Damit verändert sich auch das zahlenmäßige Verhältnis zwischen den Geschlechtern: 1946 kamen auf jedes neugeborene Mädchen statistisch gesehen 1,08 Jungs, heute sind’s 1,05.
Angesichts Millionen neugeborener Jungen wirken diese Zahlen lächerlich. Viele Wissenschaftler sehen aber Anlass zur Sorge und rätseln: Was lässt die Jungs verschwinden? Ist ein Wandel der Lebensgewohnheiten die Ursache? Mehr Stress, späte Elternschaft? Doch das allein reicht als Erklärung nicht aus. Genetische Ursachen in dieser Häufung sind unmöglich. Bleiben die Umwelteinflüsse.
Ins Visier der Forscher gerät jetzt die chemoindustrielle Verschmutzung des Grundwassers, der Gewässer, des Ackerlandes –letztlich: der Lebensmittel-Produktion
Synthetische Chemikalien, so die Theorie, haben auf verschiedenen Wegen und in unterschiedlicher Weise Einfluss auf die Befruchtung der menschlichen Eizellen, wodurch schließlich die Entwicklung männlicher Föten erschwert oder verhindert wird. Dass chemoindustrielle Verschmutzung wie die in Aamjiwnaang den Hormonhaushalt von Lebewesen durcheinanderbringt, ist lange bewiesen – an Fischen, Fröschen, Alligatoren, Ratten. Jetzt legt eine wachsende Anzahl von Studien nahe, dass auch in Menschenfamilien, die einer solchen Verschmutzung längere Zeit ausgesetzt sind, signifikant weniger Jungen geboren werden.
Kilometer um Kilometer reihen sich Industrieanlagen mit ihren riesigen Tanks und den rauchenden Schloten aneinander
Noch besser erinnert sich der 60-Jährige daran, wie in seiner Gegend die erste Deponie für Industrieabfälle eröffnet wurde. Diese Dreckhalde spuckte so viel Quecksilber aus, dass Joseph und seine Freunde die Erde dort eimerweise sammelten, um dann das giftige Metall mit dem Wasser des Flusses auszuwaschen. Sie siebten es heraus und verkauften es an eine Thermometerfabrik. Schnell verdientes Geld.
Heute ist das Baden im Fluss verboten. Ein weißes Schild mit gekreuzten Knochen und einem Totenkopf warnt Besucher davor. Die Anwohner haben längst andere Sorgen, als nach Badestellen zu suchen. 40 Prozent der Bewohner von Aamjiwnaang verwenden ärztlich verschriebene Atemsprays, um überhaupt Luft zu bekommen. Und 39 Prozent aller Frauen der Gemeinde hatten schon mindestens eine Fehlgeburt – weitaus mehr also als die 0,1 Prozent im Landesdurchschnitt.












































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