Vaterschaftsfreistellung: Auszeit nach der Geburt

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Ein Grund für die Vaterschaftsfreistellung: Mutter und Vater können als Team ins Abenteuer Kind starten © Shutterstock.com/ArtMari

Streitpunkt Vaterschaftsurlaub So sinnvoll ist die Vaterschafts-Freistellung

Die einen nennen es Vaterschaftsurlaub, die anderen Vaterschaftsfreistellung, gemeint ist das Gleiche: eine zweiwöchige, bezahlte Auszeit vom Job direkt nach der Geburt. Viele Deutsche wollen sie, aber es gibt auch kritische Stimmen. Hier treffen beide aufeinander

Schwere Geburt: Die Basis für die Vaterschaftsfreistellung wurde bereits im Jahre 2019 gelegt. Damals beschloss die EU die "Richtlinie zur Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben für Eltern und pflegende Angehörige". Sie sieht unter anderem in allen EU-Ländern eine zehntägige bezahlte Auszeit vom Job für Väter und Co-Mütter direkt nach der Geburt des Kindes vor und gab den Ländern bis Mitte 2022 Zeit für die Umsetzung. Deutschland ließ diese Frist leider verstreichen, inzwischen kündigte aber Bundesfamilienministerin Lisa Paus an, im Jahr 2024 die Vaterschaftsfreistellung umzusetzen. Nicht erst seitdem wird darüber heiß diskutiert, ob sie wirklich notwendig ist. Die Babykacke ist am Dampfen, könnte man auch sagen. Men's Health Dad hat die häufigsten Kritikpunkte an der Vaterschaftsfreistellung gesammelt und Fürsprecher damit konfrontiert.

"Wir brauchen keine Vaterschaftsfreistellung, es gibt doch schon die Elternzeit!"

Stimmt! Seit dem Jahr 2007 gibt es eine mit dem Elterngeld als Lohnersatzleistung für 14 Monate bezahlte Elternzeit. Davon sind (mindestens) 2 Monate für die Väter bzw. Partner:in reserviert, die laut einer aktuellen Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung in der Regel zum Ende der Elternzeit genommen werden. Allerdings stellen nur 43 Prozent der Väter überhaupt den Antrag auf Elterngeld (bei Müttern sind es 98 Prozent). Die Vaterschaftsfreistellung dagegen würde automatisch erfolgen – und zwar gleich mit der Geburt des Kindes.

"Bei der Vaterschaftsfreistellung geht es um eine Freistellung, die mit dem Mutterschutz verglichen werden kann", erklärt Nicole Beste-Fopma aus Frankfurt am Main, Herausgeberin vom www.lob-magazin.de, das sich dem Thema Vereinbarkeit widmet. "Zwar müssen die Väter sich nicht von der Geburt erholen und müssen auch vor der Geburt nicht besonders geschont werden. Aber auch sie sind ein wichtiger Elternteil und auch sie müssen ein Verhältnis zu ihren Kindern aufbauen können. Dafür brauchen sie aber Zeit. Zeit, die ihnen eine Vaterschaftsfreistellung gibt." Die Expertin sieht die Vaterschaftsfreistellung als Win-Win-Win-Situation: "Der Vater bekommt die Möglichkeit, mit seinem Kind eine Bindung aufzubauen. Ein Gewinn für einen jeden Vater und ein Gewinn für ein jedes Kind. Der Vater kann aber auch die Mutter entlasten. Ein Gewinn für die Mutter."

