WM-Interview: Wie Julian Draxler mit Deutschland den Titel holen will

Letztes Mal musste er von der Bank aus zuschauen, bei dieser WM will Julian Draxler in die Startelf

Julian Draxler ist einer der elegantesten und kreativsten Kicker in der Deutschen Nationalmannschaft. Uns hat er exklusiv verraten, was ihn auszeichnet – und warum er an einen erneuten WM-Sieg glaubt

Herr Draxler, wissen Sie schon, was Sie am Nachmittag des 15. Juli 2018 vorhaben?

Absolut – zu diesem Zeitpunkt stehen wir auf dem Rasen des Luschniki-Stadions und versuchen mit aller Macht, unseren Titel zu verteidigen! Dieses Gefühl vor 4 Jahren, in Rio im Endspiel zu stehen, das macht definitiv süchtig, glauben Sie mir. Es gibt für einen Fußballer nichts Größeres als ein WM-Finale, und genau da wollen wir dieses Jahr wieder hin. 2014 musste ich von der Bank aus zusehen, dieses Mal werde ich alles versuchen, um beim Endspiel in der Startelf zu stehen.

Für den amtierenden Weltmeister kann also nur die Titelverteidigung das Ziel sein?

Langsam, langsam! Wir werden mit Sicherheit nicht den Fehler machen und überheblich ins Turnier gehen. Klar, der Durchmarsch in der Qualifikation hat gezeigt, dass wir auch
gegen kleinere Nationen auf den Punkt funktionieren und die Spiele ganz souverän nach Hause fahren. Aber bei allem Respekt, da in Russland erwarten uns ganz andere Kaliber.

Andere Kaliber? Haben Sie Beispiele?

Brasilien, Frankreich und Spanien bewegen sich definitiv auf Augenhöhe mit uns. Ich bin mir sicher, jeder Spieler aus diesen Ländern hat noch genau vor Augen, wie wir den Titel gefeiert haben. Zum Beispiel mein Pariser Teamkollege Neymar, der würde mich liebend gern nächste Saison damit aufziehen, dass er und seine Brasilianer uns den Titel entrissen haben. Als aktueller Champion wird man von allen Seiten ohne Ende gejagt, so ist das eben.

Selbstbewusst wie nie: Der Fußball-Star will es der Welt zeigen

Und um diesen Attacken standzuhalten, geht es in Russland mit dem Mittelfeld Kroos – Özil – Draxler auf den Rasen?

Möglich ist diese Zusammensetzung durchaus. Wenn alle fit sind, werden wir eine sehr große Auswahl an hervorragenden Spielern haben – gerade im Mittelfeld sowie auf den Außenbahnen sind wir extrem gut besetzt. Ich glaube allerdings, dass wir das im Verlauf des Turniers auch brauchen werden. Es ist ein langer Weg bis ins Finale, mit vielen schweren Spielen, die sehr schnell aufeinander folgen. Da braucht man einen breiten, ausgeglichenen Kader. Doch jeder Spieler hat natürlich auch eigene Ziele. Mein persönliches lautet ganz klar: ein Platz unter den ersten 11.

2014 waren Sie noch hintendran, mittlerweile gehören Sie zu den festen Größen im Team. Was raten Sie den jungen Wilden von heute, wenn es nur wenig Einsatzzeit gibt?

Das ist nicht immer einfach – jeder Spieler fährt zu dem Turnier und würde am liebsten nonstop auf dem Platz stehen. Aber bei so einem extrem starken Kader wird es immer Härtefälle geben. Das Gefühl, dass trotzdem jeder gebraucht wird, kann man nicht künstlich erzeugen, das muss sich innerhalb der Mannschaft entwickeln. Einer der wichtigsten Mosaiksteine auf dem Weg zum Titel ist meines Erachtens das Team hinter dem Team.

Das müssen Sie uns jetzt erklären.

Na, jeder kennt wohl das Gefühl, für zwei, drei Wochen zusammen in einem Zimmer oder in einer Unterkunft abzuhängen. Da kann es leicht passieren, dass man sich auf die Nerven geht – und das wäre im Laufe eines so langen Turnieres fatal! Was der DFB auf die Beine stellt, ist enorm, da wird sich um alles gekümmert. Nimmt man allein die Qualität unserer Unterkünfte, ist ein Lagerkoller schon von vornherein nahezu ausgeschlossen. Kommt es doch dazu, merkt unser Teammanager Oliver Bierhoff meist umgehend, wenn ein Spieler langsam stinkig wird, und holt ihn zurück ins Boot. Die große Kunst ist es, über das gesamte Turnier hinweg ein Wir-Gefühl zu entwickeln und zusammenzustehen. Der schon so häufig zitierte Geist vom Campo Bahia war extrem wichtig in Brasilien, ein Puzzleteil auf dem Weg zum Titel. Nur mit solch einem Teamgeist kann uns erneut der Triumph gelingen.

Ob Draxler Deutschland zum WM-Sieg köpft?

