Erziehungsweisheiten oder Irrglauben?

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Erziehungsweisheiten auf dem Prüfstand Welche Erziehungsmythen stimmen — und welche Humbug sind

Ein Dokumentarfilm will herausfinden, warum sich einige falsche Erziehungsweisheiten so hartnäckig halten. Plus: Was du bei der Erziehung deines Kindes anders machen kannst

Egal ob Freunde, Familie oder Bekannte: Sie alle geben gutgemeinte Ratschläge in Sachen Erziehung. Einige von diesen "Tipps" halten sich hartnäckig, obwohl sie schon längst überholt sind. Sprüche wie: "Lass das Kind doch ruhig mal weinen, du verhätschelt es ja total" galten schließlich schon zu Omas und Opas Zeiten. Doch was ist an Erziehungsweisheiten wie diesen überhaupt dran? Oder handelt es sich dabei eher um Erziehungsirrtümer? Und was ist eigentlich das Beste fürs Kind? Genau diese Fragen stellte sich auch der Filmemacher Domenik Schuster aus Potsdam, selbst Vater von drei kleinen Söhnen. Antworten darauf sucht er in seinem neuen Dokumentarfilm "Good enough parents", der gerade erschienen ist und in dem auch Expert:innen wie die Pädagogin Susanne Mierau ("Frei und unverbogen: Kinder ohne Druck begleiten und bedingungslos annehmen") und Kinderarzt Herbert Renz-Polster ("Schlaf gut, Baby!: Der sanfte Weg zu ruhigen Nächten") zu Wort kommen. Im Interview erzählt der Filmemacher, wie veraltete Erziehungsmuster überwunden werden können und wie wichtig bedürfnisorientierte Erziehung ist.

Woher ist die Idee gekommen, den Dokumentarfilm "Good enough parents" zu drehen?

Den Gedanken, einen Film zum Bild des Kindes in unserer Gesellschaft zu machen, trug ich schon etwa zwei Jahre mit mir herum. Ende 2019 habe ich dann den Dokumentarfilm "Elternschule" gesehen. Prägend war folgendes Zitat des dänischen Pädagogens Jesper Juul: "Die Demütigung von Kindern ist längst nicht vorbei und noch immer findet elterliche Gewalt gegen Kinder in ungefähr 50 Prozent aller Familien statt — nicht so oft wie vor 50 Jahren und meistens ungewollt und von einem schlechten Gewissen begleitet." Schon interessant zu sehen, dass dieser Gedanke auch jetzt im fertigen Film noch Ausgangspunkt meiner Reise ist.

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Was soll der Film erreichen?

Als ich Vater wurde, habe ich keinen der einschlägigen Erziehungsratgeber über bedürfnisorientierte Erziehung gelesen. Ehrlich gesagt, war ich viel zu sehr damit beschäftigt, in meine Vaterrolle hineinzuwachsen. Die Fragen, die sich mir stellten, waren viel mehr von organisatorischer Natur: Was brauchen wir jetzt, wie viel davon und welche Wärmelampen für den Wickeltisch sind eigentlich die besten? Da war wenig Raum für eine Auseinandersetzung mit meiner Haltung gegenüber dem Menschen, der da bald in unser Leben treten sollte. Soweit ich das aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis kenne, finde ich das in vielen Vätern wieder. Es hat einige Monate gedauert, bis ich an den Punkt kam, dass ich bemerkte: Moment mal, warum zögere ich jetzt, ein schreiendes Baby auf den Arm zu nehmen — woher kommt der Gedanke, dass es dann vielleicht immer nur getragen werden will? Im Film versuche ich also auch von den Irrungen und Wirrungen meiner eigenen Vaterschaft zu erzählen. Und darüber eine Brücke zu schlagen hin zu den wichtigen Erkenntnissen über Nähe, Selbstständigkeit und Gewalt. Ich wünsche mir, dass dieser Film für Eltern — und vor allem auch für Väter — diesen Weg etwas abkürzen kann, ohne belehrend zu wirken. Ich bin kein Experte. Aber ich habe mich auf den Weg gemacht und davon erzählt der Film.

Collage setzt aus dem Filmplakat und dem Portrait von Domenik Schuster zusammen
Film ab: Links das Plakat zum neuen Film "Good enough parents", rechts Regisseur Domenik Schuster, der seine eigene Vaterschaft als Anlass genommen hat, um sich mit alten Erziehungsweisheiten auseinander zu setzen, die ihn im Leben mit seinen Kindern begleiten.
© Domenik Schuster

Welche Folgen haben veraltete Glaubenssätze auf die Erziehung von heute?

