Rettung im Ring: Sportsfreund Marcel hat sich zurückgekämpft

Sportsfreund Marcel hat sich mit harter Arbeit und Disziplin durchgesetzt

Als Jugendlicher geriet Marcel auf die schiefe Bahn, doch sein Betreuer und seine Hingabe zum Muay Thai halfen ihm aus der Kriminalität

Marcels Geschichte liest sich wie ein Drehbuch aus Hollywood: Mit gerade mal 11 Jahren begann er zu rauchen, zu trinken, Drogen zu nehmen und zu verkaufen. Er flog von mehreren Schulen, seine Polizeiakte füllte sich. Kurz vorm Gang ins Gefängnis bekam er eine zweite Chance: Er kappte die Verbindungen zu seiner Vergangenheit, fokussierte seine gesamte Energie ins Muay Thai und in seine schulische Ausbildung. Mittlerweile ist der 20-Jährige ein erfolgreicher Muay Thai-Kämpfer, Model und arbeitet mit benachteiligten Kindern.

Sportsfreunde 2018: Marcel im Interview




Men's Health: Marcel, bevor wir über deine Geschichte sprechen: Glückwunsch zu deinem Titelgewinn beim traditionellen Nai Khanom Tom-Festvial in Thailand.

Danke sehr. Mit dem Titel und der ganzen Erfahrung ist ein kleiner Traum in Erfüllung gegangen. Der Titel wurde zu Ehren der Entstehung des Muay Thai verliehen, Nai Khanom Tom ist ein thailändischer Nationalheld. Außerdem war ich für meinen Kampf 6 Wochen lang im Trainingscamp in Thailand, habe mit den einheimischen Muay Thai-Kämpfern trainiert, den Alltag verbracht und zu viert eine Matratze geteilt. Es war eine einmalige Erfahrung, die sich mehr als ausgezahlt hat.

Men's Health: Du stammst auch aus einer waschechten Kampfsport-Familie.

Marcel: Ja, der Kampfsport liegt uns wirklich im Blut. Mein Vater war selbst 40 Jahre Profi-Judoka, mein großer Bruder war im Judo und Kickboxen aktiv. Da war es ganz normal, dass ich mit 6 Jahren das erste Mal im Judoverein mittrainiert habe. Allerdings hat mich dieser Kampfsport nicht lange gereizt, ich probierte Jiu-Jutsu, Kung Fu, Boxen und Kickboxen, bis ich zirka 10 Jahre alt war.

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Dann begann für dich ein sehr dunkles Kapitel, richtig?

Definitiv das dunkelste. Ich fing mit 11 an zu rauchen und zu trinken. Dazu kamen bald Drogen, Konsum und auch Verkauf. Straftaten habe ich auch begangen: Diebstähle, Einbruch, Körperverletzung bis zum schweren Raub. Dazu bin ich von insgesamt 3 Schulen verwiesen worden, mit 14 bin ich Zuhause rausgeflogen.

Heute ist Marcel Thaiboxer, Coach und arbeitet in einem internationalen Kinderhort

Wie kam es dazu, dass du da hineingeraten bist?

Hauptsächlich wollte ich Anerkennung und Respekt. Zuhause war kein Ort, an dem ich mich geborgen gefühlt habe: Meine Eltern trennten sich, da war ich 3 Jahre alt, ich musste bei meinem Vater bleiben und hatte jahrelang keinen Kontakt zu meiner Mutter. Aggressionen und Streit waren an der Tagesordnung, die neue Frau meines Vaters hasste mich regelrecht und schlug mich. Deshalb habe ich viel Zeit draußen verbracht, mir eine eigene "Familie" aufgebaut, auf die ich mich verlassen konnte. Man zog sich gegenseitig in Konflikte rein und versuchte, sich einen Namen zu machen, aber man stand immer zusammen. Diese Loyalität zu meiner "Familie" ist nicht im positiven auf mich zurückgefallen.

Du hast es aber auch wieder aus der Szene herausgeschafft.

Zum Glück. Ich stand kurz vorm Gefängnis, eine Haftstrafe von bis zu 3 Jahren, dazu war meine schulische Laufbahn nach 3 Verweisen auch kurz vorm Ende. Im Rahmen eines Projekts des Jugendamts vor Ort bin ich mit meinem besten Freund zusammengezogen, raus aus dem gewohnten Umfeld. Ich hörte von heute auf morgen mit Zigaretten, Alkohol und Drogen auf, machte freiwillig einen Drogenselbstentzug. Von meinen alten Freunden hielt ich mich komplett fern. Außerdem bekam ich einen neuen Betreuer, Cihan. Heute ist er wie ein Vater für mich und ich habe ihm mehr zu verdanken, als irgendjemand anderem auf der Welt. Denn er hat mir gezeigt, dass das Leben auch anders sein kann und ich, wenn ich etwas schaffen möchte, hart dafür arbeiten muss. Er brachte mich wieder zum Training und förderte mich in allen Bereichen. Auch mein Trainer, Benjamin Pannen, hat mich seit Tag 1 unterstützt, sportlich wie privat, und war immer für mich da.

