourmet Cowboy, unserem Catering-Service, die Schuld. Von seinen Steaks, breit geklopft auf die Größe von Texas, verarbeitet mein Magen gerade 3 Stück. Dazu mexikanischer Salat (gefühlter Bohnenanteil: 90 Prozent).

35 / 35 | Redakteur Oliver Bertram am Independance Pass

Trancerockies am Lagerfeuer

Aber halt! Zwischen Ziel und Start, da war doch noch etwas. Nach dem Duschen, nach dem Zelt-Beziehen, nach dem Erschöpft-auf-die-Isomatte-Sinken. Ich sehe Sterne am klaren Hochgebirgs-Nachthimmel.

 
Seite 13 von 14
Anzeige
Sponsored SectionAnzeige