Corona? Oder hat das Kind nur eine Erkältung? Geroge Rudy / Shutterstock.com

Kinder in der Pandemie

Kinder und Corona Was macht die Pandemie mit unseren Kindern?

Niemand möchte, dass sein Kind sich mit Covid-19 ansteckt. Aber abgesehen von Corona lauern jetzt noch viel mehr Gesundheitsgefahren auf die Kleinen. Das sollten Väter wissen

Von Adipositas bis Zocken: Die Gefahr, an Covid-19 zu erkranken, ist für Kinder nicht das einzige Gesundheitsrisiko in der Pandemie. Denn geschlossene Kitas und Schulen im Lockdown können weit mehr Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit unserer Kinder haben als bisher angenommen. Nibras Naami, der als Kinderarzt am Universitätsklinikum Düsseldorf arbeitet, erklärt im Interview, welche Krankheiten und Probleme in Zeiten von Corona zunehmen.

Sind Kinder die Treiber der Pandemie oder nicht?

Das Wort "Treiber" finde ich unpassend! Wer "treibt" ist aktiv und verfolgt ein Ziel. Wir versuchen aber derzeit alle das Gegenteil, nämlich durch maximale Passivität die Eindämmung dieser langwierigen Pandemie zu erreichen. Auch Kinder versuchen das und geben ihr Bestes mitzuhelfen. Kinder machen sich nämlich auch Sorgen wegen der Pandemie – wie wir immer wieder in unserem Alltag merken, wenn sie uns Fragen zu Covid-19 und Co. stellen. Darüber hinaus nehmen sie die Regeln, die wir Erwachsenen ihnen auferlegen, hin und haben in vielen Aspekten sogar mehr Geduld als wir. Es könnte auch sein, dass Kinder einen größeren Preis für die Lockdown-Maßnahmen zahlen, als wir bisher angenommen haben.

Kinder sind durch die Kontaktbeschränkungen weniger erkältet – welche Folgen hat das fürs Immunsystem?

Jeder möchte natürlich ein gesundes Kind haben und freut sich erst mal wenn unter Lockdown-Isolationen weniger Infektionen auftreten. Das Durchmachen von Infektionen ist aber ein wichtiger Prozess in Ausbildung und Training unseres Immunsystems. Beim ersten Kontakt zu einem Erreger lernt das Immunsystem diesen kennen und bildet Antikörper. Jedes Mal, wenn dieser Erreger wieder den Körper betritt, ist die Körperabwehr dann bereits gewappnet und kann den "Feind" schneller beseitigen. Das ist gerade für Kleinkinder ein wichtiger Prozess.

Welche Auswirkungen hat das Tragen von Masken auf Kinder?

Das Tragen von Masken ist während der aktuellen Pandemie leider notwendig, auch für Kinder. Viele befürchten dadurch Schädigungen für das Kind. Es gibt jedoch keine Studie, die das belegt. Im Gegenteil: Es gibt einige Studien, die zeigen, dass Maskentragen bei Kindern keinen negativen Effekt hat. Auch die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) hat dies im letzten Herbst bestätigt. Natürlich gilt das nur für Kinder, die alt genug sind. Faustregel ist also: Wenn das Kind nicht versteht, warum es eine Maske tragen sollte, ergibt es keinen Sinn. Auch sollten nur Kinder eine Maske tragen, die jederzeit in der Lage sind, die Maske selbstständig wieder abzunehmen. Was du selbst über das Tragen von Masken wissen musst, liest du hier. 

Hat Corona Konsequenzen für andere Krankheiten wie Asthma und Neurodermitis?