Bis zu 12-mal pro Woche trainiert Marcel vor einem Wettkampf

Wie lief es damals in der Schule für dich?

Da gab es am Anfang einige Schwierigkeiten. Ich kannte an der neuen Schule niemanden. Schüler und Lehrer behandelten mich anfangs anders, keiner wollte mich "Problemkind" so wirklich da haben. Aber mit der Zeit gelang es mir, mich anzupassen: Ich veränderte mein Verhalten und mauserte mich zum Lehrerliebling. Ich war Klassensprecher, Streitschlichter und Schülersprecher. Ich wurde mehrfach ausgezeichnet für soziales Engagement. Meinen Realabschluss habe ich mit Qualifikationsvermerk gemacht. Danach wollte ich unbedingt in Cihans Fußstapfen treten und im sozialen Bereich aktiv werden. Also habe ich mein Fachabitur mit Schwerpunkt Sozialwesen gemacht. Während meines Abis hatte ich 2 Jobs und war kurze Zeit obdachlos, hatte nur meinen Hund und eine Matratze, "kein fester Wohnsitz" stand in meinem Personalausweis. Cihan hat mich bei sich wohnen lassen, bis ich eine eigene Wohnung hatte. Noch ein Grund, warum ich ihm immer dankbar sein werde.

Was wurde aus deiner Haftstrafe?

Durch meinen positiven Wandel wurde ich komplett freigesprochen.

Das ist absolut beeindruckend. Welche Rolle hat Muay Thai dabei gespielt?

Ohne meinen Sport wäre ich nicht dort, wo ich heute bin – er bedeutet mir einfach alles. Muay Thai gab mir extrem viel Kraft und Halt und eine neue Perspektive. Er hat mich sozusagen wieder "sozialisiert" – ich war ja ein Vollassi, als ich meiner Vergangenheit den Rücken gekehrt habe. Meine Trainer und Trainingspartner haben mich soziale Kompetenz gelehrt, anderen mit Respekt zu begegnen und sich an Regeln zu halten. Am Anfang war es bestimmt auch eine Art Suchtübertragung, so ernst wie ich mein Training genommen habe. Immerhin habe ich von heute auf morgen aufgehört zu kiffen, zu rauchen und zu trinken. Dafür trainierte ich wie ein Verrückter, denn ich hatte endlich etwas gefunden, wo ich meine Energien auf positive Art loswerden konnte. Meine Trainingsdisziplin führte dazu, dass ich keine Zeit mehr für etwas anderes hatte. Muay Thai hat mir gezeigt, was man alles durch puren Fleiß, Ehrgeiz und Disziplin erreichen kann. Und es hat mich kritikfähiger gemacht und mir geholfen, mit meinen Gefühlen umzugehen und sie zuzulassen.

Marcel ist nicht nur Kämpfer, sondern auch Coach
Im Muay Thai bringen sich die Kämpfer vor und nach dem Kampf großen Respekt entgegen

Und wie bist du ausgerechnet aufs Muay Thai gekommen?

Tatsächlich habe ich die Ong Bak-Filme mit Tony Jaa gesehen und war direkt vom Muay Thai fasziniert. Schläge mit dem Ellbogen, den Knien, Werfen, Beine fangen und speziell das Kicken mit dem Schienbein waren ganz neu für mich. Ich wurde neugierig, recherchierte online nach Muay Thai-Kämpfern und fand Buakaw Banchamek, der mein sportliches Vorbild wurde. Keiner konnte ihn stoppen – so ein Kämpfer wollte ich werden.

Was macht deinen Kampfsport so besonders, abgesehen von seiner speziellen Bedeutung für dich?

Muay Thai ist so viel mehr als ein "brutaler Kampfsport", wie es leider oft dargestellt wird. Es bringt eine riesige Kultur und Geschichte mit sich. Respekt spielt eine große Rolle im Muay Thai: Vor den Kämpfen finden traditionelle Tänze statt, die die Kämpfer, Trainer und Veranstalter ehren. Im Kampf schenkt man sich zwar nichts, aber davor und danach verhält man sich respektvoll und brüderlich.

Für dich war schnell klar, dass du auch in den Ring steigen wolltest.

Ja, ich wollte ein waschechter Nak Muay (Muay Thai-Kämpfer) sein. Ich brauchte die Herausforderung und irgendwie muss sich die harte Arbeit im Training auszahlen. Außerdem ist das Gefühl, im Ring zu stehen, vor all den Leuten, einzigartig. Auch der Adrenalinkick, den du hast, wenn du im Ring auf dich selbst angewiesen bist und es quasi heißt, "fressen oder gefressen werden", ist unvergleichbar. Und natürlich gibt es kein besseres Gefühl, als wenn der Ringrichter deinen Arm nach der Urteilsverkündung hebt oder dir den Gürtel umlegt.

