Digital Natives: Wie bereiten wir unserer Kids auf die digitale Welt vor?

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Auch ein "Digital Native" kann manchmal Nachhilfe gebrauchen © Shutterstock.com / Kifor production

Generation Digital Natives Wie bereiten wir unsere Kinder auf die digitale Welt von Morgen vor?

Diese Frage stellen sich immer mehr Eltern. Die Antwort darauf ist leider komplizierter als ein Algorithmus . Ein Experte versucht sich trotzdem daran und erklärt, welche Future-Skills für den Nachwuchs wichtig sind

Von wegen Digital Native. Auch wenn Kinder heutzutage mit digitalen Technologien aufwachsen, bedeutet das nicht, dass sie auf diesem Themengebiet immer kompetent sind. Was brauchen also Kinder in dieser Hinsicht? Von der Kita? Von der Schule? Und von uns Eltern? Das erklärt im Interview Benjamin Wockenfuß aus Bonn, Experte für digitale Bildung, der sich bei der Deutschen Telekom Stiftung mit Fragen der digitalen Teilhabe von jungen Menschen innerhalb eines Bildungsökosystems beschäftigt.

Das Fach Informatik nimmt in Schulen immer mehr Raum ein, Kritikern geht das aber nicht weit genug. Welche Inhalte sollten wir unseren Kids vermitteln, die nicht auf dem Lehrplan stehen?

"Wir können nicht einfach eine Stunde Mathe oder Deutsch weglassen und stattdessen Digitalisierung unterrichten. Stattdessen sollten wir das Schulsystem und unseren Fächer-Fetischismus ganz grundsätzlich überdenken. Gerade hinter dem Schlagwort Future-Skills steckt eine Dimension, die eben alle Bereiche der schulischen Bildung betrifft – von Sprache über Naturwissenschaften bis zu Ethik oder Politik. Die digitale Welt hört auch nicht an der Klassentür auf, sondern betrifft die Pause, die Zeit nach der Schule oder die Elternarbeit. Hier brauchen wir neue Ideen und Konzepte. Außerdem sollten wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass die Schule uns auf ein konkretes Morgen vorbereiten kann. Wir wissen gar nicht, wie dieses Morgen aussieht."

Wie wichtig ist das Wissen über digitale Zusammenhänge – Umgang mit Daten, Datenschutz oder die Funktion von Algorithmen?

"Das halte ich für sehr wichtig, allerdings nicht nur für Kinder und Jugendliche. Ihnen unterstellen wir Erwachsene oft, sich zu wenig Gedanken, um Datenschutz und Co. zu machen. Doch das stimmt nicht, wie die Facebook-Nutzung vieler Boomer uns eindrucksvoll zeigt. Wir sollten uns generationsübergreifend und als Gesellschaft mit diesen Themen auseinandersetzen – am besten gemeinsam und auf Augenhöhe. Nur so können aus meiner Sicht sinnvolle Konzepte entstehen."

Benjamin Wockenfuß, Experte für digitale Bildung
Benjamin Wockenfuß, Experte für digitale Bildung
© PR

Spricht das gegen ein Schulfach Digitalkunde?

"Ein zusätzliches Schulfach wäre Unsinn. Wer soll es auch unterrichten? Den meisten Lehrkräften fehlt dafür die Kompetenz. An der Universität und in der Lehrerausbildung werden die nötigen Inhalte nicht gelehrt. Aus meiner Sicht brauchen wir stattdessen eine breite Betrachtung auf die digitale Welt. Und das heißt, dass wir uns in jedem Schulfach mit Digitalisierung befassen müssen – in den Naturwissenschaften und Mathematik auf eine eher technische Weise, in Politik, Werte und Normen oder Erdkunde eher aus einer ethisch-gesellschaftlichen Perspektive. Und dabei dürfen wir uns nicht nur auf die Fachlehrkräfte verlassen, sondern müssen unsere Schule stärker für Fachleute von außen öffnen, die den Unterricht um neue Perspektiven und Inhalte ergänzen."

Wie können auch Lehrkräfte besser auf die Zukunft vorbereitet werden?

"Ein ganz wichtiger Faktor ist aus meiner Sicht eine Kultur des lebenslangen Lernens. Auch für Lehrkräfte reicht es schon längst nicht mehr aus, ein Studium und ein Referendariat abzuschließen. Sie müssen bereit sein, ein Leben lang dazuzulernen und immer neue Methoden, Medien und Inhalte zu entdecken. Diese Offenheit dafür ist entscheidender als eine verpflichtende Informatikvorlesung für alle Lehramtsstudierenden. Außerdem sollten wir nicht nur die Schule, sondern eben auch die Lehreraus- und -fortbildung viel stärker für externe Fachleute öffnen – und ich spreche hier nicht von Google oder Apple."

Wie verändert sich die Bedeutung von Schulwissen in der vernetzten Welt?

