Vatergefühle: Was versteht man darunter?

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Vatergefühle DAD 2022 © Shutterstock / Paulaphoto

Vater-Kind-Bindung Warum spricht kaum jemand über Vatergefühle?

Muttergefühle? Bei dem Wort weiß jeder, was gemeint ist. Aber Vatergefühle? Der Begriff steht noch nicht mal im Duden. Wir erklären die Hintergründe und sagen, warum die Vater-Kind-Bindung so wichtig ist

Die Wissenschaft weiß inzwischen, dass sich Väter genauso gut um Kinder kümmern können wie Mütter. Auch den Babys ist das Geschlecht der Bezugsperson ziemlich egal, solange seine Bedürfnisse erfüllt werden. Trotzdem hört man den Begriff "Vatergefühle" relativ selten und im Duden findet man ihn gar nicht. Höchste Zeit also zu klären, wie Vatergefühle eigentlich entstehen, wie viel davon Genetik ist und wie viel Gesellschaft? Antworten darauf kennt der Väterforscher Andreas Eickhorst, selbst Vater einer kleinen Tochter und Professor für Psychologie an der Hochschule Hannover. Als Entwicklungs- und Familienpsychologe interessiert er sich neben familienbezogenen und frühkindlichen Themen insbesondere für Aspekte von Vaterschaft und Vatererleben. Im Interview plädiert er außerdem für eine neue Begrifflichkeit. Auf geht's!

Warum taucht das Wort Vatergefühle nicht im Duden auf?

Diese Tatsache spiegelt das lange bestehende und sich eigentlich erst in den letzten Jahren langsam ändernde Verhältnis der Gesellschaft zu Vätern, ihrer Rolle und ihren Kompetenzen wider. Spezifische Gefühle gegenüber dem Kind, die nicht von der Mutter, sondern auch oder anders vom Vater ausgehen, waren schlicht nicht vorstellbar. Und vielleicht auch gar nicht wirklich gewünscht. Inzwischen wäre aber zu fragen, ob "Vatergefühl" als Begriff überhaupt zeitgemäß ist. "Intuitive Elternkompetenzen“ fände ich treffender.

Wird während der Schwangerschaft die Grundlage für Vatergefühle gelegt?

Wie wir uns in die Vaterrolle einfinden, hängt von vielen Faktoren ab. Es gibt eine biologische Komponente. In der Schwangerschaft und in der ersten Zeit mit Baby verändert sich der Hormonhaushalt des Mannes. Das Bindungshormon Oxytocin wird bei Vätern und Müttern in recht ähnlicher Weise ausgeschüttet. Es wirkt wie ein Art Gegenspieler zum Testosteron und sorgt für eine starke Bindungsbereitschaft, zum Partner oder Partnerin, aber in besonderem Maße auch zum Kind. Dazu gibt es sogenannte "intuitive Elternkompetenzen". Sie haben sich im Laufe der Evolution entwickelt und sorgen dafür, dass wir schnell ein gutes Gespür dafür entwickeln, was unser Baby braucht. Darüber hinaus gibt es aber auch subjektivere Faktoren, zum Beispiel wie wir unseren eigenen Vater erlebt haben oder welche Erwartungen das Umfeld an uns und unsere zukünftige Rolle als Vater stellt.

Warum ist es sinnvoll, dass sich Väter um ihren Nachwuchs kümmern?

Wir wissen, dass Väter und Mütter sich gleich gut um Kinder kümmern können – rein praktisch und rein emotional. Diese Fähigkeiten haben sich evolutionär entwickelt und bringen Vorteile gegenüber anderen Tieren. Unsere Kinder sind nach der Geburt sehr schutzbedürftig. Deshalb ergibt es eben Sinn, wenn sich nach der Geburt mehrere Bezugspersonen kümmern – egal ob nun zwei Mütter, zwei Väter, Mutter und Vater oder ein deutlich größerer Familienkreis. Das sichert das Überleben oder, heute besser gesagt, eine gute Entwicklung und ein sicheres Aufwachsen. Deshalb ergeben auch die Veränderungen im Hormon-Spiegel des Mannes viel Sinn. Sie sorgen dafür, dass die Väter nicht nur theoretisch könnten, sondern auch rund um die Geburt offener für die Bindung zum Kind sind. Umso wichtiger ist es, dass Väter von Anfang an einen aktiven Part in der Elternschaft spielen können und dürfen.

Kann ein Mann für ein fremdes Kind auch Vatergefühle entwickeln?

Auf jeden Fall. Patchwork- oder Pflegeväter können natürlich sehr emotionale Gefühle für ein Kind entwickeln. Auch hier ist das Oxytocin mit im Spiel, auch hier greifen die "natürlichen" Elternkompetenzen. Allerdings gibt es auch Hinweise darauf, dass die Verbindung durch leibliche Verwandtschaft noch etwas stärker ist. Das spürt man vielleicht nicht durchgehend in einer Patchworkfamilie, die meisten Väter und Mütter geben sich große Mühe zur Gleichbehandlung. Aber es gibt sicher immer mal wieder besondere Situationen, in denen der eigene Nachwuchs noch vorgezogen wird, wenn auch unbewusst. Ein wichtiger Grund dafür ist die Evolution.

Inwiefern ist denn der aktive und präsente Vater wichtig für die Entwicklung des Kindes?

