Schwangere im Gefühlschaos: Was Männer wissen müssen

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Schwangere besser verstehen Wie ein werdender Vater seine Partnerin emotional perfekt begleitet

Per Ultraschall kann ein Mann zwar in den Babybauch schauen, in den Kopf der Frau kann er aber nicht hineingucken. Dabei tut sich auch dort bei Schwangeren jetzt so viel. Eine Expertin bringt Licht ins Dunkel und erklärt Männern das weibliche Gefühlschaos

Deine Frau bekommt ein Kind und du bekommst nicht alles mit! So will es die Natur. Dabei verändert sich deine Partnerin während der Schwangerschaft nicht nur vom Hals abwärts: Auch im Kopf gibt es Veränderungen. Im Gegensatz zur Entwicklung des Embryos, der regelmäßig via Ultraschall unter Beobachtung steht, bleibt die Gemütslage der Frau aber oft im Dunkeln. Lisa Harmann vom Blog www.stadtlandmama.de hat zusammen mit ihrer Kollegin Katharina Nachtsheim das Buch "WOW MOM: Der Mutmacher für deine Schwangerschaft" geschrieben mit dem Fokus auf die weibliche Gefühlswelt. Im Interview erzählt sie, von welchen Emotionen Frauen in der Schwangerschaft geflutet werden und wie Männer dann richtig reagieren.

Was macht einer Frau Angst, wenn sie erfährt, dass sie ein Kind erwartet?

Ihr habt ein Mutmacher-Buch für Schwangere geschrieben, da stellt sich natürlich die Frage: Was macht einer Frau Angst?

Na, Mut braucht man ja nicht nur gegen Angst! Von Angst würde ich also nicht sprechen, eher von einer lebensumwälzenden Erfahrung, die da ansteht. Mut brauchen wir ja auch in einem neuen Job oder beim ersten Date! Da aber ja nicht alle Freundinnen gleichzeitig mit einer Frau schwanger werden, möchten wir mit diesem Buch als emotionale Begleitung die werdenden Mütter an die Hand nehmen. Denn wenn es eines braucht, dann sind es Gleichgesinnte, die uns anspornen und zeigen, dass wir das alles schon packen werden. Auch wenn es sich am Anfang zum Kotzen anfühlen sollte – im wahrsten Sinne des Wortes.

Und wie sieht es mit den positiven Gefühlen aus? Was kommt da auf die Frau zu? Und auf den Mann?

Aus dem Nichts ein Leben zu erschaffen, einen Menschen mit Haut und Haaren und einem eigenen Kopf und eigenen Meinungen – das kann schon mal euphorisch machen, denk ich. Aber wir hätten kein 300-Seiten-Buch schreiben müssen, wenn es da nicht unfassbar viel zu erzählen gäbe. Wir sind aufgeregt, überrumpelt, vorfreudig, verletzlich, verknallt, unsicher, euphorisch, launisch und zum Ende hin sowas von bereit. Und genauso heißen auch die neun Kapitel, die wir geschrieben haben und in denen wir nicht nur von unseren eigenen Schwangerschaften mit Mädchen, Jungs, Einlingen, Zwillingen, natürlichen Geburten und Kaiserschnitten erzählen, sondern eben auch Gastautor:innen und Expert:innen zu Wort kommen lassen, die mal euphorisch sind und mal eben auch sagen: Schwanger sein macht ja mal gar keinen Bock.

Mit welchen Gefühlsausbrüchen muss man denn noch so als Mann rechnen?

"Von Wolke Sieben bis zum tiefsten Misery Blues ist alles drin. Plus sämtliche Schattierungen dazwischen", schreibt Klaus Althoff vom artgerecht-Projekt bei uns im Buch. Vielleicht verhält sich die Partnerin grad anders, ist manchmal aufbrausend oder unkontrolliert und der Mann weiß nicht, wie er sie wirklich unterstützen kann. Vielleicht ist sie manchmal neidisch, weil er ja weiter ausgehen und Wein trinken kann und sie nicht. Emotional ist das ein ganz schöner Ritt, wenn aus einer Zweier- eine Dreierbeziehung wird. Wichtig dabei: Der Mann kann der Frau die Schwangerschaft und später das Stillen (falls sie stillt) nicht abnehmen. Alles andere aber schon!

Oftmals wird ja alles auf die Hormone geschoben, wenn das Gefühlschaos tobt – stimmt das wirklich?

Genau das haben wir im Buch Dr. Simon Maria Günter, Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe gefragt. Und ja, sie geben schon ordentlich den Takt vor. Das Wort Hormon stammt ja aus dem Griechischen und bedeutet "in Bewegung setzen". Das fasst es ganz gut zusammen. Hormone sind ja Botenstoffe, die am laufenden Band Informationen übertragen und zahlreiche Prozesse in Gang setzen. Grade in der Schwangerschaft schalten Frauen mal eben von Null auf Hundert in einen anderen Modus. Dabei sind Hormone aber superwichtig und viel besser als ihr Ruf. Denn ja, sie verursachen die Schwangerschaftsübelkeit und sorgen auch mal für Heißhunger, Pickel und Stimmungsschwankungen ("Ich heul gleich"), aber sie sorgen eben auch für dichteres Haar und dafür, dass die Schwangerschaft aufrechterhalten wird. Sie sind verantwortlich dafür, dass sich das Baby gut entwickeln kann und gleichzeitig die werdende Mutter bestens versorgt ist.

