Bergtour durch die USA Zu Fuß durch die Rocky Mountains
11.07.2008
, Autor:Oliver Bertram
© Men's Health
Auf Wildwest-Romantik am Lagerfeuer hatte ich mich eingestellt, auf atemberaubende Bergpassagen, Streifzüge durch Geisterstädte. Stattdessen liege ich in 3000 Meter Höhe am Rande eines Highways im Dauerregen.
Ich schnappe nach Luft, da ich mir nur einen Tag Zeit genommen habe, mich vernünftig an die Höhe zu gewöhnen. Neben mir schnarcht mein Laufpartner. Im Nachbarzelt furzt jemand, vor Erschöpfung nach der ersten Etappe beim Transrockies Run, dem Berglauf-Event in den USA.
Zu keiner Zeit war die Überquerung der Rocky Mountains ein Zuckerschlecken. Vor mehr als 150 Jahren schon beklagte Trapper-Legende Kit Carson den spärlichen Siedlerstrom nach Westen mit den Worten: "Die Feiglinge starten gar nicht, die Schwachen sterben auf dem Weg."
Einige Siedler, Goldsucher und sonstige Abenteuerlustige ließen sich aber nicht beirren, und seit im Jahre 1842 der erste Planwagen-Treck über die Rockies nach Oregon zog, führte der Weg westwärts durch Wyoming. Dass die Trecks nicht weiter südlich durch Colorado rollten, hat seinen guten Grund: Der Bundesstaat ist das wilde, unwegsame, zerklüftete Herz der amerikanischen Rockies.
Mehr als 500 Berggipfel sind höher als 3000 Meter, darunter der höchste Rockies-Gipfel überhaupt: der Mount Elbert mit 4401 Meter. Deshalb führte kein Planwagen-Treck hier durch, und deshalb sind wir heute hier.
Alle Wetter, einige Bären
Ich träume von dem Schwarzbären, der am Abend vor dem Lauf aus einer Hotellobby in Beaver Creek in die Fußgängerzone geschossen kommt: Er ist klein, wirkt wie ein schlecht frisierter Hund. 2 Polizisten mit Gewehr im Anschlag jagen ihn über die fußbodenbeheizten Gehwegplatten davon.
Ein anderer, um einiges stattlicherer Bär kommt mir am nächsten Morgen auf einer Hängebrücke entgegengejoggt. Ich habe null Chance auszuweichen, er hat mich im Visier. Der schwarze Riese richtet sich vor mir auf, und als ich die Arme abwehrend vor mein Gesicht reiße, schlägt er mit seiner Pranke zu.
Performance-Bremse Barbecue
Schweißgebadet schieße ich aus dem Schlafsack hoch, die Hände vorm Kopf verkrampft. Mein Trinkrucksack ist mir aufs Gesicht gekippt. Puh, dieser zweite Petz war zum Glück nur ein schlechter Traum! Dafür gebe ich dem Gourmet Cowboy, unserem Catering-Service, die Schuld. Von seinen Steaks, breit geklopft auf die Größe von Texas, verarbeitet mein Magen gerade 3 Stück. Dazu mexikanischer Salat (gefühlter Bohnenanteil: 90 Prozent).
Während ich versuche, noch ein wenig Schlaf zu bekommen, stelle ich mir die Frage, ob der amerikanische Westen schneller erschlossen worden wäre, hätten die Siedler einen guten Ernährungsberater zur Hand gehabt – und unsere kohlenhydratreichen Energieriegel.
Als ich am Morgen endgültig wach werde, sind die Riegel steif gefroren. Schneetreiben vereist den Start. Während ich einen der braunen Energieblöcke weich lutsche, laufen wir durch eine feuchtkalte Wattewand in knapp 3600 Meter Höhe, tapsen durch Schnee am Two Elk Pass. Einige Läufer tragen selbst gebastelte Gamaschen aus Mülltüten und Klebeband, damit kein Schneematsch von oben in die Schuhe sickert.
Da plötzlich reißen die Wolken auf. Anfangs verschleiert, dann immer klarer, fällt der Blick auf von Wolkenfetzen durchsetzte Täler, die aus der Ferne von verschneiten Bergketten in den Vordergrund geschoben werden. Dieses wildromantische Bild brennt sich ein, und mit einem Lächeln im Gesicht schiebe ich mir die letzten Riegelreste rein.