Marcel hat sich von ganz unten nach oben gekämpft

Kannst du deinen ersten Kampf beschreiben?

Ich war noch nie aufgeregter, als vor meinem 1. Kampf. Kämpfen war ich zwar gewohnt, aber in einem anderen Rahmen und nicht vor so vielen Leuten. Das Gefühl im Kampf war unglaublich: Nachdem der Gong ertönte, war auf einmal alle Aufregung weg und alles um mich herum war ausgeblendet. Ich hab nur noch meinen Gegner gesehen und seine Reaktionen auf meine Attacken. Fürs Auge und technisch sind die ersten Kämpfe meistens nichts, man geht eher wie verrückt aufeinander los. Als ich dann als Sieger den Ring verlassen konnte, war ich unglaublich glücklich. Und auch wenn das ganze Team, die Familie und Freunde sich freuen und stolz sind, das ist ein tolles Gefühl. Davon wollte ich unbedingt mehr.

Wie hat sich deine Kämpferkarriere seitdem entwickelt?

Auf meinem Konto stehen rund 20 Fights. Ich wurde 2016 Deutscher Meister der IPTA und ISKA im Muay Thai, meinen ISKA-Titel habe ich 2017 verteidigen können. Ich habe auch schon internationale Erfolge verbucht, wie zum Beispiel meinen 5. Platz bei der letzten WM in Griechenland oder meinen Titelgewinn im April in Thailand. Seit 2016 gehöre ich außerdem zum deutschen Nationalkader der ISKA im Muay Thai. Allerdings haben mich meine Niederlagen meist mehr motiviert als meine Erfolge. Ein verlorener Kampf hat mich immer dazu gebracht, noch härter an mir zu arbeiten und mich zu verbessern. Es ist noch viel Luft nach oben und ich bin noch lange nicht dort angekommen, wo ich hin möchte.

Wie viel Zeit investiert du ins Training, gerade in der Wettkampfvorbereitung?

Vor einem Kampf trainiere ich 10- bis 12-mal pro Woche, und das 2 bis 3 Monate lang. So geht das allerdings nicht immer, da ich manchmal auch über längere Phasen mein Niveau halten oder verbessern muss oder in kurzen Abständen Kämpfe habe. Einer der Faktoren, den ich an meinem Sport liebe: Um mich in meiner Hauptdisziplin zu verbessern, kann ich andere Sportarten zu Hilfe nehmen. Je nach Form und Defizit besteht meine morgendliche Trainingseinheit aus Explosivkraft, HIT, Zirkel, Calisthenics, Sprints, Mobilität, Koordination oder Maximalkraft – natürlich immer kampfsportspezifisch. Muay Thai ist extrem anspruchsvoll und verlangt vor allem koordinative und motorische Fähigkeiten und natürlich körperliche Fitness. Und außerhalb meiner Wettkampfvorbereitung sind es pro Woche 5 bis 8 Trainingseinheiten, dann betreibe ich auch mehr Kraftsport – vor einem Wettkampf lege ich den Fokus mehr auf funktionelle Übungen ohne viel Zusatzgewicht. In der Regel bin ich aber 80 Prozent des Jahres voll im Training.

Marcel will gefährdeten Kindern mit seiner Geschichte ein positives Vorbild sein

Und bei dem Pensum findest du sogar die Zeit, zu coachen?

Zum Glück ist der Kampfsport – als Sportler und Coach – ja mein Beruf. Ich arbeite im Gym Chok Dee in Bielefeld. Ich bin Trainer für Muay Thai, K1-Kickboxen und in verschiedenen Fitness-Kursen. Kinder, Jugendliche und Erwachsene werden von mir trainiert, vom Einsteiger bis Wettkämpfer. Zu meinem Arbeitsalltag gehören auch Personal Training, Ernährungsberatung und Trainingsplan-Erstellung.

Da du Kids ansprichst: Du arbeitest auch in einem Kinderhort?

Richtig, seit 4 Jahren mache ich das nebenher. Durch Cihan wollte ich unbedingt etwas in dem Bereich tun. In unserem internationalen Kinderhort betreuen wir Förderkinder. Sie sind entweder sehr verhaltensauffällig, lern- oder geistig behindert oder stammen aus schwierigen Verhältnissen. Ich habe dort schon ein Jahrespraktikum während meines Fachabis gemacht und bin danach im Hort als Ergänzungskraft geblieben. Mein Ziel ist es, Kindern, die in einer ähnlichen Lage sind wie ich damals, eine Perspektive zu geben, auch einfach ein offenes Ohr für sie zu haben. Ich weiß, wovon ich rede und spreche aus Erfahrung – das kommt bei den Kids gut an und führt zu Akzeptanz. Sie sollen sehen, dass sie es in der Hand haben, wo ihr Leben hinführt.

Auch unsere Partnerseiten Women's Health und Runner's World präsentieren im Rahmen unserer Aktion "Sportsfreunde 2018" Menschen und ihre bewegenden Geschichten. Lass dich jetzt von ihnen motivieren und inspirieren!

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