Karsten Kassner, Fachreferent beim Bundesforum Männer, dem bundesweiten Dach- und Interessenverband für Jungen, Männer und Väter, betont einen weiteren zentralen Aspekt: "Der Anfang macht den Unterschied! Hier den Raum zu haben, sich als Vater ganz auf die ersten Tage nach der Geburt einzulassen, ist eine Erfahrung, die über die zwei Wochen Freistellung hinauswirken kann. Das gilt für den Aufbau einer eigenständigen Vater-Kind-Beziehung ebenso, wie für die Aufteilung der Sorgearbeit zwischen den Eltern. Denn aus der Forschung ist bekannt: Mit der Familiengründung geht die Gefahr einher, dass sich Geschlechterrollen retraditionalisieren, selbst wenn das die jungen Eltern gar nicht wollen.“

Eine letzte Anmerkung kommt von Familientherapeut Holger Strenz vom Väterzentrum Dresden, der seit 20 Jahren Geburtsvorbereitungsabende für Väter leitet: "Aus den Väterabenden zur Geburtsvorbereitung wissen wir, dass sich selbst hochschwangere Eltern kaum vorstellen können, wie sich ihr Lebensalltag mit einem Kleinkind ändern wird. Elternzeit muss jedoch spätestens 7 Wochen vor dem Geburtstermin beantragt werden. Wenn das Kind und die damit verbundene Versorgung rund um die Uhr Realität ist, kann kurzfristig keine Elternzeit genommen werden. Und insbesondere Selbständige und Familien mit geringem Einkommen tun sich mit der Elternzeit schwer. Grund sind Einkommensverluste und komplizierte Berechnung."

"Wer soll das denn alles bezahlen?"

Ja, das Elterngeld und auch die Vaterschaftsfreistellung sind teuer. "Es ist allerdings in mehrfacher Hinsicht eine lohnende Investition in die Zukunft unserer Kinder und die Gesellschaft", sagt Sozialwissenschaftler Hans-Georg Nelles aus Düsseldorf, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft Väterarbeit in Nordrhein-Westfalen, der sich seit mehr als 25 Jahren beruflich mit dem Thema Väter, Elternzeit und Vereinbarkeit beschäftigt. "Väter die sich von Anfang an als bedeutend für die Entwicklung ihrer Kinder erleben und denen diese Kompetenzen zugeschrieben werden, bauen eine enge Beziehung zu ihren Kindern auf und engagieren sich mehr in Haushalt und Familie. Dadurch werden traditionelle Rollenbilder aufgebrochen und Frauen mehr berufliches Engagement und Entwicklungen ermöglicht." Und auch Unternehmen profitieren, nämlich von motivierten und sozial kompetenten Beschäftigten, die erleben, dass sie ihre Vorstellungen und Lebenskonzepte von Vaterschaft und ihre beruflichen Ambitionen, wenn auch nicht immer gleichzeitig, verwirklichen können.

Inzwischen ist übrigens auch klar, wie die geplante Vaterschaftsfreistellung finanziert werden soll. "Es ist sinnvoll, diese Freistellung im Mutterschutz zu regeln – finanziert aus einem Fonds beim Bundesgesundheitsministerium, der von den Arbeitgebern gespeist wird", sagt Bundesfamilienministerin Paus.

"Man kann doch auch einfach Urlaub nehmen!"

"Der Beginn einer Vaterschaft ebenso wir der einer Mutterschaft ist keineswegs Urlaub im Sinne von Erholung und Wiederherstellung von Arbeitskraft", sagt Sozialwissenschaftler Nelles, selbst Vater von drei erwachsenen Kindern. "Die ersten Wochen nach der Geburt eines Kindes sind mit neuen Herausforderungen und einer kompletten Umstellung des bisherigen Lebens und häufig auch mit Schlafentzug verbunden. Also exakt dem Gegenteil dessen, was Urlaub bewirken soll."

Zudem geht es hier auch um die Gleichstellung der Geschlechter. "Wenn es einen Mutterschutz zum Schutz der Mutter und des Kindes gibt, der für die Schwangere viele Vorteile mit sich bringt wie Kündigungsschutz, Beschäftigungsverbot und 14 Wochen Freistellung, sollte es auch ein gesetzliches Recht auf eine Freistellung für Väter geben", sagt Expertin Beste-Fopma, Autorin des Buches "Beruf + Familie. Passt!". "Schließlich ist der Vater kein Elternteil zweiter Klasse."

