Feminismus für Väter: So stärkst du deine Tochter

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Er ist Vater einer Tochter, aber sollte er deshalb auch ein Feminist sein? © Shutterstock /4 PM production

Feminismus für Väter Wie können Väter ihre Töchter stärken?

Jeder Mann, der Vater einer kleine Tochter ist, wünscht sich, dass sie zur selbstbewussten Frau heranwächst. Heißt das, dass er auch gleichzeitig Feminist sein sollte? Unser Experte hat eine Antwort auf diese Frage

Der Journalist Tillmann Prüfer hat gleich vier Töchter – und ein Buch geschrieben, das Mitte November erscheint. Der Titel: "Vatersein: Warum wir mehr denn je neue Väter brauchen". Darin beschreibt der Kolumnist des ZEIT-Magazins ("Prüfers Töchter") unter anderem, warum der Feminismus eine große Chance für Väter sein kann – und keine Bedrohung, wie oft behauptet. Wie er das genau meint, erklärt er im Interview mit Men's Health Dad.

Was ist Feminismus?

"Etwas, das auch Männer angeht. Feministen wehren sich gegen soziale Strukturen, die systematisch Frauen benachteiligen. Für mich persönlich ist besonders wichtig, dass es nicht darum geht, Geschlechter gegen einander auszuspielen, sondern dafür zu kämpfen, dass Menschen aller Geschlechter die gleichen Voraussetzungen in der Gesellschaft vorfinden. Das sollte nicht nur das Anliegen von Frauen sein."

Sollten sich nur Mädchen-Väter für Feminismus interessieren oder müssen das auch Väter von Söhnen tun?

"Natürlich! Jedenfalls wenn der Vater für seinen Sohn eine Zukunft möchte, in der er sich frei entwickeln kann. Denn eine Gesellschaft, die die Frau hinter den Herd verbannt oder daran hindert, eine Karriere abseits eines Teilzeitjobs zu machen, verurteilt den Mann dazu, einen Großteil seines Lebens am Arbeitsplatz zu verbringen – und vieles anderes zu verpassen. Man schuftet dafür, einem Arbeitgeber Profite zu verschaffen, und wenn man alt wird, wird man ersetzt. Könnte sein, dass der Sohn etwas mehr von Leben erwartet."

Wie können Väter von Feminismus profitieren?

"Mich nervt, wie passiv sich Männer und vor allem Väter inmitten all dieser Veränderungen verhalten. Entweder sie tun so, als würde ihnen etwas weggenommen und sie müssten irgendetwas verteidigen, oder sie willigen etwas beleidigt ein, jetzt eben "noch mehr" zu machen. Also neben dem anstrengenden Job noch den Abwasch zu Hause. Und sie sind betrübt, wenn es dafür dann kein dickes Lob gibt. Ich finde, sie sollten anfangen, die Arbeit zu machen, welche die Frauen angefangen haben – nämlich die Arbeit am eigenen Rollenbild. Das ist schließlich auch für Frauen oft ein schmerzhafter Prozess. Glauben wir denn, es ist für Frauen immer angenehm, die eigene althergebrachte Rolle infrage zu stellen? Und Entscheidungen zu treffen, für die man von den eigenen Müttern, Freundinnen, Erzieherinnen im Kindergarten auch stark kritisiert wird? Das eigene Selbstverständnis zu hinterfragen, ist anstrengend. Und das sehe ich bei den wenigsten Männern. Sie denken, es sei männlich, irgendwie Geld zu machen und ansonsten vielleicht mit den Kumpels eine Kiste Bier zu saufen und ein T-Bone-Steak zu grillen."

Journalist und Buchautor Tillmann Prüfer ("Vatersein: Warum wir mehr denn je neue Väter brauchen")
Journalist und Buchautor Tillmann Prüfer
© PR (Max Zerrahn)

Wie kann man seine Vaterschaft bewusster gestalten?

"Ich glaube, es gab keine bessere Zeit, Vater zu sein als heute. Denn wenn die Rollenbilder infrage gestellt werden, dann haben auch wir mehr Möglichkeiten – und nicht weniger. Unsere Großväter und vielleicht auch unsere Väter hatten das nicht. Für sie war festgesetzt, was ein Vater tun muss. Nämlich für das Familieneinkommen sorgen und das Auto fahren, wenn es in den Urlaub geht. Wir haben heute die historisch einmalige Möglichkeit, selbst zu entscheiden, was uns im Leben wichtig ist. Und Fragen zu stellen wie: Was will ich meinen Kindern eigentlich mitgeben, was will ich ihnen vorleben? Wie setze ich das um? Wie planen wir das als Paar, als Familie? Viele Väter glauben, indem sie sich mehr an der Betreuung der Kinder beteiligen, tun sie ihren Frauen einen Gefallen. Dabei sollten sie das auch aus purem Egoismus tun. Vater zu sein, ist das größte Abenteuer, das einem als Mann begegnen kann. Würden Männer realisieren, dass sie dieses Erlebnis häufig dagegen eintauschen, zusammen mit anderen Erwachsenen vor Bildschirmen zu sitzen und Tabellen auszufüllen, würden die darum kämpfen, mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen zu können, statt das als Zugeständnis zu sehen."

Warum sollten Männer die klassische Vaterrolle hinterfragen?

