Erfahrungsbericht: So funktioniert eine Haartransplantation

2800 Haarfollikel wurden Oliver bei einer Haartransplantation verpflanzt
Radikal gegen kahl: 1400 Follikel wurden Oliver von einem Roboter verpflanzt

Im Kampf gegen die drohende Glatze ließ unser Redakteur Oliver Bertram eine Haartransplantation mit neuartiger Roboter-Technik durchführen. Wie das geht, was es bringt - Erfahrungsbericht und Fakten lesen Sie hier

Das Wichtigste ist: Du lebst!“, sagt eine Kollegin beim Anblick der teils blutigen Bilder. Ich sage: „Quatsch, wichtig ist, dass Haare sprießen!“ Was für ein Leben wäre das, mit Aussicht auf weitere 50 Jahre mit 6-Millimeter- Borsten, die ich mir einfach nicht als praktisch einreden kann? Ja, ich dramatisiere. Aber die Transplantation hat gestoppt, was mit Ende 20 begann – das Vorpreschen kahler Kopfhaut. Um es vorwegzunehmen: Die Strapazen, lang nicht so dramatisch, wie die Fotos glauben lassen, lohnen. Doch der Reihe nach. 
Hier ist meine Haar Wars - Das Erwachen der Pracht-Trilogie inklusive Epilog.

Teil 1: Mit dem Robotor gegen kahle Stellen

Es geht bei mir um ein paar Tausend Haare. Was ist das schon für einen, der Millionen davon verpflanzt hat? In der Haranni Clinic Herne treffe ich ihn. Als der Meister sich vorstellt, stutze ich: „Anakin? Wie der aus Star Wars?“ Er schüttelt den Kopf. „Hanneken, Constantin Hanneken.“ Galaktisch an dem 54-Jährigen ist seine Bilanz: Mehr als 13 000 Transplantationen gehen auf sein Konto, seit 26 Jahren ist er unterwegs im Auftrag des Herren-Haars. Mein Kopf ist in guten Händen.

Der Roboter beginnt mit dem Anstechen der Haarfollikel auf Olivers Hinterkopf, die im Anschluss daran geerntet und versetzt werden sollen - Jens Nieth

Ob das auch für Artas gilt, den Roboter, der in Deutschland seit 2 Jahren im Einsatz ist? Der Roboter, der mit dickem Körper, langem Hals und Insektenkopf aussieht wie ein Star-Wars-Androide und die Haartransplantation revolutionieren will? Der Klinikchef Dr. Darius Alamouti (www.dariusalamouti.de) nimmt Bedenken: „Diese Technologie verhindert Narben und garantiert Anwuchsraten von 98 Prozent.“ Hanneken ergänzt: „Was Artas kann, schafft kein Mensch. Der Roboter scannt den Entnahmebereich, bewertet jedes Graft, also die Haarfollikel-Einheiten mit 1 bis 6 Haaren, sucht die Sahnestücke heraus und stanzt sie an, ohne sie zu verletzen.“ Die Technik, einzelne Follikel zu entnehmen, heißt FUE-Methode (Follicular Unit Extrac­tion, auf Deutsch: Extraktion von Follikel- Einheiten). Sie verdrängt die alternative Streifentechnik FUT (Follicular Unit Transplantation), bei der ein ganzer Haarstreifen aus dem Hinterkopf herausgeschnitten wird. Dort, über dem Nacken, ist stets die Entnahmezone. Denn da wachsen Körperhaare, die, anders als das Kopfhaar, niemals ausfallen: ideale Transplantations-Kandidaten, also!

Teil 2: Die Kopfhaut im Visier

Die Haare müssen für die Operation runter: Mein Kopf wird rasiert, und darauf zeichnet Hanneken die Bepflanzungszonen ein. Damit der Roboter meine Kopfhaut umgraben kann, jagt er mir erst einmal 10 Spritzen in den Hinterkopf. Die haben es in sich: Ich widerstehe gerade noch meinem Drang, nach der 5. Injektion aufzuspringen und Vergeltung für den unerwarteten Schmerz zu üben.