Je nach persönlicher Geschichte haben diese Mythen mehr oder weniger Gewicht. Ich selbst beobachte allerdings schon, dass unser Blick auf die Art und Weise, wie Kinder selbstständig werden, von tradierten Erziehungsweisheiten immer noch geprägt wird. Ich denke da an das bekannte Bild von einem Kind auf dem Spielplatz, das hinfällt. Man sieht keine Verletzung am Knie, nur ein bisschen Sand klebt daran - aber das Kind weint laut. Wie reagieren Eltern dann? Nehmen sie das Kind in den Arm, um es zu trösten? Oder relativieren sie den Schmerz, weil sie denken, dass Kinder dann weniger oft weinen oder sich schneller beruhigen? Geben wir Nähe, damit unsere Kinder lernen sich zu regulieren — oder verweigern wir sie? Das Dilemma ist: In beiden Fällen entscheiden wir uns als Eltern aus dem Gefühl heraus: Das ist jetzt das Richtige für mein Kind. Darin ist auch etwas von dem Geist, der stets das Gute will, leider aber manchmal auch das Böse schafft.

Sie sind Vater von drei Kindern. Auf welche Erziehungsirrtümer sind Sie hereingefallen?

Ich war früher der Überzeugung, dass man Kindern das alleine Einschlafen eigentlich nur einmal “richtig beibringen” müsse und dann hätte sich das zeitaufwendige Einschlafritual auch bald erledigt. Aus diesem Grund testeten wir an einem Abend eine Methode zum Schlafenlernen, bei der verzögert auf das Schreien des Babys reagiert wird. “Babys muss man auch mal schreien lassen” — dieser Glaubenssatz hat die Entscheidung für mich legitimiert.

Warum halten sich die Irrtümer so hartnäckig?

Erziehung prägt uns nachhaltig. Diese Glaubenssätze lernen wir ja nicht erst als Erwachsene, wenn wir dann mit Kindern zusammenleben, sondern in den meisten Fällen haben wir sie als Kinder selbst erlebt. Und das färbt unsere Persönlichkeit. Aber auch auf einer gesellschaftlichen Ebene dauert es lange, bis sich Transformationsprozesse einstellen. Für den Film habe ich auch die Perspektive einer Historikerin einbezogen, die sich wissenschaftlich mit Eltern-Kind-Beziehungen auseinandersetzt. Fragwürdige Erziehungsratgeber, wie der von Johanna Haarer, einer glühenden Nationalsozialistin, wurden selbst in den 1960er Jahren noch gelesen und deren Ratschläge übernommen. Die Wurzeln veralteter Weisheiten sitzen tief, deswegen bedarf es auch Anstrengung an vielen Stellen, um Veränderung zu bewirken.

Wie beeinflusst die eigene Kindheit eines Vaters das Verhalten seiner Kinder?

Unsere eigene Kindheit beeinflusst zuerst immer unser eigenes Verhalten. Hier ist dann die Frage, auf welche Weise das passiert. Das ist individuell sehr verschieden und kann dem Verhalten meiner eigenen Kinder wiederum entweder sehr zuträglich sein. Oder Konflikte überhaupt erst aufkommen lassen. Ich bin auf jeden Fall davon überzeugt, dass es hilft, einen Zugang zur eigenen Kindheit zu suchen, wenn wir selbst mit Kindern zusammenleben. Wenn wir es schaffen, uns an den Schmerz zu erinnern, den ein verlorenes Kuscheltier vor über 30 Jahren in dem Moment für uns bedeutet hat. Was hätten wir in dem Moment als Kind gebraucht? Erwachsene, die sagen: “Jetzt hab’ dich nicht so!” — oder Erwachsene, die unser Gefühl in dem Moment ernst nehmen?

Was bedeutet es für Kinder, wenn man zum Beispiel nicht auf ihr Weinen reagiert?

Selbstwirksamkeit ist für mich eine wesentliche Voraussetzung unserer mentalen Gesundheit. Wir möchten doch das Gefühl haben, dass wir aktiv unser Leben gestalten können. Als Erwachsene haben wir dafür vielfältige Möglichkeiten. Als Vater versuche ich das Schreien meines Babys immer auch als Versuch meines Kindes zu sehen, selbstwirksam zu sein. Es teilt sich mit, weil es etwas braucht. Und ob sich dieser Versuch selbstwirksam zu sein lohnt. Auch das lernt mein Kind von Anfang an. Dazu kommt natürlich, dass es für Babys eine ganz existentielle Stresserfahrung ist, allein gelassen zu werden, die lebenslange Auswirkungen haben kann.

Wie hat sich die Eltern-Kind-Beziehung über die Jahre verändert?