Inklusive Vorbereitung dauert das Turnier fast 8 Wochen, der Körper soll stets auf den Punkt funktionieren. Ihr Fitnessgeheimnis?

Es ist nicht so, dass ich jeden Tag 3 Stunden lang Extraschichten schiebe und etliche Zeit im Kraftraum verbringe. Vielmehr geht’s mir darum, dass ich die Belastungen durch die vielen Spiele stets im Griff behalte. Präventiv an die Sache ranzugehen, ist superwichtig. Wenn man spielt und spielt und spielt und erst dann handelt, wenn etwas passiert, ist es logischerweise zu spät. Und deshalb ist es mir unglaublich wichtig, regelmäßig mit Fitnesstrainern und Physiotherapeuten zu arbeiten.

Was hilft noch, den enormen physischen Belastungen einer Saison standzuhalten?

In der Saison stehen fast wöchentlich zwei bis drei Spiele an – Liga und Pokal, Champions League, Länderspiele. Im letzten Jahr war ich beim Confed-Cup dabei und hatte dadurch sehr wenig Urlaub, jetzt kommt die WM und bald darauf die Nations League – mit dieser brutalen Belastung muss dein Körper erstmal zurechtkommen. Verletzungen ausschließen kann man da natürlich nie. Aber man muss den eigenen Körper sehr genau kennen, um jeder Form von Ermüdung im Vorfeld bestmöglich entgegenzuwirken. Würde ich medizinisch nicht so hervorragend betreut, könnte ich wahrscheinlich nicht so frei aufspielen.

Wie gelingt es Ihnen, gleichermaßen fokussiert in jedes Ihrer Spiele zu gehen?

Natürlich gibt es auch Partien, in denen es mir schwerfällt, mich zu motivieren. Aber genau das ist dann die Kunst – einen gewissen Ehrgeiz und die nötige Leidenschaft muss man mitbringen. Damit wir uns nicht falsch verstehen, damit meine ich eher ein Pokalspiel in Frankreich, mit Paris Saint-Germain gegen eine unterklassige Mannschaft. Für die Liga, die Champions League oder Spiele mit dem Adler auf der Brust muss man sicherlich niemanden motivieren. Und gerade bei einer Weltmeisterschaft muss dir keiner sagen, dass du Gas geben musst. Ich bin Sportler, will der ganzen Welt zeigen, was ich draufhabe.

Julian Draxler im Interview: das Making-of

Zentral oder über den Flügel – wo dürfen wir Akzente von Julian Draxler erwarten?

Vor dem Wechsel von Neymar nach Paris wäre es der Flügel gewesen. Dadurch, dass er jetzt auf der linken Bahn spielt, auf der ich eigentlich in der Nationalmannschaft spiele, musste ich mir in der Mannschaft von PSG eine neue Position erkämpfen. Ich spiele jetzt zentraler, konnte da in den letzten Monaten deutlich an Vielseitigkeit zulegen und werde bestens für jede Aufgabe in der Nationalmannschaft vorbereitet sein. Schlussendlich entscheidet der Bundestrainer, auf welcher Position ich dem Team am besten helfen kann.

Apropos, wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Bundestrainer Joachim Löw beschreiben?

Er hat für mich eine ganz besondere Bedeutung. Zum einen, weil ich ihn jetzt schon sehr lange als Bundestrainer kenne, aber auch, weil er in schwierigen Phasen meiner Karriere zu mir gestanden hat. Ob damals bei Schalke, als ich in ein Leistungsloch gefallen bin, oder nach dem Wechsel zum VfL Wolfsburg, als es viele Nebengeräusche gab. Joachim Löw hat mich darauf hingewiesen, dass von mir mehr kommen muss, hat aber auch klar gemacht, dass er nach wie vor von mir überzeugt ist und immer gerne mit mir zusammenarbeitet.

Dafür haben Sie sich bei ihm bedankt – als Kapitän des Confed-Cup-Siegerteams.

Er hat mich nie fallen lassen und immer auf mich gesetzt. Umso schöner, dass wir letzten Sommer zusammen den Titel holen konnten. Das bedeutet mir wirklich viel. Jetzt mit ihm als Cheftrainer erneut Weltmeister zu werden, wäre für mich das absolute i-Tüpfelchen.

Sind Sie eigentlich ein schlechter Verlierer?

Ich will gewinnen – ganz klar. Generell habe ich aber kein Problem damit anzuerkennen, wenn jemand anders seine Sache gut gemacht hat. Ist ein Konkurrent auf meiner Position gut drauf, gilt es, das zu respektieren. Habe ich ein Spiel verloren, sieht das anders aus – zumindest in den ersten Stunden, in denen ich reflektiere, was passiert ist. Da fällt es mir schwer zu sagen, dass wir verdient verloren haben. Abends im Bett kann ich die Leistung schon anerkennen – natürlich nur, wenn wir verdient verloren haben! Aber damit muss ich mich diesen Sommer ja nicht beschäftigen.

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