Heft 06/2012
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Men's Health Reportage Wenn die Männer aussterben

12.05.2010 , Autor:Jens Clasen, Melody Petersen
© Men's Health

In einem Dorf in Kanada kommen immer öfter Mädchen zur Welt. Forscher sehen darin eine Entwicklung, die sich auf der ganzen Erde zeigt: Wir Männer sterben aus
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Fortpflanzung: Men's Health Reportage: Männersterben
Die Jungs gehen baden: Die Näher der Chemie-Fabrik lässt nichts Gutes ahnen © Christopher Lamarca
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Sperma

Das Aussterben der Jungen begann schleichend. Wie eine Seuche kroch es in die Gemeinde. Diese Seuche befiel aber nicht die Kinder, sondern deren Eltern. Die Frauen brachten irgendwann einfach keine Jungen mehr zur Welt. Die Seuche hat viele Gesichter. "Wenn Sie durch diese Gegend fahren, müssen Sie auf Ihren Körper Acht geben", erzählt Ronald Plain. Er ist ein Indianer und gehört zum Stamm der Anishinabek, die im Reservat Aamjiwnaang leben. Plain warnt: "Ihre Fingerspitzen können urplötzlich taub werden, Ihre Lippen zu zittern beginnen."

Aamjiwnaang ist in einer Industrieregion in Südkanada, Bundesstaat Ontario, gelegen. Halsschmerzen, taube Finger, Atemnot, Herzrasen – das sind die Willkommensgrüße an Besucher des Chemical Valley. Im Umkreis von rund 25 Kilometern stehen 40 Prozent aller chemischen Fabriken des Landes, die sich auf Erdgas und -öl spezialisiert haben. Insgesamt sind es mehr als 60 Anlagen. Allein 2005 bliesen sie mehr als 131 000 Tonnen an Schadstoffen in die Luft, 1,8 Tonnen pro Einwohner.

Kilometer um Kilometer reihen sich Industrieanlagen mit ihren riesigen Tanks und den rauchenden Schloten aneinander



Aus jeder Fabrik strömt ein anderer Geruch – mal schwefeliger Fäulnisgestank wie von alten Eiern, mal beißender Dieseldampf, mal der süßliche Todesduft von rottendem Kohl.

Wo gearbeitet wird, entsteht Dreck. Erst viel zu spät dämmerte es den Menschen, dass dieser Dreck nicht nur stinkt, sondern auch gefährlich ist. Keiner dieser Gerüche stammt wirklich von Eiern oder Gemüse, keinen davon sollte ein Mensch über längere Zeit einatmen. Aber die Anishinabek leben nun einmal hier. Seit mehr als 6000 Jahren. Früher gingen sie auf die Jagd. Heute arbeiten sie in den Fabriken. Sie brauchen das Geld von der Industrie, weil es nichts mehr zu jagen gibt. Also leben sie weiter hier mit ihren Kindern, von denen immer weniger Söhne sind.

Vor einigen Jahren wurden Wissenschaftler plötzlich auf das Schicksal der Anishinabek aufmerksam. Eine Studie belegte einen regelrechten Absturz der Geburtenzahlen » von männlichen Säuglingen in der Zeit von 1993 bis 2003. Auf jeden neugeborenen Jungen kamen da zwei Mädchen. Normal ist in Industrienationen ein leichter Jungenüberhang von durchschnittlich etwa 5 Prozent.

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