Und wie oft schauen Sie Pornos im Internet? Kaspars Grinvalds / Shutterstock.com

Sexsucht So erkennst du, ob du sexsüchtig bist

Deine Gedanken kreisen ständig um den nächsten Orgasmus? Diese 6 Anzeichen verraten dir, ob du sexsüchtig bist. Plus: Was dagegen hilft

Klar: Sex ist der Hammer! Je öfter, desto besser, denn es hebt die Laune, verbessert die Beziehung und ist sogar gut für die Gesundheit. Kann man dann überhaupt zu viel Lust haben? Tatsächlich gibt es Menschen, die süchtig nach Orgasmen sind, und bei denen das Verlangen danach zum ernsthaften Problem wird. Aber keine Sorge, nur weil du oft und gerne der Sex hast, heißt das nicht, dass du krank bist. Unsere Expertin erklärt dir, was hinter dieser Krankheit steckt und woran du sie erkennst.

In diesem Artikel:

Was ist Sexsucht?

Der Begriff "Sexsucht" bezeichnet umgangssprachlich das Problem, dass man seine sexuellen Triebe nicht mehr unter Kontrolle hat und man sie immer wieder zwanghaft befriedigen muss. "Offiziell heißt dieses Phänomen Hypersexualität, denn es ist eher eine Störung der Impulskontrolle als eine tatsächliche Sucht", erklärt die Paartherapeutin Christine Geschke vom Psychologicum in Hamburg.

Den Betroffenen geht es dann nicht mehr um Nähe, Erotik und Leidenschaft, stattdessen jagen sie nur noch dem nächsten Orgasmus, dem nächsten Kick hinterher, ähnlich wie bei einer Droge. Schätzungsweise jeder 15. Deutsche hat zumindest solche Tendenzen, dabei sind Männer deutlich häufiger betroffen als Frauen. "Das könnte daran liegen, dass die Sexualität bei Männern einfacher und verlässlicher funktioniert als bei Frauen", vermutet Geschke.

Sexsucht kann die Beziehung schwer belasten
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Sexsucht ist von der Weltgesundheitsorganisation WHO offiziell als Krankheit anerkannt

Wie entwickelt sich eine Sexsucht?

Die Krankheit entsteht in einem schleichenden Prozess. "Häufig steckt ein Gefühl der inneren Leere oder Frust dahinter, was kompensiert werden soll", erklärt die Therapeutin. Auch wenn man Selbstzweifel hat oder sich irgendwie unzulänglich fühlt, kann Sex als Fluchtmittel dienen. Der Orgasmus ist wie ein Rausch, der diese Gedanken dann für einen Moment betäubt, und den will man immer wieder. Nach einiger Zeit wird der normale Sex oder das Masturbieren aber zur Routine, es braucht dann neue und häufigere Reize, um befriedigt zu sein.

Aus diesem Teufelskreis kommt man irgendwann nicht mehr heraus und verliert nach und nach die Kontrolle über das eigene sexuelle Verhalten. "Die Betroffenen bemerken das Problem oft erst, wenn selbst ein hoher Pornokonsum nicht mehr ausreicht oder die Beziehung leidet", beschreibt Geschke. Doch dann stecken sie meistens schon sehr tief in diesem zwanghaften Verhalten drin und können ohne Hilfe kaum wieder herauskommen.

Machen Pornos süchtig?

"Eines der Hauptsymptome von Hypersexualität ist ein hoher Konsum von Internetpornos", sagt die Expertin. Im Netz braucht man keinen Partner und es gibt keine sozialen Hemmschwellen mehr wie in der realen Welt. Stattdessen kann man sich auf den Sexseiten ungehemmt austoben und sich durch die verschiedensten Fantasien und Praktiken klicken. Dadurch können Hypersexuelle sich relativ lange Befriedigung verschaffen, ohne dass es im Alltag große Probleme gibt. Die Krankheit wird aber nur schlimmer, weil sich das zwanghafte Verhalten immer mehr verfestigen kann.

