Gleichberechtigung: Nur so kann es wirklich funktionieren

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Debatte um die Gleichberechtigung Warum Geschlechterkämpfe Mütter und Väter nicht weiterbringen

Kümmern sich Väter zu wenig um ihre Kinder? Sie würden ja, aber die Mütter machen ihnen keinen Platz, lautet eine These, die gerade heiß diskutiert wird. Das ist nicht nur Blödsinn, sondern auch kontraproduktiv, findet unser Autor

"Papa kann das schon alleine. Was moderne Väter alles hinkriegen, wenn die Mütter sie lassen" lautet ein im Moment heißdiskutierter "Spiegel"-Titel (siehe unten). Es ist also ein Schuldiger gefunden für unseren mangelnden Fortschritt in Sachen Gleichberechtigung: die Mutti. Mütter können einfach nicht loslassen und stehen damit den engagierten Vätern bei ihrem großen Wunsch nach mehr Zeit und mehr Engagement in Sachen Familie im Weg, schreibt der "Spiegel". Der Fachbegriff dazu lautet Maternal Gatekeeping. Eigentlich wollte ich mich zu diesen steilen Väter-Thesen gar nicht äußern, mal abgesehen von ein paar Nachrichten bei Instagram. Ich halte nämlich wenig von übermäßiger Kollegen-Kritik, ich habe selbst schon öfter für Spiegel Online geschrieben. Und noch wichtiger, ich habe schon genug von den digitalen Grabenkämpfen zwischen Müttern und Vätern – am liebsten ausgetragen von den "radikalen Armeen" beider Fraktionen. Fast hätte meine Zurückhaltung geklappt und ich hätte weiter in Ruhe Texte über Dinos – eines meiner Spezialgebiete – schreiben können. Doch dann kam die Bitte um diese Zeilen …

Warum Geschlechterklischees kontraproduktiv sind

Ein bisschen auch aus Trotz, beginne ich mein Text trotzdem mit einer Dino-Anekdote. 2008 wurde eine Studie veröffentlicht, in der man die Nester von den gefiederten, sehr vogelartigen Raubsauriern Troodon, Oviraptor und Citipati verglich. Die spannende Erkenntnis: Diese drei Saurierarten waren sehr aktive Väter und kümmerten sich um die Brutpflege. Dafür bekamen sie zwar kein Applaus oder einen "Spiegel"-Titel, die urzeitliche Vereinbarkeit hatte ganz praktische Gründe. Bei Troodon oder den Oviraptoren umfassten die Nester 22 bis 30 große Eier, die nicht auf einmal, sondern nach und nach gelegt wurden. Um diesen Kraftakt zu gewährleisten, mussten die Weibchen sich ihre Energie einteilen. Deshalb kümmerten sich die Männchen um die Brutpflege und die Weibchen um das Eierlegen. Bei vielen Vogelarten läuft es bis heute ähnlich. Doch warum erzähle ich das? Selbst die Dinosaurier haben verstanden, dass es am besten gemeinsam funktioniert und Grabenkämpfe oder haltlose Schuldzuweisungen nicht lohnen.

Dazu geht die "Spiegel"-Geschichte an der aktuellen Lebenswirklichkeit und Gefühlslage vieler Familien oder besser Mütter vorbei. So waren es doch mehrheitlich die Frauen, die im Lockdown Homeschooling und Kinderbetreuung übernahmen. Und ja, es gab väterliche Ausnahme. Das will ich gar nicht verschweigen. Und noch mehr: Ich halte die Titelgeschichte sogar für hochgradig kontraproduktiv in der aktuellen Debatte um Vereinbarkeit. Ohne zu viel zu verraten, ohne zu viel zu mosern, der Artikel bewegt sich auf dünnem Eis, streift fehlende Rahmenbedingungen für Vereinbarkeit nur am Rande, befragt vor allem Männer mit einheitlicher Meinung und reproduziert viele Klischees – und am aller schlimmsten: Er verpasst einen zeitgemäßen Appell für mehr "Eltern als Team".