Familientherapeut Strenz ergänzt: "Dass Überstunden und Urlaub nicht die richtige Lösung sind, erfahren Väter leider erst im Nachhinein, wenn sie merken, wie viel Stress auf ihre junge Familie einwirkt und die Vereinbarkeit zur Nagelprobe für den Job wird." Väter haben ihm berichtet, dass sie sich dann tatsächlich eher einen neuen Job suchen, als sich auf einen Streit mit dem aktuellen Arbeitgeber einzulassen. "Auch das zeugt von einem hohen Stresslevel", sagt Strenz, der nicht nur aus diesem Grund eine Petition gestartet hat, um der Vaterschaftsfreistellung Nachdruck zu verleihen und die man hier unterzeichnen kann.

"Mütter können das ohnehin besser, schon rein biologisch!"

Ob Frau oder Mann: "Alle physischen Handgriffe, die zur Pflege und Versorgung eines Neugeborenen benötigt werden, lernen Väter und Mütter in dem Moment, in dem sie sich auf das Kind einlassen", erklärt Nelles. "Und die psychischen Voraussetzungen, einfühlsam auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen sind bei Vätern und Müttern gleichermaßen vorhanden."

Auch Kassner unterstreicht das und führt aus: "Durch die Schwangerschaft haben Frauen unbestreitbar einen Erfahrungsvorsprung – für Männer ist Vaterschaft zunächst mal abstrakter. Aber alle, die zum ersten Mal Eltern werden, egal ob Mutter oder Vater, müssen sich auf die neue Situation einstellen und ihre eigenen Erfahrungen machen, wenn das Kind dann da ist. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes learning by doing"

"Das ist doch auch nur kostenloser Zusatzurlaub!"

"Sich um ein Neugeborenes und dessen Mutter zu kümmern, ist kein Urlaub", sagt Expertin Beste-Fopma, selbst Mutter von vier Söhnen. "Wer das schon mal gemacht hat, weiß das. Selbstverständlich wird es auch wieder diejenigen Väter geben, die diese Zeit als Urlaub nutzen. Aber das wird ganz sicher nur ein kleiner Teil sein und nur weil dieser kleine Teil das machen wird, es dem Großteil der Väter zu verwehren, wäre nicht gerecht. Es gibt sicherlich auch Mütter, die sich nicht so um das Kind kümmern, wie die Gesellschaft das von ihr erwarten würde und trotzdem wird der Mutterschutz nicht abgeschafft."

"Wer in diesem Zusammenhang von Urlaub spricht, hat keine Ahnung von den Herausforderungen der Wochenbettphase und der ersten Zeit als neu gegründete Familie", sagt Kassner, der selbst zwei Kinder hat. "Es geht ja nicht nur allein ums Baby, sondern auch um die notwendige Unterstützung für die Mutter. Zudem muss weiterhin die Hausarbeit gemacht oder ein älteres Geschwisterkind betreut werden. Da gibt es auf jeden Fall genug zu tun für Väter."

"Das Baby schläft am Anfang doch eh nur!"

Väter-Fachmann Nelles: "Das kann nur jemand behaupten, der diese Situation noch nicht erlebt hat und auch noch nicht eigenverantwortlich einen Haushalt mit mehreren Personen geführt haben. Selbst wenn das Baby viel schläft, heißt das ja nicht, dass die Väter, die im Rahmen der Vaterschaftsfreistellung zuhause sind, in dieser Zeit frei haben."

Ähnlich sieht es auch Expertin Beste-Fopma: "Ja, ein Baby schläft die erste Zeit viel, aber nur die wenigsten Babys schlafen durch. Nur wenige Stunden am Stück durchschlafen zu können und tagsüber dennoch alles erledigen zu müssen, zehrt an der Substanz eines jeden Menschen. Wird der Vater des Kindes die ersten zwei Wochen freigestellt, kann er gemeinsam mit Mutter und Kind den Alltag neu sortieren, die Mutter maximal entlasten und ihr so helfen, sich schnell von der Geburt zu erholen."