Ein Kind profitiert in erster Linie von Bezugspersonen, ihr Geschlecht ist egal. Zwei Mütter, Alleinerziehende, zwei Väter oder eine große Familie sind in der Lage ein Kind großzuziehen. Je mehr Reize und unterschiedliche Impulse es dabei bekommt – ebenso wie Schutz, Kontakt und Förderung, umso besser ist das natürlich auch für seine Entwicklung. Etwas flapsig ausgedrückt: Dem Kind ist auch die Rollenverteilung egal, Hauptsache es wird versorgt und kann eine Bindung zu beiden Elternteilen aufbauen. Die Gleichberechtigung in der Erziehung und Care-Arbeit ist eher aus gesellschaftlichen Gründen erstrebenswert.

Was sind typische Gefühle, Ängste und Sorgen rundum die eigene Vaterschaft?

Wir haben ein kleines Forschungsdilemma. Wir sprechen bei Studien häufig mit sehr reflektieren, oft auch sehr engagierten Vätern und damit nicht immer mit dem Querschnitt der Bevölkerung. Diese Männer durchlaufen die Schwangerschaft in der Regel sehr bewusst, kommen mit zu den Vorsorgeterminen, planen selbst Elternzeit und ihr Nachwuchs ist oft sehr genau geplant. Bei ihnen zeigen sich ambivalente Gefühle, einerseits ist da eine große Vorfreude auf das Kind. Man bereitet sich genau vor, kauft Kleidung und richtet Kinderzimmer ein. Anderseits gibt es auch Sorgen und Ängste. Immerhin verändert sich das bisherige Leben immens. Es gibt einen neuen Fokus, dazu kommen Herausforderungen wie Schlafmangel, weniger Zeit für sich und für die Partnerschaft. Davor haben viele Männer großen Respekt. Außerdem kommen individuelle Fragen auf. Also bin ich ein guter Vater? Kann ich die Familie ernähren? Einerseits entstehen sie durch gesellschaftliche Erwartungen, aber auch durch die eigene Kindheit.

Was passiert, wenn die Auseinandersetzung oder diese Vater-Findung nicht gelingt?

Wenn Männer keine Chance haben, in die Vaterrolle zu finden, vielleicht aus Ängsten, vielleicht aus fehlenden Vorbildern oder überholten Gesellschaftsnormen, vielleicht durch Abschottung in der Familie, kann es zu Fluchtreaktionen kommen. Diese Flucht kann sich in unterschiedlichen Formen und Ausprägungen zeigen, manche Männer verlassen die Familie gänzlich, andere stürzen sich noch stärker in die Arbeit, andere suchen eher die Nähe zu Freunden oder fangen sogar an stark zu trinken. Bei Frauen gibt es solche Gefühle auch, für Väter ist allerdings die Flucht leichter. Um das zu verhindern, ist eine intensive Einbindung der Männer in die Schwangerschaft, aber auch in der Babyzeit sinnvoll. Deshalb finde ich auch Väterangebote wie Stammtische oder spezielle Geburtsvorbereitungskurse so wichtig. Wenn die Männer nämlich erst später dazu kommen, ist der Bindungsaufbau deutlich schwerer – sowohl von Seiten des Kindes als auch von Seiten des Mannes.

Die Angebote an Väter nehmen gerade in den Städten zu. Verändert sich damit auch ein gesellschaftliches Bild von Vaterschaft?

Wir erleben, dass Rollenbilder "Mütter können sich besser kümmern" oder "der Mann muss die Familie ernähren" bröckeln. Auch Vereinbarkeit und gleichberechtigte Partnerschaft sind präsente Themen. Auch gar nicht in Elternzeit zu gehen, ist inzwischen verpönter als eine sehr lange Auszeit. Gleichzeitig ist der öffentliche Diskurs oft weiter als die Realität. So besteht bei der konsequenten Umsetzung von aktiver und gleichberechtigter Vaterschaft noch Luft nach oben. Und das liegt nicht nur an den Vätern und ihrer mangelnden Bereitschaft. Ich glaube sogar, dass sich die allermeisten engagiert einbringen wollen. Oft scheitern sie aber auch an Rahmenbedingungen, veralteten Gesellschaftsnormen oder fehlenden Vorbildern.

Haben sich die Vätergefühle verändert, im Vergleich zur vorherigen Vater-Generation?

Ich glaube nicht. Unsere Väter durchlebten dieselben Ängste und Unsicherheiten wie wir. Auch die hormonellen Veränderungen sind gleichgeblieben. Verändert hat sich aber der Umgang mit den Unsicherheiten und die Möglichkeiten zum Bindungsaufbau. Heute können Väter bei der Geburt dabei sein oder lange in Elternzeit gehen und damit eine andere Selbstverständlichkeit im Umgang mit den Kindern entwickeln. Früher waren die Väter fester in ihrer Rolle als Familienernährers verankert. Das heißt, die Vätergefühle haben sich nicht verändert, heute werden sie nur bewusster zugelassen.

Fazit: Vatergefühle sind wie Muttergefühle

Auch wenn man das Wort "Vatergefühle" noch nicht im Duden finden kann: Sie sind da, von Anfang an und kommen schon während der Schwangerschaft auf. "Dem Kind ist es absolut egal, wer es großzieht, wichtig ist nur die Verbindung zu der Bezugsperson. Das kann die Mutter sein, aber auch genauso gut der Vater. Das liegt uns schon in den Genen", sagt Experte Professor Andreas Eickhorst. Wer es übrigens nicht nur fühlen, sondern auch ganz genau wissen will, dem empfehlen wir das Buch unseres Experten: "Das Väter-Handbuch: Theorie, Forschung, Praxis".

Wer Elternzeit nehmen möchte, hat oft eine Menge Fragen. Wir haben die Antworten
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