Schalter auf Überleben: Sportsfreund Nicholas gibt nie auf

Mit einem Bein erreicht Nicholas jedes Ziel
Die Beinamputation zündete bei Nicholas den Sport-Turbo

Für Nicholas ist das Glas immer halb voll – mindestens. Bewegung und Sport sind für ihn nicht selbstverständlich. Denn 10 Jahre lang waren Krankenhäuser quasi sein zweites Zuhause

Nicholas’ Krankengeschichte könnte mehrere Buchseiten füllen, dabei ist der Münchner gerade mal 33 Jahre alt. Doch die unzähligen Stunden im Krankenhaus, zahllose OPs, Chemotherapie und ein amputiertes Bein, konnten seine Faszination für Bewegung nicht brechen, ganz im Gegenteil. Wie ein Stehaufmännchen ist Nicholas immer wieder aufgesprungen. Heute findet man ihn beim Bergsteigen, auf dem Mountainbike, in der Boulderhalle – aber nie beim Nichtstun.

Sportsfreunde 2018: Nicholas im Interview




Men's Health: Mountainbike, Klettern und Bouldern, Schwimmen, Bergsteigen, Wandern und Trail Running – du bist ein richtiger Outdoor-Junkie.

Nicholas: Warum auch nicht? Solange ich mich bewegen kann, bin ich happy. Und wenn das Ganze auch noch in der freien Natur passiert, perfekt!

Du betreibst diese ganzen Sportarten allerdings mit einem Bein.

Richtig. Ich bin Parasportler und habe "nur noch" mein linkes Bein. Das hindert mich aber absolut nicht daran, all diese Sportarten zu betreiben und meinen Bewegungsdrang auszuleben.

Wenn wir kurz zum Anfang springen: Dein erster Kontakt mit Sport kam wie bei vielen Kids in Deutschland mit Fußball?

Korrekt, wie bei den meisten hat es bei mir im Fußballverein angefangen. Ich war auch für kurze Zeit im DLRG. Dann bin ich mit 9 Jahren vom Baum gefallen – das Ergebnis waren eine gebrochene und eine zertrümmerte Ferse, 8 Wochen Krankenhaus, 8 weitere Wochen Rollstuhl. In die linke Ferse musste ein Knochenschwamm eingesetzt werden, da die Ärzte sie nicht rekonstruieren konnten. 

Autsch! Du hast das aber damals mit ziemlicher Leichtigkeit genommen.

Ja, das habe ich. Im Krankenhaus habe ich immer die Leckereien vom Mittagessen abgestaubt und am Abend verdrückt. Meine Mama hat die Extrakilos bestimmt verflucht, als sie mich damals vom Rollstuhl heraushieven musste. und zur Kommunion wurde ich von unserem Pastor schön durch die Kirche nach vorne geschoben. ich hatte also auch meinen Spaß in der Zeit. Und danach habe ich als Jugendlicher auch wieder mit Sport angefangen, habe hobbymäßig wieder Fußball gespielt und Skateboarden für mich entdeckt.

Seit einigen Jahren klettert Nicholas leidenschaftlich
Seit einigen Jahren klettert Nicholas leidenschaftlich

Wie kam es dazu, dass dein Bein amputiert wurde?

Mit 19 Jahren wurde an meiner rechten Beckenschaufel ein bösartiger Knochentumor, ein sogenanntes Ewing-Sarkom, diagnostiziert. Aber irgendwie war das keine erschütternde Diagnose für mich. Für mich war von Anfang an klar, wieder fit zu werden – egal, unter welchen Umständen. Das war für mich einfach selbstverständlich. Ich habe meinem Arzt auf die Diagnose auch relativ flapsig erwidert, dass sie den Tumor doch bitte einfach rausholen sollen.

Aber so einfach war das dann doch nicht, wie du dir vorgestellt hast?

Nein, leider nicht. Mein Arzt sagte mir, dass zur notwendigen Operation sehr wahrscheinlich noch Bestrahlung und Chemotherapie auf mich warten würden und das alles natürlich einige Zeit in Anspruch nehmen würde. Aber es hatte sich irgendwie direkt ein Schalter in meinem Kopf auf "Überleben und gesund werden" umgelegt, von daher war mir fast egal, was da auf mich zukommt – ich war überzeugt, dass ich das packe.

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Einfach waren die nächsten Jahre nicht. Deinen anfänglichen Optimismus hast du in all der Zeit aber nie verloren?

Mein Optimismus ist die ganzen 10 Jahre geblieben. Natürlich war es hart. Während meiner einjährigen Chemotherapie zu Beginn sind mir die Haare ausgefallen, ich wog bei 1,87 Metern Körpergröße irgendwann nur noch 65 Kilo. Multiresistente Keime, versteckte Entzündungen, sich lockernde Hüftprothesen – da kam schon einiges zusammen. Aber irgendwie wusste ich immer, was als nächstes kommt, wohin ich muss, quasi ein kleines Ziel nach dem nächsten. So bin ich insgesamt doch mit großer Leichtigkeit durch die 10 Jahre gegangen.