"Die meisten Väter wollen das doch gar nicht!"

Eine aktuelle Studie des Väternetzwerks Conpadres hat ganz deutlich gezeigt, dass die kommende Vätergeneration sich die Elternzeit paritätisch mit ihren Partnerinnen teilen möchte. "Fast 100 Prozent der zukünftigen Väter wollen Elternzeit nehmen und mehr als die Hälfte von ihnen wollen sich das Elterngeldzeit paritätisch mit ihren Partnerinnen teilen", sagt Gründer und Geschäftsführer Volker Baisch aus Hamburg. Wichtig zu wissen für Unternehmen: Die kommende Generation der Väter und Mütter ist schon jetzt wesentlich wechselbereiter, wenn sie ihre Wünsche nach mehr Vereinbarkeit bei einem Arbeitgeber nicht umsetzen können. Baisch: "Das sagen laut unserer Studie knapp 60 Prozent der werdenden Eltern." Deshalb ist es inzwischen auch ein Risiko für Unternehmen, wie auch die jüngste Prognosstudie "Wie väterfreundlich ist deutsche Wirtschaft?" festgestellt hat, wenn Firmen die Zielgruppe der Väter von Beginn an nicht als eine wichtige Zielgruppe für den Vereinbarkeitsdiskurs einbeziehen.

Allerdings fehlen noch die passenden Rahmenbedingungen. Experte Nelles erzählt: "Bei einer Veranstaltung vor 15 Jahren, kurz nach der Einführung der Elternzeit in Deutschland erklärte die Personalmanagerin eines schwedischen Konzerns, es ist ganz einfach, wenn Sie 100 Prozent der Väter in der Elternzeit haben möchten, müssen sie ihnen nur das Elterngeld auf 100 Prozent des Gehaltes aufstocken. In Schweden betrug das Elterngeld seinerzeit 80 Prozent des Gehalts. Das sei teuer erklärte sie weiter, aber wir wollen, dass die Väter diese Erfahrung machen." Das gilt heute noch genauso wie damals und Spanien hat dies erst letztens so eingeführt und es wird angenommen.

Podcast-Tipp: Experte Volker Baisch war auch schon mal Gast bei den "Echten Papas", hier geht's zum Gespräch:

"Wenn die Vaterschaftsfreistellung kommt, nimmt doch kein Vater mehr Elternzeit!"

"Ich bin der Überzeugung, dass das Gegenteil der Fall sein wird“, sagt Nelles. "Väter, die die ersten 14 Tage im Leben ihrer Kinder intensiv erlebt haben, wollen auch weiterhin aktiv an deren Entwicklung teilhaben und werden Elternzeit in Anspruch nehmen, in größer Anzahl als bislang und für mehr als zwei Monate."

Das glaubt auch Nelles Mitstreiterin Beste-Fopma: "Untersuchungen zeigen, dass Väter, die früh eine Bindung zu ihrem Kind aufgebaut haben, mehr Care-Arbeit übernehmen. Eine Vaterschaftsfreistellung unterstützt den Aufbau dieser Bindung und wird dann ganz sicher dazu führen, dass mehr Väter länger in Elternzeit werden gehen wollen."

"Und gerade der Mental Load – also die unsichtbare planerische Arbeit, um die Care-Arbeit zu bewältigen – sollte von den Eltern von Beginn an partnerschaftlich aufgeteilt werden, damit gerade die Mütter nach der Geburt nicht noch mehr belastet werden und der Vater in seine Rolle besser reinwachsen kann", ergänzt Väternetzwerker Baisch. Er und sein Team haben besonders in den letzten Monaten Hunderte von Vätern zum Thema Mental Load in seinem 2011 gegründeten Väternetzwerk Conpadres sensibilisiert und geschult.

