Flirten im Urlaub – eine Reportage: Urlaub im Single-Club

Es geht nicht um möglichst viele Stellungen
Die meisten Dinge im Leben muss man sich hart erarbeiten

Reporter Andreas Stumpf wusste nicht wirklich, wie er auf Frauen wirkt – bis er in Griechenland einen Club besuchte

Klack! Als ich am Flughafen von Thessaloníki in den Shuttle-Bus steige, springt in meinem Kopf ein Schalter um. Das bedeutet Arbeit. Denn trotz Shorts und Flipflops bin ich nicht hier, um Urlaub zu machen. Ich habe einen Auftrag: Innerhalb von einer Woche soll ich herausfinden, ob ich ein guter Verführer bin. In einem Single-Club.

Und von jetzt an läuft die Zeit. Vorbei an einem braun gebrannten
Sommersprossengesicht, einer schneeweißen Blondine und einem langbeinigen Lockenkopf gehe ich durch den Bus nach hinten. Wer hier reinkommt, zeigt: Ich bin noch zu haben. Es ist, als ob man sich gegenseitig wortlos ein intimes Geständnis macht, ob man’s will oder nicht. Ich setze mich in die letzte Reihe.

Vier freie Plätze für vier freie Frauen. Clever, denke ich. Doch die gemütlichen, orange-rot karierten Polstersitze bleiben leer, obwohl nach mir noch sieben Frauen zugestiegen sind. Einzeln. Rund sechs Millionen Deutsche fahren jedes Jahr alleine in den Urlaub, besagt eine Studie der Kieler Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen. Ich habe noch nie dazugehört. Bis heute. „Kalispéra!“, ruft Animateur Uli. „Guten Abend.

Willkommen auf der schönsten Insel Griechenlands!“ Unsere Unterkunft liegt auf Kassándra, rund 80 Kilometer südöstlich von Thessaloníki. Die Insel ist nicht nur bei Touristen beliebt, auch viele Griechen aus der Großstadt kommen zur Erholung.

Date
Auf der Suche nach Gesprächsthemen

Flirtchancen: Die erste Chance

Andreas wittert seine erste Flirtchance. Doch der Anfang ist schwerer als gedacht

Beim Einchecken sehe ich meine erste Chance. Eine etwa 20-Jährige lässt ihren Zimmerschlüssel fallen. Obwohl ich vier Reihen hinter ihr stehe, springe ich an den anderen vorbei. „Ah, Nummer 23“, sage ich, als ich den Schlüssel aufhebe. „Meine Glückszahl!“ Im ersten Moment bin ich wirklich stolz auf meinen Spruch. Doch der Moment dauert keine Sekunde.

Die Frau mit den struppigen, braunen Haaren starrt mich an. Ihr Blick wandert zu dem Schlüssel, der zwischen meinem Daumen und dem Zeigefinger baumelt. Und plötzlich komme ich mir vor wie ein Hund, der ein Stöckchen apportiert hat. „Danke“, sagt sie, lächelt und dreht sich um. Irgendwie hatte ich mir das Flirten in einem Single-Club einfacher vorgestellt.

Beim Abendessen sitze ich mit Steffi, Tina und Martin am Tisch. Steffi ist 31 und Controllerin bei einer IT-Firma in Stuttgart. Wenn sie lacht, hält sie sich ihre Serviette vor den Mund. Tina, Ende 20, arbeitet bei einer Krankenkasse in Berlin. Sie erzählt von ihrer Atkins-Diät. Martin, 36, Rechtsanwalt in Erfurt, hört zu, wenn Steffi und Tina reden.

Jetski
Glatt lief es bei Andy nur auf dem Jetski

Ausgeprägte Persönlichkeit: Es ist Zeit, etwas zu tun

Persönlichkeit ist Punkt Nummer 4 auf meiner Liste. Sie zu haben, bedeutet, individuell zu sein. Anders als die anderen. Punkt 5, Exklusivität, ist im Prinzip nichts anderes als die Extremform einer ausgeprägten Persönlichkeit. Dass man Persönlichkeit hat, kann man nicht durch bloße Worte beweisen – man strahlt es aus. Durch das, was man tut.