Wir sind immerhin schon so weit, dass die ersten drei Monate im Leben eines Kindes nicht mehr als “Dummes Vierteljahr” bezeichnet werden, dass sich der kompetente Säugling als Bild weitestgehend etabliert hat. Ich verstehe das als Annäherung an eine Begegnung auf Augenhöhe. Körperliche Gewalt ist in weiten Teilen der Gesellschaft verpönt — wobei jeder sechste Deutsche einen sogenannten “Klaps auf den Hintern” eines Kindes immer noch in Ordnung findet. Ich glaube, Eltern-Kind-Beziehungen und Erziehungsmodelle können immer nur vor dem Hintergrund ihrer Zeit verstanden werden. Jede Generation versucht, ihre Kinder bestmöglich auf das kommende Leben vorzubereiten. Die entscheidende Frage war und ist: Was denken Eltern über die Fähigkeiten, die Kinder brauchen, um in einer Welt zu bestehen, die man noch nicht kennt? Früher war da Abhärtung, heute geht es eher darum, den Kindern Möglichkeiten an die Hand zu geben, aktiv ihre Zukunft mitbestimmen zu können.

Es wird auch das Tabu-Thema psychische und physische Gewalt in der Kita angesprochen. Was muss sich ändern?

Es bedarf der Arbeit an einer Vielzahl von Stellschrauben, um Gewalt, sei es psychische oder physische, in Einrichtungen zu verhindern. Einerseits sehe ich die strukturellen Probleme unserer außerfamiliären Betreuung verantwortlich für den Druck, dem Angestellte ausgesetzt sind. Die Studie des Deutschen Kitaleitungs-Kongresses von 2020 hat darauf noch einmal ganz klar aufmerksam gemacht: 69 Prozent der befragten Pädagog:innen und Erzieher:innen beschreiben ihre Arbeitssituation als akut gesundheitsgefährdend. Als Eltern weiß man, wie schwierig es ist, geduldig und empathisch mit den eigenen Kindern umzugehen, wenn man unter Stress steht. Man stelle sich das nur mit 12 Kindern vor. An diesen Arbeitsrealitäten scheitern auch engagierte Erzieher:innen, die eigentlich anders mit Kindern arbeiten wollen und möglicherweise dann grenzüberschreitend mit Kindern umgehen, sie zum Schlafen oder Essen zwingen, um den getakteten Tagesplan einzuhalten. Auf der anderen Seite sehe ich auch die Eltern, die oft die ersten sind, die Forderungen an Pädagog:innen stellen: “Die andere Gruppe lernt aber schon die Zahl vier!” Auch dieser Druck verschiebt den Fokus hin auf kognitive Förderung. Ich persönlich wünsche mir eine Sensibilisierung für die Grundbedürfnisse von Kindern, die Grundlage sind für alle weiteren Bildungspotenziale — bei Eltern genauso wie beim Personal. Denn wenn man sich mit grundlegenden Bedürfnissen von Kindern auseinandersetzt, verändert sich auch schnell unser Verständnis von Grenzüberschreitungen und Gewalt.

Mit dem Wissen der Dreharbeiten: Inwiefern gehen Sie nun anders mit Ihren Kindern um als vorher?

Als ich anfing an "Good enough parents" zu arbeiten, wusste ich nichts von bedürfnisorientierter Erziehung, nichts von der Bindungstheorie oder von der Arbeit mit dem eigenen inneren Kind. Es war mein persönlicher Anlass, mich mit der Frage auseinander zu setzen, was Kinder brauchen. Und dabei bin ich auch auf sehr persönliche Fragen gestoßen, die ich mir als Vater stelle: Was sind meine Prioritäten? Welche Fähigkeiten will ich meinen Kindern mitgeben? Und wie kann ich das tun, ohne sie formen zu wollen, sondern ihre Persönlichkeit als gleichwertig anzuerkennen? Und ich muss sagen, dass ich vorher wesentlich öfter im Umgang mit meinen Kindern selbst Gewalt angewendet habe, als ich es jetzt tue. Ich bin davon nicht frei. Aber zumindest sehe ich das jetzt. Und kann mich entschuldigen. Auch das ist Beziehungsarbeit.

Fazit Der Dokumentarfilm "Good enough parents" zeigt, wie wichtig Nähe und bedürfnisorientierte Erziehung für das Kind sind. Viele der alten Erziehungsmythen erweisen sich darin als schlichtweg falsch und nicht mehr zeitgemäß. Was ist also nun das Beste für das Kind? Das Resümee von Regisseur Domenik Schuster nach Fertigstellung seines Films: "Liebe und Zuneigung sind für jedes Kind essenziell!" - auch wenn die Kamera nicht läuft.

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