Für Nicholas war die Amputation die
Für Nicholas war die Amputation die "beste Entscheidung meines Lebens"

Du hast dich am Ende entschieden, das Bein amputieren zu lassen. Warum?

Ich sollte nach 10 Jahren und 3 Hüftgelenken kein neues Gelenk mehr bekommen, die Infektionsgefahr war zu groß. Hätte geheißen, dass ich das Bein zwar behalten, es aber keine Funktion mehr gehabt hätte, quasi nur noch zur Zierde. Das kam für mich absolut nicht in Frage. Nach einer Pro- und Contra-Liste und einem Gespräch mit einer ganzen Truppe von Ärzten war schnell klar, dass das Bein abkommt. Und das war wirklich die beste Entscheidung meines Lebens.

Viele Menschen würden mit diesen Erfahrungen nicht einmal an Sport denken wollen. Für dich war diese Phase aber sozusagen der Startschuss, um sportlich aktiv zu sein.

Mir zumindest ist in dieser Zeit der Wert der Bewegung erst so richtig bewusst geworden. Wenn du wochenlang im Krankenhausbett liegst, willst du genau das Gegenteil – dich bewegen, deinen Körper benutzen. Die ganzen Rückschläge haben meine Motivation, wieder fit zu werden, immer größer werden lassen. Auch meine Liebe zur Natur und den Bergen hat sich im Lauf der letzten Krankheitsjahre verstärkt: wann immer es sich einrichten ließ, bin ich in den Wald oder in die Berge gefahren – soweit es das eingeschränkte Bein eben zugelassen hat. Das erste Highlight – damals noch mit 2 Beinen – war eine 24-Stunden-Wanderung in Bayern. Das war eine absolut spannende Erfahrung und hat die Grenzen des mir Möglichen schlagartig nach oben katapultiert.

Und wie ging es nach der Amputation sportlich weiter?

Steil bergauf, würde ich sagen. 2 Wochen nach der Amputation war ich schon wieder beim Kung Fu-Training, 1 Monat später habe ich mich im Fitnessstudio angemeldet, um wieder Masse aufzubauen – immerhin habe ich minus das amputierte, 12 Kilo schwere Bein gerade mal 59 Kilo gewogen. Die Motivation war extrem hoch und schon nach ein paar Monaten stand ich schon wieder bei über 80 Kilo. Parallel dazu habe ich mit dem Bouldern angefangen und bin immer öfter in die Berge gefahren. 

"Grenzen gibt es nur im Kopf"

Wie reagieren die Menschen, wenn sie dir beim Sport begegnen?

Die meisten sind schon verdutzt, wenn sie mich sehen. Aber es macht auch Spaß, für diese verdutzten Blicke zu sorgen. Und viele scheint es auch zu motivieren, mich zu sehen. Das ist eine totale Win-win-Situation: Ich mache, was ich liebe und mich glücklich macht und meine Mitmenschen können daraus Motivation, Inspiration und Stärke schöpfen. Und das motiviert dann wieder mich, nach neuen Herausforderungen zu suchen und zu sehen, was möglich ist. Denn Grenzen existieren nur im Kopf. Das versuche ich zu leben und zu vermitteln. Es ist alles möglich. Du musst es nur wollen und dich trauen, aus deinem gewohnten Umfeld heraus zu kommen und die Komfortzone zu verlassen. Für das eigene Abenteuer braucht man kein Hollywood.

Gibt es noch etwas, woraus du Kraft und Energie schöpfst?

Definitiv. Ich habe in meiner langen Zeit im Krankenhaus viele Freunde gewonnen. Einige haben den Kampf um ihr Leben leider nicht zu ihren Gunsten entscheiden können – die Chance, die ihnen verwehrt blieb, möchte ich deshalb umso mehr nutzen. Und auch für meine Mutter und Schwester, die mich all die Jahre unterstützt haben. Außerdem bin ich jetzt bereits zum 3. Mal als Betreuer auf einem Sommercamp für Arm- und Beinamputierte Kinder und Jugendliche. Dort kann ich hoffentlich auch ein gutes Vorbild sein und zeigen, was alles möglich ist, auch "wenn etwas fehlt".

Welches war denn bisher dein Highlight als Parasportler und welche großen Projekte hast du geplant?

Mein Highlight war eine Mountainbike-Tour von München nach Venedig. Innerhalb 13 Tagen bin ich, mit Unterstützung von Freunden und Sponsoren, am Mittelmeer angekommen. Zu meinen Plänen: Dieses Jahr stehen zum Beispiel die ersten Paraclimbing-Wettkämpfe an. Das nächste Großprojekt wird eine Alpenüberquerung zu Fuß, zuerst auf die Zugspitze, dann weiter nach Meran. Etwa 170km Strecke mit rund 12.000 Höhenmetern.

Auch unsere Partnerseiten Women's Health und Runner's World präsentieren im Rahmen unserer Aktion "Sportsfreunde 2018" Menschen und ihre bewegenden Geschichten. Lass dich jetzt von ihnen motivieren und inspirieren!

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