Dann: ein Zieleinlauf. Durchatmen, abklatschen, Energieriegel reinwürgen. Dann erneut ein Start, dieselben Rituale: Energieriegel reinwürgen, abklatschen, durchatmen – und los geht's!
Trancerockies am Lagerfeuer
Aber halt! Zwischen Ziel und Start, da war doch noch etwas. Nach dem Duschen, nach dem Zelt-Beziehen, nach dem Erschöpft-auf-die-Isomatte-Sinken. Ich sehe Sterne am klaren Hochgebirgs-Nachthimmel.
Darunter ein Lagerfeuer, das müde Läufergesichter zum Glühen bringt. Irgendjemand spielt Gitarre, "Running Down A Dream" von Tom Petty.
Für einen kurzen Moment sind die Strapazen des Laufes vergessen. Für einen kurzen Moment herrscht Andacht unter den rund 100 Läufern. Alle lauschen den absteigenden Akkorden, die im Dunkel der Nacht aufsteigen, um an Eiskristallen in der Luft zu zerschellen.
Einen Moment nur, als reifte in jedem die Erkenntnis, dass der Transrockies Run mehr ist als ein gewöhnlicher Berglauf. Mehr als ein Lauf an die eigenen Grenzen. Es ist ein Lauf mitten ins Herz Amerikas.
Dann ist der Moment vorbei. Großes Gejohle, als Marshmallows ausgepackt und über dem Feuer gedreht werden.
Lauf in die Unendlichkeit
Der nächste Morgen. Die gefrorene Zeltplane gibt knirschend nach, Eiskristalle rieseln mir in den Nacken. Gänsehaut! Die Laufkleidung ist kalt und steif. Wir geben unsere Tasche ab, füllen die Trinkrucksäcke mit aufgetautem Wasser auf und machen uns über das Frühstück her.
Dann kommt er doch, der nächste Start. Wir passieren Camp Hale, ein ehemaliges Militär-Ausbildungslager, wo sich rund 30.000 Soldaten auf ihren Einsatz im Zweiten Weltkrieg vorbereiteten.
Die Reste der Grundmauern sind in dem mit Raureif überzogenen Gras kaum auszumachen, und wie planiert macht sich das Tal zwischen den bewaldeten
Höhenzügen breit. Bis in die Ferne sind die auseinandergerissenen Laufgruppen an den tanzenden Atemwölkchen zu erkennen, die wie Rauchzeichen über ihnen aufsteigen.
Es folgt der Tennessee Pass und später die große Ebene von Leadville, die wir durchqueren und dann auf die gleichnamige Stadt zusteuern. Während Mount Elbert in der Ferne gemächlich unsere Schritte zählt, hören wir von einem Polizisten auf Nachfrage nun zum dritten Mal, dass es keine zwei Meilen mehr bis zum Ziel seien.
Den ersten Streckenposten haben wir mit eben dieser Antwort schon gut vier Meilen hinter uns gelassen. Voraus drückt sich die Straße schlängelnd bis weit in den Horizont hinein, so wie ein lang gezogenes Fragezeichen. Kommen wir denn niemals an?
Campen knapp unterm Himmel
Ähnlich mutlos waren schon andere vor mir: Im Jahre 1877 veröffentlichte der "Omaha Herald" Verhaltensregeln für verzagte Reisende, die westwärts in Postkutschen unterwegs waren. Eine besagt: "Fragen Sie nicht, wie weit es noch bis zur nächsten Station ist." Jetzt weiß ich, warum: Ob 2 oder 20 Meilen – das sind in diesem weiten Land keine Distanzen.
Doch auch andere der 131 Jahre alten Maximen könnten dem Begleitheft zum Transrockies Run entnommen worden sein. Sie betonen die Bedeutung von Moral ("Sie sind nicht bei einem Picknick, rechnen Sie mit Unbequemlichkeiten und ärgsten Nöten"), fordern Genügsamkeit ("Meckern Sie nicht an der Verpflegungsstation") oder empfehlen eine angemessene Ausrüstung ("Binden Sie sich ein seidenes Tuch um den Hals, um Staub abzuhalten und Sonnenbrand zu vermeiden").
