Die Einwohner von Aamjiwnaang erzählen Geschichten von verrosteten, porösen Fässern, die irgendwo auf dem Land der Anishinabek auftauchten und aus denen tödliche Flüssigkeiten in die einst so fruchtbaren Böden sickerten. Von deformierten Kaninchen und Wieseln, die durchs Unterholz humpelten. Von bunten Wolken, die über ihre Häuser hinwegzogen – manche gelb, manche orange, manche schwarz. Sie erinnern sich an einen Tag im August 2002, als weißes Pulver vom Himmel regnete, das sich wie giftiger Schnee auf die Dächer legte und sich in den Lack der Autos fraß. Später hieß es dann, dass eine Firma versehentlich 70 Tonnen des Pulvers in die Luft geblasen habe. 70 Tonnen. Versehentlich. Erst 2003 begannen die Anishinabek, Beweismaterial für die massive Schädigung der Umwelt zu sammeln – Nachweise für Chemikalien, Quecksilber und andere Schwermetalle. Sie fanden eine Menge. Eine Studie des regionalen Krankenhauses wies für die Böden der Umgebung stark erhöhte Werte an Quecksilber und anderen Giftstoffen nach. Die Anishinabek stießen auf 9 Studien, die eine sinkende Jungen-Geburtenrate auf die chemische Verschmutzung des Lebensraumes zurückführten. Und siehe da: Einige der Untersuchungen stammen noch aus dem letzten Jahrhundert.
Kilometer um Kilometer reihen sich Industrieanlagen mit ihren riesigen Tanks und den rauchenden Schloten aneinander
Im Juli 1976 wurde in der Nähe des italienischen Seveso bei der Explosion einer Chemiefabrik eine Wolke mit hochgiftigem Dioxin in den Himmel geblasen. Das Gift rieselte auf ein dicht bevölkertes Gebiet nieder. 3 300 Tiere verendeten damals, 77 000 wurden notgeschlachtet, die Pflanzen starben ackerweise. Viele Menschen erlitten Hautverätzungen und leiden seither an Chlorakne.
1996 entdeckten italienische Wissenschaftler, dass Männer mit hohen Dioxinwerten im Blut in der Folgezeit wesentlich mehr Töchter als Söhne zeugten – vor allem jene, die 1976 jünger als 19 waren. Diese Väter zeugten sogar noch 1991 mit eminent größerer Wahrscheinlichkeit Mädchen als Jungen. Nur 50 von den 131 Kindern der Männer waren Söhne. Noch mehr Anhaltspunkte: Eine Studie aus Taiwan brachte den Verzehr von chemieverseuchtem Speiseöl und das Sinken der Jungengeburten in Zusammenhang. Eine US-Studie zeigte, dass in den 1980er-Jahren Männer, die in der chemielastigen Aluminiumindustrie arbeiteten, mit großer Wahrscheinlichkeit eher Mädchen zeugten als Jungen (86:53). Kanadische Forscher errechneten, dass Kinder von männlichen Arbeitern einer russischen Fabrik für Pflanzenschutzmittel lediglich zu 38 Prozent Jungen waren. Und so weiter, und so weiter.












































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