Der Haartransplantations-Roboter entnimmt Haarfollikel aus dem Hinterkopf
Innerhalb der Entnahmebegrenzung dringen die Roboter-Nadel tief in die Kopfhaut am Hinterkopf ein, um Haarfollikel zu entnehmen

Glück für uns beide, denn er dauert nur Sekunden, die Betäubung setzt schnell ein. Und so nehme ich — fast entspannt — auf Artas Platz, dem Hair2-D2 der Transplan­tations-Szene. Hanneken: „Dank der feinen Roboter-Mechanik sind die gestanzten Löcher nur 0,5 bis 0,9 Millimeter groß.“ Vor 20 Jahren wurden Patienten noch 2,5 bis 4 Millimeter große Krater in den Kopf gerammt. Die moderne Technik hat aber ihren Preis: Eine halbe Million Euro kostet Artas, plus Lizenzkosten und Verbrauchsmaterial. Je nach Follikel-Anzahl zahlt ein Patient für die OP zwischen 3500 und 7000 Euro. Plus Mehrwertsteuer. Das Scannen und Anstechen dauert knapp 1,5 Stunden, im Anschluss greifen 3 Helferinnen zu Pinzetten und ernten eine weitere Stunde lang die angestochenen Follikel ab.

Die vom Haartransplantations-Roboter gepflückten Haar-Follikel lagern in einer Nährlösung
Die gepflückten Haarfollikel werden in einer Nährlösung zwischengelagert

Teil 3: Die Rückkehr der Super-Frise?

Nach einer kurzen Pause und noch mehr Betäubungsspritzen (diesmal in die Stirn) beginnt Hanneken, 1400 weitere Löcher in meinen Kopf zu ritzen. „Jetzt zahlt sich Erfahrung aus“, sagt der Chirurg. Er muss im Geiste seine Löcher mitzählen und im Blick haben, wie viele Follikel mit welcher Qualität vorliegen. „Denn es ist wichtig, diese nach Größe und natürlichem Wuchs zu setzen“, so Hanneken.

Die Haar-Follikel werden per Hand in die Löcher am Hinterkopf gesetzt
Jeder einzelne Follikel wird per Hand in die vorgestanzten Löcher gesetzt

Eine Stunde später sitze ich da mit 2800 Löchern im Kopf, das große OP-Finale beginnt: Die Erntehelferinnen von vorhin machen sich daran, die vorsortierten Grafts einzupflanzen. Ob sie alle Löcher finden?

Dann ist alles vorbei, und Hanneken entlässt mich mit Abschiedsschmerz: Er versiegelt die umgegrabene Kopfhaut mit Sprühpflaster — das brennt wie Hölle! Erstaunlich: Kurz da­rauf fühle ich mich, als wäre nichts gewesen. Das bleibt so — bis auf ein leichtes Ziehen am Abend gibt es keine Folgeschmerzen. Dafür ein paar Kleinigkeiten, auf die man sich nach einer solchen Operation einstellen sollte:

  • Mit Blutkrusten und Verband am Kopf werden Sie für 1 bis 2 Tage von Mitmenschen, sagen wir mal, ein wenig skeptisch beäugt.
  • Ab dem 2. Tag beginnt das große Kribbeln. Der Kopf juckt, und das vorzugsweise nachts. Kratzen ist jedoch nicht erlaubt, denn 4 bis 5 Wochen lang gilt: keine mechanische Belastung des Kopfes — sonst können sich Grafts lösen. Der Super-GAU! Das heißt übrigens auch: Haarewaschen nicht unter hartem Wasserstrahl und nicht den Kopf stoßen.
  • Ab dem 3. Tag geht die Schwellung am Kopf zurück, das Gewebewasser wandert über die Augen- und Wangenpartie langsam nach unten — das verleiht Ihnen von Stunde zu Stunde einen neuen putzigen bis erschreckenden Anblick. Aber keine Sorge, nach ein paar Tagen ist der Spuk wieder vorbei.

Epilog: Haar da was?

Etwa 9 Monate später: Ja, die Haare sprießen. Von vorne, von oben, von der Seite deutlich zu sehen. Von hinten, im Tonsur-Bereich, leider nicht. Aber: Anstatt Wunder zu erwarten, müsste ich wohl eine 2. Transplantation durchführen. Und: „12 Monate nach der Operation können Sie mit 95 Prozent des sichtbaren Ergebnisses rechnen, der Rest kommt dann nach und nach“, erklärt Hanneken. Doch ich bin mit dem Ergebnis auch jetzt schon zufrieden.