Es ist Zeit, etwas zu tun. An den nächsten beiden Tagen trage ich mich für alle Sportarten ein, die der Club anbietet: Beachvolleyball, Mountainbiking, Kajakfahren, Segeln, Schnorcheln, Surfen. Sogar beim Boccia und beim Aquajogging bin ich mit von der Partie. So lerne ich nach und nach alle weiblichen Singles kennen: Anna, Arzthelferin aus Göttingen. Christina, eine Erzieherin aus Weimar. Elke, die eine Putenfarm bei Mönchengladbach managt. Irina, die ihr Haus in Freising nur mit einem Kachelofen beheizt. Karola, die bei der VHS in Erfurt Power-Yoga lehrt. Nora, die auf Aktfotos steht. Petra, die unglücklich in einen Familienvater verliebt ist. Sandra, die nicht weiß, ob sie ihren Job aufgeben soll. Vanessa, die es nervt, immer unterschätzt zu werden.

"Nicht alle wollen um jeden Preis ihren Traumpartner finden"

Flirtpsychologie: Die richtige Strategie

Andreas ist ein wenig entäuscht, er hatte sich das mit dem Single-Club doch ein wenig anders vorgestellt

Um kurz nach 22 Uhr sind die meisten Singles bereits auf ihren Zimmern. Allein. „Das ist ganz normal am Anreisetag“, erklärt Anja, die Barkeeperin der Strandbar. Warum sich viele Leute so reserviert verhalten, frage ich sie. Schließlich seien wir doch in einem Single-Club. Die 26-Jährige mit der blonden Mähne lacht. „Weißt du, nicht alle wollen hier um jeden Preis ihren Traumpartner finden“, sagt sie.

„Die meisten haben es einfach satt, mit lauter Pärchen und Familien Urlaub zu machen.“ Meine Vorstellung von einem wilden Haufen williger Frauen beginnt endgültig zu bröckeln. Doch dann sagt Anja: „Das heißt aber nicht, dass die Mädels einem Flirt abgeneigt sind – du brauchst allerdings die richtige Strategie.“

Ich hatte 27 Jahre lang niemals eine spezielle Masche, um mit Frauen ins Gespräch zu kommen. Aber natürlich habe ich mich auf diese Reise vorbereitet. Habe mir überlegt, was einen guten Verführer ausmacht, meine Kollegen ausgequetscht, Freunde verhört. „Humor, Selbstironie und Einfühlungsvermögen sind wichtig“, sagte eine Kollegin.

„So viele Frauen wie möglich abschleppen“, sagte mein bester Kumpel. „Im Grunde genommen geht es doch darum, dass man jeder Frau genau das bieten kann, was sie von einem Mann erwartet.“ Das klang logisch. Doch was wollen die Frauen eigentlich von uns Männern?

Urlaubsflirt
Bieten Sie Ihr, was sie von einem Mann erwartet

„Es gibt 6 Punkte, an denen eine Frau unterbewusst die Attraktivität eines Mannes misst“, hatte mir die Flirt-Trainern Nina Deißler aus Hamburg noch vor meinem Abflug erklärt. In der Psychologie benennt man diese Merkmale mit den Schlagworten Aussehen, Reichtum, Macht, Persönlichkeit, Exklusivität und Ruhm.

„Ein Mann muss wenigstens eine dieser Eigenschaften besitzen, um bei einer Frau landen zu können“, hatte die Expertin gesagt. Als ich im Single-Club um kurz nach Mitternacht unter meiner dünnen Bettdecke liege, lasse ich ihre Worte noch einmal Revue passieren. Schließlich wird mir klar, was zu tun ist. 6 Punkte, 6 Tage Perfekt!

Manchmal hilft eine spezielle Masche

Mit leichten Kriterien beginnen: Eine spezielle Masche

Andreas bemerkt, dass es gar nicht so einfach ist mit den Frauen ins Gespräch zu kommen. Aber er gibt nicht auf

Ich werde mit einem der leichteren Kriterien beginnen: dem Aussehen. Wer auf sein Äußeres achtet, ist begehrenswert. Klare Sache. Ich lege mich am nächsten Morgen in meinen roten Baywatch- Badeshorts auf eine der Pool-Liegen. Ziehe den Bauch ein, spanne meinen Bizeps an. Ob das reicht?

Sieben Minuten später legt sich jemand neben mich: Nadine. Sie hat lange, feuerrote Haare, die der Wind ihr ins Gesicht bläst. „Na, auch alleine hier?“, sagt sie und grinst. Ich grinse zurück. Zeig ihr, dass du auf dein Aussehen achtest, denke ich. „Tolle Nägel hast du da“, sage ich und deute auf ihre langen, weiß lackierten Fingernägel. „Ich wünschte, meine wären auch so gepflegt“, sage ich und strecke ihr meine Hände hin. Sie zieht ihre dünnen Augenbrauen hoch und beginnt dann laut zu lachen. Klasse Aktion, denke ich. Wirklich prima.
Wahrscheinlich hält sie mich jetzt für ein Weichei.