"Das Weltwissen wächst in rasantem Tempo. Und damit verändert sich auch unser Verhältnis zum Wissen. Alles auswendig zu lernen, wird immer unnötiger. Denn nicht das Speichern von Wissen ist der große Vorteil unseres Gehirns gegenüber künstlicher Intelligenz, sondern die kreative Nutzung von Wissen für eigene Lösungen, die Abstraktion, das vernetzte Denken. Das kann kein Computer besser als wir Menschen, große Berge von Daten und Wissen durchgehen und analysieren dagegen schon. Darauf muss sich unser Schulsystem über kurz oder lang einstellen. Wir setzen immer noch viel zu stark auf ein lustloses Bulimie-Lernen von Inhalten ohne Bezug für die Lebenswirklichkeit."

Podcast-Tipp: Über das Thema Digitalisierung haben auch schon mal die "Echten Papas" gesprochen, hier geht's zum Gespräch:

Müssen wir Kindern mehr und andere Softskills für die digitale Welt vermitteln?

"Digitalisierung darf nicht zu einem reißenden Fluss werden, in dem wir versuchen mitzuschwimmen, sondern etwas, das wir aktiv gestalten. Ein wichtiger Punkt dafür ist aus meiner Sicht eine digitale Resilienz. Es geht zum Beispiel um die Frage, wann ein Medium uns wirklich hilft oder wann es uns eher stresst. Es geht um die Frage, wie wir mit der ständigen Ablenkung umgehen können und wie wir uns Freiräume schaffen. Darüber sprechen wir noch viel zu wenig. Es scheint in der öffentlichen Diskussion um kindliche Bildung vor allem zwei Extreme zu geben, immer online und lieber offline. Das ist aber Augenwischerei."

Kann man noch zwischen Fähigkeiten für die analoger und digitaler Welt unterscheiden?

"Ich glaube, der Alltag und die Sozialräume der Kinder und Jugendlichen ist zunehmend hybrid. Sie verabreden sich digital zum analogen Treffen oder analog zum digitalen Zocken oder Austausch. Das heißt, es gibt auch wechselnde Anforderungen an die Softskills der Kinder und Jugendlichen. Ein Beispiel dafür ist die schon erwähnte Resilienz, diese Fähigkeit ist für Kinder und Jugendliche immens wichtig – offline und online. Gleichzeitig stellen sich hier andere Anforderungen. Offline fällt es leichter, sich aus einer Situation herauszunehmen und Abstand zu gewinnen. In den sozialen Netzwerken ist das deutlich schwerer. Gleiches gilt auch für viele andere Schutzmechanismen gegen Mobbing oder Belästigung. Grundsätzlich sind sie gleich, es sind nur andere Strategien nötig."

Was müssen Schulen oder Kitas leisten und was wir Eltern?

"Ich glaube, die wichtige Herausforderung ist die Zusammenarbeit zwischen Bildungsinstitutionen und Familie. Das kommt mir bei der digitalen Bildung bislang viel zu kurz. Die Eltern zeigen auf die pädagogischen Fachkräfte oder Lehrkräfte und die verweisen auf die Eltern und ihre Verfehlungen. Und die Kinder stehen irgendwo dazwischen und müssen funktionieren. Das ist sehr schade. Viel sinnvoller wäre ein gemeinsames Entdecken der digitalen Welt und ein Voneinanderlernen. Wir Erwachsenen sind schließlich sehr wichtige Vorbilder und Bezugspersonen, gleichzeitig ist unser Umgang mit digitalen Medien alles andere als perfekt. Wenn wir alle – groß und klein – gemeinsam digitale Möglichkeiten, aber auch Regeln entdecken und aushandeln würden, wäre das viel sinnvoller. Ganz platt gesagt: Es geht nicht darum, gemeinsam Tanz-Videos für TikTok zu produzieren, sondern im Austausch zu bleiben, über die Faszination für diese Plattform und Interesse zu zeigen an der Lebenswelt des anderen."

Was hältst du von außerschulischen Angeboten wie Coding-Schools?

"Ich bin grundsätzlich großer Fan von Coding-Schools und Maker-Hubs. Leider erreichen diese Angebote oftmals nur eine ohnehin schon aufgeklärte und digitalaffine Bevölkerungsgruppe mit höherer Bildung und hohem Einkommen. Wir müssen solche Angebote viel breiter aufstellen und alles daransetzen, eben auch eher bildungs- und digitalferne Milieus zu erreichen. Ein möglicher Ansatz dazu wäre meiner Meinung nach ein stärkerer Lebensweltbezug für die Kinder und Jugendlichen. Zum Beispiel könnte der Fußballverein gemeinsam eine App für die Organisation der Spiele und das Teilen der Ergebnisse entwickeln. Damit würden wir nicht nur die Finn-Oles aus dem Akademiker-Haushalt erreichen."

Fazit: Die Digitalisierung ist nicht aufzuhalten. Und gleiches gilt auch für unsere Kids. Also eigentlich ein perfektes Match. Nichtsdestotrotz kann der Nachwuchs noch Unterstützung auf diesem Gebiet gebrauchen - und das ist dein Job.

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