Weshalb Mütter wie Väter umdenken müssen

Stattdessen heißt es nun wieder Väter gegen Mütter – in Kommentarspalten, in den Sozialen Netzwerken. Klar, bringt ein solcher Aufschrei im Netz Auflage und Klickzahlen. Doch ist es das wert? Aus meiner Sicht nichts. Schauen wir doch mal nüchtern auf die Fakten. Von einer faktischen Gleichberechtigung sind wir tatsächlich noch weit entfernt. Immer noch tragen die Frauen die Hauptverantwortung für die Familie und übernehmen den Großteil der Care-Arbeit. Daran hat auch der wachsende Wunsch von vielen Väter nach mehr Zeit für den Nachwuchs wenig geändert. Bei ihnen steht inzwischen die Familie an erster Stelle, die Karriere wird unwichtiger. Die Ernährerrolle abseits von Umfragen abzustreifen, fällt ihnen aber genauso schwer wie den Müttern, das Verantwortungsgefühl für die Familie abzulegen. Noch eine Zahl: Ganze 6 Prozent aller Väter mit kleinen Kindern arbeiten in Teilzeit, unter Frauen liegt der Anteil dagegen bei 69 Prozent. So steuern sie nur knapp 25 Prozent des Familieneinkommens bei. Umgekehrt ist das Verhältnis bei der unbezahlten Hausarbeit. Hier übernehmen die Mütter 62 Prozent der Arbeit. Doch wie kommen wir daraus?

Wie wir neue Lösungen für alte Probleme finden

Die Lösung ist jedenfalls komplexer als Mütter, die nicht loslassen können. Ja, die Probleme sind sogar zu groß, als dass wir sie innerhalb der Familie lösen könnten. Nur um ein paar zu nennen: Die Qualität von Kinderbetreuung vom 1. bis zum 18. Lebensjahr muss sich verbessern. Es braucht mehr Plätze, mehr Erzieher:innen, mehr Lehrkräfte, bessere Betreuungsschlüssel und eine angemessene Bezahlung für alle Pädagog:innen. Es braucht mehr Investitionen in die Bildung. Dabei geht es nicht nur um die Entlastung der Familien, sondern um die Zukunft und Bildungschancen unserer Kinder. Die Politik muss Eltern auch finanziell unterstützen, zum Beispiel durch die Abschaffung von vorsintflutlichen Steuerkonzepten wie dem Ehegattensplitting und mit der Überwindung des Gender Pay Gaps. Denn nur so können wir uns wirklich aussuchen, wer seine Stunden reduziert und wer lange in Elternzeit geht – Mama oder Papa. Vielleicht brauchen wir sogar eine Frauenquote in der Führungsebene von DAX-Konzernen, wie sie 2021 gesetzlich wird, um die verstaubten Vorstellungen von Rollenbildern und Familie aus den Unternehmen zu schütteln und mehr Familienfreundlichkeit zu schaffen. Und wir brauchen eine Revolution der Arbeitswelt – mit 30 Stunden als neuer Wochenarbeitszeit, mit mehr Mitbestimmung über die Gestaltung unserer Arbeit – egal ob im Homeoffice oder direkt am Menschen.

Fazit: Was wir jetzt ändern müssen

Über all diese Faktoren der Gleichberechtigung schweigt sich der "Spiegel"-Artikel weitestgehend aus. Vielleicht ist es zu verkopft, vielleicht ist es zu unpopulär für eine Titelgeschichte. Und ja, ein wichtiger Teil der Lösung sind die Väter, wenigstens da war das Autorenteam auf der richtigen Spur. Sie müssen im Leben ihrer Kinder eine präsente Rolle übernehmen, den Haushalt schmeißen, ihrer Frau den Rücken freihalten und auch in Teilzeit arbeiten, für die Familie. So können sie Vorbilder sein für andere Väter, die auch unter dem Ideal des hart arbeitenden und die Familie versorgenden Mannes leiden, aber sich vielleicht nicht trauen, ganz mit gesellschaftlichen Konventionen zu brechen. Und ja, auch die Mütter müssen einen Schritt zurücktreten, aktiv versuchen, sich von dem Ideal der Super-Mama zu befreien. Ihnen hier ein Vorwurf zu machen, ist grundsätzlich falsch. Richtiger wäre es, wenn wir uns gegenseitig aus dem Teufelskreis helfen und an einem Strang ziehen. Ohne Misstrauen, ohne Zwietracht, dafür gemeinsam. Dann hätten wir vielleicht eine so mächtige Lobby wie die Automobilbranche, einen so starken Zusammenhalt wie Bundesligavereine. Bildungs- und Familienpolitik hätten plötzlich oberste Priorität. Kinderbetreuung und Hausarbeit würden höchste gesellschaftliche Anerkennung genieße. Zeit für die Familie einzufordern, wäre kein Grund für berufliche Diskriminierung und Vereinbarkeit kein Problem mehr. Wie weit wir von solchen Utopien noch entfernt sind, zeigt auch der "Spiegel"-Titel.

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