Zudem wird durch die neue Regelung auch ein wichtiger Impuls für einen Kulturwandel in Wirtschaft und Gesellschaft gesetzt. Experte Kassner ist sich sicher: "Mit der Vaterschaftsfreistellung wird deutlich: Auch Väter tragen Verantwortung für unbezahlte Sorgearbeit in der Familie." Viele Väter wollen heute nicht mehr auf die Rolle des Familienernährers reduziert werden. Darum sei es aber auch notwendig, Väter im Zuge der gesetzlichen Einführung der Vaterschaftsfreistellung aktiv anzusprechen. "Ich wünsche mir dazu eine begleitende politische Kampagne", sagt Kassner.

"Es reicht doch, wenn der Vater in der ersten Zeit ins Home-Office wechselt!"

"Home-Office ist keine Lösung", sagt Buchautorin Beste-Fopma - denn auch wer im Home-Office arbeitet, braucht Ruhe, um sich konzentrieren zu können. "Ein Neugeborenes hat jedoch noch keinen Rhythmus. Ständig aus der Konzentration gerissen zu werden, ist für ein effektives Arbeiten nicht förderlich und nutzt somit weder dem Arbeitgebenden noch dem Arbeitnehmenden", erklärt die Expertin, die für Anfang März in Berlin ein Barcamp zum Thema Vereinbarkeit plant, bei dem auch die Vaterschaftsfreistellung ein Thema sein wird.

Kassner ergänzt: "In vielen Berufen besteht gar nicht die Möglichkeit, ins Home-Office zu wechseln. Da braucht es schon klare Regelungen für eine berufliche Auszeit, um sich ganz auf die Partnerin und das Kind konzentrieren zu können."

"Männer können am Anfang doch eh nichts machen, die Frau stillt schließlich!"

Okay, Stillen ist das Einzige, was Väter nicht machen können, das war's dann aber auch schon. Nelles: "Die Versorgung eines Neugeborenen und die Unterstützung einer Mutter im Wochenbett beinhaltet mehr Aufgaben als beim Stillen zuzuschauen. Das wissen Väter auch, und wenn nicht, werden sie es schnell lernen."

Beste-Fopma ergänzt: "Das Kind muss gewickelt, gebadet, oftmals auch in der Gegend herum getragen werden. Es braucht die körperliche Nähe zu den Eltern. All das kann auch der Vater geben."

Podcast-Tipp: Experte Holger Strenz war auch schon mal Gast bei den "Echten Papas", hier geht's zum Gespräch zum Thema Vaterschaftsfreistellung:

"Es ist der falsche Weg, Männer mit immer mehr Goodies dazu zu bringen, sich bei der Care-Arbeit mehr einzubringen!"

"Es geht nicht um 'Goodies', sondern um passende Rahmenbedingungen, die Vätern aber auch Müttern ermöglichen, ihre Lebenskonzepte, die in den meisten Fällen auch eine partnerschaftliche Aufteilung aller anfallenden Aufgaben und Arbeiten beinhaltet, zu verwirklichen", sagt Nelles. "Das erhöht die Zufriedenheit und die Stabilität von Partnerschaften. Unternehmen profitieren ebenfalls, wenn gut ausgebildete Frauen schnell wieder als Fachkräfte zur Verfügung stehen, weil sie bei der Care-Arbeit entlastet werden."

Genauso sieht es Expertin Beste Fopma. "Es ist kein Goodie, einem Mann die Möglichkeit zu geben, sich um die Partnerin und das Neugeborene zu kümmern", sagt sie. "Es ist ein Goodie, ihn davon abzuhalten. Denn morgens, wie gewohnt zur Arbeit zu gehen und abends, wenn Zuhause die meiste Arbeit erledigt ist, wieder nach Hause zu gehen, das ist entspannt."

