Die knapp 900 Bewohner des Örtchens mussten lernen, mit der Jungenlosigkeit zu leben. Während es genug Mädchen für 3 Baseball-Teams gibt, reichen die Jungen gerade für eins. Das Eishockey-Team der Jungs wurde aus Mangel an Spielern abgeschafft.
"Wenn wir das Geld hätten, würden wir ja wegziehen", sagt Lisa Joseph, die mit ihren 5 Kindern im Reservat lebt – nur eines davon ist ein Junge. Eine von Lisas Schwestern hat ebenfalls 4 Töchter, eine weitere 2 Mädchen. "Um uns herum kommen anscheinend fast ausschließlich Mädchen auf die Welt", sagt die Mutter. Lange Zeit schöpfte niemand Verdacht, lange Zeit forschte niemand nach. "Du erfreust dich an dem, was Gott dir schenkt."
Kilometer um Kilometer reihen sich Industrieanlagen mit ihren riesigen Tanks und den rauchenden Schloten aneinander
Was kümmert es uns denn, wenn ein Indianerkaff in Südkanada nicht genug Jungs fürs Eishockey-Team zusammenkriegt? Aber Aamjiwnaang ist ein Extrembeispiel für einen Trend, der sich überall auf der Welt beobachten lässt: Die Männer verschwinden. Weltweit erscheinen Studien, die zeigen, wie angeschlagen das männliche Geschlecht ist. Sie zeigen, dass weniger Jungen auf die Welt kommen, dass die Hodenkrebsraten steigen, dass sich bei neugeborenen Jungen genitale Missbildungen häufen und die Spermienzahlen sinken. Die Studien kommen aus Asien Amerika und Europa, auch aus Deutschland.
Im Jahr 2008 zum Beispiel publizierte der dänische Endokrinologe Professor Nils Skakkebaek eine Studie, an der auch der Leipziger Dermatologe Professor Uwe Paasch mitwirkte. Skakkebaek predigt bereits seit 1992, dass Männer immer weniger Spermien produzieren. In der neuen Studie wurde die Qualität des Spermas junger Männer erforscht. Dafür ließen Paasch und seine Mitarbeiter Bundeswehr-Rekruten in Becher ejakulieren, untersuchten Anzahl und Qualität der Spermien. Nur annähernd 50 Prozent dieser deutschen Versuchsspritzer produzierten gerade einmal 40 Millionen Spermien pro Milliliter Ejakulat. Zum Vergleich: Ein junger Finne bringt es im Durchschnitt auf rund 90 Millionen. Etwa ein Fünftel der Deutschen schaffte noch nicht einmal 20 Millionen. Das klingt dramatisch.
Dennoch mahnt der Androloge Professor Hans-Christian Schuppe von der Universitätsklinik Gießen zur Besonnenheit: "Es gibt Studien, die auf Grund anderer Rechenmodelle auch zu ganz anderen Ergebnissen kommen als Skakkebaek. Im Übrigen wissen wir nicht, welche weiteren Faktoren Einfluss nehmen." Individuelle Verschiedenheit etwa. So weisen Männer, deren Körper genetisch besser dafür ausgestattet sind, Giftstoffe abzubauen, in vielen Fällen eine andere Spermaqualität auf. Auch regionale Unterschiede seien dabei von Bedeutung. Die schlechteste Spermaqualität in Europa fand Skakkebaek bei seinen Landsmännern: Lediglich 10 Prozent der Spermien eines Durchschnittsdänen entsprechen der Norm. Dicht dahinter im Ranking der Samenkranken: Deutsche und Norweger. Zu Recht fragen Wissenschaftler wie Schuppe, warum ausgerechnet die Dänen schwächeln und die Finnen nicht. Da gibt es nur Mutmaßungen. Fakt aber ist: "Auch in Finnland werden die Zahlen immer schlechter", sagt die Züricher Toxikologin Dr. Margret Schlumpf, die schon seit den 90er-Jahren zu dem Thema forscht.
Das Verhältnis von 105 Jungen auf 100 Mädchen war über lange Zeit ein üblicher Wert – nicht nur in Deutschland, auch in den USA, Kanada und anderen Industrienationen
Als das wahre schwächere Geschlecht brauchen Männer diesen Vorsprung geradezu. Sie sind aus statistischer Sicht anfälliger für Unfälle, Krankheiten und Gendefekte. In jeder Altersklasse sterben durchschnittlich mehr Männer als Frauen. Der Vorteil schwand mit der Zeit, alles glich sich aus. Aber nun schließt sich diese 5-Prozent-Lücke in einigen Ländern bereits bei den Geburtenraten. In den USA wurden zwischen 1970 und 2002 etwa 135 000 Jungen weniger geboren als erwartet, wie eine Studie von 2007 zeigte. Die internationale Forschergruppe, die diese Arbeit vorlegte, eruierte für Japan einen noch steileren Absturz: Dort fehlten gegenüber den Berechnungen 127 000 Baby-Buben – bei einer nicht einmal halb so großen Bevölkerungszahl wie in den USA und nur für den Zeitraum 1970 bis 1999.












































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