Corona selber hat keine bisher bekannten Konsequenzen für diese Erkrankungen. Aber die Lockdown-Isolationen könnten welche haben: Es ist wissenschaftlich anerkannt, dass der frühzeitige Kontakt zu Erregern und Allergenen durch das bereits erwähnte frühzeitige Training des Immunsystems das Risiko für Erkrankungen aus dem allergischen Formenkreis senkt. Der Formenkreis ist auch eher ein Dreieck aus Asthma, Neurodermitis und dem sogenannten Heuschnupfen. Diesen protektiven Effekt durch die Vermeidung eines zu sterilen Umfeldes nennt man "Bauernhofeffekt". Es lässt sich daraus schlussfolgern, dass die aktuellen Lockdown-Isolationen mit einem erhöhten Risiko für die genannten allergischen Erkrankungen einhergehen könnten.

Werden Kinder jetzt dick, wenn sie fast nur zu Hause hocken?

Im "Deutschen Ärzteblatt" gab es jüngst die erste kleine Studie, die zeigte, dass Kinder aus sozial schwächeren Familien in der aktuellen Pandemie an Gewicht zugenommen haben. Das gilt aber tatsächlich nicht für die gesamte Bevölkerung, was durchaus überraschend ist. Das wird darauf zurückgeführt, dass durch vermehrtes Home-Office auch mehr Zeit seitens der Eltern entsteht, um gesundes und frisches Essen auf den Tisch zu bringen. Das scheint bei vielen, zumindest was das Gewicht angeht, einen Bewegungsmangel auszugleichen. Dennoch wünschen wir uns, dass Kinder zeitnah wieder Sport machen können.

Müssen sich Eltern um Online-Sucht Gedanken machen?

Nach monatelangen Lockdown-Isolationen ist bei vielen der Medienkonsum naturgemäß gestiegen. Ob das nachhaltig ein Problem in Form von Sucht sein wird, gilt es abzuwarten. Bis dahin sollte man aber durchaus versuchen, trotz Lockdown und geschlossenen Schulen ein gewisses Limit mit den Kindern zu vereinbaren. Natürlich sollte man sich für die Zeit nach dem Abschalten des Mediums etwas einfallen lassen. Raus in die Natur zu gehen zum Beispiel, lenkt nicht nur vom Tablet ab, sondern stärkt auch das Immunsystem.

Gibt es bei Babys, die zu Beginn der Pandemie geboren wurden, etwas Besonders zu beachten?

Kinder, die kurz vor oder während der Pandemie geboren wurden, haben weniger Kontakt zu Erregern, was wie oben beschrieben, ein wichtiges Training ist. Auch Kinder, die selbst ohne Corona-Pandemie nicht in eine Krippe gegangen wären, profitieren von dem natürlichen Keimaustausch mit den Eltern und Geschwistern. Darum ist es aktuell so wichtig wie noch nie zuvor, Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen beim Kinderarzt wahrzunehmen. Insbesondere die wichtigen Impfungen können das Immunsystem trotz Isolation trainieren. Leider hören wir immer wieder von Familien, die aus Angst vor vollen Wartezimmern Impftermine auslassen. Das sollte vermieden und Impftermine rechtzeitig wahrgenommen werden.

Wann werden Kinder gegen Covid-19 geimpft?

Tja, um das genau beantworten zu können, bräuchte man wahrscheinlich eine Glaskugel. Hier können wir leider nicht mehr Informationen geben als die Bundesregierung. Unsere Prognose ist, dass Kinder im Spätsommer an die Reihe kommen werden. Es freut uns umso mehr, wenn es früher der Fall wäre.

Was die Medizin über Covid-19 weiß, verändert sich ständig. Fast täglich gibt es neue wissenschaftlichen Erkenntnisse. Deshalb kann dieses Interview auch nur eine Momentaufnahme sein. Wer hinsichtlich Kinder- und Jugendmedizin auf den aktuellen Stand sein möchte, dem empfehlen wir den Podcast "Hand, Fuß, Mund" (www.handfussmund.de) durch den unser Experte Nibras Naami zusammen mit seinem Kollegen Dr. Florian Babor, selbst Vater von vier Kindern, führt. Hört mal rein. Was speziell Väter darüber hinaus noch über Corona und Co. wissen müssen, erfährst du hier.

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