"Warum soll der Staat denn für das Privatvergnügen zahlen?"

"Kinder und Familien sind die Grundlage und die Zukunft unseres Staates. Das erklären Politiker:innen bei allen Sonntagsreden. Die Realität, das zeigt aktuell die Situation in den Betreuungs- und Gesundheitseinrichtungen, sieht leider häufig anders aus. Kinder und deren Betreuung sind kein 'Privatvergnügen'. Im Rahmen einer Vaterschaftsfreistellung leisten Väter gesellschaftlich bedeutsame Arbeit", sagt Sozialwissenschaftler Nelles.

Seine Kollegin Beste-Fopma schlägt in die gleiche Kerbe: "Kinder zu haben, ist kein Privatvergnügen. Um unsere Gesellschaft am Laufen zu halten, brauchen wir Kinder. Es ist vielmehr ein Privatvergnügen sich ganz bewusst gegen Kinder zu entscheiden. Paare mit Kindern ziehen künftige Steuerzahler:innen groß, ohne die weder das eine noch das andere gezahlt werden könnte."

"Wir lassen uns von der EU doch nicht alles vorschreiben."

"Die EU-Vereinbarkeitsrichtlinie aus dem Jahr 2019 ist nach langen Diskussionen zwischen den Mitgliedsländern verabschiedet worden", erklärt Experte Nelles. "Deutschland hatte, wie alle anderen auch, drei Jahre Zeit, die gemeinsam beschlossenen Regelungen in nationales Recht umzusetzen. Im Koalitionsvertrag ist die Einführung der Vaterschaftsfreistellung ebenso wie das Ziel bis 2030 Geschlechtergerechtigkeit in allen Bereichen zu erreichen, vorankert. Die Einführung der Vaterschaftsfreistellung aus wirtschaftlichen Gründen um zwei Jahre nach hinten zu verschieben und sich ein Vertragsverletzungsverfahren der EU einzuhandeln, ist vor diesem Hintergrund einfach nur töricht."

"Formal“, ergänzt Kassner, "ist eine EU-Richtlinie geltendes europäisches Recht, dass von den Mitgliedsstaaten in nationales Recht umgesetzt werden muss. Deutschland hat das in diesem Jahr getan, wenn auch nicht fristgerecht. Statt wie vorgesehen im Sommer, ist die EU-Vereinbarkeitsrichtlinie erst zum Ende des Jahres 2022 in nationale Gesetzgebung überführt worden. Dafür gab es eine Rüge aus Brüssel." Wegen einer Ausnahmeklausel, auf die sich Deutschland beruft, war die Vaterschaftsfreistellung selbst jedoch nicht Bestandteil der Umsetzung. Aber die Ampel hat den politischen Willen, die Freistellung in einem eigenen Gesetzgebungsverfahren bis 2024 umzusetzen. "Als Bundesforum Männer werden wir das in diesem Jahr aufmerksam verfolgen und konstruktiv-kritisch begleiten", sagt Verbandsvertreter Kassner.

Fazit: Partnerschaftlichkeit und Chancengleichheit sind wichtig

"Um die von der Bundesregierung avisierte Geschlechtergerechtigkeit in Deutschland zu erreichen, braucht es noch viele Schritte, gute Argumente und vor allem passende Maßnahmen, wie die Vaterschaftsfreistellung", sagt Experte Volker Baisch. "Sonst werden viele Unternehmen in den nächsten Jahren gerade junge Fachkräfte an die Unternehmen verlieren, die verstanden haben, dass Partnerschaftlichkeit und Chancengleichheit wichtige Werte sind, um auch in Zukunft Erfolg zu haben." Beste-Fopma sieht es noch pragmatischer: "Da wir uns dazu entschlossen haben, ein Teil der EU sein zu wollen und davon auch durchaus profitieren, müssen wir uns auch an die Vorgaben halten. Das beinhaltet auch die Vaterschaftsfreistellung. Punkt."

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