Sexsucht ist ein von der WHO anerkannte Krankheit
KasparsGrinvalds
Ein sehr hoher Pornokonsum kann ein Zeichen für Hypersexualität sein

Ob Pornos eine Sexsucht auch auslösen, ist aber umstritten. Immerhin schauen viele Menschen solche Videos, aber nur wenige werden abhängig davon. Sie verstärken eher die Tendenzen, die einige sowieso schon haben, können dann aber zum ernsthaften Problem werden.  

Woran erkenne ich, ob ich sexsüchtig bin?

Eines vorab: Nur weil du eine gesunde Libido hast, musst du dir noch lange keine Sorgen machen. Du vergnügst dich gerne mal solo und suchst dir dabei Inspiration aus dem Internet? Das ist vollkommen normal und sogar gesund. Und wenn du dich häufig mit deiner Liebsten leidenschaftlich in den Laken wälzt, kannst du dich getrost darüber freuen. "Problematisch wird es, wenn man sich trotz allem nie wirklich befriedigt fühlt, das Verlangen nicht mehr kontrollieren kann oder die Partnerschaft leidet", erklärt Geschke. Sie nennt folgende Warnsignale, auf die du achten solltest:

  • Du masturbierst sehr häufig.
    Legst du jeden Tag mehrmals Hand an? Auch regelmäßig bei der Arbeit oder unterwegs? Dann solltest du dich fragen, ob das wirklich freiwillig ist oder ob du es eher aus Gewohnheit oder sogar Zwang tust.
  • Du schaust stundenlang Pornos.
    "Ab wann der Pornokonsum zu viel wird, ist schwer zu sagen", so die Therapeutin. Aber wenn du dich immer für Stunden auf diesen Seiten aufhältst und dafür vielleicht sogar andere Dinge vernachlässigst, solltest du aufmerksam werden.
  • Du hast ständig andere im Bett.
    "Viele Betroffene wechseln häufig den Sexpartner", erklärt die Expertin. Vor allem wenn du das Gefühl hast, dass ein und dieselbe Person dich auf Dauer nur langweilen kann, ist das ein Warnsignal.
  • Deine Partnerin kommt nicht hinterher.
    Du willst ständig, deine Freundin aber nicht? Zugegeben, das Problem gibt es in vielen Partnerschaften. Trotzdem solltest du dem nachgehen. Im schlimmsten Fall bekommen sonst beide das Gefühl, dass einer von beiden nicht "genug" ist. "Das belastet beide enorm und führt leider auch immer wieder zu Seitensprüngen", beschreibt die Paartherapeutin.
  • Du bist nie richtig befriedigt.
    Du bist gerade gekommen und sehnst dich schon nach dem nächsten Mal? "Mit der Zeit setzt ein Gewöhnungseffekt ein und die Betroffenen spüren immer weniger eine tatsächliche Befriedigung", so Geschke.
  • Sex spielt eine immer größere Rolle
    "Irgendwann dreht sich alles nur noch darum, den nächsten Höhepunkt zu erleben", beschreibt die Therapeutin. Statt sich auf die Arbeit zu konzentrieren, wird geplant, wie man die nächste Frau ins Bett bekommt, oder der Abend mit Freunden wird ersetzt durch den Laptop und Taschentücher. "Spätestens wenn das Verhalten negative Konsequenzen im Alltag hat, sollte man etwas ändern", rät Geschke.
Von Sexsucht Betroffene sollten Hilfe bei einem Therapeuten suchen
George Rudy / Shutterstock.com
Von Sexsucht Betroffene sollten Hilfe bei einem Therapeuten suchen

Wie kann man Sexsucht behandeln?