"Es ist ja schon lustig, dass wir das als klassisch bezeichnen. Dieses Modell ist ein Artefakt, das entstand, als die moderne Industrie-Infrastruktur geschaffen wurde. Man hatte Maschinen, die den ganzen Tag liefen, man brauchte Männer, die den ganzen Tag daran arbeiteten. Und Mütter, die ihr Leben Zuhause verbrachten, um die Kinder großzuziehen. Davor waren Väter zwar nicht weniger patriarchal – aber viel mehr in die Erziehung der Kinder einbezogen. Und sie sollten es wieder werden. Denn nur dann kann man sich der eigentlichen Vaterrolle widmen. Es gibt heute gut gesicherte Erkenntnisse darüber, dass Väter einen großen Anteil an der Entwicklung ihrer Kinder haben. Kinder zählen sehr auf ihre Väter. Und wenn sich Väter dieser Aufgabe entziehen oder sich entziehen lassen, schaden sie ihren Kindern und sich selbst. Das sollte Motivation genug sein."

Wie können Paare ihre Rollenbilder aufbrechen?

"Die meisten Paare haben kein Problem, die Rollen zu hinterfragen, sondern dies auch in ihr Leben umzusetzen. Häufig scheitert es schon an mangelnder Planung. Wenn Paare sich entscheiden, dass die Frau 'erst mal' zu Hause bleibt bei den Kindern und der Vater "erst mal" arbeiten geht, glauben sie, dass sie ein Agreement für zwei Jahre getroffen haben – in Wirklichkeit begeben sie sich aber in eine Dynamik hinein, die sich später schwer durchbrechen lässt. Die Mutter ist es, die dann das tiefere Verhältnis zu den Kindern entwickelt, der Vater arbeitet am nächsten Karriereschritt. Wenn man ein Haus kauft, dann macht man auch keinen Finanzierungsplan 'erst mal' für die nächsten zwei Jahre. Die Familie ist aber das Haus der Seele. Das sollten wir umso bewusster bauen."

Welchen Einfluss hat ein Vater auf die spätere Partnerwahl der Tochter?

"Es ist fast unmöglich, dazu valide Daten zu erheben. Aber es gibt plausible Theorien. Beide Eltern haben einen immensen Einfluss darauf, wie wohl sich ihrer Kinder mit anderen Menschen fühlen. Und der Vater ist der erste Mann, mit dem eine Tochter eine tiefe Verbindung hat. Er hat starken Vorbildcharakter. Wenn ich als Vater aufmerksam, emotional anwesend, interessiert und auch herausfordernd bin, verbessere ich die Chancen dafür, dass meine Kinder solche Eigenschaften auch bei ihren Partnern suchen. Wenn ich etwas bin, nach dem sich das Kind ständig sehnt, der aber nicht greifbar ist, lege ich eine schlechte emotionale Grundlage. Dann wird das Motiv des Sehnens, der unerfüllten Hoffnung wichtiger. Ich glaube, wenn man sich als Vater später darüber aufregt, dass der Schwiegersohn ein Arschloch ist, hat man oft einen Anteil daran gehabt."

Wird man automatisch ein besserer Vater, weil man im Haushalt hilft?

"Mann ist auf jeden Fall ein besserer Partner, wenn man sich nicht vor selbstverständlicher Arbeitsteilung drückt. Das Problem sehe ich eher in der Denkweise. Wir Männer sind von unserer Prägung her gewohnt, in Jobs zu denken. Gib uns einen konkreten Auftrag, den wir erfüllen und abhaken können – und wir sind zufrieden mit uns. Genauso sehen viele es auch als Job an, sich im Haushalt zu engagieren. Sie erledigen das, und möchten dann gelobt werden. Ich kann dazu nur sagen: Die Hälfte der Haus- und Sorgearbeit zu erledigen, ist kein Zugeständnis, sondern eine Selbstverständlichkeit, darüber sollte man kein Wort verlieren müssen. Und, wer erfolgreich das Bad gewischt hat, ist deswegen noch nicht Vater des Jahres. Kindern ist es oft Wurst, ob ihr Vater abwäscht. Wenn sie sich später daran erinnern, was sie an ihrem Vater geschätzt haben, dann werden sie sich an Zeit erinnern, die man geteilt hat, an Zuwendung, Aufmerksamkeit, nicht an das saubere Geschirr. Ich meine: Fragt nicht, welche Jobs zu erledigen sind, sondern hört auf, Vaterschaft als ein To-do zu sehen."

Brauchen Jungs eine andere Zuwendung als Töchter?

"Ich glaube, dass Jungs und Mädchen, wenn sie aufwachsen, unterschiedliche Herausforderungen zu bewältigen haben. Bei Jungs ist es oft so, dass sie in Kita und Grundschule wenige alltägliche männliche Vorbilder haben – aber trotzdem mit männlichen Rollenvorstellungen konfrontiert werden. Ob das Fußballstars sind, Superheldenfiguren oder männliche Rollen in Computerspielen. Ich finde, für Jungs ist es umso wichtiger, in ihrem Vater ein verlässliches Vorbild zu haben, das die darin bestärkt, ihren eigenen Weg zu finden und zu zeigen, dass es viele, viele Möglichkeiten gibt, ein Mann zu sein."

Fazit: Väter dürfen Fehler machen

"Ich bin mit 25 Jahren zum ersten Mal Vater geworden, und habe alle Fehler gemacht, die ein Vater machen kann", resümiert Autor Tillmann Prüfer. "Ich hatte keine Ahnung, was es bedeuten würde, ein Kind groß zu ziehen und es gab auch niemanden, der es mir erzählt hätte. Es schien keine große Sache zu sein. Ich machte den Fehler, viele Stunden im Büro zu verbringen und habe dabei viel Zeit mit meiner Tochter verpasst. Es hat uns beide später viel Mühe bereitet, das aufzuarbeiten." Trotzdem zieht der Autor ein positives Fazit: "Kinder verzeihen auch viele Fehler – sie verzeihen es nur nicht, wenn man sich gar nicht bemüht."

Was macht einen guten Vater aus? Auf diese Frage gibt es mehr als nur eine Antwort.
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