Schnell ziehe ich einen Joker: Reichtum. „Darf ich dich heute Abend auf einen Cocktail einladen?“, frage ich. In Sekundenschnelle verwandelt sich ihr Lachen in stummes Lächeln. „Gern“, antwortet sie. Ich weiß nicht, ob’s an den vielen Drinks lag. Oder an meiner Rolle des spendablen Gönners. „Ich mag großzügige Männer“, hat Nadine jedenfalls immer wieder gesagt. Bis wir nicht mehr reden wollten.

Am nächsten Tag liege ich wieder am Strand – alleine. Verbuddle meine Zehen im Sand. Das Meer schimmert türkis, ich fühle mich wie in der Karibik. Kassándra gehört zur Halbinsel Chalkidikí. Nirgends in Griechenland sind die Strände sauberer, ist das Wasser klarer. Das bestätigt auch das Gütesiegel Blaue Flagge. Rapprapprapprapp. Mein neuer Freund Aléxis vom Jetski-Verleih fährt mit seinem Wasserflitzer vor.

Andy versucht, zum Glück zu springen
Am Strand muss doch irgendwas gehen

„Efcharistó!“, sage ich. „Danke!“ Und übernehme das Steuer. Ich spüre die Blicke in meinem Rücken. Besonders die der Single-Männer. Die hassen mich, denke ich mir. Aber es ist ja nur ein Spiel. Ein Machtspiel. „Möchte jemand mitfahren?“, rufe ich einer Gruppe von fünf Frauen zu. Keine Reaktion. Habe ich mich etwa doch verzettelt? Zu hoch gepokert? „Ich hätte Lust“, höre ich jemand hinter mir sagen. Cora. Mitte 20, sportlich, gebräunt. Durch ihre schwarze Sonnenbrille kann ich ihre schönen Augen nur erahnen. „Na, dann spring mal auf!“

Ich male mir eine Blaue-Lagune-Szene aus: Wir fahren zu einer einsamen Bucht, planschen durchs Wasser, albern herum und reißen uns vor der untergehenden Sonne die Klamotten vom Leib. Dass ich mich zu früh gefreut hatte, erzähle ich Barkeeperin Anja ungefähr 6 Stunden und 5 Ouzos später. Nach 20 Minuten Cruisen wurde Cora kalt, sie wollte zurück. Beim Club sprang sie vom Jetski, drückte mir ein Küsschen auf die Wange und verschwand.

Bei den nächsten vier Mädels passierte das Gleiche, bei zweien gab es nicht mal ’nen Schmatzer. „Mensch, die Frauen wollen mehr Persönlichkeit von dir sehen!“, sagt Anja. „Zeig ihnen mal, was du drauf hast.“ Natürlich war mir klar, dass ich mit einem wasserspritzenden Motorschlitten keine Frau überzeugen kann. Aber es hätte meine Anbahnungsversuche zumindest ein bisschen beschleunigen können.

Gitarre spielen am Strand, wie romantisch

Verführungskunst: Letzte Tage in Griechenland

Auch nach 6 Tagen Single-Himmel ist sich Andreas nicht genau sicher wie das mit den Frauen läuft

In Griechenland lernen Kinder bereits in der 1. Klasse, wie man Sirtáki tanzt. Als mich am vorletzten Abend 2 Scheinwerfer anstrahlen, wünsche ich mir, ein Grieche zu sein. Ich bin von mehr als 70 Menschen umringt, wedle unkontrolliert mit den Armen. Ich muss erbärmlich aussehen! Christina, Irina, Petra, Sandra und Vanessa jedoch hat meine Einlage beeindruckt. Scheinbar waren es die 5 Minuten Ruhm, die ich brauchte. „Toll, wie du das gemacht hast“, klingt’s noch Tage später mehrstimmig in meinen Ohren.

Obwohl es mir in dieser Nacht jede von ihnen auch einzeln gesagt hat. Bin ich ein guter Verführer? Auch nach 6 Tagen Single-Himmel bin ich nicht sicher, ob ich eine Antwort gefunden habe. Klar, ich habe mehr als 2 Dutzend Frauen angegraben. Habe 12 neue Telefonnummern in meinem Adressbuch, einige Hotelzimmer weiblicher Gäste gesehen und ein Werbefeuerzeug für einen Swinger-Club geschenkt bekommen. Aber macht mich das zum Casanova? Heißt verführen tatsächlich so viel wie einwickeln, manipulieren, ködern, wie’s im Duden steht? Misst sich die Verführungskunst wirklich an der Anzahl derer, die man verführt? „Na, erfolgreich gewesen?“ Anja, die Frau hinterm Tresen, holt mich aus meinen Gedanken.