Heute ist mein Haar von vorn und von der Seite sichtlich dichter und wieder bereit für unpraktische Looks ohne Trimmer-Einsatz. Natürlich gibt es da auch noch die ethischen Fragen wie „Sind Schönheits-OPs verwerflich?“ oder „Muss ich mich für eine Haartransplantation rechtfertigen?“. Das sollte jeder für sich selbst beantworten. Klar ist jedoch: Durch Jürgen Klopp, Benedikt Höwedes, Robert Harting und andere Promis ist das Liften der Lockenpracht gesellschaftsfähig geworden. Ich bin danach aber auch um eine erstaunliche Erkenntnis reicher: Die wenigsten Haare habe ich nicht auf, sondern im Kopf! Denn ich bin scheinbar der Einzige, der permanent denkt „Mein Haar ist nicht so voll, wie es soll“. Vielen Menschen fällt das gar nicht auf. Häufige Reaktion in Gesprächen über die OP: „Lichtes Haar? Hab ich gar nicht bemerkt!“ Mit dem Wissen lebt es sich noch entspannter.

Haartransplantation – so funktioniert es

Ursache für Haarausfall bei Männern ist in den meisten Fällen das männliche Sexualhormon Testosteron. Eines seiner Abbauprodukt, das Dihydrotestosteron (DHT), verkürzt in der Kopfhaut die Wachstumsphase der Haare und lässt die Haarwurzeln (Follikel) absterben. Follikel am Hinterkopf reagieren in der Regel weniger empfindlich auf DHT, so dass bei den meisten Männern am Haarkranz bis ins hohe Alter viele Haare sprießen. „Etwa die Hälfte der Haare aus dem Haarkranz lassen sich entnehmen, ohne dass der Verlust offensichtlich wird“, sagt Dr. Frank Neidel, Präsident des Verbandes Deutscher Haarchirurgen.
Bei einer Haartransplantation werden die aktiven Follikel dieser mit Haaren dicht besiedelten Region entnommen und an die kahlen Stellen am Ober- und Vorderkopf verpflanzt. Dort, wo die Haare einpflanzt werden sollen, werden unter örtlicher Narkose Löcher in die Kopfhaut gestanzt.

Es gibt 2 Transplantations-Methoden:

  • Die Strip-Methode: Dabei werden unter dem Mikroskop Haarwurzeln aus einem ausgestanzten schmalen Hautstreifen entnommen.
  • Die FUE-Methode entnimmt mit Hilfe einer Hohlnadel einzelne Haarwurzeln. Für diese Methode kommen seit kurzem auch Roboter zum Einsatz.

Men's Health Redakteur Oliver nach der Haartransplantations-OP - Jens Nieth

Erfolgsgarantien gibt es nicht. Etwa 12 Monate nach der Verpflanzung kann man den sichtbaren Erfolg der Haarverpflanzung abschätzen. Zu den Risiken gehört, dass Follikel abgestoßen werden, sodass der Nach-Wuchs ausbleibt. Auch können sich Wunden entzünden und dadurch Narben auf der Kopfhaut bilden.

Die Kosten für den Eingriff liegen bei mehreren Tausend Euro, abhängig davon, wie viele Follikel verpflanzt werden. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten nicht.

Alternativen zur Haartransplantation

Harte Fakten: Rund 80 % aller deutschen Männer müssen mit Haarausfall rechnen. Wer Glück hat, beim dem stoppt der Haarverlust bei den Geheimratsecken. Die meisten Männer aber entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Tonsur oder eine Halbglatze. Einige wenige entscheiden sich dann für einen Kahlschlag und rasieren sich eine coole Vollglatze. Die meisten Männer aber versuchen, gegen den Haarausfall anzukämpfen. Bevor man sich zu einer Haarverpflanzung entschließt, erprobt man in der Regel andere Behandlungsarten. Mittel und Methoden gegen Geheimratsecken & Co gibt es inzwischen viele:

  • Tinkturen: „Lösungen mit 5% Minoxidil  erwirken sichtbares Mehrwachstum“, erklärt der Dermatologe Dr. Gerhard Lutz aus Bonn. Wichtig: direkt auf kahle Stellen auftragen! Auch nach Transplantationen ratsam, damit Ihr Resthaar bleibt. Kosten: Ab 20 Euro für 1 Monat.
  • Tabletten: Bei erblich bedingtem Haarausfall früh handeln — laut Studien erfordert der Wirkstoff Finasterid bis zu 2 Jahre Geduld. Kosten: Um 110 Euro für 3 Monate (rezeptpflichtig).
  • Touepts: Maßanfertigungen ergänzen das Haar, etwa abnehmbare Modelle (Skinlight, um 1500 Euro, hält bis 2 Jahre) oder permanente Haarteile (Contact Skin, ab 330 Euro, bis 6 Wochen). Lutz warnt vor Verträgen für regelmäßiges Erneuern: „Bei Hautirritationen durch den Kleber ist das Geld trotzdem weg.“

Ausführliche Infos zum Thema Haarausfall bei Männern und was dagegen hilft, lesen Sie hier.

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