Gibt es einen Gefühls-Fahrplan für die neun Monate der Schwangerschaft?

Schwangere erleben also eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Viele Männer würden sich für diesen Trip sicher gerne ein Navi wünschen.

Es gibt eben kein Navi und das mag uns zu Anfang alle verunsichern, bringt aber eben auch viel Spannung mit sich. Bleiben wir mal bei dem Bild der Autoreise, alles ist durch Apps mittlerweile steuerbar. Wenn ich meine Jungs zum Auswärtsspiel bringe, spuckt mir den Routenplaner was aus, ich fahre los und komme an (wenn es ein guter Routenplaner ist zumindest). Aber wenn ich an unsere eigene Jugend zurückdenke und wie meine Eltern vor Auswärtsspielen meines Bruders über der Landkarte hingen – und sich dann doch in Dörfer verfuhren, die wir sonst nie kennengelernt hätten, mit Landschaften, die ganz anders waren als zu Hause und Menschen, die wir nach dem Weg gefragt haben – dann war das ein viel echteres, authentischeres Erlebnis. Nicht effektiv, das bestimmt nicht, aber beim Elternwerden und -sein geht´s eben auch nicht um Effektivität, sondern ums Sich-Einlassen auf neue Situationen, auf Wegänderungen. Unsere Kinder öffnen uns den Blick auch für den Weg selbst, nicht nur aufs Ziel. Ohne sie würden wir die schönen Blümchen am Wegesrand einfach verpassen, weil die Strecke über die Autobahn viel schneller gewesen wäre. Schreit euch also nicht gleich an, wenn ihr euch mal verfahrt, sondern erwartet mit Spannung, ob ihr gleich noch zu einem Bier in der Dorfschänke eingeladen werdet. Das kostet zwar mehr Zeit und ihr verpasst vielleicht den Ursprungstermin, aber vielleicht ist das hier ja grad viel schöner. Das Leben überrascht uns und verlangt Flexibilität. Ganz besonders mit Kindern. Und das geht gewiss schon in der Schwangerschaft los.

Wie sieht die perfekte emotionale Begleitung von Seiten des Mannes denn aus?

Perfekt gibt's im Eltern-Kosmos schon mal gar nicht, das Wort und den Anspruch streichen wir schon mal von Vornherein am besten aus unserem seelischen Portfolio. Niemand muss perfekt sein, Empathie, das Sich-Einfühlen ins Gegenüber hilft aber immer. Es geht für den werdenden Vater vor allem darum, in dieser Zeit so liebevoll wie möglich seinen Mann zu stehen. Klaus Althoff schreibt in unserem Buch: "Das heißt erstmal: Anerkennen, was ist. Da sein und mitfühlen. 'Ja, ich sehe dich! Ich bin dein Mann. Ich bin bei dir. Ich fühle mit dir.' Konkret heißt das, Männer sollten sich ein "Ist doch nicht so schlimm“ sparen und lieber Zuversicht ausstrahlen: "Wir machen das gut. Wir können uns aufeinander verlassen. Wir sind ein Team. Wir schaffen das."

Und wie sieht es aus, wenn es sich um eine Risikoschwangerschaft handelt?

Nur die Ruhe! Nur, weil du im Mutterpass als Risikoschwangere eingestuft wurdest, heißt das nicht, dass du permanent in Gefahr bist. In etwa 75 Prozent der Schwangerschaften liegen Schwangerschaftsrisiken nach der Definition des Gemeinsamen Bundesausschusses vor. Gleichzeitig kommen aber 97 Prozent der Kinder gesund zur Welt. Für dich bedeutet das also erstmal vor allem eine engmaschigere Betreuung – was ja auch gut sein kann!

Zu guter Letzt: Wann stellen sich bei einer Frau eigentlich die sprichwörtlichen Muttergefühle ein?

Oh, das ist ganz unterschiedlich und variiert von Frau zu Frau. Wichtig ist es hier – wie in vielen anderen Bereichen auch – geduldig zu sein. In einer amerikanischen Studie, die wir in in unseren neuen Buch zitieren heißt es, dass es im Schnitt bis fünf Monate nach der Geburt andauert, bis eine Frau sich in die neue Rolle eingefunden hat und sagen kann: "Jetzt fühle ich mich zu 100 Prozent als Mutter."

Fazit: Nur Mut, Männer (und Frauen)

Frauen sind während der Schwangerschaft aufgeregt, verletzlich, unsicher, euphorisch, launisch und und und. Aber auch Männer haben Gefühle - und oftmals sind es tatsächlich die gleichen. Am besten sprecht ihr darüber, das hilft oft, Klarheit über seine eigenen Emotionen zu bekommen. Das Buch von Lisa Harmann kann dafür übrigens ein guter Gesprächseinstieg sein.

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