Es ist 1 Uhr morgens, wenige Stunden, bevor es wieder Richtung Heimat geht. Wie so häufig in den letzten Tagen sitze ich an ihrer Bar. Doch diesmal ist es anders. Zum ersten Mal fallen mir ihre grünbraunen Augen auf, ihr von der Sonne gebleichtes Haar, ihre vollen, runden Lippen. Anja ist die Einzige, bei der ich es noch nicht versucht habe.

„Was machst du eigentlich nach Feierband?“, frage ich. Sie: „Willst du mich angraben?“ – „Und wenn ja?“ – „Würde ich dir sagen, dass du keine Chance hast.“ – „Und wenn ich dich fragen würde, warum?“ – „Würde ich dir keine Antwort geben.“ – „Wem würdest du antworten?“ – „Einem, von dem ich das Gefühl habe, dass er sich ehrlich für mich interessiert.“ – „Und wenn ich das wäre?“ – „Das müsstest du mir erst mal beweisen.“ Der Shuttle-Bus am nächsten Morgen fährt ohne mich zum Flughafen. Ich habe mich spontan entschieden, meinen Urlaub um eine Woche zu verlängern. Und heute weiß ich die Antwort auf meine Frage.

Reisehandbuch Griechenland
"Gebrauchsanweisung Griechenland" - Martin Pristl: „Gebrauchsanweisung für Griechenland“ (Piper, um 13 Euro)

Auf geht’s nach Hellas! Doch bevor Sie sich auf den Weg machen, lesen Sie noch ein wenig

Wundern Sie sich nicht,

  • wenn Sie zwischen 14 und 17 Uhr vor verschlossenen Türen stehen. In der Mittagsruhe (diálima) lässt sich keiner stören, auch nicht per Telefon.
  • Ihr Busfahrschein mehr kostet, als auf dem Ticket steht. Die Fahrer brauchen lediglich ihre alten Fahrkarten-Bestände auf.
  • Sie in einer Bar oder einem Lokal kein Männer-WC finden. Griechische Toiletten sind oft unisex, die Kabinen zudem meist unverschlossen.
  • Man Ihnen auch in den besseren Restaurants Instant-Kaffee serviert. Die Filter-Version schlürft nämlich in Griechenland kaum jemand.
  • Sie auf Unverständnis stoßen, wenn Sie Gyros bestellen. Hier spricht man das Ganze „jiro“ aus.
  • Im Restaurant nach dem Essen niemand Ihren Tisch abräumt. Griechen sehen nach dem Essen gerne, was Sie so alles verputzt haben.
  • In der Disko weiße Servietten auf die Tanzfläche fliegen.Das heißt: Stimmmuuung! Die Griechen ständig nach Taxis rufen. In Wirklichkeit sagen sie „endáxi“ – und das heißt schlicht „okay“.

Reiseführer als Gesprächsstoff
Der Journalist Martin Pristl nimmt Klischees auseinander. „Hoffentlich irritiert Sie das Buch! Das haben Gebrauchsanweisungen so an sich: Sie zwingen den Leser, sich selbst mit der Materie auseinander zu setzen“, schreibt der Autor im Vorwort. Unbedingt mit an den Strand nehmen und eine Bikini-Schönheit fragen: „Hast du das schon gelesen?“

Reisetipps für Griechenland

Ein Flug Nach Thessaloníki dauert zirka zwei Stunden. Tickets gibt es schon ab 50 Euro pro Strecke unter: (www.billig-flieger-vergleich.de). Vom Flughafen aus geht’s in den Single-Club Kosmas per Shuttle-Bus oder Taxi (zirka 50 Euro). Fahrzeit: zirka 1 Stunde.

Der Club liegt auf Kassándra, einem der drei Finger der Halbinsel Chalkidikí, direkt am Meer. 2,5 Kilometer entfernt liegt der Badeort Políchrono. Singles Rund 800 Alleinstehende besuchen den Club pro Saison, Frauen-Anteil: Etwa 55 Prozent. Party-Zentrum der Club-Gäste ist der Ort Kallithéa, dort sind die meisten Bars und Diskos.

Mit dem Urlaubsflirt geht’s am besten zum Strand. Besonders romantisch: der leicht rötlich gefärbte Sandstrand Sáni Beach (Westküste). Preise 1 Woche im Club Kosmas gibt es ab 325 Euro (DZ, HP, o. Flug), Buchung unter Tel. 02 51 / 9 27 88 10 oder über das Internet: (www.frosch-sportreisen.de).

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