Gerade grüble ich über die Anwendbarkeit der Regel "Spucken Sie nur auf der windabgewandten Seite aus der Kutsche" beim Transrockies Run, da liegt das Etappenziel tatsächlich vor uns: Leadville, höchstgelegene Stadt Nordamerikas auf 3200 Metern. Das einzige Mal schlagen wir unser Lager in urbaner Umgebung auf.
Einzig reine Neugier kann meine müden Beine dazu bewegen, das auf einem Baseball-Feld gelegene Camp für einen Stadtbummel noch mal zu verlassen. Leadville – 40 000 Einwohner Ende des 19. Jahrhunderts, heute keine 3000 mehr. Dafür gibt's hier jede Menge gut erhaltener Bars und Hotels sowie ein Opernhaus, das von der reichen Vergangenheit der Silbergräber-Stadt zeugt.
Auch der Ausblick auf die schneebedeckten Gipfel der 3000er und 4000er ist grandios – besonders im Rosarot des Sonnenuntergangs, das mich ein bisschen an die Farbe der Flüssigkeit erinnert, die nach dem Duschen aus einer Blase an meinem rechten kleinen Zeh leckte. Und an die Farbe der Rose auf dem Schild über Rosie's Brewpub, wo wir uns wiederfinden.
Wir bleiben nicht lange die einzigen Läufer in der Bar. Mehrere Teams gönnen sich den Luxus einer warmen Stube, von gepolsterten Stühlen und Bier, selbstgebraut in der höchstgelegenen Brauerei Nordamerikas. Wir treffen hier das schottische Team, dass sich später für die Nacht absetzt: Die beiden Läufer nehmen sich ein Hotelzimmer, ratzen wie einst Leadville-Besucher Oscar Wilde in weichen Federbetten und kommen am nächsten Morgen, angeblich nach einer Pulle Whisky zum Frühstück, gut gelaunt zum Truck-Shuttle, der uns zum Startpunkt am Turquoise Lake bringt.
Happy End mit Einlauf
Leadville liegt hinter, ein nierenförmig in die Gipfelwelt drappierter See vor uns. Am Rande seiner dampfenden Oberfläche stehen wir bei etwa null Grad in den ersten Sonnenstrahlen des Tages und versuchen, uns für den Start zu erwärmen. Und für die knapp 46 Kilometer, die auf unserer heutigen, längsten Etappe vor uns liegen.
Sich Mut machen, müde Muskeln mobilisieren, und los! Die whiskybetankten Schotten sprinten mit einem Affenzahn davon, hinauf zum 3700 Meter hohen Hagerman's Pass. Keine zwei Kilometer später sitzen sie am Wegesrand, mit erhobenen Daumen. Grinsend rufe ich: "Good Job!", allgemeingültiger Anfeuerungsruf und gegenseitige Respektsbekundung beim Transrockies Run.
Good Job! Good Job! Good Job! Je näher wir dem finalen Ziel kommen, desto häufiger fliegt den Läufern dieser Zuruf um die Ohren.
Wir knabbern weiter an unseren Energieriegeln, fressen Kilometer, am letzten Tag noch mal 30 an der Zahl. Und statt "Good Job!" hören wir irgendwann "You’re looking great!", gewagter Euphemismus dafür, dass man seine körperlichen Überreste nach fünf Tagen, 177 Kilometern und 3398 Höhenmetern über die endgültige Ziellinie zu retten vermochte.
Wir haben es also tatsächlich geschafft! In 21 Stunden, 24 Minuten, 24 Sekunden. Gutes Mittelfeld. Good Job! Auch die Schotten traben irgendwann noch ins Ziel. Sie tragen zur Gewissheit bei, dass der alte Trapper-Miesepeter Kit Carson widerlegt ist: Zu seiner Zeit mögen die Menschen das Queren der Rockies mit ihrem Leben bezahlt haben, heutzutage genügen 1350 Dollar für eine Teilnahme am Transrockies Run.
Übrigens: Der nächste findet vom 25. bis 30. August statt – für alle, die im Abenteurer-Eldorado Colorado auf eigene Faust das Herz Amerikas erlaufen wollen.













































Zu Fuß durch die Rocky Mountains