Du bist dir nicht sicher, ob dein sexuelles Verhalten vielleicht zwanghaft wird? Dann ist der wichtigste und schwerste Schritt, diesen Gedanken erst einmal zuzulassen. "Über sexuelle Probleme zu sprechen, ist enorm schwer. Doch wenn die Hypersexualität erst einmal erkannt ist, kann man sie gut behandeln", erklärt die Therapeutin. Wenn du den Verdacht hast, die Kontrolle über deine Sexualität verloren zu haben, kannst du deshalb Folgendes tun:

  1. Sei ehrlich zu dir selbst.

    Vor sich selbst gibt es keine peinlichen oder "falschen" Gedanken. Suche dir einen Moment für dich allein, in dem du in Ruhe über deine Sexualität reflektieren kannst. Gehe unsere Liste mit den Symptomen durch. Aber schau dabei, wie du es wirklich wahrnimmst, und nicht wie du es vielleicht gerne hättest. Egal bei welchem Ergebnis: Du bist nicht schwach, unzureichend oder unmännlich, mache dir das immer wieder klar.

  2. Suche dir eine Vertrauensperson.

    Rede mit jemandem, dem du vertraust. Das kann, muss aber nicht deine Partnerin oder Freundin sein, du kannst auch zu einem professionellen Ansprechpartner wie etwa einem Sexualtherapeuten gehen. Die Gedanken auszusprechen und die Meinung und Unterstützung anderer zu hören, hilft ungemein.

  3. Lerne alte Muster zu durchbrechen.

    "Bei einer Hypersexualität ist eine Verhaltenstherapie das Beste, um den Teufelskreis zu unterbrechen", rät Geschke. Dabei findest du erst heraus, was für Handlungsmuster dich eigentlich belasten, und lernst nach und nach Tricks, diesen Impulsen nicht mehr nachzugeben. "Außerdem lohnt es sich, die Ursachen zu ergründen und auch die zu behandeln", so die Therapeutin.

  4. Akzeptiere die Situation.

    Ja, du stehst gerade vor einer Herausforderung, und ja, die Lösung dafür braucht etwas Zeit. Aber du bist damit nicht allein, es gibt andere mit dem gleichen Problem und dein Umfeld wird dir den Rücken stärken. Halte dir vor Augen, dass du am Ende glücklicher sein wirst als jetzt, und dass du dann auch Sex wieder viel besser genießen kannst.

"Das Wichtigste für eine Heilung ist die Einsicht des Betroffenen", erklärt die Expertin. Doch das ist gar nicht so leicht, weil der Begriff Sexsucht ziemlich negativ klingt und auf viel Unverständnis stößt. Dass die Weltgesundheitsorganisation WHO die Krankheit inzwischen offiziell anerkennt, ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung. "Wenn die Gesellschaft für diese Krankheit sensibilisiert wird, können auch die Betroffenen das leichter akzeptieren", so Geschke.

Kompetente Ansprechpartner in deiner Nähe findest du zum Beispiel über die Homepage der Suchtberatung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Ist Sexsucht nur eine Ausrede?

Eine heikle Frage: Kann man einem Abhängigen sein unmoralisches Verhalten vorwerfen? Promis wie Tiger Woods, Charlie Sheen oder Harvey Weinstein in der #metoo-Debatte rechtfertigen ihre Eskapaden mit ihrer Sexsucht. Es ist eine schwierige Gratwanderung: Hypersexualität ist eine offizielle Krankheit und muss in jedem Fall ernst genommen werden, denn keiner ist freiwillig von einer Sucht oder einem Zwang betroffen. Doch wenn das Problem so groß wird, dass man selbst oder andere darunter leiden, muss man sich frühzeitig professionelle Hilfe holen. Fest steht: Für sexuelle Übergriffe gibt es keine Entschuldigung!

Viel Sex ist super, die Sucht danach ist aber eine ernste Krankheit, die dazu noch häufig verschwiegen wird. Wenn du deine Lust irgendwie nicht mehr richtig genießen kannst, lass diesen Gedanken zu und suche dir jemanden, der dir helfen kann. Dann kommst du schnell wieder aus diesem Teufelskreis heraus oder gerätst gar nicht erst hinein.

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